Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

1. Wirklichkeit

Nur Sinn existiert

Die eigentliche Neuerung in Gabriels Neuem Realismus ist seine Ontologie. Traditionellerweise befasst sich diese philosophische Disziplin mit Fragen wie der

  • nach der Existenz der Gegenstände, also ihrem faktischen Vorhandensein,
  • nach ihrer Totalität bzw. ihrem Zusammenhang als Einheit,
  • nach ihrer Individuation und Sonderung,
  • nach den Relationen und strukturellen Beziehungen der Gegenstände untereinander,
  • nach ihrer Identität und Fortdauer in der Zeit,
  • und in Anbetracht der grundsätzlichen Einzigartigkeit jedes einzelnen Seienden mit Fragen nach der Universalität und Allgemeinheit der Strukturen.

Gabriels Ontologie dreht sich hauptsächlich um den ersten Punkt unserer Aufzählung, die Analyse des Existenzbegriffs. In seiner Ontologie gilt, dass jeder Gegenstand, der uns erscheint, immer mit oder in einem Kontext bzw. vor einem Hintergrund erscheint, welchen die traditionelle Ontologie zu wenig mitgedacht hätte. Dieser jeweils besondere Hintergrund, in den der Gegenstand eingebettet ist, wird von Gabriel als Sinnfeld bezeichnet. Es gibt keine Gegenstände oder Tatsachen außerhalb von Sinnfeldern. Alles was existiert, erscheint in einem Sinnfeld (genaugenommen erscheint es sogar in unendlich vielen). (S. 92) Ein Trinkglas erkenne ich als Trinkglas, weil ich es im Sinnfeld Hausrat, im Sinnfeld gedeckter Tisch oder etwa im Sinnfeld Kaufhaus erkenne. Das Sinnfeld bestimmt nicht nur, wie ein Gegenstand erscheint, also als was ich ihn eigentlich verstehe, sondern das Erscheinen in einem Sinnfeld ist die Bedingung für die Existenz einer Sache. Also: Nichts erscheint einfach so, sondern immer in einem Sinnzusammenhang, ohne den es überhaupt keine Existenz und somit kein Erkennen des Gegenstandes geben würde. Deshalb lautet der Grundsatz der Sinnfeldontologie:

Existenz = Erscheinung in einem Sinnfeld.

Wirklichkeit, das sind also die Gegenstände, die in Sinnfeldern erscheinen. Dabei sind mit dem Begriff Gegenstände nicht nur materielle Dinge gemeint, sondern letztlich alles, worüber man reden kann: ein Gedanke, eine Vorstellung oder Phantasie, ein Theorem, eine Geschichte, ein Satz oder eine mathematische Gleichung. Der gleiche Gegenstand kann aber in unterschiedlichen Sinnfeldern erscheinen, und zeigt je nach Kontext unterschiedliche Qualitäten und Funktionen. Folglich werde ich etwa in einem chemischen Labor ein zylindrisches Glasgefäß nicht unbedingt als ein Trinkglas identifizieren, ein Kreuz kann das Heiligste symbolisieren oder das Additionszeichen, und eine erhobene Hand kann einen Gruß bedeuten, in einem anderem Sinnfeld aber Stopp!. Erkenntnis und Irrtum hängen also zuallererst von der Identifizierung eines Gegenstandes im richtigen Sinnfeld ab. Natürlich kann jedes Sinnfeld selbst auch zum Gegenstand werden. Dieses braucht dann wiederum ein Sinnfeld, in welchem es als Gegenstand erscheint. Und umgekehrt kann etwas, was ich noch eben als Gegenstand betrachtet habe, im nächsten Moment ein Sinnfeld sein. Wenn ich etwa den Gegenstand menschlicher Körper betrachte, betrachte ich ihn vielleicht im Sinnfeld Säugetiere, wähle ich aber etwa das Herz als Gegenstand, wird der menschliche Körper zum Sinnfeld, in welchem ich das Herz zu verstehen suche, usw.

