Schule des Rades

Dago Vlasits

Sinnfeld Rad

1. Wirklichkeit

Ursprung, Subjekte und universelle Prinzipien

Sinnfelder mit ihren Gegenständen sind laut SFO also der Stoff der Wirklichkeit, und das unabhängig davon, ob sie von uns wahrgenommen werden oder nicht. Es gibt unendlich viele, die real und objektiv existieren, obwohl sie in Ewigkeit keinem Menschen erscheinen werden.
Dass es dann aber Sinn gibt, auch ohne jemanden, der diesen Sinn erlebt, bzw. Erscheinungen ohne jemanden, dem sie erscheinen, nimmt ein sinnfeldontologischer Realist in Kauf, denn einem Realisten geht es ja gerade um die Behauptung, dass das Seiende auch ohne unser Sein und Zutun existiert. Für Gabriel bedeutet bereits das Zugeständnis, dass die Gegenstände durch unsere Wahrnehmungsfilter bedingt sind, ein Waten im konstruktivistischen Sumpf, erst recht die Vorstellung, ihr bloßes Sein wäre durch das Subjekt bedingt. So lehnt er folgerichtig die gängige epistemologische Formel ab, es gäbe ein Subjekt auf der einen Seite, und Objekte auf der anderen, über welche sich das Subjekt (wahre oder falsche) Gedanken macht. Man kann demgemäß Sinnfelder nicht als Daten sehen, die einem Subjekt gegeben sind. Eine solche Trennung ist in der SFO nicht möglich, das Subjekt kann nicht herausgelöst werden, ist also immer Teil eines Sinnfeldes. Es drängt sich dann aber die Frage auf, ob nun den von keinem Menschen je wahrgenommen Sinnfeldern nicht auch ein Subjekt inhärent ist, bzw. ob es denn Sinnfelder mit Subjekt gibt — eben die, die wir kennen — und solche ohne, eben die, die wir niemals zur Kenntnis nehmen.

Wenden wir uns nun der Realitätsauffassung im Rad zu. Die Frage Was ist Wirklichkeit? beantwortet Keyserling im Aufsatz Gott, Zahl und Wirklichkeit wie folgt:

Die Wirklichkeit ist die unendliche Mannigfaltigkeit des Alls, die sich in steter Bewegung befindet und nach den Inbegriffen von Raum, Zeit und Qualität beschreibbar wird. Sie ist unendlich dem Raum nach als potentielle Ausdehnung; sie ist unendlich der Zeit nach als potentielle Folge; und sie ist unendlich der Mannigfaltigkeit nach, der Qualitäten, die in immer neuer Variation entstehen und damit auch neue Kausalketten oder Raum-Zeit-Zusammenhänge in die Erscheinung bringen.

An dieser Aussage können wir einen wesentlichen Unterschied zur SFO festmachen. Wie in der SFO wird zwar von einer unendlichen Vielfalt ausgegangen, doch diese ist durch Kategorien nach Raum, Zeit und Qualität bestimmbar. Es sind also auch Prinzipien in der Wirklichkeit zu erkennen, die in oder durch die ganze Vielfalt hindurch ebenfalls existieren, bzw. auf die gesamte unendlich große Vielfalt anwendbar sind. (Der Streit, welchen Realitätscharakter man solchen universellen Prinzipien zubilligen darf, fand seinen Höhepunkt im mittelalterlichen Universalienstreit, ist aber für viele auch bis heute noch nicht ausgefochten.) Während nun die Anerkennung solcher auf alle Sinnfelder anwendbaren Prinzipien in der SFO abgelehnt wird, da ja jedes Sinnfeld seinem ganz eigenen Gesetz folgt, gilt deren Anerkennung im Rad als unausweichlich. (Als Ur-Prinzipien gelten dort die [ersten zehn] Zahlen, die nach eingehender Untersuchung in all unserem Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Wollen erkennbar sind, was wir an dieser Stelle nur anmerken wollen, ohne auf dieses breite Thema näher einzugehen.) Aber nicht nur durch die Vorstellung, dass die in vieler Hinsicht chaotische Vielfalt durch eine endliche Anzahl von Kategorien, Universalien oder Prinzipien erfasst wird, unterscheidet sich das Rad von der SFO. Aus der Sicht des Rades hat die Fülle an Erscheinungen einen gemeinsamen Ursprung — eine Überzeugung, die Gabriel als fetischistische Religiosität brandmarkt — der identisch ist mit Gott, dem einzigen Subjekt. Diese explizite Rede vom Subjekt, und die Rede vom notwendigen Überschreiten bestimmter Bewusstseinsschwellen, sind weitere Kennzeichen einer Realitätsauffassung, der Gabriel den Kampf angesagt hat, und die Keyserling folgendermaßen zum Ausdruck bringt:

Der Ursprung, das Subjekt des All ist Gott, die dauernde Erschaffung des Etwas aus dem Nichts, jenseits von männlich und weiblich und allen Namen und Formen. […] Im Menschen ist Gott das einzige erlebbare Subjekt, das aber hinter der Todesschwelle west und der gewöhnlichen Bewusstheit nicht zugänglich ist. Diese Bewusstheit hat mehrere Schwellen, die es im Leben zu überschreiten gilt, um zum echten Bewusstsein der menschlichen Norm durchzustoßen. (Das Nichts im Etwas, 1984)
Dago Vlasits
Sinnfeld Rad · 2015
Vom einenden Sinn in der Vielfalt
© 1998- Schule des Rades
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