Schule des Rades

Arnold Keyserling

Die sechste Schule der Weisheit

3. Anamnese

Chi

Immer mehr Menschen werden sich darüber klar, daß das rationale Bewußtsein nicht zur Erkenntnis des Sinnes führen kann. Die katastrophale Auswirkung des Rationalismus in der technologischen Zivilisation steht jedermann vor Augen. Viele glauben, ein historischer Fortschritt könnte diesen Zustand verbessern: sei es von wissenschaftlichen Pionieren oder von einer neuen Offenbarung.

Tatsächlich aber verlangt eine Rückkehr zum Sinn das Verständnis der Weisheitstradition, die in der Gegenwart durch die Wandlung des naturwissenschaftlichen Weltbildes, der neuen Mathematik und der Wiederentdeckung des Rades zugänglich wird.

Der wesentliche Begriff, um den alles kreist, ist CHI — jene unfaßbare Macht, mit deren Bestimmung der Buddha seine letzte Predigt begann. In vielen Traditionen hat es den gleichen Laut; chinesisch Chi, japanisch und peruanisch Ki, in anderer Bedeutung auch griechisch Chi, das Schema der Mathematik des Pythagoras, bei Platon das Werkzeug des Demiurgen, das von den christlichen Päpsten später als Wappen gewählt wurde.

Chi kann man nicht erdenken. Es ist das energetische Kontinuum der vierten Raumdimension, weder elektromagnetisch noch gravitationell. Es entstammt der Mitte der Erde, ist die Grundlage der Selbstorganisation und mathematisch zugänglich als der seltsame Attraktor des deterministischen Chaos.

Chi ist auch materiell zu begreifen. Der entsprechende afrikanische Begriff Mangu oder der ozeanische Mana bestimmt eine Quantität und gleichzeitig Qualität der Aufmerksamkeit. Sie ist durch einfache Übungen erfahrbar.

Als der amerikanische Journalist Bill Moyers einen Chimeister in Peking fragte, ob dieser es ihm erklären könnte, antwortete er mit nein. In der gleichen amerikanischen Televisionsdokumentation sah man einen dreiundneunzigjährigen Chilehrer, der zehn angreifende Menschen mit einer Handbewegung zu Fall brachte. Ein anderer heilte eine kranke Leber durch Bewegungen seiner Hände, ohne den Körper des Kranken zu berühren.

Chi ist erfahrbar als das Feld des Gewahrseins. Es ist erspürbar durch Vorstellung und Kraft, Licht und Bewegung. In der aristotelisch-newtonschen Formulierung der Naturgesetze bleibt es nicht nur unzugänglich, sondern auch unerfahrbar; denn ich kann nichts erfahren, an dessen Existenz ich nicht glaube. Da heute das deterministische Chaos, die Relativitätstheorie, die Quantenmechanik und die fraktale Geometrie inzwischen allgemeinverständlich und zugänglich wurden, glaube ich, daß es mir gelingen kann, die Thematik im Sinne Kants zu erörtern; das heißt ihren sinnvollen Ort im Weltgebäude oder in der Weltgrammatik des Rades zu bestimmen.

Chi ist der chinesische Ausdruck für das energetische Kontinuum, in dem wir leben. Dieses ist getragen von Subjekten, die man sich punkthaft gleich den planckschen Wirkungsquanten vorstellen kann oder wellenförmig und intervallartig nach der Quantenmechanik.

Diese Subjekte sind dem Durchschnittsmenschen nicht zugänglich; er muß eine zweite Geburt, ein zweites Erwachen erreichen. Das Erwachen ist nicht an eine Tradition oder eine Nachfolge gebunden. Es ist erlernbar. Sein Erreichen macht den Menschen nicht zum Heiligen oder Übermenschen, sondern führt ihn in seine Normalität in der Natur, die er mit der neolithischen Revolution, dem Schritt vom tierhaften homo faber zum homo sapiens verloren hat.

Das Chi ist nur über die Leere erlebbar, wenn die Aufmerksamkeit zum Subjekt wird. Wenn dies geschieht, teilt sich nach taoistischer Lehre die Erfahrung des Chi in Wu Chi und Tai Chi, die Leere im Raum und die Fülle in der Zeit. Tai Chi Chuan ist Einübung in die Fülle, Wu Chi als Übung das Erleben der Leere als Mitte des Raumes und der Null.

Null war die Entdeckung des Buddha, aber auch dem Taoismus und den Pythagoreern vertraut; sie nannten sie die eigenschaftslose Monas, Einheit. Wu Chi und Tai Chi vereinen sich in den emblematischen Zahlen, den neun Ziffern und der Null; mathematisch die natürlichen Zahlen, die keine Ausdehnung haben. Zum besseren Verständnis kann man sie als Fältigkeiten betrachten — dreifältig, fünffältig — keine ist größer als die andere. Nur die Null ist ihnen übergeordnet: für Gottlob Frege ist sie die Klasse der natürlichen Zahlen.

Im Pao I Han Sas Pi Chüeh heißt es: Der Anfang von Chi ist der Beginn der Zahl, und darauf beruht die Vielfalt der Dinge. Lao Tse kündet: Tao erzeugt die Eins. Das heißt, sowie Tao zur Null wird, beginnt das Urchi. Der Kreis ist nämlich Chi und die Gerade bedeutet die Ziffer. Der Kreis ist von der Geraden verschiedenen, in der Form aber essentiell sind sie einander gleich. Ursprünglich sind sie nicht zwei. Das bedeutet: Von gleichem Ursprung, aber mit vielerlei Namen (Lao Tse, Tao Te King 1).

