Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

3. Lebenssinn

Was soll das Ganze?

Die Frohe Botschaft der SFO ist die Feststellung, dass die Wirklichkeit voller Sinn ist. So führt Gabriel auch folgerichtig den Nihilismus ad absurdum, indem er darauf hinweist, dass selbst das Urteil, dass das Ganze sinnlos ist, ein Erfassen eines Sinnes ist. Doch hat er damit nur festgestellt, dass wir, sobald wir folgerichtig denken, immer irgendeinen Sinn erfassen, Fragen nach dem Sinn des Ganzen und dem Sinn des Lebens sind damit natürlich noch nicht beantwortet. Nun ist Sinn für das persönliche Leben laut SFO grundsätzlich erreichbar, da es ja Sinn in Hülle und Fülle gibt. Weil es aber keinen Allzusammenhang gibt, kann es keinen allgemeinen Sinn des Ganzen oberhalb der vereinzelten Sinnfelder geben, und es gibt folglich auch keine bestimmbare Rolle des Menschen im Ganzen, da es das Ganze ja nicht gibt.

Ist man vom Fehlen des großen Zusammenhangs überzeugt, wird man den Bekenner der Einheit daher belächeln und bedauern — in manchen Fällen zu Recht seine Bekenntnisglut gar fürchten. Doch selbst wenn man die Einsicht mit den Sinnfeldontologen teilt, dass auf erkenntniskritischem Wege das Ganze und Eine nicht zu fassen ist, muss einen das nicht zwangsläufig davon abhalten, die Einheit und Ganzheit des eigenen Lebens zu erstreben. Sinnfeldontologisch wäre das dann wohl als das Sinnfeld Mein Leben zu bezeichnen, was Gabriel als solches jedoch nicht thematisiert. Er räumt zwar ein, dass wir andauernd Zusammenhänge herstellen, andauernd neue Selbst- und Umgebungsbilder erzeugen, betrachtet dies aber einigermaßen skeptisch. Denn Dabei machen wir uns vor, dass wir uns immer in derselben Welt bewegen, was eine Voraussetzung dafür ist, dass wir uns hinreichend wichtig nehmen (S. 20). Ist es also notwendig, sich einer Illusion hinzugeben, um unserem Leben einen Wert zu geben und es als Einheit und Ganzheit zu fassen? Explizit behauptet er dies nicht, vielmehr scheint er gar nicht davon überzeugt zu sein, dass wir das Leben als Einheit fassen müssten. Er stellt nur fest, dass sich die Prioritäten in unserem Leben ständig ändern, dass wir uns in jedem Moment in einem anderen Sinnfeld finden und sieht darin eine Analogie dafür, dass wir das Eine und Ganze, die Welt nicht fassen können.

Selbstverständlich ändert sich unser Leben dauernd, und man kann es, wenn man will, auch als eine Abfolge von verschiedenen Sinnfeldern verstehen. Doch genau besehen ist die Einsicht unausweichlich, dass es am Ende doch nur eines sein kann. Dieses Sinnfeld bleibt bis zum Tod unabgeschlossen, hat davor unklare Grenzen, nicht nur zur Zukunft hin. Es hat keine fertige Gestalt, und gleichzeitig finden wir in uns das Bestreben, ihm eine Gestalt zu geben. So gibt es Momente, wo sich alle Elemente meines Lebens, die mir im Augenblick wichtig erscheinen, sinnvoll aneinanderfügen, ebenso gibt es Momente, wo alles im Chaos versinkt, kein Sinn aufgeht, und Gefühle der Angst, der Verzweiflung, der Vergeblichkeit, des Scheiterns und der Verlassenheit können beherrschend werden. Die Angebote von Religion und Philosophie sind nicht zuletzt darauf angelegt, den Menschen in dieser Verfassung nicht hängen zu lassen.

