Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

Einführung

Schwellen des Bewußtseins

Der Ursprung, das Subjekt des All ist Gott, die dauernde Erschaffung des Etwas aus dem Nichts, jenseits von männlich und weiblich und allen Namen und Formen. Er-Sie-Es ist auch hinter allen Instinkten der Tiere, sonst wären diese nicht auf das Ganze abgestimmt. Im Menschen ist Gott das einzige erlebbare Subjekt, das aber hinter der Todesschwelle west und der gewöhnlichen Bewußtheit nicht zugänglich ist. Diese Bewußtheit hat mehrere Schwellen, die es im Leben zu überschreiten gilt, um zum echten Bewußtsein der menschlichen Norm durchzustoßen.

  • Das Kind lebt im Einklang mit seinem Körper, seinen Motiven, seiner Mutter und seinem Traum, seiner Imagination, die bereits im Spiel auf die kommende Wirklichkeit gerichtet ist. Die Sprache erlernt es spielerisch, und solange seine Bedürfnisse fraglos erfüllt werden, hat es das Grundvertrauen, das dem späteren Erwachsenen wie ein verlorenes Paradies erscheint.

Beim Kleinkind wechselt die Befindlichkeit zwischen Trieberfüllung und ohnmächtigem Zorn, der sofort verschwindet, sobald ein Bedürfnis befriedigt ist oder ein anderes in den Vordergrund tritt.

  • Der Erwachsene lebt in einer sprachlich artikulierten Gesellschaft, wo Triebverzicht als Voraussetzung eines individuell verantwortlichen Lebens gilt. Für die Eingliederung in die lokale Kultur ist er unerläßlich. Die Einheit von Trieb und Befriedigung wird getrennt und die Erfüllung der Wünsche an Leistungen gebunden. Damit verschwindet das Vertrauen in den Wert der Triebe, in den meisten Kulturen werden sie als negativ verurteilt; das soziale, elterliche und religiöse Überich wird zum entscheidenden Subjekt, und die Achtung der Mitmenschen zum Gradmesser des Wohlverhaltens und auch der Belohnung. Die Befriedigung, die beim Kleinkind automatisch erfolgte, ist jetzt immer an eine Anstrengung gebunden.

Mit diesem zweiten personalen Bewußtsein entsteht das Ichbild; man sieht sich in Verhältnis zu anderen, will geachtet und beliebt sein, paßt sich der Welt an, die man als Gehäuse erfährt. Die soziale Rolle wird zum Kriterium, es entsteht das früher zitierte besondere Theaterstück, in dem der Mensch einen vermeintlichen Sinn findet.

Das Kind kann nur rückgebunden das Grundvertrauen zu Gott erleben, solange es die Eltern als Durchgangsort der Liebe erfährt. Der Erwachsene verliert die Rückbindung besonders dann, wenn wie in den letzten Jahrhunderten auch der Staat, die öffentliche Moral als Teil der Religion bestimmt wurde und an die Stelle der ungreifbaren Menschheit eine Gruppe oder ein Bekenntnis trat, welche sich als auserwählt betrachtete.

Solange man die lokale Kultur erlernt, bleibt man in diesem Ichbild, der Blase der Reflexion, wo man alles auf sich bezieht und gleichsam von Ei zu Ei verkehrt. Der Sinn des Eizustandes wäre, daß einmal die Schale durchbrochen wird und der Mensch den Zugang zum All und zu Gott erneut erfährt, jetzt nicht mehr als Rückbindung an seine Motivation sondern als Erkennen einer Intention, wie er für die Gattung und das Leben bewußt wirksam werden kann.

Das Ich lebt nur im Tagbewußtsein, die Nacht existiert nicht, da im Traum und im Tiefschlaf seine Einheit verloren geht. Es hat die Unschuld des Kindes verloren. Manche, die dies erkennen, versuchen sie auf gleichsam tierischer Ebene im ozeanischen Fühlen wiederzugewinnen wie bei der Verzückung durch Drogen, dies bedeutet ein Nacherleben einer Rückkehr in den Mutterleib, eine Regression, die höchstens einen therapeutischen Wert haben kann.

Nur für das geprägte Ich kann die Motivation als Intention wiedergeboren und ein bewußter Zugang zu Gott in der mystischen Erfahrung erreicht werden. Das liturgische Glaubensbekenntnis bedeutet keine existentielle Wandlung. In der Erziehung kann es hilfreich sein, da sonst der Mensch seine Herkunft und Zukunft vergißt und in Verzweiflung, ja Selbstzerstörung endet. Aber entscheidend ist die Einsicht, daß die Teilnahme am sogenannten Gottesdienst nicht die lebendige Gotteserfahrung ist, sondern eine Nachahmung derselben auf schauspielerischer Ebene.

Nacherleben der Beschreibung verbleibt im Imaginären. Damit wird der Traum vorbereitet, um für die mystische Erfahrung durchlässig zu werden. Aber tritt diese ein, dann verwirft sie alle Beschreibung, weil die Erfahrung gänzlich anders ist als alle Erwartung; ja weil eine Erwartung den Weg zur Zukunft verstellt. Darum sind die Mystiker, obwohl in Religionen aufgewachsen und beheimatet, fast immer als deren Feinde betrachtet worden, weil sie ihre persönliche Erfahrung gegen die Überlieferung gestellt haben.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
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