Schule des Rades

Dago Vlasits

Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit

Das Phänomenale und das Numinose

Ist aber der Urgrund singulär, und hat alles nur in diesem seinen Bestand, wie wirklich ist dann die phänomenale Wirklichkeit, die uns als das Gegenteil des Singulären, nämlich als das Allgemeine, Objektive, bzw. Intersubjektive erscheint? Mystik schlägt sich immer auf die Seite des Singulären, und hebt schließlich den Unterschied zwischen singulär und allgemein auf. Philosophie hingegen neigt sich zum erscheinenden Phänomen, also zum Allgemeinen, welches zum gemeinsamen Wissen werden kann.

Betrachten wir in aller gebotenen Kürze einige unterschiedliche Positionen, bei denen der Akzent auf das Phänomenale als unsere von allen geteilte Wirklichkeit gelegt wird. Doch sei noch einmal an die gegenteilige, die mystische Art erinnert, wie sie etwa in den meisten östlichen Wege gepflegt wird. Dort finden wir verschiedene Grade der Entwirklichung der Erscheinung zum bloßen Schein, und die letzte, unaussprechliche Wahrheit wird mit dem erleuchteten Gewahrsein des Sinnes identifiziert, welcher jenseits der Form liegt. Auch die europäische Metaphysik vor Kant kennt eine ähnliche Unterscheidung, nämlich die von Schein, welcher durch die Sinnlichkeit gegeben ist, und wahrem Sein, welches nur durch reines, vernünftiges Denken erreicht werden kann. Dem hat Kant aber ein Ende gesetzt und die Bewertung Sinnlichkeit = trügerisch und Denken = wahr, als einen Irrtum entlarvt. Sinnesempfindungen sind nicht weniger wahr als Gedanken, oder umgekehrt, sondern empfinden und denken sind einfach zwei völlig verschiedene Bewußtseinsfunktionen. Und was das Empfinden an Phänomenen liefert, wird nun von den meisten Philosophen seit Kant nicht mehr als illusionärer Schein im Sinne des platonischen Idealismus bewertet, sondern gilt als Realität des Menschen, die denkend von allen in gleicher Weise erfaßt werden kann. Allerdings sind diese realen Erscheinungen jedoch nur Kundgaben von etwas Dahinterliegendem, über die dinghafte Erscheinung hinaus gelangt Kant zum transzendenten Ansichsein (des Dinges), welches unbegreifbar und numinos ist.

Solches Philosophieren geht letztlich darauf, das Denken in seine Schranken zu weisen, um dem — das Denken übersteigenden — Glauben Platz zu machen. Das Numinose wird durch solch fundamentale Kritik also nicht vernichtet, im Gegenteil, die Kritik macht erst den Blick darauf frei. Und dem befreiten Denken fällt dann in Kants Philosophieren neben dieser Selbstbeschränkung noch die Aufgabe zu, dem Handeln und Wollen allgemeingültige ethische Richtlinien zu liefern.

Einen noch stärkeren Akzent als Kant legt Ernst Mach auf die Realität der Sinnensempfindungen, indem er sie überhaupt als einzige Realität anerkennt. Nicht nur Töne, Farben, Düfte, Räume, Zeiten etc., und was wir als Dinge bezeichnen, sind zusammengesetzte Empfindungskomplexe, selbst das Ich betrachtet er als ein solches Ding. Er trennt nicht zwischen immanent und transzendent, er sieht keinen Wesensunterschied zwischen Subjektivem und Objektivem, Psychischem und Physischen, Innen und Außen. Was jedoch zu kommunizierbarem Wissen und intersubjektiver Wahrheit werden soll, müsse nach Mach immer mathematisch sein. (Ähnlich Kant, der meint, es sei nur soviel Wahrheit in einer Wissenschaft, als in ihr Mathematik ist.) Mach fordert, allen religiös-metaphysischen Spekulationen zu entsagen, und sich im Denken auf das Notwendigste zu beschränken.

Er berichtet aber in seiner Analyse der Empfindungen auch von einer kosmische Einheitserfahrung, die ihm in jungen Jahren zuteil wurde, er kennt also ein ganzheitliches Gewahrsein des Sinnes, vergleichbar der gnostischen Erleuchtung, der sich in der scheinbar widergöttlichen, räumlich-massiven Welt der Distanzen und Differenzen der Einende Eine offenbart.

Husserl schließlich begründet seine Phänomenologie auf der Reduktion der Welt, diese wird absichtlich ausgeschaltet, eingeklammert, wodurch er zu einem reinen Bewußtsein gelangt. In diesem findet er nun die Welt und ihre Gegenstände als Bewußtseinsintentionen vor, nicht als empirische Objekte außerhalb und transzendent, wie es die natürliche Einstellung des Menschen und auch die wissenschaftliche Methode tut. Das derart von aller konkreten Existenz befreite reine Phänomen ist nun ein unmittelbar Selbstgegebenes, Evidentes, das einer Analyse zugänglich ist, welche den Menschen Sinn und Wesen einer Sache schauen läßt.

