Schule des Rades

Dago Vlasits

Wissenschaft vom Ursprung ist der Ursprung von Wissenschaft

Die ionische Aufklärung

Man bezeichnet die Philosophen des Altertums auch als die ionischen Aufklärer, denn ihr Denken entzündete sich vor allem an der Kritik der mythischen Götter, wie sie im literarischen Werk Homers und Hesiods überliefert waren. Wenn wir uns nun in groben Zügen die ersten Ansätze wissenschaftlichen Denkens im alten Griechenland in Erinnerung rufen, dürfen wir auf Grund der eingangs angestellten Überlegungen folgendes nicht vergessen: Die kritische Haltung der Vorsokratiker dem Mythos gegenüber setzt an einem Punkt an, bei welchem der wahre Sinn der Überlieferungen bereits seit langem wieder verloren war. Denn ursprünglicher Mythos war immer astraler Mythos und daher Astronomie. Diese war immer zugleich Astrologie, wenn auch darunter nicht unbedingt das zu verstehen ist, zu dem die Königliche Kunst heute teilweise verkommen ist. Die zeitliche Ordnung am Himmel — und das galt als die eigentliche Ordnung — diente der Orientierung und der Einstimmung des Menschen auf der Erde. Den Wahrheitswert und die sinnstiftende Funktion bezog der Mythos jedoch nicht aus seinen blumigen Ausschmückungen, sondern aus seinem mathematischen Gehalt, welcher die Übereinstimmung mit dem objektiven Geschehen am Himmel zum Ausdruck brachte. Sobald aber dieser Gehalt nicht mehr verstanden wurde, verlor der Mythos seine sinnstiftende Kraft. Ohne den mathematisch-astronomischen Hintergrund konnte der Mythos der Kritik nicht standhalten, und das Agieren der anthropomorphen Götter und Helden wurde als menschliche Projektion entlarvt. Was hier aber verworfen wurde, war die sinnentleerte Hülle, und nicht das, was die archaischen Astronomen und Mythenschöpfer meinten.

Doch hinsichtlich ihres empirischen Ansatzes erkennen wir die archaischen Himmelsbeobachter eines Sinnes mit den ersten Physikern der vorsokratischen Epoche. Diese wie jene setzten keine Phantastereien als Anfangsgründe ihres Weltverständnisses, sondern rational einsichtige Größen, die mit der sinnlichen Beobachtung übereinstimmen. Während aber die archaischen Astronomen durch die exakte Himmelsbeobachtung die Götter und ihr Wirken erkannten, war die griechische Proto-Wissenschaft vielfach durch die Kritik des Gottesbegriffes selbst gekennzeichnet. In heutiger Sprache könnte man sagen, daß die mythischen Götter als unbrauchbare Hypothesen oder willkürlich gesetzte Anfangsbedingungen entlarvt wurden. Mit Thales setzte ein Prozeß ein, an dessen Ende ein objektivierter Naturbegriff steht, wie ihn dann später die neuzeitliche Naturwissenschaft als selbstverständliche Voraussetzung kennt. Der archaische Mensch hingegen steht nicht einer Natur gegenüber, sondern begreift sich von Anfang an als Mitspieler des großen kosmischen Dramas.

Die Vorsokratiker suchten also nach einem physikalischen Anfangsgrund, wiewohl sie diesen weniger in der Physik als im Denken fanden. Man kann sie zwar als Physiker bezeichnen, da sie an der Natur orientiert waren, doch sie erkundeten nicht sosehr die tatsächliche Natur als vielmehr die Möglichkeiten, wie man über Natur nachdenken kann. Die Weltvernunft, der Logos, war ihr eigentlicher Untersuchungsgegenstand, und dessen Gesetz versuchten sie in der Physis wiederzuerkennen. Dabei erweisen sich aus heutiger Sicht ihre logisch gefundenen Prinzipien und Erkenntnisse nicht in tatsächlicher Übereinstimmung mit der physikalischen Realität. Trotzdem bedeutet es eine völlig neue Denkweise, wenn etwa Thales die Entstehung von Erdbeben nicht auf Poseidon zurückführt, welcher seinen Dreizack in die Erde rammt, sondern im Schwanken der auf dem Wasser schwimmenden Erdmassen die Ursache für die Erschütterungen erkennt. Ein solches Vorgehen ist auch heute noch charakteristisch für wissenschaftliches Denken. Letztlich haben die meisten Konzepte und Positionen der Vorsokratiker in einem etwas veränderten Kontext doch noch ihre Berechtigung gefunden. Beispielsweise bestätigte sich die Ansicht, daß das Leben aus dem Wasser entstanden ist, wenn sich dies Thales auch in einer etwas anderen Weise vorgestellt hatte. Ja, selbst seine Erklärung der Erdbeben ist nicht so falsch, denn tatsächlich haben sie ihre Ursache im Schwimmen der Erdplatten auf einem flüssigen Medium.

In jeder modernen wissenschaftlichen Theorie lassen sich Rückgriffe auf antike Konzepte finden, was aber nicht verwunderlich ist, da bereits die Alten die wesentlichen Fragen gestellt hatten, welche wissenschaftliches Denken kennzeichnen. Was ist die Ursubstanz? Was ist Raum? Was ist Zeit? Was ist Leben? Besteht die Welt aus Teilchen oder ist sie ein Kontinuum? Regiert der blinde Zufall oder ist alles determiniert? Welche Rolle spielt die Mathematik? Ihre Antworten sind naturgemäß oft etwas grob ausgefallen und entbehrten der Verifikation durch das Experiment. Nichtsdestoweniger haben sie prinzipiell mögliche Positionen vorweggenommen. Wir wollen sie im folgenden kurz umreißen und ihre Ähnlichkeit mit modernen Konzepten herausstreichen.

Dago Vlasits
Wissenschaft vom Ursprung ist der Ursprung von Wissenschaft · 1994
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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