Nicht Atome, nicht Quanten, nicht ewige Ideen, nicht Gott, nicht die Raumzeit, nicht Energie, sondern Sinn gilt als die elementare Wirklichkeit im Neuen Realismus. Was ist aber Sinn? In Ars Magna meint Keyserling: Das Wort Sinn hat viele Bedeutungen: Zusammenhang, Intensität, Vertrauen, Richtung, Erklärung und Orientierung. Eine so weitläufige Antwort, die auch den Lebenssinn einschließt, ist von einem Logiker und Mathematiker wie Gottlob Frege, an dessen Definition von Sinn sich Gabriel anlehnt, und der als einer der Initiatoren des linguistic turn gilt, nicht zu erwarten. Worin bestand übrigens diese Wende? Kants Kopernikanische Wende führte weg vom Erkennen der Welt, wie sie an sich ist, da dies gar nicht gelingen kann, hin zu den Bedingungen der Erkenntnis, wie sie im Subjekt vorliegen. In der sprachkritischen Wende aber wurde das Augenmerk auf die logischen Bedingungen der Sprache gelegt, in der Überzeugung, dass alle Weltkenntnis in erster Linie sprachlich vermittelt ist. Also nicht wie die beobachterunabhängige Wirklichkeit beschaffen ist, auch nicht wie die Erkenntnisbedingungen des Subjekts beschaffen sind, wollte man klären, sondern wie sprachliche Aussagen über die Wirklichkeit zustande kommen und welchen Stellenwert sie haben. Also zu erhellen, was Sprache eigentlich abbildet, ist Gegenstand der Bemühungen, die unter dem Begriff Analytische Philosophie zusammengefasst werden.

Was ist nun der Sinn bei Frege? Frege hat als erster klar zwischen Sinn und Bedeutung in der Sprache unterschieden. Die Bedeutung ist der Gegenstand oder die Tatsache, für die ein sprachlicher Ausdruck steht, also auf was er deutet. Sinn aber ist die Art und Weise, wie ein Gegenstand gegeben ist. Im Grunde sagt das nicht mehr, als dass der Sinn einer Sache die besondere Weise ihres So-Seins ist. Nicht mehr ganz so lapidar erscheint Freges Definition erst, wenn man sich bewusst macht, dass die gleiche Sache auf unterschiedliche Weisen gegeben sein kann. Zum Beispiel bedeuten die Ausdrücke Morgenstern und Abendstern beide die Venus. Doch das sind zwei unterschiedliche Weisen des Gegebenseins, daher hat der Morgenstern einen anderen Sinn als der Abendstern. Ersterer erscheint ja schließlich am Morgenhimmel, der mit ganz anderen Erscheinungen und Assoziationen verknüpft ist, als der Abendhimmel, an welchem sich der Abendstern zeigt. Genauso kann etwa der Wert 4 als 3+1, als 2+2, oder als 16 gegeben sein, oder als sonst ein mathematischer Term, der 4 bedeutet.

Nun übernimmt Gabriel im wesentlichen Freges Definition von Sinn, er versteht sich aber nicht als analytischer Philosoph, und will daher Sinn nicht auf sprachlichen Sinn allein beschränkt wissen. Er will dieser Beschränkung entkommen, indem er wie ein Gegenstand gegeben ist, durch wie ein Gegenstand erscheint ersetzt, weil ihm der Begriff Gegebensein zu sehr auf sprachliche und mathematische Formalisierbarkeit abzuzielen und auf Eindeutigkeit hinauszulaufen scheint — was seinem Verständnis von Sinnfeldern aber nicht genügt. Diese wären nämlich nicht scharf abgegrenzt, laut Gabriel können sie vage, bunt und relativ unterbestimmt sein. (S. 88) Was also in ihnen erscheint, hat nicht unbedingt eine eindeutige Funktion, kann mehrdeutig, ja widersprüchlich sein. Man fragt sich, ob das nicht schon bereits damit gesagt ist, was er über alles in Sinnfeldern Erscheinende sagt, nämlich genaugenommen erscheint es sogar in unendlich vielen (Sinnfeldern). Denn wenn ein Gegenstand sowieso immer in unendlich vielen Sinnfeldern erscheint, sollte man meinen, Sinnfelder nicht obendrein auch noch als vieldeutig definieren zu müssen.

