Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

III. Die Göttin - meine Göttin

Anrufung

Ist es nicht wunderbar, daß sich unsere Achsen im Wachen, wenn wir auf der Erde stehen und wandeln, in ihrer Mitte treffen? Wir sind in ihr alle auf den gleichen Punkt bezogen. Und wenn wir uns immer wieder auf das Herz der Erde beziehen, uns in Liebe angezogen wissen, dann werden wir einfältig; wir finden eine Art der Sammlung, die uns die einfachste, reale Lösung der Probleme zeigt, unsere tatsächlichen Motivationen erkennen läßt, den nächsten Schritt ermöglicht.
Viele der Hochkulturen haben den Einklang mit der Erde verloren. Königin der Meere hieß Maria — aber nur als schwarze Madonna schleicht sich die Erdgöttin unerkannt in das Weltbild der vergangenen Epoche ein.

Wir können die Wesensaspekte des Yin und Yang als Göttin und Gott bezeichnen, ihren Geist unter den Namen ferner Vergangenheit erfassen; wir können neue Namen finden und die Begriffe Göttin und Gott wieder fallen lassen, weil auch diesen eine falsche Trennung zwischen menschlich und göttlich anhaftet. Wir werden uns letztlich auf das beschränken, was mit unserer tiefsten Wahrhaftigkeit in Einklang ist, was uns als Gefährt dient, diese andere Wirklichkeit zu erfahren, in ihr zu leben. Ich nenne das Wesen der Erde Heiliger Grund.

So wenden wir uns, die im Kreis sitzen, jetzt dem Himmel zu:

Wakhan — unendlicher Urgrund — liebende Leere die uns umfängt! (wir strömen aus in das Überall und holen Es ein, in unsere Mitte, Mitte des Kreises, Mitte unseres Bewußtseins)

sei in unserer Mitte!

Wir wenden uns der Erde zu:
heiliger Grund — Wesen des Endlichen — gib uns die Kraft, unsere Motive zu erkennen, zu leben —

sei hier in unserer Mitte !

Und nochmals:

Wakhan unendliches Überall — und
Skwan ewiger Ursprung — Urlicht des Bewußtseins —
seid in unserer Mitte!

Heiliger Grund — Scholle der Verwirklichung für jeden Grashalm, jeden Menschen — laß uns Deine Liebe erfahren —
sei in unserer Mitte!

Und wieder:

Unendlicher Urgrund — bergende Mutter — Absolute Leere —
und Heiliger Ursprung — Ewiger Anbeginn — Ewig Zukünftiger jenseits der Zeit —
sei in unserer Mitte!

Heiliger Grund — dem unser Leben entspringt —
sei in unserer Mitte.

Wir wenden uns dem Osten zu: (und immer ist es ein Ausströmen des Bewußtseins in die bestimmte Richtung, um diese Wesenskraft des Ganzen einzuholen)

O
Kraft der Erleuchtung, der Erneuerung, der Offenbarung,
sei in unserer Mitte!
W
Kraft des Lassens und Ergreifens, Kraft des Einstehens,
sei in unserer Mitte!
S
Macht des Vertrauens und der Unschuld der Seele —
sei in unserer Mitte!
N
Macht der Weisheit, des Verstehens im Tun —
sei in unserer Mitte!
SO
Macht der Liebe und Erfahrung der Ahnen, der Lehrer der Menschheit —
seid in unserer Mitte!
SW
Lebenskräfte, Wesen der Freude und Schönheit, des Gelingens — Träger der Vision im Lebensstrom —
seid in unserer Mitte!
NW
Mächte des kosmischen Zusammenhalts — Mächte der Befriedung —
seid in unserer Mitte!
NO
Erzwesen der Verwirklichung — laßt uns Mitarbeiter am Werk werden —
seid in unserer Mitte!

Diese zehnfältige Zuwendung und Empfangsbereitschaft ist eine wunderbare Art, sich im Ganzen zu zentrieren. Wir sind in der Freude und Kraft des Daseins; wir spüren sie im ganzen Raum, lesen sie in jedem Gesicht.

Und morgen seid ihr wieder in eurem eigenen Wirkfeld im zeitlichen Geschehen. Möglichkeiten und Schwierigkeiten tauchen auf, die eigenen Unzulänglichkeiten werden vielleicht schmerzlich bewußt. Ihr überlegt nach vorne, schaut zurück — verliert den Zusammenhang. Und das ist gut so, denn wir sind kein Ganzes außer in Augenblicken, da wir am Ganzen teilhaben. Wir sind im Werden und in jedem Zeitpunkt unvollkommen, und die Hoffnung in der Zeit liegt in unserem strebenden Bemühen. Wir bedürfen der Ergänzung; finden sie in unserer Umwelt im Austausch, im Geben und Nehmen. Aber Freundschaft gibt es nur unter Freien.

Unsere eigene Person mit ihren Begabungen und Mängeln ist wie die Spitze eines Eisbergs, die hervorragt, während ein wesentlicher Teil verborgen bleibt. Wir erkennen das Beschreibbare, Sichtbare unserer Person, den Tonal; im Bereich des Nagual, des unsichtbaren Kraftfeldes ist jeder von uns von einer ergänzenden Wesenskraft getragen, ja von zwei Wesenheiten, Yin und Yang, die die weibliche und männliche Seite seiner Person erst zu einem Wirkfeld machen, das auch im zeitlichen Geschehen Teil des Ganzen bleibt.

Diese persönlichen kosmischen Wesenheiten, die uns am Lebensweg begleiten, waren im christlichen Weltbild zum Schutzengel zusammengefaßt. Vor der Verantwortlichkeit für das eigene Leben hat das Kind vielleicht eine einzige schützende Wesenheit, die ihm nahesteht. Für den Heranwachsenden, der Sinn und Leben, Sein und Tun unterscheidet, wird die innere Beziehung zu zwei ergänzenden kosmischen Wesenheiten, die ihn nicht nur schützen sondern auch bestärken und lehren, bedeutsam. Und das Seltsame ist, daß unsere Vision bereit ist, uns eine Anschauung dieser Wesenheiten zu zugeben. Du begegnest deiner Göttin — wie es im Titel meines Seminars heißt — deinem göttlichen Helfer. Aber sagen wir lieber deiner Helferin, deinem Helfer.

Deine Yin-Helferin zeigt dir in den meisten Fällen, was dir fehlt um zu sein. Sie mag dir als tanzende Heiterkeit, als strahlende Liebe, als ruhende Erdmutter, vielleicht als kraftvolle, humorvolle Weiblichkeit erscheinen. Du wirst wortlos spüren, was sie dir vermittelt oder vielleicht wirst du sie fragen; es mag sich ein Dialog ergeben, in dem sich für dich manches klärt. Du bittest sie, dir ihren Namen zu nennen. Vielleicht hörst du einen Namen oder auch nicht, wenn Namen dich festlegen.

Der Vorgang des Ritus ist der Folgende:
Setze dich bequem, schließe deine Augen.

Du stehst vor deinem Haustor. Du gehst langsam deiner Wohnung zu.
(Wenn wir den Ritus zu zweit machen, dann erzählt der Geführte, was er sieht: Ich stecke den Schlüssel ins Haustor, öffne es, jetzt geh ich die Stiege hoch… das ist leichter. In der Gruppe werde ich versuchen, so langsam zu führen, daß jeder für seine Erfahrung Zeit findet).
Du schließt die Wohnung auf in der Gewißheit, daß SIE dich in einem der Zimmer erwartet. Du wirst ahnen, wohin du deine Schritte lenken sollst. Vorsichtig legst du die Hand an die Klinke, öffnest die Tür und siehst dich um, ob du etwas Ungewöhnliches spürst und schaust. Und jetzt erlebt jeder in ganz bestimmter Weise seine Begegnung…

Wenn diese erste Begegnung beendet ist, wirst du dich verabschieden, den Raum verlassen und wieder hinuntergehen woher du gekommen bist. Aber laß die Augen noch geschlossen und wenn du bereit bist wirst du ein zweites Mal den Weg antreten, um deinem Helfer zu begegnen. Dieser mag auch in Tiergestalt erscheinen oder als alter Weiser, clownartig, ja sogar grimmig… Wem es im Tun an Disziplin und Kraft ermangelt, dem wird er vielleicht in klarer gestalthafter Form mit einem Schwert entgegentreten. Wer sich zu sehr bemüht und gewissenhaft plagt, mag die Leichtigkeit im Tun erfahren und diese Einstellung allmählich integrieren, wenn er wiederholt seinen Helfer ruft. Er wird ihn rufen, wenn er ihn braucht. Manchem mag er vertiefte Gelehrsamkeit andeuten, anderen wieder den Mut zum Handwerk zeigen. Die Helfer ermöglichen uns die persönliche Erfüllung und Abrundung unserer Anlage.

Ich glaube, daß wir mit unseren Helfern im Laufe der Zeit mehr und mehr eins werden, so daß ihre Wesensart über unsere Anlage Verwirklichung findet und wir sie nicht mehr als ein Außerhalb, sondern ein Inuns erleben.

Dann gibt es besondere Aspekte der kosmischen Yin- und natürlich auch Yang-Potenzen, die die Menschen anzapfen können in Bezug auf ihre gemeinschafts- und geschichtsbildende Aufgabe. Jeder wirkt in einer bestimmten Weise an der Geschichte mit. Ich bin unbewußt vom Zusammenhang Verstehen-Einstehen getragen, der bei den Griechen in Hera personifiziert wurde. Ich besinne mich auch oft auf die tibetische Tara, die für mich die Liebe in Ja und Nein vertritt, da es mir schwer fällt, abwehrend zu sein. Tara bedeutet gleiche Bewertung von Leben und Tod, Freude und Schmerz, ohne die der Chirurg nicht handeln könnte und auch wir selbst von seelischen Geschwüren verzehrt würden.

Göttinnen sind Ausdrucksweisen der Yinpotenz und der Mut, sie alle einzuladen um wieder an unserer Lebensgestaltung teilzunehmen, ist sicher ein wesentlicher Schritt. Doch ich glaube, daß es in der Wassermannzeit gilt, noch einen weiteren Schritt zu tun, um unser Bewußtsein auf die Erfahrung des unendlichen Urgrunds jenseits aller Personifizierung zu eichen; auf die Erde als Heiligen Grund und den Tierkreis als Mensch im All. Dann wird auch jeder in sich die persönliche Art der Yin- und Yangergänzung finden und, vertrauend in die eigene Kraft der Wahrhaftigkeit am Brückenschlag zwischen Diesseits und Jenseits und damit am Frieden mitwirken.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
III. Die Göttin - meine Göttin
© 1998- Schule des Rades
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