Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Das Nichts im Etwas

Das unterscheidende Bewußtsein

Betrachtung

Betrachten. Nichts als schauen — ganz einfach nur schauen. Als Ganzer einfältig schauen — warten. Kinder sind manchmal in diesem Schauen, das sieht. Erwachsene müssen erst die vielen Denkassoziationen, Ambitionen und Sorgen abstreifen, um ein Einziges zu ergreifen.

Wieder sind Körper und Atem Ansatz auf dem Übungsweg. Es gibt wohl Menschen, die nach tagelangen Märschen, an der Grenze der Erschöpfung das gewohnten Ich, an außergewöhnliche Hellsichtigkeit herangekommen sind.

Das Seltsame ist, daß wenn ich mich einem Einzigen zur Gänze zuwende, ein allseitiges Gewahrsein eintreten kann. Mache ich zum Beispiel ein Blatt zum Brennpunkt meiner aufmerksam liebenden Zuwendung — in dieser Art des nichtserwarten, nichts wollen und denken, durch kaum geöffnete Lider blickend — dann kann es sein, daß ich durch dieses Du mein Ich erfahre, des Rundherum gewahr werde — denn mein Schwerpunkt hat sich in meine Mitte verlagert. Über das Eine, im Jetzt und Hier, bin ich mit allem in Beziehung.

Wieder geht es darum, im Schauen erst einmal die Mitte zwischen zuwenden und empfangen zu finden. Bin ich zu aktiv, werde ich nichts aufnehmen, bin ich es zu wenig, geschieht überhaupt nichts.
Mir ist es einmal passiert, als ich so richtig ausschreitend im Wald meinen ganzen Körper einsetzte und dann auf einer Wiese Rast machte, daß ich mich ganz frei und wach fühlte.
Mein Blick fiel auf eine Lichtung, am gegenüberliegenden Hügel, und ruhte dort ganz absichtslos. Plötzlich schwand die Entfernung. Ich sah die Fichte und das Gras mit solcher Schärfe, als wäre ich dort. Hier und dort vereinigten sich wie Ich und Du in Freude.
Freilich kann auch ein Augenblick der Verehrung und Liebe, der Erkenntnis, den Körper derart verwandeln. daß er zum Gefäß der Erfahrung wird.

Im 9. Sloka ist der schwarze Punkt im Pfauenauge Brennpunkt der Aufmerksamkeit.

Der 10. schildert eine Erfahrung, die mancher als Kind, in der Wiese liegend selbst entdeckt hat.

In 11, der Betrachtung des inneren Himmels, oder der Leinwand vor dem inneren Auge, versucht man meist zuerst alle Flecken, Farben, Bewegungen genau und immer genauer zu unterscheiden und wieder verschwinden zu lassen ohne daran hängen zu bleiben, bis sie durch den Zustand immer tieferer Ruhe und Aufmerksamkeit allmählich versiegen. Das Etwas ermöglicht der Aufmerksamkeit, intensiver zu werden, bis sie des Nichts als Unermeßlich Unterscheidbares inne wird.

12 bezieht sich wieder auf die Meditation der Sushumna, des unsichtbaren mittleren Energiestroms in der Wirbelsäule. Er wird im Yoga als dreifältig beschrieben: links Ida, mondhaft, rechts Pingala, sonnenhaft, in der Mitte einend. Über das Gewahrwerden von links und rechts wird hier die Mitte gefunden. Viele Methoden führen dahin.
Der Wechselatem als Ausgleich zwischen rechts und links ist nicht nur dem Yoga, sondern auch anderen Übungswegen bekannt. Daumen und Ringfinger werden leicht an die Nasenflügel gehalten, ein zarter Druck bewirkt, daß wir: links ausströmen lassen — Pause — links wieder einströmen lassen, Finger wechseln, rechts aus — Pause — rechts ein…
Die Wechselatmung kann auch mental durchgeführt werden: dann begleiten wir den Luftstrom durch das linke Nasenloch hinaus, bis zum Knie, und wieder hinein, bis zum dritten Auge, dann rechts hinaus… Wichtig ist, daß jeweils zuerst aus- dann eingeatmet wird. In der körperlichen Wechselatmung sind wir im unteren Teil des Rumpfes geerdet, die mentale bringt das Gewahrsein nach oben.

In der Meditation 12, können wir, nach vorausgehender Wechselatmung das Gewahrsein im Ausströmen in der linken Körperhälfte hinunterführen bis zum Muladhara, dann wieder links aufsteigen, unter der Schädeldecke vorbei nach rechts hinuntergleiten, bis Muladhara, und rechts wieder aufsteigen. Wir spüren bald den Ausgleich der Kraft im ganzen Körper. Dann können wir mit der Ellipse immer enger werden, bis wir die rechts-links-Bewegung in der Wirbelsäule selbst durchführen und ganz in diese eingehen. Der Zweiheit gewahr geworden, wird das Dazwischen, der feinsten Faser eines Lotusstengels gleich, unser Bewußtsein ins göttliche Licht führen.

C h a k r a s

13, das Verschließen der Öffnungen mit beiden Händen: die Daumen am Ohr, Zeigefinger und Mittelfinger am Auge, Ringfinger am Nasenflügel und kleiner Finger an den Lippen war mir immer zu technisch, um dabei eine meditative Einstimmung zu gewinnen.
Im Augenbrauenzentrum einen Punkt als Mitte anzupeilen und dann die Mitte der Mitte der Mitte zu suchen, ist tatsächlich ein Weg, in die Null vorzustoßen. Nirgends ist die Mitte so leicht zu bestimmen, so spürbar, wie im Augenbrauenzentrum.

Ähnlich ist die Meditation 14, wo im Herzen und unter dem Haarschopf der leuchtende Stern meditiert wird, um den Schritt vom Etwas zum Nichts zu erleben. Das Zentrum unter dem Haarschopf ist an der Stelle, wo manche christliche Mönche Tonsur tragen. Ich habe die Bedeutung dieser Schaltstelle feinerer Energie noch nicht kennen gelernt.

Wie die Ruhe der Körperhaltung bezweckt, der feineren Bewegung des Atems zu folgen, und die Ruhe des Atemstroms ermöglicht, eine subtilere mentale Bewegung zu erfahren, und diese eine noch tiefere Ruhe, der letztlich die Urbewegung der Schöpfung entspringt — so kann das Lauschen auf den verklingenden Ton einer Saite, auf das Verklingen der Schwingungen des Aum (gesummt oder mental) in die Erfahrung der Stille führen — die Stimme der Stille zu hören.
Ist nicht auch am Donner das Faszinierende die Stille danach, bevor der Regenschauer einsetzt? Der Gegensatz führt in die Mitte — hebt sich auf — führt in eine andere Dimension.

Eine beliebte Übung des Lauschens ist, sich auf das Vernehmen des Rauschens im Ohr zu besinnen. Wenn man eingestiegen ist, sozusagen darin badet, versucht man auf einen überhörten, dahinter liegenden Ton zu horchen. Wenn ein solcher auftaucht, ihn genau zu unterscheiden, einzusteigen, und wieder ein dahinter Tönendes zu entdecken. Eine Bekannte hat auf diese Weise, wie sie sagt, die himmlische Flöte vernommen.

Wilhelmine Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
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