Schule des Rades

Arnold Keyserling

Bewußtsein im Sog der Evolution

Subjekt des All

Erkennen bedeutet Wachstum des Geistes, seinen Werdegang. Damit aber dieser beginnt, wird es notwendig, falsche Synthesen zu vermeiden und aufzulösen, Probleme zu erledigen. Hier schaffen die historischen Sprachen Schwierigkeiten: die Wurzelverwandtschaften der Worte bringen oft in ihren assoziativen Verknüpfungen Anklänge falschen Synthesen: das Wort Schicksal unterstellt, die Geschehnisse seien einem von einer höheren Macht zugesandt. Kausalität wird zur philosophischen Kategorie, womit Wirksamkeit in Gesetzen gesucht wird, die doch nur Beschreibungen tatsächlicher Vorgänge sind.

Um die Empfindungsebene zu klären, gilt es die Wirklichkeit auf ihre operativen Komponenten, ihre Elemente zurückzuführen. Um die Erkenntnis zu klären, gilt es synthetische und analytische Faktoren zu trennen. Sprache und Denken bedeuten, daß Worte für Gegenstände der Erfahrung stehen. Als erstes gilt es, den Wortschatz auf die Wirklichkeit — und alle Wirklichkeiten — abzustimmen. Als zweites gilt es aber dann, die Gesetze der Zusammenfügung von der Bestimmung der Einzelheiten zu trennen, und sie gesondert zu verstehen: ihr Zustandekommen in der Sprache zu erkennen.

Es gibt keine Synthese, die nicht mathematisch zu begründen wäre. Denn Mathematik bedeutet Zahlenhaftigkeit, Zahl bestimmt den Charakter des Allgemeinen und Verbindungsfähigen. So ist alle Sprachverbindung — alle Grammatik und Syntax — letztlich mathematisch, und nur dann, wenn dieser mathematische Teil vom Hinweisteil — den Bezeichnungen bestimmter Gegenstände — getrennt ist, wird die Erkenntnis von der Zwangsjacke falscher Synthesen befreit und damit zum persönlichen Werdegang.

Falsch sind nicht nur philosophische Ideologien: sämtliche Kulturgebiete werden negativ, wenn ihnen Substanz zugesprochen wird. Die rationale Welt verlangt ein bestimmtes Maß an Wissen, damit der Einzelne funktionell im Berufsleben tätig sein kann. Dieses Wissen bleibt intellektuell, hat seinen Abschluß im Diplom, welches dann dem Meister die Tätigkeit in der Gemeinschaft eröffnet. Aber Diplom bedeutet nicht Geist, der Diplomierte ist keine höhere Menschenart als der Undiplomierte: geistige Erkenntnis hängt davon ab, ob der Mensch in seiner persönlichen Bildung wächst; ob er selbst am Verstehen nach Maßgabe seiner Anlage und seiner Interessen zunimmt.

Für jeden, der wirklich zu lesen beginnt, wird es zum Wunder, wie er immer jene Bücher findet, die ihn fördern, jene Menschen, die ihm neue Einblicke eröffnen, und schließlich auch jene Ereignisse erlebt, die ihm weiterhelfen: der geistige Kosmos erscheint als geordnet. Klärung der Arbeit und des Wortschatzes ist die Voraussetzung, Klärung der sprachlich-grammatikalischen Gesetze das Mittel: ihre kritische Beherrschung eröffnet den Zugang. Aber dann beginnt der Weg, der in die Unendlichkeit führt, welcher auch jener aller echten Forscher geblieben ist, die nicht aus der noble passion du savoir zu Ehren der falschen Göttin Wissenschaft, sondern zur persönlichen Vertiefung ihr Denken vollendeten.

Die Welt der Sinne ist endlich, auf ihre Elemente zurückzuführen; ebenso jene der Sprache. Ihre Meisterung ist möglich, stellt geringere Anforderung als jegliche Spezialisierung. Früher gehörte sie zum Bereich der Initiation, nicht der Erziehung. Doch erstere umfaßt noch zwei weitere Gebiete: jene des traumhaften Fühlens und der Verwurzelung des Wollens im Weltengrund.

Die Komponenten des Bewußtseins sind endlich: aus den vier Stufen des Wachens, Reflektierens, Träumens und Schlafens oder der Stille entfalten sich die vier Funktionen Empfinden, Denken, Fühlen und Wollen, die sich in drei Bereichen verwirklichen: dem stofflichen des Körpers, dem personalen der Seele und dem mentalen des Geistes. Die Impulse der Grammatik und Syntax — Kategorien wie Raum und Zeit, Dialektik und Kausalität, Subjekt und Prädikat, Substantiv und Attribut, wie sie alle heißen mögen — sind ebenfalls persönliche Parameter: auch der einzelne sammelt Dinge, wie er Worte miteinander verbindet; er sieht sich als Teil einer Ordnung und gestaltet ihrzufolge, analog wie sich das Hauptwort, in einem Regreß auffassen läßt, wo Begriffe durch höhere umfaßt werden, wie etwa Ameise durch Insekt, Insekt durch Lebewesen.

Die Inbegriffe des Bewußtseins schließen sich zum Kreis, dem auch das Weltenjahr und die Lebensalter historisch entsprangen; die Sprachimpulse, Gefahren der Identifikation, bilden operative Fähigkeiten. Doch alle diese werden genährt und getragen durch die emotionale Triebhaftigkeit, die sich im Traum und der freien Einbildungskraft manifestiert.

Für den Psychiater bedeutet der Traum stellvertretende Wunscherfüllung; für den Vergeistigten Ansatz persönlicher Verwirklichung, Born eines Lebenssinnes, einer Integration. Jeder Mensch trägt in sich ein Inbild höchster Vollendung, auf das Begriffe wie Würde und Ehre hinweisen; manche ziehen den Tod vor, wenn sie ihre wahre Identität in Gefahr sehen.

Alle Wünsche bedeuten echte Keime der Verwirklichung. Bei jedem sind die Faktoren der Bewußtseinsstruktur anders gelagert: wie das Genom, besteht auch die persönliche Stimmung des Gemüts in einer bestimmten Kombination der allen gemeinsamen Komponenten. Hier eröffnet sich der Astrologie ein neuer Weg im Unterschied zur kausal-mechanischen pseudowissenschaftlichen Deutung: die Erkenntnis der persönlichen Bewußtseinsstruktur, die sich im Augenblick der Geburt nach Maßgabe der kosmischen Parameter, der tatsächlichen Raum-Zeit-Faktoren bildet, erwacht nur dann zum Leben, wenn der Mensch die innere Erfahrung akzeptiert und seinen persönlichen Mythos nicht den Interessen von Konsum und Reichtum opfert.

Im vergangenen Zeitalter war der Bereich des Mythos als Welt des Glaubens fixiert, und es galt sich in den inneren Zwiespalt, den Kampf zwischen Gut und Böse einzuordnen, eigene Eingebungen sei es als Inspirationen Gottes im Rahmen des Bekenntnisses zu verwirklichen, sei es als Verführungen des Satans zu verabscheuen. Und wenn einer nicht in den Rahmen paßte, wie die Hexen mit ihren Wahnvorstellungen, so wurde er oder sie bekämpft.

Im Bereich der Mythen gibt es kein Gut und Böse, sondern nur wahres Verständnis und Mißverständnis. Mythen sind Spiegelungen der endogenen Engramme und Triebkräfte der Evolution im Bewußtsein. Hier kommt als vierte Stufe der Vergeistigung die Inspiration: es gilt sie einerseits zu akzeptieren, wenn ihre Keime als a-rationale Bilder und Worte einfallen, und sie zu Trägern der Lebensmelodie zu erheben, wobei die vorhergehende Klärung in Arbeit, Sprache und persönlicher Integration falsche Interpretationen verhindert. Andrerseits gilt es sie auf den inneren Zusammenhang des Alls, den unerschöpflichen Weltenursprung zu eichen.

Gut und Böse existieren; in der neuen Zeit gewinnen sie eine andere Interpretation.

  • Gut ist alles, was im Einklang mit dem Zusammenhang des Alls und der Evolution geschieht,
  • böse ist jedwedes Bekenntnis zu einer Ideologie, welche eine Menschengruppe gegen andere bevorzugt: als Elite, Glaubens­gemeinschaft oder Partei.

Die ideologische Interpretation der Kulturheroen und Religionsgründer ist nicht denknotwendig; wenn sie als Sinnbilder des einzelnen Weges und nicht als Vorbilder ausschließlicher Gruppen verstanden werden, verlieren sie ihren zerstörenden Charakter.

Vergangene Zeiten verlangten Bekehrung: heute gilt es Besinnung auf die menschliche Norm. Wahrer Mensch ist der Autonome, der das Wagnis seines Weges auf sich nimmt, wobei ihm niemand die Mühe und das Finden der persönlichen Arbeit, Erkenntnis, Integration und Inspiration ersparen kann.

Das Subjekt des Alls, und das Subjekt des Einzelnen ist gleichermaßen ungreifbar; dennoch muß es Ausgangspunkt werden, auf daß der einzelne seine rationale Verwirklichung in der Gesellschaft findet.

So verlangt die neue Zeit eine Überwindung der Philosophie durch Kritik ihrer Prämissen, durch Bestimmung der tatsächlichen Kriterien des Denkens: durch Schaffung der Kriteriologie.

Arnold Keyserling
Bewußtsein im Sog der Evolution · 1972
Subjekt des All
© 1998- Schule des Rades
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