Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Das Nichts im Etwas

Vijnana Bhairava Tantra

Urlicht - Werden

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Den Mund weit geöffnet
die Zunge in der Mitte stillgestellt
das Denken auf den Mittelpunkt gerichtet
das Sinnen auf die Silbe ha —
Auflösung des Ich in Frieden.
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Sitzend oder liegend:
Wecke die klarste Wahrnehmung
des ganzen Körpers
ungestützt — schwebend.
Nicht nur Gedanken schwinden;
es löst sich auch der Bodensatz
vergangener Erfahrung.
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Dringe im Fahren oder Gehen
ins Wesen stetiger Bewegung ein.
Du wirst den
Fluß des Göttlichen erleben.
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Und in der Schau
des klaren Himmels
strömt das Wunderbare ein.
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Des Weltenraumes leere Weite
durchsetzt vom Stoff der Seligkeit,
dem Äther,
einzusaugen, aufzulösen im Scheitel.
So wird das All
zur leuchtenden Wirklichkeit,
zum Ausdruck des Ursprungs.
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Durch die gezweite Wachwelt
zum Ursprung dringen.
Das Urlicht im Traumbild erkennen.
Das bildlose Dunkel des Tiefschlafs erfahren.
Wer dies durchlebt,
kennt des Bewußtseins
unbegrenzte Herrlichkeit.
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In mondlosen Nächten
in stetiger Besinnung
des Dunkel innewerdend
leuchtet das Urlicht auf.
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Und wer des Dunkel
bei verschlossnen Lidern
so innig innewird,
daß er die Augen plötzlich öffnend
weiter im dunklen Nichts verharrt,
der hat die Form der Seligkeit gefunden
und sich mit ihr vereint.
Wilhelmine Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
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