Doch Gabriel bleibt uns seine abschließende Antwort darauf, was das Ganze soll, nicht schuldig. Er formuliert sie am Ende seines Buches, und wir wollen sie in ihrer vollen Länge wiedergeben:

Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens liegt im Sinn selbst. Dass es unendlich viel Sinn gibt, den wir erkennen und verändern können, ist schon der Sinn. Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Der Sinn des Lebens ist das Leben, die Auseinandersetzung mit unendlichem Sinn, an der wir glücklicherweise teilnehmen dürfen. Dass wir dabei nicht immer glücklich sind, versteht sich von selbst. Dass es Unglück und unnötiges Leiden gibt, ist ebenfalls wahr und sollte der Anlass dazu sein, das Menschsein neu zu bedenken und uns moralisch zu verbessern. Vor diesem Hintergrund ist es allerdings wichtig, sich Klarheit über unsere ontologische Situation zu verschaffen, da der Mensch sich immer auch im Zusammenhang damit verändert, was er für die Grundstruktur der Wirklichkeit hält. Der nächst Schritt besteht darin, die Suche nach einer alles umfassenden Grundstruktur aufzugeben und stattdessen gemeinsam zu versuchen, die vielen bestehenden Strukturen besser, vorurteilfreier und kreativer zu verstehen, damit wir besser beurteilen können, was bestehen bleiben soll und was wir verändern müssen. Denn nur, weil es alles gibt, bedeutet dies noch nicht, dass alles gut ist. Wir befinden uns alle gemeinsam auf einer gigantischen Expedition — von nirgendwo hier angelangt, schreiten wir gemeinsam fort ins Unendliche. (S. 255)

Für viele stellt sich die Lage des Menschen genauso dar, und nicht wenige werden vom nüchternen Pathos dieser Schlussworte berührt sein und meinen, dem wäre nichts Wesentliches mehr hinzuzufügen. Trotz aller Bescheidenheit muss man sich damit aber nicht unbedingt zufrieden geben, zumal diese Antwort nicht wenige Fragen aufwirft. Was ist notwendiges, und was ist unnötiges Leiden? Und wenn Letzteres auch vermeidbar ist, hat Ersteres einen Sinn? Wie ist Menschsein neu zu bedenken? Heißt das, ein neues Menschenbild zu schaffen? Was ist gut? Was sind die Kriterien, nach denen wir beurteilen, was bestehen bleiben soll und was zu verändern ist? Und ist die Erkenntnis, dass alles in Sinnfeldern erscheint, die einzig universelle Aussage über die Grundstruktur der Wirklichkeit? An einer anderen Stelle meint Gabriel, die SFO sage uns nicht konkret, welche Sinnfelder es gibt und wie sie beschaffen sind, deshalb brauchen wir neben der Ontologie die anderen Wissenschaften, Erfahrung, unsere Sinne, Sprache, Denken, in einem Wort: die gesamte Wirklichkeit des menschlichen Erkennens. (S. 114). Als eine Einladung, noch Grundlegendes über Sinnfelder zu entdecken — etwa dass es vielleicht doch universelle Prinzipien gibt, die auf alle Sinnfelder anwendbar sind, wie im Rad die Zahlen, oder etwa dass ein integrales Sinnfeld möglich ist, welches alles berücksichtigt, was prinzipiell für das Menschsein und die Menschwerdung von Relevanz ist — darf das aber wohl nicht verstanden werden.

Mit der Einsicht, dass es die eine Welt nicht gibt, meint Gabriel uns von dem Zwang zu befreien, alles unter einer Regel oder Formel integrieren zu müssen. Im Unterschied dazu geht Keyserling von der namenlosen Einheit des Cusanus und Buddhas aus, und behauptet, das Bewusstsein des Menschen wäre geortet, weshalb er die ihn bedingenden Koordinaten erkennen muss, um ein sinnvolles Verhältnis zum Ganzen zu finden. Daraus ergibt sich ein Orientierungswissen, das den Sinn im Kosmos und den Sinn im persönlichen Leben zu finden hilft, welches über das von der SFO geforderte Perspektivenmanagement hinausgeht. Als ein derartiges Orientierungswissen erfüllt das Rad eine Funktion, die üblicherweise die Religionen erfüllen.

Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD