Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

1. Sprache des Rades

Himmelsrichtungen

Die Himmelsrichtungen erhalten ihren Sinn durch die Eigendrehung der Erde um ihre Achse.

  • Im Osten geht der Himmel auf: dies ist der Ort des Gewahrseins. Dessen Voraussetzung ist die innere Leere, damit die Vision einfließen kann. Gewahrsein ist Schwingung; die Aufmerksamkeit wechselt im Sekundenrhythmus der Erde zwischen Beobachtung und Erinnerung.
  • Im Westen geht der Himmel unter und die Erde geht auf. Dies ist der Ort der Hingabe und der Wandlung, der Wahl, des Entschließens und Entscheidens und damit des Wollens.

Osten und Westen sind Bewegung, Süden und Norden Ruhe.

  • Süden ist gleichzeitig Mittag und oben, der Tag, der Zenit, von dem aus astronomisch die Tage berechnet werden. Süden ist die volle Strahlkraft der Sonne im Augenblick ihres höchsten Standes, bevor sie sich neigt. Diese Stellung gleicht der Ruhe des Pendels im Moment der Umkehr der Richtung, da die kinetische Energie in potentielle umschlägt. Der Süden ist der Ort der Seele, von Vertrauen und Unschuld, wo man den anderen in ihrer vollen Strahlkraft begegnet. Jede Seele hat einen höchsten Stand, eben den der Unschuld, wo allein sie Lichtträger wird.
  • Im Norden zu Mitternacht im Nadir dreht sich der ganze Himmel, der Kreis der Motivationen, um die Mitte des Polarsterns. Dies ist der Ort des Denkens, der Fähigkeit der Assoziation der Sternbilder, die allen Vorstellungen mythisch zugrundeliegen; ein in der Mitte integrierter Gedanke wird, in den Worten Michael Ende’s, eine Zeitblume, ein Wissen, das fortan dem Wesen als Gedächtnis zur Verfügung ist.

Der Regent der Nacht ist der Mond in seinem Zu- und Abnehmen. Ist er voll — genau dem Süden der Sonne gegenüber — so umfaßt das Denken die Fülle. Ist er leer, als Neumond während drei Tagen nicht sichtbar — die Zeit, die Christus im Hades verbrachte — ist er heilend; das Denken erreicht einen neuen Ansatz; zunehmend ist er synthetisch, abnehmend ist er analytisch.

Hierin haben wir das Urgesetz der Orientierung im Raum — das Wort heißt in allen Sprachen, sich auf den Osten abzustimmen. So entstehen die vier kardinalen Richtungen. Zu diesen treten die sekundären Richtungen als Vereinigung von Bewegung Ost-West und Ruhe Nord-Süd.

  • Aus Osten und Süden, Bewegung der Vision und Festhalten der Gestalt, entsteht der Geist, die Bilderwelt als wahrnehmbare Vorstellungsebene im Südosten. Biologisch bedeutet der Geist das morphogenetische Feld der Gattung, das die kollektive Erinnerung enthält und durch jede bewußte Erkenntnis bereichert wird, sobald diese nach den Worten von Sheldrake eine kritische Schwelle des Bekanntwerdens überschritten hat, vergleichbar der kritischen Masse des Atoms.
  • Zwischen Süden und Westen, Seele und Wollen, der Vereinigung eines integrierenden Subjekts mit der Materie, entsteht der Körper im Schlüssel des Genoms aus den Kräften des Lebens, der eine beharrende Struktur der Materie immer wieder im Südwesten vervollständigt.
  • Zwischen Westen und Norden, Wollen und Denken, der Wahl und der strategischen Assoziation entsteht die Form des Fühlens, der dauernde Befriedigungsdrang der Bedürfnisse zur Aufrechterhaltung der Gestalt über die inneren Signale der Triebe — Sicherung, Nahrung, Reproduktion und Aggression — im Nordwesten.
  • Zwischen Norden und Osten, Denken und Gewahrsein, drängen die Visionen zur Aktualisierung und die Elemente der Wirklichkeit werden im Nordosten, im Empfinden, über die Sinne bewußt. Hier wird der Mensch zum Mitgestalter am großen Werk der Erde.

So ergibt sich aus dem Raumerleben der achtfältige gnostische Rahmen des Bewußtseins, dessen Ursprung die Artes liberales vergessen hatten. Überall war der Mensch der Altsteinzeit in den Erdheiligtümern, den Steinkreisen, auf diese Koordinaten eingestellt, bevor er sich mit der neolithischen Revolution in das Ego-Ei einsperrte und den Zugang zu den kosmischen Richtungen und damit zur persönlichen Offenbarung verlor.

Die Mitte, von der aus der Mensch die Funktionen und Bereiche der Himmelsrichtungen erwählt, ist wiederum zwischen zwei Richtungen der Senkrechte: nach unten zu ist der Mensch in der Schwerkraft auf die Mitte der Erde geortet, noch oben zu auf die Halbkugel des Himmels. So gleicht er als Bewußtsein einem Strahl der Erde, der immer auf ein anderes Zeichen des Kosmos hinweist. Die Richtung auf die Schwerkraftsmitte der Erde wird als bergende Gottheit erlebt, die Richtung zum All als Ursprung des Lichts und der strahlenden Energie als Forderung des Himmelsgottes. In der Mitte zwischen oben und unten, Licht und Kraft, ist die innere Leere, der Zusammenhang mit dem Einenden Einen, der als Mensch im All den Weg zur persönlichen Vollendung weist.

Der menschliche Strahl befindet sich zeitlebens auf der Oberfläche des Planeten, geographisch auf einer schmalen Schale von zwölf Kilometer Dicke; jenseits von sechs Kilometer nach unten und oben vom Meeresspiegel gibt es kaum Leben. Aber das Dasein zwischen Empfängnis, Geburt, Tod und Auferstehung zwischen Himmel und Erde hat seinen Ursprung in der Zeit, die für das Bewußtsein über den Sinn des Hörens, über Ton und Musik verständlich wird.

Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
© 1998- Schule des Rades
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