Schule des Rades

Arnold Keyserling

Strahlen der Wahrheit

IV. Offenbarung der Erde

Stierland - Venus

S t i e r l a n dDer Stier umfaßt Indien, Tibet und Sibirien. Er ist die Wurzel der Wassermannzeit, bedeutet die Fähigkeit die Motivation sachlich zu erkennen und seine Wurzeln mit der Erde zu verbinden. In Indien wurde erkannt, daß die vier Bewußtseinsschichten nur in der Zweiheit von Atman und Brahman vereint werden, und daß der Mensch den Tiefschlaf im Wachen erreichen muß, um aus der inneren Leere der Aufmerksamkeit, Reflexion, Wachen und Traum zu überblicken, wobei der Überblickende die Mitte des Rades ist, Identität im Sein von Brahman und Atman. Sie ist nicht zu erlernen, sondern zu enthüllen.

Das innerste Wesen des Menschen ist Freude der Teilhabe am Sein, Sat-Chit-Ananda. Durch Verlangsamung der Assoziationen wird dieser Zustand über die Übungen des Yoga erreicht. Das vierfältige Bewußtsein muß sich in das achtfältige Gewahrsein der Chakras verwandeln. Dann wird die Wirklichkeit in der Sprache erfaßt, und keine falsche Abstraktion versperrt mehr den Zugang zum Göttlichen. Darum ist die Ebene der Reflexion die Gefahr, und wird Maya, Schein genannt. Aber gleichzeitig ist sie das Kleid der Gottheit, also positiv zu verstehen.
Die Motivation entstammt sowohl der eigenen Vergangenheit, dem Karma, als auch der Geschichte. Die Intention entstammt dem Dharma, dessen Offenbarung jedem zugänglich ist, der die innere Leere erreicht hat, ob diese nun wie bei Buddha als innere Leere und Nichts, oder im Advaita-Vedanta als Vereinigung von Selbst und Ichorgan wie bei Ramana Maharshi erreicht wird. Hierbei ist die Konzentration auf den Sinn hinter den Erscheinungen gerichtet. Die Mythen und Riten weisen auf eine Realität, die nur zum Teil auf der Erde über die fünf inneren und äußeren Sinne zu erfassen ist, sich aber über das ganze All erstreckt. Selbst das heute vermutete pulsierende All zwischen Expansion und Kontraktion in vierundachtzig Milliarden Jahren war den Indern als Atem Brahmas selbstverständlich, und der Mathematiker der sie berechnete, Strassmann im vorigen Jahrhundert, war ursprünglich Indologe.

Alle Ansätze, alle Horoskope — Astrologie heißt auf Sanskrit Jothir, Lichtwissen — können zur Befreiung führen, die aber nicht wie bei den prophetischen Religionen eine Erlösung aus Sünde und Schuld ist, sondern die Befreiung vom Nichtwissen, Avidya, durch unterscheidende Erkenntnis, Viveka. Alles in der Welt weist auf dieses Ziel der Befreiung und Wiedervereinigung mit Urgrund und Ursprung. Die sieben Chakras sind zu erwecken, durch die Kundalini, die Schlangenkraft, die dreieinhalbmal geringelt am Fuße der Wirbelsäule schläft. Das indische Pleroma liegt besonders den Menschen, die den Weg der konkreten Erfahrung gehen. Die Reinkarnation bezieht sich nicht so sehr auf die karmische Verstrickung der Seele, sondern auf die willensmäßige Motivationsstruktur. Die Wünsche im nachtodlichen Zustand sind dafür verantwortlich, daß der Mensch aus einer falschen Erwartung eine Scheinidentität aufbaut, aus der er sich befreien muß. Denn mit was er sich im Tod identifiziert, das prägt auch sein künftiges Leben.

Die Welt des Jenseits, Shambala, ist in der Höhe und im Norden in der Vision zugänglich und wird in Tibet zum erfahrbaren Ziel. Im tibetischen Totenbuch ist die Wiedergeburt nicht mehr durch das Karma determiniert, sondern durch die Aufgabe, die Identität mit dem höheren Selbst. Aus der Sicht der prophetischen Religion haben wir im dritten Abschnitt beschrieben, wie diese Berufung von Gott mitgegeben wurde, allerdings nicht von einem personalen Vater wie im Widderland, sondern aus der Urkraft-Urlicht des Chi.

Kesar Ling, der Gründer der tibetischen Kultur, entdeckte in einem Berg das Rad. Er besiegte eigenhändig ohne Hilfe anderer Menschen und Geister sowohl die falschen neun planetarischen Feinde, verkörpert in den Brahmanen, als auch die Verführung der vier Himmelsrichtungen; er trat mit seinen vier Mitkämpfern am Ende seines Lebens durch das Scheitelchakra in die große geistige Welt.

Als Rinpoche kehrt jeder immer wieder auf die Erde zurück, bis seine Aufgabe so inkarniert worden ist, daß er auch aus dem Jenseits die Mitwirkung an der großen Menschheit verwirklichen kann. Das tibetische Rad zeigt als Bhava Chakra einerseits die Verkettung von Geburt und Wiedergeburt in bildlicher Darstellung, andererseits die Vereinigung der Raumzahlen des I Ging, der Zeitzahlen des Tierkreises und das magische Quadrat der neun Ziffern, wie wir sie kabbalistisch darstellten, ferner die vier Bewußtseinsstufen, die aus der fünften Mitte gelenkt werden, und schließlich das Dezimalsystem.

Kein Gott ermöglicht einem die Verfehlung eines Lebens nachtodlich aufzuarbeiten, sondern nur die eigene Bemühung. Alle die man im Leben gekränkt hat, müssen einem vergeben; erst dann wird im Himmel die neue Aufgabe geklärt.

Es gibt keine Gestalt, keinen Weg, der nicht letztlich zur Befreiung führt. Das Pleroma umfaßt alle Wege, aber in den Schöpfungsprinzipien, den Ziffern, die personal auch als Geister oder Götter zu erkennen sind. Höher als alle Götter, die nach Buddha auch der Wiedergeburt unterliegen, steht der Mensch, der mit Hilfe von Ahnen und Lehrern einen neuen Weg bahnt und damit die Welt sowohl materiell im Sinne des Sprießens der Pflanzenwelt im Stier, als auch geistig im Innewerden der Archetypen integriert.

Indien ist in der Wassermannzeit die Wurzel des Daseins, und Tibet zeigt den Weg des Erreichens der geistigen Wiedergeburt durch Lernen und Disziplin, was ja Schülerschaft heißt. Die moralische Vollkommenheit, Ziel der Widderländer, ist nur der Außenbau; das ganze Leben muß strahlend werden, um bereits auf der Erde einen Weg der Fülle zu verwirklichen.

Arnold Keyserling
Strahlen der Wahrheit · 1996
Von der globalen Zivilisation zur transzendentalen Weltkultur
© 1998- Schule des Rades
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