Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

4. Wesen

Wer ist Gott?

Gabriel spricht in einer anderen Weise vom Göttlichen, stellt es aber ebenso in den Zusammenhang mit der Frage des Menschen nach seiner Identität. Gott ist bei Gabriel die Idee (somit ein Sinnfeld), dass das Ganze sinnvoll ist, obwohl wir es nicht fassen können, in welchem wir aber dennoch nicht verloren sind. Den Glauben an Gott als Schöpfer und Lenker des All hält er allerdings für einen Aberglauben, lässt sich aber immerhin zu einem Bibelzitat hinreißen, um dessen Unergründlichkeit zu illustrieren, und stößt sich dabei nicht am Bild eines Entscheidungen treffenden Gottes: O Tiefe an Reichtum und Weisheit und Erkenntnis Gottes. Wie unerfindlich sind seine Entscheidungen und wie unmöglich ist es, seine Wege aufzuspüren (S. 195). Sein Gottesbild, welches er aber sicher nicht als Bild verstanden haben will, da er ganz im Sinne des biblischen Bilderverbots denkt, ist seiner Anthropologie gedankt und an Kierkegaard angelehnt: der Mensch ist das Wesen, das sich selbst nicht kennt, und ist daher auf dauernder Suche nach sich selbst. Gabriel meint: Damit wir uns suchen können, müssen wir uns verloren haben. Es muss eine Distanz in unser Wesen eingebaut sein, eine Distanz, die wir letztlich selbst sind. Die erste Erfahrung dieser Distanz, die Erfahrung maximaler Distanz, wird als Gott oder das Göttliche erlebt. Der menschliche Geist beginnt deswegen damit, sich selbst in der Gestalt des Göttlichen zu untersuchen, ohne zu erkennen, dass das Göttliche, das er außer sich sucht, der menschliche Geist selbst ist (S. 198). Warum wir uns aber verloren haben, und wann das passiert sein soll, darüber gibt Gabriel keine Auskunft. Auf jeden Fall löst das Sich-selber-Fremdsein den Prozess des Sich-selber-Suchens aus. Diese Selbstsuche, die der Geist ist, setzt Gabriel mit der Erforschung des Selbstbewusstseins gleich, und betont, dass es noch immer keine gültige wissenschaftliche Theorie des Bewusstseins gibt. Jene die meinen, sie zu haben, hätten sich bereits verirrt. Das Selbstbewusstsein wäre nicht so ohne weiteres zu verstehen, ist nichts Selbstverständliches, und veranlasst ihn zu der Bemerkung, wir müssen uns darüber umständliche Gedanken machen (S. 202). Beim Gedankenmachen über das Selbstbewusstsein konsultiert der Mensch Bücher, studiert Definitionen, macht Erfahrungen aller Art. Das Distanzerleben erzeugt also eine Bewegung und genau diese Bewegung ist Geist, die Selbstbegegnung von Sinn. Wir verstehen Sinn, der nur da ist, um verstanden zu werden. Theorien, Lexikoneinträge und Lebenserfahrungen (S. 202). So wie Bücher einen Sinn enthalten, der an uns gerichtet ist, und von uns verstanden werden kann, so ist es mit allen Sinnfeldern, und es ist also der Geist, der Sinn erlebt. Nehmen wir hier Gabriel beim Wort, kann man in seiner Philosophie letztlich doch ein erkennendes Subjekt entdecken und positiv bestimmen, eben den Geist.

Neben Selbstdistanz ist uns mit Gabriels Formulierung Selbstbegegnung von Sinn, noch eine weitere, etwas rätselhafte Bestimmung von Geist gegeben. Heißt das, dass sich der Sinn selber begegnet, dass der Sinn seiner selbst gewahr wird? Die Worte Geist ist Sinn für den Sinn, Sinn der unentschieden und offen ist helfen uns da nicht weiter. Denn diese Bemerkung zielt auf etwas anderes, nämlich auf die Offenheit der menschlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Sie will sagen, dass der Mensch auf nichts festgelegt ist, sondern sich auf seiner Selbstsuche frei selber bestimmen und sogar neuen Sinn schaffen kann. Da er nicht Gefahr laufen will, überflüssige Substanzen bzw. Subjekte zu kreieren, nimmt Gabriel Formulierung wie die vom sich selbst begegnenden Sinn in Kauf, und man wird bei ihm auch keine Formulierungen finden, wie etwa die, dass ein Ich Gott gegenübersteht, oder dass sich Gott dem Menschen offenbart. Schließlich ist Gott ja nichts anderes, als die in uns eingebaute Distanz, die wir selber sind. Bei Gabriels Rede von der Selbstsuche kann man allerdings doch mit einigem Recht nachfragen, wer denn da eigentlich wen sucht. Eigentlich gibt es da ja zwei Identitäten, das Subjekt das sucht, und das Subjekt das gesucht wird. Dies ist für Gabriel sicher inakzeptabel, und er wird auf diese naiven Überlegungen wohl mit Heidegger antworten Das Selbstsein ist der schon im Suchen liegende Fund. (S. 198)