Die Zahlen von 1 bis 5 sind der Ursprung der Vielfalt der Dinge. Ursprung bedeutet endlos schöpferisch. Die Zahlen von 6 bis 10 sind die Wurzel (Ken) der Dinge. Die Wurzel bedeutet Wiederkehr und Erneuerung des Lebens. Daher wirken Schöpfung und Vollendung immer gemeinsam, und Erneuerung und Ursprung sind eins. So wird die himmlische Eins der irdischen Sechs zugesellt, die irdische Zwei der himmlischen Sieben, die himmlische Drei der irdischen Acht, die irdische Vier der himmlischen Neun, und die himmlische Fünf der irdischen Zehn. Im Ganzen genommen gibt das fünfundfünfzig. Die himmlischen Ziffern ergeben als Summe 25 als Schöpfung, während die irdischen Ziffern als Summe Vollendung 30 ergeben. Sie laufen in einer Linie weiter in der Schöpfung. Dies wird bezeichnet als das Tao der Rückkehr zur Wurzel und zur Erneuerung des Lebens (zitiert nach Mokusen Miyuki, Kreisen des Lichts). So ist Anamnese die Erkenntnis der Zahlen als Schöpfungsprinzipien, rationes seminales.

Das Chi ist also das Kontinuum, der Raum als vierte Dimension, der von den Körpern geschnitten wird wie die Körper von den Flächen, die Flächen von den Linien und die Linien von den Punkten. Tatsächlich existieren nur die Punkte und das Kontinuum, die Ganzheit. Doch beider Erleben erfordert eine Wandlung der Mentalität vom Bewußtsein zum Gewahrsein. Das Gewahrsein wird vom Wesen getragen, von zwei Subjekten: die Subjekthaftigkeit des All, die große Singularität des Göttlichen in der nullten Dimension, und die Fähigkeit des Menschen, vom Selbst zum Ich, vom Zeugen zum Täter zu erwachen.

Als ich bedient er sich der Zahlen im Verbinden und Trennen. Punkthaft ist die Zahl arithmetisch zu verstehen, vom Kontinuum her als Nichts, als Intervall zwischen den Punkten.

Verstehen wir nun die moderne Physik aus dem Gesichtspunkt, daß der Mensch sein Subjekt nicht ist, sondern in einer zweiten Geburt dazu erwachen muß — nicht durch denken sondern durch Wahl und Entscheidung, also durch wollen so können wir aus den Begriffen der Mathematik und Physik eine Klärung des Chi finden. Für Galilei und Newton bedeutete Raum regelmäßige Ausdehnung in allen Richtungen, und Zeit den einseitig gerichteten Pfeil von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. Beide sind für den Rationalismus Maßstäbe ohne Substanz. Für die Relativitätstheorie dagegen ist Raum Ausdehnung, und die Raumrichtungen sind potentielle Kraftlinien, die in der Wahrscheinlichkeitsrechnung etwa Elektronen ihren möglichen Ort und ihre Bahn anweisen können. Raum ist also Kraft, auf chinesisch Yin, auf indisch Bhairavi, Urkraft. Zeit dagegen ist die Identität als die Fähigkeit, subjekthaft zu handeln.

Das Zeichen für das Schöpferische im I Ging sind die zwei Kreise des Kiën. Nur wenn man sich an die Vergangenheit erinnert, hat man in der Gegenwart ein Subjekt, das mit anderen in Beziehung treten kann. Gleichzeitigkeit entsteht nur zwischen Beobachtern. Raum und Zeit sind Parameter der Subjekte, oder von außen betrachte Ereignisse. Die Formel E = mc² ist die Phänomenologie des Chi.

Aber das Chi selbst ist nicht dem Messen und Zählen, sondern nur der Wahl und der Entscheidung zugänglich. So haben wir in unserer Welt Subjekte, Raum und Zeit, wobei wir den Begriff des Raumes auf Kraft, Körper, Erde und Yin erweitern können, den Mikrokosmos, Zeit dagegen auf das Kreisen der Himmelskörper und damit den Makrokosmos des Geistes, der zwischen licht und dunkel wechselt; beim Tag zeigt die Sonne geometrisch im Verhältnis zum Beobachter die Stunde, bei Nacht die Lichtpunkte der Planeten, Sterne und Konstellationen im Verhältnis zum Polarstern, der in der Verlängerung der Erdachse liegt.

Nur das Gewahrsein kennt Chi. Wer im Bewußtsein verharrt, kann es nicht erkennen oder erfahren. Chi ist nicht Atem, sondern schließt diesen genauso ein wie der äquivalente indische Begriff Prana.

Raum ist Körper, Zeit ist Geist, Seele ist potentielles oder manipuliertes Subjekt, das im letzteren Fall seine Abhängigkeit selbst verschuldet hat, beziehungsweise noch nicht daraus erwacht ist. Die Individuation im Sinne Jungs ging noch vom statischen Bewußtsein aus, auf lateinisch conscientia, Mitwisserschaft. Das echte Subjekt ist nicht in den statischen Inhalten der Vorstellung, sondern im Werden. Das Sein als Subjekt besteht nur, wenn die innere Mitte erreicht wurde.

Arnold Keyserling
Die sechste Schule der Weisheit · 1994
Pädagogik für eine globale Gesellschaft
© 1998- Schule des Rades
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