Gemäß Husserl erfaßt also der Mensch den Eidos, das Urbild der Dinge nicht in einem jenseitigen, platonischen Himmel, sondern im reinen Bewußtsein, welches die Gegenstände der Welt aus sich hinausmeint, sie intendiert.

Nach Auffassung des Anthropologen Castaneda wurde dieser Ansatz radikal verwirklicht und vor langer Zeit vorweggenommen durch die toltekischen Zauberer, deren Lehren ihm durch den Yaqui-Zauberer Don Juan Matus theoretisch und praktisch vermittelt wurden. Laut dieser Lehre ist das Abstrakte zugleich das absolut Objektive, da es sich dem Wissenden als energetische Urstruktur zeigt, die für alle Subjekte gleich, also intersubjektiv wahr und wirklich ist. Doch der falsche Gebrauch der Sprache entfremdet den Menschen von dieser ursprünglichen Wahrnehmung. Eingesperrt in eine Blase schablonenhafter Wahrnehmungen, die biographisch und kulturell bedingt ist und durch den inneren Dialog dauernd aufrecht erhalten wird, verliert er das wahre Subjekt der Welt. Er gewinnt es wieder, wenn er die Welt anhält, also das assoziative Bewußtsein stoppt, seinen assemblage point lokalisiert und diesen zu verschieben lernt. Hierbei handelt es sich um einen Punkt auf dem Energieleib des Menschen, seine variable Position bestimmt die Art der Wirklichkeit, die wahrgenommen werden kann. Die besondere Stellung dieses Punktes auf dem Energieleib ist also entscheidend und durch das Beherrschen dieser Punktverschiebung kann der Krieger — der erwachte Mensch mit dem Tod an seiner Seite — absichtlich zwischen Tonal und Nagual, zwischen Aktualität und Potentialität, zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit wandeln. Um aber die objektive, also energetische Sicht des eigenen Leibes, auf welchem der assemblage point verschoben wird, zu erreichen, schlägt Castaneda einen körperlichen Übungsweg vor. Denn die eigentliche philosophische Arbeit sind hier nicht die Operationen im Reich der Wissensinhalte des Bewußtseins, sondern jene im ganzheitlichen Erleben, also dem Körpergewahrseins. So ist dann die schamanische Reduktion kein theoretischer Akt, sondern die Reduktion des Konkreten auf das Abstrakte ist eine Reduktion des Grobstofflichen auf das Feinstoffliche, und die letzten allgemeinen Prinzipien sind hier keine verstandenen Sätze sondern wahrgenommene energetische Formen.

Vermutlich wäre Herr Professor Husserl zumindest erstaunt, von welcher Seite er heute Zuspruch und Nachfolge erlangt. Denn er verstand seine Phänomenologie als Grundlage aller Philosophie und als Universalwissenschaft oberhalb aller Wissenschaften. Auf Grund eines derartigen Selbstverständnisses von Philosophie war ihm diese ein unendlicher Forschungsgegenstand, wie eben jede Wissenschaft die Untersuchung ihres spezifischen Gebiets als ein unendliches Geschäft versteht. Um Lebensweisheit war es ihm ausdrücklich nicht zu tun. Philosophie im ursprünglichen, sokratischen Sinn ist jedoch keine fortschreitende Anhäufung von Erkenntissen und deren Formalisierung, sondern ihr geht es um die Erringung der Weisheit, um das Wissen, wie man handelt und wandelt ohne die Mitte zu verlieren. Es ist der Weg mit Herz, wie Don Juan den Weg des Kriegers charakterisiert hat.

Nimmt man also entgegen Husserls eigenem Philosophieverständnis die Phänomenologie als Anfangsgrund einer Weisheitslehre, so ist der Weg des Kriegers die einzig richtige praktische Konsequenz daraus. Es ist das radikale Verantwortlichwerden für die Phänomene, die in meinem Bewußtsein aufsteigen. Verantwortlichwerden in diesem Sinn bedeutet, sich mit der verursachenden Kraft der Phänomene, die mein Leben bestimmen, zu identifizieren. Diese Kraft scheint unergründlich, unerkennbar, und doch geht es darum, mit ihr eins zu werden und — in der Meisterung dieser Absicht — selber der Verursacher meiner erscheinenden Lebenswirklichkeit zu sein.

Don Juan bezeichnet diesen Weg als Weg des Wissens. Doch handelt es sich hier nicht um eine Art von Wissen, die das Nichtwissen zum Gegenteil hat, weshalb wir es als Weisheit bezeichnen wollen — denn Wissen und Nichtwissen sind in der Weisheit vereint.

Dago Vlasits
Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit · 1996
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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