Durch Gabriels Gleichsetzung von Gott und menschlichem Geist könnte man meinen, dass der Begriff Gott für überholt gelten kann, sobald der Mensch diese Identität durchschaut hat. Doch Gabriel verwirft den Begriff Gott nicht. Ob aber Gott als ein transzendentes Wesen existiert, das würde die philosophische Betrachtung, die sich mit dem Sinn der Religion befasst, einfach nicht beantworten — nur um sogleich hinzuzufügen, Genaugenommen gibt es Gott natürlich, die Frage ist nur, in welchem Sinnfeld es ihn gibt, wie Gott erscheint. (S. 208) Aber Sinnfelder, in denen Gott als personhaft gedacht wird, rückt er sehr schnell und beinahe reflexartig in den Bereich des Aberglaubens und Fetischismus. Vor allem ist Gott in der SFO nicht das Ganze, bzw. der Ursprung des Ganzen. Er ist das Sinnfeld, in welchem der Mensch einen Geschmack von der Unendlichkeit, eine Ahnung von der Unendlichkeit des Sinnes erhält. Er ist die Gewähr, dass das Ganze sinnvoll ist, auch wenn wir den Sinn des Ganzen niemals begreifen können. Über dieses Ganze lässt sich nicht sprechen, ohne in den Fetischismus abzugleiten, über Sinnfelder und ihre Gegenstände aber durchaus. Somit auch über Gott, der ja in Sinnfeldern erscheint. Gott ist also weniger problematisch als das Ganze. Sinnfelder können von uns erfasst werden, und Gott ist das Sinnfeld, in dem wir der Ahnung vertrauen dürfen, dass alles voller Sinn ist. Würden wir aber vom Ganzen reden, wären wir Fetischisten. Doch das Unendliche, von dem Gabriel dauernd spricht, was er aber nirgends als ein Sinnfeld bezeichnet — ist es denn etwas anderes als das, was andere unter Gott verstehen und mit dem unfassbare Ganzen identifizieren? Über dieses Ganze ein Existenzurteil zu sprechen ist natürlich ein Unsinn, Gott gibt es nicht, so wie es Menschen oder Tische gibt. Gabriels Gott als Gegenstand eines Sinnfeldes existiert aber, genauso wie Möbel oder Polizeiuniformen tragende Einhörner auf der Rückseite des Mondes.

Laut Gabriel entspringt Religion dem Bedürfnis zu verstehen, wie es verständlichen Sinn in der Welt geben kann, ohne dass dieser von uns erfunden und in die Welt projiziert wird. Daher bricht er für die religiöse Einstellung eine Lanze, unterscheidet aber dezidiert zwischen schlechter Religion, dem Fetischismus, und guter Religion, welche ein Leben im Geiste bedeutet, wie oben beschrieben. Für Gabriel ist gewiss das meiste, was heute als Religion daherkommt, schlechte Religion. Darin wollen wir ihm Recht geben, aber noch eine grundsätzliche Bemerkung zum Fetischismus hinzufügen: Ein Fetisch ist etwas Menschengemachtes, wie Gabriel selbst erklärt, das dann aber für etwas Größeres, ja für das Größte gehalten wird. Doch jede geistige Haltung, jede Theorie, jeder Text, jede Erkenntnis kann in Fetischismus ausarten, auch die SFO ist nicht dagegen gefeit, auch nicht das Rad. Fetischismus heißt zu glauben, dass man die Einheit und Ganzheit erfasst hat — oder die Einheit zwar im Lippenbekenntnis als unergründliches Mysterium anerkennt, aber glaubt, dass man von ihr ewig gültige, für jede Lebenslage passende Anweisungen erhält, wie man zu leben hat. Doch selbst das Gebot, das gegen Fetischismus schützen soll, nämlich sich kein Bild vom Ganzen zu machen, kann zum Dogma erstarren und blind gegen alles wüten, das diesem Gebot scheinbar nicht entspricht.

Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD