Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

IV. Über die Chakren - Betrachtung und Erfahrung

Meditation

Nun will ich den Ablauf einer Chakrenmeditation beschreiben, wie ich sie auf Anregung von Swami Satyananda jahrelang mit meinen Schülern geübt habe:

Ich besinne mich zuerst auf den langsam strömenden Atem, lausche dem zarten Geräusch. Dann fährt mein Gewahrsein mit dem einströmenden Atem in meiner Senkrechte bis zum Scheitel, sogar ein Stückchen darüber hinaus, um mich dem Unendlichen, dem Licht des Bewußtseins zu öffnen; im ausströmenden Atem sinke ich nach unten und noch ein Stückchen der Erdmitte zu, um die Kraft zu empfangen. So habe ich den Weg zwischen Erde und Himmel freigelegt. Dann bringe ich meine ganze Aufmerksamkeit in das Muladhara, bis ich spüre da! bis mein Gewahrsein an diesem Ort der Leere weilt.

Ich spreche die Chakren mit Namen an, die indischen sind mir lieb, weil sie ein Klangbild darstellen, ohne assoziative Festlegung. Ein Name ist notwendig, denn mit diesem verbindet sich nach einiger Zeit die bisherige Erfahrung, und gleichzeitig öffne ich mich der neuen. Ich könnte auch die Zahl selbst zur Anrufung verwenden, wenn sie für mich alle bisher erfaßte Bedeutung birgt.

Mit dem langsam ausströmenden Atem versenke ich mich in diesen Ort, mit dem einströmenden steige ich in der Senkrechte auf zum nächsten, in den ich wieder ausströmend eingehe. So fahre ich fort, bis ich das siebte Chakra erreicht habe. Dies ist der Aufstieg mittels der Kraft zum Licht. Das Licht lasse ich dann im ausströmenden Atem hinuntersinken, im einströmenden verweile ich im jeweiligen Chakra.

Zum Abschluß der Meditation erfahre ich den ganzen Körper als Leere, erfüllt von feinsten Schwingungen des All; dann spüre ich ihn in seiner Körperlichkeit, und beginne mich zu bewegen, öffne die Augen.

Diese Art, die sieben Chakren bewußt miteinander zu verbinden, ist wirkungsvoll, wenn sich über Körperruhe und entsprechende Atemtechnik der Meditationsatem einstellt. Das ist ein Umschalten der Atmung auf ein gleichmäßig sehr langsames Es-strömt, das niemals gewaltsam erreicht werden kann und darf.

Solche Meditationen können in vielen Variationen durchgeführt werden; man kann ja auch längere Zeit an einem Ort verweilen. Manche verwenden Farbzuordnungen und Bildvorstellungen indischen Ursprungs, wie wir sie auf Abbildungen der Chakren finden, um der Eigenart der sieben Licht-Kraft-Zentren inne zu werden. Ich verwende keine Bilder und Farben. Wenn sie auftauchen, empfange ich sie. In unserem Zeitalter ist der Begriff der Schwingung nicht mehr fremd. Nicht nur der Physiker, auch der Laie spricht von Schwingungen, die kirlianschen Photographien haben die Wirklichkeit einer der alltäglichen Sicht verborgenen Welt gezeigt.

Das Singen von Mantras, das OM-Summen wird oft zur Erweckung der Chakras geübt. Swami Satyananda, der von Musik nicht viel verstand, bediente sich des Harmoniums mit der europäischen Siebentonleiter. Nun hatte mein Mann — der sich seit jeher mit Pythagoras und den Obertönen befaßt hatte — im Jahre 1971 den Einfall, daß der siebte Oberton, der in der nachpythagoräischen Periode als ekmelisch, als unmelodisch bezeichnet wurde, weil er sich nicht in den Rahmen der zwölf Töne (unserer temperierten Stimmung) einordnen läßt, eine besondere Bedeutung haben müsse. Als er berechnete, daß dieser siebte Oberton die Oktave in fünf gleiche Teile teilt, also die eigentliche Pentatonik bestimmt, nach der manche japanische Flöten gestimmt sind, die auch in tibetanischen sakralen Gesängen vorkommt, ließ er ein elektronisches Instrument bauen, das wir Chakraphon nannten. Im chinesischen Buch Schi Gi, das sieben Initiationsstufen darstellt, fanden wir den Hinweis, daß der erste Ton gleichzeitig der sechsten, der zweite der siebten Stufe zugeordnet sei. Dieses Instrument hat uns viel Freude gebracht, und erwies sich als wirksame Einstimmung in die Chakren, als Harmonisierung der Zentren.

Eine logisch eindeutige Bestimmung dieser sieben Grundschwingungen haben wir in der indischen Tradition nicht gefunden. Nachdem die Unterscheidung der vier Funktionen und der drei Bereiche als Komponenten des Bewußtseins die Basis unserer Arbeit am Rad, am Verstehen des denkerisch faßbaren Zusammenhangs bildete, — nachdem es zeitlebens unser Anliegen war, die Eigenschaften von Zahl und Maß als Schöpfungsprinzipien in ihrem gegebenen System zu ergründen, — hat mir die Beziehung der Sieben (empfinden, denken, fühlen, wollen, Körper, Seele, Geist) zu den Chakren eingeleuchtet. So habe ich die Meditation mit der Intention verbunden,

  1. im Muladhara an die Wurzel meiner Wahrnehmungsfähigkeit, die den Kontakt mit der Erde ermöglicht, zu gelangen,
  2. im Swaddhistana an den Ursprung der Denkkraft, der Erkenntnis,
  3. im Manipura bis zur eigentlichen Wunschkraft durchzustoßen,
  4. im Anahata, als Mitte der Sieben, die Leere zu erreichen, der mein Wollen im Einklang mit dem Ganzen entspringt,
  5. im Vishuddha bewußt und mutig an Leben und Tod, Werden und Vergehen verkörpernd mitzuwirken,
  6. im Ajna in die Ichkraft, die Kraft der Mitte aller personalen Regungen vorzustoßen, die in Kommunion mit allen Wesen steht (Seele),
  7. und mich im Sahasrara über das Licht des Geistes als Teil des Ganzen zu wissen.

Wir finden in allen Kulturen systematische Zuordnungen, da wird von höherem und niederem Fühlen gesprochen — aber was empfinden, fühlen, denken, wollen wirklich ist, wie es vor sich geht, wofür diese Begriffe stehen, wird erst wieder in unserer Zeit, wo das Denken zur tragenden Funktion wird — Wassermann = Körper-denken — zum Eckstein des Denkgebäudes.

Das Orten der Chakren über das körperliche und geistige Empfinden, das mentale Einsteigen in den Kraftstrom, gehört zu den traditionellen Praktiken, die von der Übung in die mystische Erfahrung führen. Der Wunsch, genau festzustellen, was das eine Energiefeld vom anderen unterscheidet, warum die Sieben sich in dieser Weise reihen lassen und nicht anders, ist ein Anliegen unserer Zeit. Es geht heute nicht darum, vom Mysterium der heiligen Messe zum Mysterium der Chakrenmeditation überzutreten; das Geheimnis des Lebens wird durch die Klärung der Begriffe niemals geschmälert. Im Gegenteil die Arbeit an den Begriffen reinigt das Wort von eingefahrenen Assoziationen und macht es zum Gefäß der Intuition und Erkenntnis, die Verwandlung und Fortschritt bewirken.

In all unseren Büchern haben wir diese Chakrenordnung dargestellt, und versucht, die sieben Elementarbegriffe aus verschiedenen Gesichtspunkten zu beleuchten — das Verständnis hat sich wieder in der Chakrenerfahrung integriert. Meditation ist das erwartungslose Warten auf das Unerwartete. Jedes Chakra ist ein Leerefeld, ein anderes Gefäß. Und diese Gefäße sind kommunizierend. Urkraft und Urlicht strömen hindurch.

Die Intention, in der Meditation immer wieder an den Ursprung der Wahrnehmungskraft (empfinden), der Denkkraft etc. zu kommen, macht diese Besinnung zu einer Selbstverständlichkeit; — ist es doch nichts anderes worum ich mich täglich im Leben bemühe: den Einklang der Vier und der Drei zu wahren, und den Zugang zur Erneuerung, jenseits des bereits Gewußten und Erfahrenen offen zu halten; — über diese vier Wirkweisen, empfinden, denken, fühlen, wollen, in den drei Bereichen, Körper, Seele, Geist, im zwölffältigen Lebenskreis meine Anlage zu verwirklichen. Das Verständnis der Sieben, der Neun und Zwölf ist auf Verwirklichung gerichtet. In meinem Buch Anlage als Weg habe ich diesen Zusammenhang dargestellt.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
IV. Über die Chakren - Betrachtung und Erfahrung
© 1998- Schule des Rades
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