Wie dem auch sei, auf jeden Fall unterscheidet er, was die Vieldeutigkeit und Unschärfe betrifft, zwischen Sinnfeldern und sogenanntem Gegenstandsbereichen. Letztere seien demnach eine Sonderform von Sinnfeldern. Es gehört zu den Kunstwerken, dass sie uns auf verschiedene Weisen erscheinen. Es gehört aber nicht zu Nukleonen, dass sie uns auf verschiedene Weisen erscheinen. Man kann sie nicht verschieden interpretieren, sondern versteht nur, was es mit ihnen auf sich hat, wenn man den Gegenstandsbereich beherrscht, in dem sie vorkommen. (S. 88) Erscheint also ein Gegenstand in einem Gegenstandsbereich, wie beispielsweise der Gegenstand Atomkern im Gegenstandsbereich Physik, gibt es keine Vieldeutigkeit, er besitzt dort nur einen einzigen Sinn, der eindeutig beschreibbar ist.

Die Sinnfelder der Wissenschaften — weil eindeutig beschreibbar — müssen somit allesamt als Gegenstandsbereiche begriffen werden, wobei der große Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften das Universum ist, das laut SFO nichts mit Bereichen wie Kunst, Politik, Religion, Wohnzimmer oder Mythologie zu tun hat. Das Universum, das entgegen der landläufigen Vorstellung nicht das Ganze sei, sondern nur eine ontologische Provinz des Ganzen, ist in verschiedene Bereiche unterteilbar, etwa in Physik, Mineralogie, Zoologie, Medizin etc. Gemäß dieser Sprachregelung befindet sich mein Wohnzimmer überhaupt nicht im Universum. (Denn weder der Sinn, den der von einem Freund geschenkte Teppich für mich hat, noch die wohnliche Atmosphäre sind Untersuchungsgegenstände der Naturwissenschaft. Zwar besteht auch in meinem Wohnzimmer das meiste aus Atomen, doch dieser Aspekt ist überhaupt nicht entscheidend. Der Sinn meines Teppichs im Gegenstandsbereich mein Wohnzimmer hat mit dem Sinn der Atome im Gegenstandsbereich atomare Struktur des Teppichs nichts zu tun.) Dennoch existieren Universum und Wohnzimmer miteinander, viele Sinnfelder/Gegenstandsbereiche sind auf solche Weise ineinander verschachtelt, ja die gesamte von Menschen erlebte Wirklichkeit ist gemäß der SFO eine vielfältige Verschachtelung von unzähligen dieser Entitäten, die durch ihren unterschiedlichen Sinn dennoch voneinander getrennt existieren. Sie sind völlig unabhängig voneinander, jedes folgt seinem eigenen Gesetz. Sie sind aber nicht gänzlich ohne Verbindung, manche überlappen sich teilweise, und der Mensch kann Übergänge zwischen nicht zusammenhängenden Feldern schaffen.

In der SFO gibt es Sinn en masse. Laut dieser Theorie geben die vielen Sinnfelder dem Sinnbedürfnis des Menschen ausreichend Nahrung, und der Mensch kann auch selber neuen Sinn schaffen. Doch was besonders hervorzuheben ist: es gibt kein Sinnfeld, das alle anderen umfasst, keinen Sinnzusammenhang der alles eint. So ungefähr lässt sich unsere Lage laut SFO skizzieren.

Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD