Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Das Nichts im Etwas

Das unterscheidende Bewußtsein

Gewahrsein

Ton und Licht sind die zwei grundlegenden Medien der Meditation. Alle mystischen Religionen haben versucht, Ohr und Auge nicht nur als Tor in die Außenwelt — sondern Audition und Vision als Gefährt der Rückkehr zum Ursprung zu verwenden.
In 17, 18, 19, führt ein ganz bestimmtes Lauschen nach innen in die Leere. Der Abschnitt Gewahrsein ist dieser Leere gewidmet. Sie ist der Yin-Aspekt der Gottheit.
Leer bin ich Teil der unendlichen Leere des bergenden Raumes, des Urgrunds, dem das Urlicht, die Heilige Schöpfung, das Werden in der Zeit entspringt.
Immer wieder Leere zu schaffen, im ganzen Körper, so daß das Körperbild zum Gefäß wird — Leere in den Chakren, das heißt: Leere des Empfindens, des Denkens, Fühlens, Wollens — Leere in der Seele, auf daß sie jungfräulich in jedem Augenblick Beziehung wiederknüpft — im Geist, daß ihm Zusammenhang erneut ein-leuchten kann. Leere ist Rückkehr zur Urmutter. Wer mit bereits Gewußtem angefüllt ist, kann keine Erleuchtung erfahren.
Und wieder dieser Gegensatz! Wir wissen, daß wir uns dauernd um Wissen und Verstehen, um Kenntnis bemühen müssen;
und wir uns binden müssen, um frei zu sein, am Werk gestalten, um uns davon zu lösen.

Friede

Die meisten Slokas in der Folge bedürfen keines Kommentars. Wer sie versteht, dem werden sie eine eigene Erfahrung deuten, oder eine weitere vermitteln.

In 27 taucht ein neuer Aspekt der geistigen Disziplin auf.
Während in den ersten Slokas Übungsvorgänge beschrieben wurden, ist die Einstellung immerwährend und auf jede Weise im Alltag integriert. Es geht darum, einer dritten Aufmerksamkeit Dauer zu verleihen. Mit der ersten schreibe ich jetzt auf der Maschine. Mit der zweiten höre ich dem Strom meiner Gedanken zu. Mit der dritten weiß ich, daß ich ein Teil des Ganzen bin.
Die dritte beruht auf der Kraft des Fühlens, des Verbundenbleibens mit dem Urgrund, auf der vierten taucht das Unerwartete auf. Dieser inneren Gewißheit — eingebunden zu sein in das Ganze — Dauer zu verleihen, ist schwierig. Manchmal fühlen wir es, während wir arbeiten, reden, kämpfen oder lachen. Dann kommt die Identifikation mit einem Einzelnen: die Milch ist Übergelaufen, die Miete erhöht, und vergessen sind All, Gott, Urlicht und Kraft; es gibt sie einfach nicht mehr!
Das Mantra — OM, oder Mein Jesus Barmherzigkeit ist ein Mittel, diese Beziehung zum Urgrund so zu verinnerlichen, daß dieses Mantra, auch wenn es nicht mehr bewußt gedacht wird, in der dritten Aufmerksamkeit weiterklingt, während der Auseinandersetzung mit äußerem Geschehen.

Hier, im 27. Sloka, wird geraten, den ganzen Tag des siebten Chakras gewahr zu bleiben, also den Ort der Leere dauernd zu erinnern, der den Gesamtzusammenhang erfaßt: Geist verkörpert; das Denken, das über Anahata und Swaddhistana seine Auswirkung findet, dort zu verankern. Wer dessen fähig ist, dem wird gewiß das Unbeschreibliche zuteil — und er wird es ausstrahlen, denn er wurzelt im Ganzen.

Auflösung

Auch 38 kann zur wahren Lebenskunst werden — wenn wir Leben als Zusammenhang von Nichts und Etwas verstehen.
Hier ist die Zuwendung nicht mehr Übung am Objekt, dem Pfauenauge zum Beispiel. Sie wird zur Einstellung im täglichen Geschehen. Zu üben ist hier das vollständige sich Lösen, das Fallenlassen des Gedankens, der abgeschlossen ist, das Abwenden, um jetzt dem nächsten gegenüber wieder offen zu sein. In dem Dazwischen taucht die Macht des bewußt-Seins auf.

Freude

44, Feuer und Fisch ist auf Anfang und Ende der Vereinigung im Geschlecht bezogen. 45 zeigt den Übergang der Freude im Geschlechtsakt in Seligkeit.

Bisher habe ich den Leserfreund in der Betrachtung des Vijnana Bhairava Tantra begleitet. Jetzt trennen sich unsere Wege. Nur das eigene Selbst kann hier zum Führer werden.

Wilhelmine Keyserling
Das Nichts im Etwas · 1984
Mystik der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD