Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Nichts im Etwas

5. Mystik

1 - Empfinden - Geist

Von der Struktur der Mystik aus gesehen bedeuten die vier Anfangsverse die Frage. Im zweiten Kapitel des Yogasutra heißt es: Samadhi kann auch durch Disziplin erreicht werden, die sich über acht Stufen erstreckt. Sie versteht sich als rechtsläufige Drehung des Rades.

7  Geist
6  Seele
5  Körper
4  Wollen
3  Fühlen
2  Denken
1  Empfinden
0  Gewahrwerden
Yama
Niyama
Asana
Pranayama
Pratyahara
Dharana
Dhyana
Samadhi

7
Yama · Geist: Yama heißt Disziplin. In der indischen Tradition war Yama der erste Mensch, der das Bewußtsein über den Tod bewahrte und zum Herrn des Totenreiches wurde. In der Katha-Upanishad kommt ein Jüngling zu ihm, um ihn über die Unsterblichkeit zu befragen. Zuerst versucht er jenen von der Frage abzubringen, doch schließlich gibt er die Antwort: Unsterblichkeit wird erreicht, sobald man in die Mitte des Rades tritt.
Im Yoga bedeutet Yama den Beginn einer Disziplin, aus der einmal der geistige Weg ansetzen soll. Er umfaßt fünf Gebote: ahimsa, satya, asteya, brahmacharya und aparigraha. Oft werden diese moralisch interpretiert, doch ihre Bedeutung liegt tiefer.
  • Ahimsa, Gewaltlosigkeit, heißt weder sich noch anderen Gewalt anzutun, sondern sich nach dem natürlichen Wachstum zu richten.
  • Satya, Wahrhaftigkeit, heißt immer nach der Wahrheit zu leben und zu wissen, was man weiß, keine Meinungen zu vertreten, die nicht der Wahrheit entsprechen.
  • Asteya, Ehrlichkeit, heißt keine Schwäche zu verbergen und sich nichts anzueignen, was einem nicht zugehört.
  • Brahmacharya wird oft mit Keuschheit übersetzt; wörtlich bedeutet es Meisterung der kosmischen Kraft der Sexualität. Acharya ist Meister, Brahma der Gott der Kreativität.
  • Aparigraha, nicht Besitz-ergreifen, heißt sich mit keinem Gegenstand und keiner Stellung zu identifizieren. Erst wenn der Geist auf diese fünf Gebote abgestimmt ist, beginnt der Zeuge im Menschen den Organismus anzujochen.
6
Niyama · Seele: Yama ist der Beginn des geistigen Weges, der Disziplin, was auch auf lateinisch Schülerschaft bedeutet. Doch diesen kann man nicht allein gehen, man braucht Freunde und Genossen. Man muß Berichte über jene lesen, die vor einem den Weg begonnen haben, heilige Schriften, die die entsprechende Stimmung verstärken und damit den Bereich des heiligen Lebens aus dem profanen lösen.
5
Asana · Körper: Asana ist eine Körperhaltung, worin der Mensch bequem und lange Zeit in absoluter Ruhe verharren kann, damit der Körper zu seiner eigenen Bewußtheit findet. Sie muß ferner auf die Unendlichkeit bezogen sein. Asanas sind die vielen Yogastellungen, von denen Shiva seiner Gattin Parvati 84.000 gezeigt hat, die der erste Yogi Matsyendra beobachtet und überliefert hat. Viele dieser Stellungen sind der Schlafhaltungen der Tiere nachempfunden, weil der Mensch alle Tiere in sich trägt. Manche haben den Kopf nach unten wie die Pflanzen; auch der Lotussitz ist der Pflanze zugeordnet. Aber letztlich gibt es keine Körperhaltung, in der man verharren kann, die nicht Gebärde, Mudra, sein könnte und damit den Geist auszudrücken vermochte.
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Pranayama · wollen: Prana ist die kosmische Energie, woraus der Körper erhalten wird. Durch rhythmische Zirkulation des Atems, Inspiration — Expiration — voll und leer Anhalten, wird dem Körper ein Mehrfaches an Energie zugeführt, der gewöhnlich nur so viel aufnimmt wie er braucht. Die Energie, die im Stillehalten der Fülle assimiliert wird verwandelt sich unmittelbar in potentielle Energie, welche die Quantität der Aufmerksamkeit vergrößert. Anhalten ohne Luft eröffnet die Fähigkeit wie die Pflanze unmittelbar Strahlungsenergie zu assimilieren. Manche Yogis atmen scheinbar überhaupt nicht wie Tiere im Winterschlaf, können dennoch jederzeit zur vollen Funktionsfähigkeit zurückkehren.
3
Pratyahara · fühlen: Ist der Körper durch Asana und Pranayama zur Ruhe gekommen und der Tiefschlaf im Wachen als reine Aufmerksamkeit erreicht, als eine bestimmte Quantität von Potenz — die afrikanischen Schamanen behaupten, sie trügen eine gewisse Kraftmenge in ihrem Bauch, welche die Ursache ihrer magischen Fähigkeiten sei — so wird mit Pratyahara das Fühlen befreit. Man muß die Emotionen vor dem Bewußtsein wie einen Film ablaufen lassen, ohne sich über positive zu freuen oder an negativen zu leiden. Dies ist die Fähigkeit der Schildkröte, die ihre Aufmerksamkeit nach innen lenkt, indem sie ihre Glieder in die Schale einzieht.
2
Dharana · denken: Kann man die inneren Bilder beobachten, ohne in Schlaf oder Traum zu verfallen, entfaltet sich die Fähigkeit des Denkens, die auf der Konzentration, der Richtung auf einen Punkt — ekagrata — fußt. Hier gilt es die Elemente hinter den Erscheinungen zu erkennen. Im Yogasutra heißt es, Dharana auf das Feuer gerichtet enthüllt dieses Element als alldurchdringende Kraft.
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Dhyana · empfinden: Für die Psychologie ist Empfindung die Realitätsfunktion, die die phänomenologischen Zusammenhänge offenbart. Im Yoga bedeutet Dhyana Meditation, die Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung. Beobachter und Beobachtetes zeigen ihre innere Einheit, die Schwingungsenergie der Wahrnehmung wird zur Brücke von Wesen zu Wesen.
0
Samadhi · gewahrwerden: Das Allereinfachste ist gleichzeitig das höchste Erreichnis. Mystik bedeutet nicht Aufstieg, sondern Heimkehr. Es gibt viele Arten des Samadhi: mit Inhalt, ohne Inhalt, als höhere Stufe der Gleichmut, als magische Fähigkeit etwa seinen Körper zu verlassen und für andere unsichtbar zu sein; die Siddhis, Wunderkräfte, die von allen Heiligen berichtet werden und die der Besitz jedes Menschen sind, der Samadhi durch Intention jederzeit erreichen kann.

Für jede der acht Stufen gibt es viele Anleitungen. Doch sind sie keine festgelegte Tradition, sondern ein Kompendium von Methoden, woraus der Lehrer jene auswählt, die für den Schüler augenblicklich am besten geeignet sind. Der Guru hat die Aufgabe, für den Adepten die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, aber gehen muß dieser ihn selbst. Alle indischen Weisen pflegten die katechetische Methode, daß sie nur auf Fragen antworteten, nie aber ein Wissen verkündeten, das nicht erfragt wurde. Sonst nähme man dem Menschen die Möglichkeit es einmal aus eigener Kraft zu erreichen, und damit versperrt man ihm überhaupt den Weg.

Arnold Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
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