Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

VII. Ethik

Israel

In der Stierzeit war einerseits die Vorstellung, andererseits die Kultur der Stadt ausschlaggebend. Ob ein Mensch die Vision seines Totenrichters erreichte, und ob er in einem sakralen Gebäude die intendierte Erfahrung hatte, oder ob er die äußere Form nur noch als Mantel zur Befriedigung seines Selbsterhaltungstriebes verwandte, wie dies am Ende der Epoche überall der Fall gewesen zu sein scheint, darüber kann die Religion der Stadt keinen Hinweis geben. Der Arterhaltungstrieb hatte seine Verkörperung im Reich, im Pharao und in der Priesterkaste, denen sogar daran lag, keine Fremden in ihre Reihen aufzunehmen. So entstand als nächster Schritt der religiösen Evolution die Frage, wie innere Schau und äußeres Verhalten, wie sakrales und profanes Leben miteinander zu vereinen wären. Die Antwort gab die Religion der Widderzeit, die das ganze Leben sakralisierte und ritualisierte, sodaß jegliche Handlung sowohl eine profane als auch eine sakrale Bedeutung erhielt.
Krebszeit war lunar und seßhaft, Zwillingszeit solar und nomadisch, Stierzeit wiederum seßhaft, um ein Zentrum angelegt, und Widderzeit wieder nomadisch: die Völkerwanderungen sind leichter hieraus zu erklären als durch wirtschaftliche Zwänge wie in der modernen positivistischen Geschichtswissenschaft. Um die Bedrängung durch die äußere materielle Form, die Kultur der Tempel und Pyramiden zu überwinden, mußte das Volk auf die Wanderschaft gehen, da es in der Stimme Gottes jenen fand, der Rede und Antwort steht und damit die mystische Vision des Totengottes in eine existentielle Wirklichkeit überführte.
Dieser Gott war zweifältig: bei den Juden Elohim und JHWH. Elohim sind die göttlichen Kräfte, die über dem Urwasser schweben. JHWH ist der Ewig Zukünftige, der sich dem Moses im brennenden Dornbusch offenbarte mit folgenden Worten: Ich werde dasein als der Ich dasein werde. So entspricht Elohim Wakhan und JHWH Skwan.

Wenn nun Visionen und die heiligen Bauten die Kontinuität nicht mehr gewährleisten, muß diese durch das Gesetz geschaffen werden. Es gibt fortan keine Handlung mehr, die nicht zu heiligen ist, also ein Bindeglied zum Jenseits darstellt.

Tatsächlich bleibt sie wieder an ein überpersönliches Sakrales gebunden. Der Priester heischt absoluten Gehorsam für den Auftrag der irrationalen Stimme. Aber es war ein umwälzendes Erleben, Gott jenseits von Name und Form, aber als Stimme zu erfahren. JHWH ist der führende Lichtgott, nur seine Stimme ist wahrnehmbar. Und sie stellt gegen die zweiundvierzig negativen Sündenbekenntnisse der Ägypter, die bloß formal nachgesprochen wurden, die zehn Weisungen, welche laut Martin Buber einsichtig den Rahmen eines geistigen Lebens abstecken.

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Im Anfang gibt sich JHWH als derjenige zu erkennen, der das Volk als Stimme führt im Sinne des Rahu im Widder. Diese Verkündigung ist nullhaft, steht vor allen Geboten. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben: das bedeutet, daß jeder geprägte Gottesbegriff ein anderes Subjekt meint, welches nicht mit jenem des Volkes als neuem Träger des Menschheitsimpulses identisch ist. Der Glaube an ein auserwähltes Volk ist allen Kulturen der Widderzeit gemeinsam, den Goten ebenso wie den brahmanischen Indern.

Der Dekalog wird aber nun gleichzeitig zur Grundlage der Gnosis, die wir durch die Erkenntnis der Bedeutung der neun Ziffern und der Grammatik im Zusammenhang mit den planetarischen Impulsen richtigstellen konnten. Die jüdische Kabbala hat diesen Schritt erst mit Salomon Ben Leon im 13. Jahrhundert in Spanien vollzogen, doch war sie im Rad seit jeher angelegt.

1
Jupiter: Du sollst dir kein Bildnis und kein Gleichnis machen.
Womit ich mich identifiziere, das werde ich. Die Weisung keine Götter anzuerkennen entstammt dem Wollen. Doch jene des Bildnisses und Gleichnisses, das das Wollen durch einen Gefühlsimpuls abzulenken versucht vom reinen Gehorsam, ist die erste Gefahr, auch das Göttliche kann in Eifersucht umschlagen.
2
Venus: Du sollst den Namen deines Gottes nicht mißbrauchen.
Nur dann ist es Gott, wenn die Form nicht den Inhalt verdeckt. Gott ist das Sein als verbindende Macht: der Einende Eine. Falsch gebrauchter Name muß den Menschen verführen.
3
Uranus: Du sollst den Feiertag heiligen.
Hier wird der babylonische Rhythmus der Woche auf die Weltschöpfung übertragen, die nach jüdischer Vorstellung das Werk von Gottes Händen ist. Die sechs Tage bedeuten:
Montag:
Es werde Licht, Tag und Nacht.
Dienstag:
Wasser und Feste.
Mittwoch:
Land und Wasser.
Donnerstag:
Sonne und Mond.
Freitag:
Vögel und Fische, beide nicht der Schwerkraft untertan, also Symbole von Lichtleib und Kraftleib.
Samstag:
Tiere und Mensch, Mann und Frau.
Sonntag:
Ruhe, Fähigkeit im Bewußtsein für die Leistung im Alltag in der Freude zu verharren.

Sechs Tage ist man dem Werk zugewandt; am siebten ist man Gott in der Ruhe gleich. Der Tag hat keine Nacht mehr und führt daher in die Bewußtseinslage des Gewahrseins, für das hüben und drüben, diesseits und jenseits, unsere Welt und die Neue Erde eine Einheit sind.

4
Mond: Du sollst Vater und Mutter ehren.
Das Anerkennen der Herkunft ist die Voraussetzung psychischen Wohlbefindens.

5 und 7 sind in der Bibel vertauscht, wir stellen sie aus dem Rad richtig.

5
Merkur: Du sollst nicht stehlen.
Wer sich mit fremdem Gut identifiziert, verliert seine Mitte.
6
Neptun: Du sollst nicht ehebrechen.
Dies schließt das Halten aller Kontrakte ein, hat mit Unkeuschheit nichts zu tun.
7
Mars: Du sollst nicht töten.
Wer sich anmaßt zu töten, ohne die Rolle des Kaisers, des Doppeladlers zu haben, richtet sich selbst zugrunde.
8
Saturn: Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Wer die Wahrhaftigkeit zerstört, verliert seine Mitte und die Achtung der anderen.
9
Pluto: Laß dich nicht gelüsten nach deines Nächsten Haus, Weib, Knecht, und alles was deines Nächsten ist.
Wenn ich mir etwas mir nicht zustehendes wünsche, so mag ich es erreichen, aber wieder geht mir meine Mitte verloren.

Martin Buber nennt die Gebote Weisungen, da sie zeigen, wie man in Einklang mit der Stimme leben kann und unter welchen Umständen der Zusammenhang verloren geht. Doch diese neun Ziffern haben in der Kabbala ganz bestimmte Bedeutungen gefunden, die einen Zahlenschlüssel der Wortwurzeln schufen und somit die fünf Bücher des Moses in eine Lebensform gossen, die nicht weniger bindend war als der ägyptische Tempel und das Totenbuch.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
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