Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

Einführung

Mystik

Mystik bedeutet Überschreiten einer Schwelle, das Durchbrechen der Eischale der Reflexion, bei Castaneda der Blase der Wahrnehmung. So läßt sich das mystische Bewußtsein dreifältig beschreiben:

Die mystische Erfahrung des Körpers läßt diesen als Teil der Erde erleben.

  • Die Kraft steigt von unten nach oben, das Licht dringt von oben nach unten.
  • Die Kraft stärkt, das Licht klärt.
  • Der Sonnenlauf gibt Kraft, weil die Arbeit am Werk sich durch ihn vollenden läßt,
  • der Erdlauf schafft Entwicklung und Läuterung, weil die Integration im Laufe des Daseins immer höhere Stufen der Mitarbeit an der Evolution erklimmt.
  • Die Schwerkraft wird durch das Licht bewegt,
  • der Leib durch die geistige Vorstellung.
  • Ohne Licht wäre der Körper, die Erde tot,
  • ohne Kraft wäre das Licht ohnmächtig.

Sobald der Körper sich einer der Bewegungsweisen öffnet, wird die Ichschale durchbrochen. In der Ruhe wird die Erdmitte spürbar und das Bewußtsein west im Nichts, wenn die senkrechte Achse gewahrt ist. In der Bewegung wie im Tai Chi wird diese Achse verlagert, im Geben und Nehmen spürt man sich als die Nahtstelle der beiden Kraftrichtungen von Yin und Yang. Im Tanz wird die Eigenmächtigkeit der Bewegung überwunden und der Körper Teil des großen Reigens der Erde, und damit eins mit der orgiastischen Freude der Trance.

So ist der Körper durch liebende Zuwendung in seine Heimat zu überführen, aus der er sich immer wieder ergänzt und erneuert.

Die Vorstellung und Imagination ist Teil des Himmels, des Geistes. Sie bewegt den Körper, hat ihren Ursprung aber nicht in sich selbst, sondern im dauernden Fluß des Lichtes, woraus die Bewegung der Materie entsteht. Seele bedeutet, dieses Licht bleibend zu machen, einen geistigen Leib zu schaffen, der den Tod überdauert.

Die Seele hat sechs Richtungen der Urfamilie, mittels derer sie auf andere Wesen bezogen wird: zu Vater und Mutter, zu Brüdern und Schwestern, zu Söhnen und Töchtern. Der persönliche Kern der Seele mag abwesend sein, dann ist der Körper von Geistern gesteuert als Besessenheit, oder diese werden vom Körper gefangen wie in der Krankheit. Die Seele kann, aber auch selbsttätig werden, Ich sagen und dieses Ich in der Liebe mit dem All und mit Gott verbinden. Um diese Verbindung aufrecht zu erhalten, gilt es die Nahtstellen zwischen Körper und Geist, Erde und Himmel, Tonal und Nagual zu artikulieren und zu festigen, die Chakras zum erblühen zu bringen, den seelischen Organismus gleichsam in ein Musikinstrument zu verwandeln, um darauf in Harmonie mit anderen geistige Melodien zu spielen.

Vereinsamt im Ich-Ei gefangen, ist die Seele entfremdet und im Unglück. Sie muß die beiden Geschlechtsweisen, die männliche und die weibliche, von den physischen Eltern lösen und als Ausdruck von Himmel und Erde, als Helfer verstehen, und diese auch in jedem anderen erspüren. So vollzieht die Seele eine Entwicklung von der Keimhaftigkeit, da die Chakras schlafen und wo das Subjekt in anderen liegt zur Freiheit, wo sie von Fremdbedingtheit zur Allbedingtheit aufsteigt und die seelischen Beziehungen als Wirkweisen begreift. Sie lebt dann in sieben Welten:

  1. empfinden, die Welt der Sinne, die Wirklichkeit.
  2. denken, die Welt der Sprache, der Gesellschaft.
  3. fühlen, die Welt der Triebe, der Bedürfnisse, der Möglichkeit.
  4. wollen, die Welt der Wahl, des Entscheidens und Entschließens, des Verbindens und Trennens.
  5. Körper, die Welt der Stofflichkeit, der Materie.
  6. Seele, die Welt der Personen, der Beziehungen der Wesen.
  7. Geist, die Welt der Energien, der Verbündeten im Sinne von Castaneda, die nach Aktualisierung auf der Erde streben.

