Schule des Rades

Arnold Keyserling

Urreligion Astrologie

12. Luzifer - Sonne

Ptolemäische Methode

L u z i f e r - S o n n eDas Jahr 1543 brachte die entscheidende Krise der europäischen Astrologie. 150 n. Chr. hatte Claudius Ptolemäus ein Tetrabiblion geschrieben. Darin stellte er das alte Weltbild in einer Synthese vor, die die gesamten Vorstellungen des Diesseits und Jenseits der Antike zusammenfaßte. Die Erde sei der ruhende Mittelpunkt des Universums. Sie sei an ihrem Ort, und die Schwerkraft wurde dadurch erklärt, daß alles nach seinem Ort strebt. Um die Erde verlaufen die Bahnen der fünf Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn, und die beiden Lichter Sonne und Mond. Oberhalb ihres Wandels sei die Kristallsphäre der Fixsterne, an die geheftet die Planeten verlaufen. Die Fixsterne sind der unbewegliche Himmel, der Ort Gottes, und die rückläufigen Planeten werden als Schleifen, Epizyklen bestimmt, die sich genau berechnen lassen. So konnte das Horoskop mit der ptolemäischen Methode eindeutig und fehlerlos erstellt werden.

Das Leben unter dem Mond sei dem Verderben und Tod unterworfen, die sublunare Sphäre. Glück und Unglück, Freude und Leid, Charakter und Schicksal wurden durch die Wandelsterne bestimmt. Das große Glück brachten Venus und Jupiter, das große Unglück Mars und Saturn, während Merkur sowohl als gut als auch als böse bezeichnet wurde. Er sei halb weiblich, halb männlich, androgyn. Mond und Venus seien weiblich, Mars, Jupiter, Saturn und Sonne männlich.

Gesellschaft und Staat werden mit den Planeten als verschiedene Berufe und Tätigkeiten bestimmt.

Sonne sei Kaiser oder König,

Mond sei Fürst oder Stellvertreter,

Saturn sei Beamter und Minister,
der strenge Herr, der für Ordnung sorgt;

Jupiter ist charismatisch und großzügig,
Priester, Arzt und Heiler;

Mars sei Krieger und Soldat;

Venus sei die Frau, die Geliebte,
als Abendstern auch die Hure;

Merkur sei der Planet der Kaufleute
und Diebe, aber auch der Lehrer.

Saturn sei auch der Schnitter Tod
mit dem Symbol der Sichel;

Jupiter sei der Herr von Blitz und
Donner mit dem Hammer;

Mond sei der Landmann und der Wirt,

Sonne der Herr in jeder Form.

Hierzu kam die Vielfalt der griechischen und römischen Mythen, die im Sinne der antiken Religion die Wechselfälle des Lebens als Bildungshintergrund in Mythen und Märchen den Kindern veranschaulichten.

Das Christentum betrachtete von Anfang an die antiken Götter als Teufel und Dämonen, und Justinian ließ im 6. Jahrhundert alle Heilstätten, Tempel und Riten verbieten und die Orte zerstören. Die Astrologie wurde als heidnisch verdammt, und seit der Verurteilung der Lehre des Origenes wurde jeder Astrologe mit Exkommunikation und dem Tod bedroht.

Doch die Astrologie blieb weiter im Untergrund, und war der Kirche nützlich durch die Gleichsetzung der Götter mit den Planeten. Dank ihr wurde der Reichtum der antiken Zivilisation aufrechterhalten und wurde immer wieder in Teilen im Staat oder in den Städten als Berufsordnung artikuliert.

Alles dies war aber nur möglich, solange Gott in der Fixsternsphäre im Himmel jenseits der verderblichen Zeit seinen Ort hatte. Das stoische Christentum setzte Zeit und Verderben einander gleich; entheiligen hieß säkularisieren, wie später bei der Schließung der Klöster in der Reformation. So lebte der Astrologe gefährdet und esoterisch, zum Teil gefördert durch Könige und Päpste, und kam in der Renaissance zu einer neuen Blütezeit. Aber das Weltbild, das ihrem unterschwelligem Sinn immer noch zugrundelag — das Tetrabiblion — wurde als profanes Wissen ebenso verehrt wie die Bibel. Doch 1543 brach es durch das Werk des Kopernikus in sich zusammen.

Arnold Keyserling
Urreligion Astrologie · 1996
Enneagramm und Himmelsleiter aus der Sicht des Rades
© 1998- Schule des Rades
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