Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

I. Kosmogonie

Raum, Zeit und Zahl

Voraussetzungen des wissenschaftlichen Denkens sind Raum, Zeit, Zahl, Qualität und Logik. Unsere Welt entstand vor vierzehn Milliarden Jahren in einer Urexplosion, deren Ursprungsort überall ist. Das Universum dehnt sich von diesem her aus, um nach einer gewissen Periode, wahrscheinlich nach zweiundvierzig Milliarden Jahren, sich wieder zusammenzuziehen: indisch der Atem Brahmas.
Unser Raum entsteht durch die Drehung der Erde um ihre Achse, deren nördliche Verlängerung auf die Himmelsmitte des Polarsterns weist. Ihm zu ist Norden, nach dem Südpol zu Süden. Dort, wo der Himmel aufgeht mit der Sonne, ist Osten; dort, wo er untergeht und die Erde aufgeht, ist Westen. Diese Richtungen auf die Unendlichkeit des Raumes sind unmittelbar über die periphere Vision wahrnehmbar, wenn die Großhirnhemisphären mit den gleichzeitigen Augäpfeln verbunden sind, also rechte Hemisphäre mit rechtem Auge und linke mit linkem.

Die periphere Vision schafft Richtung auf die Unendlichkeit, welche für das Denken ein Nichts ist. m Gegensatz dazu steht die fokale Vision, die aus der gegensätzlichen Großhirnhemisphäre gesteuert wird und uns befähigt Einzelheiten, oder das Endliche wahrzunehmen. So greift die fokale Vision etwas Endliches aus dem Unendlichen heraus, um es zum Partner, zum Gegenüber zu erheben und mit anderem Endlichen in Beziehung zu setzen. Nur die Beziehung zu etwas Endlichem Bestimmbaren kann mein inneres Endliches, das subjekthafte Gewahrsein erwecken, welches sich aber immer wieder erholt, wenn es in die Allbeziehung zurückfällt. Diese Allbezogenheit, die Ganzheitlichkeit ist offenbar, sonst müßte man alles doppelt sehen.

Das gleiche gilt für die Zeit, die für das Ohr im Nacheinander vermittelt wird. Hier ist der Zeitpunkt dem Ton vergleichbar und endlich. Der Intervall und die mögliche Resonanz, als Richtung der peripheren Vision ähnlich, ist aber ein Nichts, das in der Zeit von anderen Nichtsen unterschieden werden kann.

Im Kosmos schafft die Erde den Raum. Ihr entspricht die Mitte des Subjekts im Menschen: persönlich rechts und links, hinten und vorn, oben und unten; kosmisch Osten und Westen, Süden und Norden, Himmel und Erde.
Das Bewußtsein verlangt die Kosmisierung des Raumes, um die Kreisförmigkeit der Zeit zu begreifen, wo es zwei Richtungen gibt: die Bahn der Sonne und des Tages im Uhrzeigersinn, und die Bahn des Jahres und der Weg des Nachthimmels um den Polarstern gegen den Uhrzeigersinn.
Unser sprachliches Verständnis vereint Raum und Zeit, Subjekt und Prädikat. Der Raum wird artikulierbar durch die Geometrie in fünf Dimensionen. Wir unterscheiden die nullte, erste, zweite, dritte und vierte, von denen jede einen Schatz an mathematischen Methoden und Elementen besitzt. Für die Zeit hingegen bedürfen wir der Musik, mit Ton, Intervall und Resonanz, dank welcher die Zeit qualitativ nach Sekunde, Minute, Stunde, Tag, Monat, Jahr, Planetenzyklen und Weltenjahr gegliedert erscheint, wie dies noch einem Kepler selbstverständlich war, aber in der Aufklärung verloren ging.

Das Raumzeitgefüge enthält die Materie und die Energie in ihren verschiedenen Zuständen und Verhaltensformen: fest, flüssig, gasförmig, zwischen absolutem Nullpunkt und Hitzepunkt. Sie gehorchen dem Elektromagnetismus und der Schwerkraft, welche sich zwischen Urknall und größter Ausdehnungsweite entfalten.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
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