Für Augenblicke sind dem Menschen immer andere Welten gegenwärtig, verlieren sich aber in ihren Entsprechungen. Früher glaubte man, nur wenige Menschen könnten in diesem Leben das Ich-Ei durchbrechen und sich als Teil des Großen Ganzen erleben. Doch in der Wassermannzeit ist jeder berufen, von Anfang an in der großen Gemeinsamkeit zu leben; ein Dasein auf Vorschuß ist nicht mehr zeitgemäß.

Durch rituelle Schaffung einer Kommunion in einer Gruppe — wo jeder weiß, daß er nicht kritisiert wird sondern in seiner Ganzheit geachtet ist — wird es möglich für gewisse Zeitperioden im größeren himmlischen Rund zu leben: die sakrale Befindlichkeit im Unterschied zur profanen. Demnach wäre heute jeder zum Schamanen berufen, gleich welchen Alters er ist, und müßte nicht auf eine besondere Existenz im Kreis der Wiedergeburten warten, wie es die herrschende Vorstellung in der Widderzeit und Fischezeit außerhalb der prophetischen Religionen sah.

  • Die Öffnung des Körpers geschieht durch die Bewegung und den Tanz, durch die Abstimmung auf das All;
  • die Öffnung der Seele durch die Teilhabe an allen sieben Welten und durch Eingliederung in die Menschheit, auch wenn man augenblicklich allein ist.
  • Doch die Öffnung des Geistes verlangt das Verständnis von Raum und Zeit, wie es wieder durch das Erdheiligtum einsichtig wurde.

Drei Menschen haben den Durchbruch zum wahren Bewußtsein geschaffen und damit die Tore des Wollens geöffnet:

  • Der Buddha für den Körper im Durchschauen all seiner vergangenen und künftigen Geburten, indem er als Ziel erkannte, allen anderen Wesen zu ihrer Erleuchtung und Befreiung, ihrem Erwachen aus dem Rad zu helfen — der Befreier.
  • Der Christus für die Seele, indem er alle Schuld, alles Geschick als von Gott gesandt auf sich nahm und damit von sozialer zu kosmischer Verantwortlichkeit erwuchs — der Erlöser.
  • Der Prophet Mohammed für den Geist indem er alle Inspiration auf Gott zurückführte und damit für jeden die Möglichkeit schuf seine eigene Eingebung zu finden — der Offenbarer.

Jeder heutige Mensch ist Buddhist, sobald er seinen Körper als Gefäß der Befreiung über die Meditation versteht. Er ist Christ, wenn er sein Ich überwindet, sein Geschick auf sich nimmt und in Liebe für die anderen lebt und er ist Moslem, sobald er seinen Willen dem Wollen Allahs, des Großen Geistes anjocht und in wahrer Gottergebenheit — Islam — keine Leistung sich selber zurechnet.

So sind die drei Weltreligionen keine einander ausschließenden Bekenntnisse, sondern Koordinaten des Menschen, der seinen Ort im Kosmos wiederfindet. Doch die vierte Koordinate ist die Urreligion, für welche die Botschaften Hinweise sind. Die Stifter betrachteten sich als Reformer dieser einen; doch die Bekenntnisse fanden viele Gestalten und verdrängten die Urreligion in den Untergrund. Tatsächlich bestimmt sie die Gliedhaftigkeit des Menschen im Kosmos und wird erst heute in der Wassermannzeit wieder zugänglich, da einerseits die Postulate der drei Stifter für jeden selbstverständlich geworden sind, doch die Ausschließlichkeit ihren negativen Charakter gezeigt hat.

Die Vergangene Zeit sah die Leistung der Religionsstifter in der Überwindung des bloßen Gesetzes durch die Liebe und die Erlösung. Die paradiesische Existenz war verborgen und durch die Schwelle der Zeit, des Jüngsten Gerichtes verstellt. Heute wird sie wieder zugänglich, und damit können wir den Sinn der mystischen Urreligion als Grundlage aller Wege verstehen, wie dies der Paradies Mythos veranschaulicht.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD