Schule des Rades

Dago Vlasits

Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit

Null und Eins, Punkt und Hyperkubus

Der Anfang allen Philosophierens erweist sich als das begriffliche Bezeichnen einer Urzweiheit oder Differenz, welcher der Mensch gewahr wird, wenn er in die Offenheit des Fragens tritt. Dieser ursprünglichen Zweifältigkeit entspringt die naive begriffliche Unterscheidung von Nichtwissen und Wissen genauso wie das Begriffspaar Transzendenz und Immanenz, oder das Begriffspaar singulär und allgemein. Und weiters auch alle anderen möglichen Zweifältigkeiten wie etwa jene von Zeit und Raum oder Nichts und Etwas. Im Erkennen der vielen Möglichkeiten der begrifflichen Belegung der Unterscheidung leuchtet uns auch schon das Wesentliche ein: Hinter allen derartigen Begriffspaaren steht das Paar, die Zweiheit selbst. Wenn das aber das Wesentliche ist, dann müssen wir gelingendes Philosophieren definieren als eine Art Rückwendung des Begreifens, eine Rückwendung auf das, was die unterschiedlichen Begriffe und die anderen Sprachkategorien erzeugt, nämlich die dahinterliegenden unterschiedlichen Fältigkeiten der Zahlen, welche allen Sinn ergeben. Dabei soll hier unsere erste Rückwendung speziell auf den Sinn der Zweifältigkeit gehen, auf die Urunterscheidung und Urdifferenz von Nichts und Etwas, bzw. Leere und All. Das wortlose, doch zahlhafte Innewerden des Unterscheidens in dieser Rückwendung, durch welche wir der Zweiheit hinter allen möglichen begrifflichen Belegungen gewahrwerden, ist das mathematische Erfassen des Sinnes, der in allen begrifflich unterschiedlichen Bedeutungsebenen der gleiche ist. Habe ich mich zu einem solchen Philosophieren entschieden, dann habe ich die Welt der Zahl als die Wurzel allen Sinnes anerkannt, wodurch dann die Mathematik als Methode für mein weiteres Philosophieren bestimmend wird. Wie habe ich also vorzugehen? Die minimalste begriffliche Substantivierung der Urdifferenz, welche in meinem Gewahrsein aufscheint, ist Nichts und Etwas. Mathematisch vorgehend müssen wir sie arithmetisch als Null und Eins, geometrisch als Punkt und Hyperkubus.

P u n k tH y p e r k u b u s

Wenn Nichts und Etwas die minimalste sprachliche Substantivierung des Urgegensatzes ist, so hat er in Leere (oder Chaos) und All (oder Kosmos) seine maximalste. Von hier aus fortschreitend, im Versuch umfassendsten sprachlichen Be-Deutens wird das Nichts, das Unbegreifliche zum singulären Urgrund, das Etwas, das Begreifliche, zum Begriff des sinnlich erfahrbaren und denkend verstehbaren All in seiner ganzen strukturellen Fülle.

Für die Physik wäre demnach der Punkt die Singularität des Urknalls, der Hyperkubus aber die modellhafte Veranschaulichung der vierdimensionalen Raumzeit. Quatenmechanisch wiederum steht der Punkt für die Spontaneität des Wirkungsquants, und die Geometrie des Würfels für die atomare und molekulare Organisation der Wirklichkeit, denn die Struktur des Atoms, welches der Baugrund aller Moleküle ist, der zahlenmäßige Aufbau der Elektronenhülle und der Quarks im Atomkern lassen sich durch einfache mathematische Transformationen aus dem im Kubus einbeschlossenen Dreieck — mit den Seiten W u r z e l - 1, W u r z e l - 2, W u r z e l - 3 — ableiten (siehe auch Wissenschaft vom Ursprung

Chaostheoretisch schließlich steht der Punkt für die Bifurkation, für den Verzweigungspunkt, an welchem ein System frei seinen Entwicklungsweg wählen kann, da hier die Unbestimmtheit der Anfangswerte eines Systems zum tragen kommt. Die vier Diagonalen, welche den dreidimensionalen Würfel durchmessen, symbolisieren in dieser Sichtweise die vier Arten der Zeitorganisation, topologisch die Dynamiken der 4 Attraktoren des Chaos: Der Fixpunktattraktor ist die Grundlage aller energetischen Flüsse, die immer dem entropischen Gefälle folgen. Der Grenzzyklus-Attraktor ist die Grundlage des Bewußtseins, mit der Fähigkeit zu identifizieren — sich selbst und anderes — beruhend auf der dauernden Wiederholung des Gleichen, was Gedächtnis und Wiedererkennen ermöglicht. Der Torusattraktor zeigt das Zusammenspiel von Zyklen unterschiedlicher Frequenz. Ein ganzzahliges Verhältnis zwischen zwei Frequenzen bedeutet Resonanz, ein irrationales bedeutet Nicht-Resonanz. Ersteres ist die Basis aller gegenseitigen Wahrnehmung und Beeinflussung, Nicht-Resonanz aber bedingt die Stabilität der Erscheinungen, die wir Materie nennen. Der seltsame Attraktor schließlich ist das Urbild der Selbstorganisation der Systeme oder Wesen, die — angesiedelt zwischen Ordnung und Chaos — durch nicht-determinierte Entscheidungen neue Möglichkeiten verwirklichen.

Überhaupt bilden die Komponenten des Würfels — die 8 Ecken, 12 Kanten, 6 Flächen, 4 Diagonalen und die natürliche Zahl 9 im nullhaften Mittelpunkt des Kubus, welche sich rechnerisch als Produkt der 4 Diagonalen ergibt — die Matrix von allem, was wir wissen können, natürlich nicht im Detail, sondern als zahlhafte Urgestalt. Sie begegnen uns als zwölffältiger Quintenzirkel und Tierkreis; als Achterschlüssel der atomaren Bindung, als achtfältige Struktur des Gewahrseins und acht heilige Richtungen im schamanischen Erdheiligtum; als sechs Freiheitsgrade im 3D-Raum, als sechs Wandlungszustände des I Ging und die sechs grundsätzlichen Rollen der Urfamilie, die wir in all unseren Beziehungen einnehmen können weiters als vier Attraktoren der universellen Dynamik in Entsprechung zum Tetragrammaton, dem vierfältige Gott, welcher sich als Energie, Bewußtsein, Materie und Selbstorganisation manifestiert. Die Neun schließlich begegnen uns mikrokosmisch als neun ungesättigte Elemetegruppen von I. Alkalimetalle bis zu IX. Seltene Erden, die ihre Entsprechung in den emotionalen Krisen der Menschwerdung haben —

  1. Grundvertrauen
  2. Anpassung
  3. Inbild
  4. Strategie
  5. Norm
  6. Werten
  7. Individuation,
  8. Mantik und
  9. Mystik.

Makrokosmisch sind es die neun Planeten, die astrologisch im Eneagramm von 1 Jupiter bis 9 Pluto als neun Wirkweisen erkennbar sind —

  1. heilen
  2. gestalten
  3. erkennen
  4. sorgen
  5. unternehmen
  6. kommunizieren
  7. kämpfen
  8. verantworten und
  9. entwerfen.

Mesokosmisch bestimmen sie das Denk- und Sprachvermögen des Menschen als neun Wortarten und Satzbausteine, vom einfältigen Bindewort bzw. Konjunktion bis zur Neunfältigkeit der Zeitwortformen. Sie stehen für die kognitiven Fähigkeiten von

  1. Anschauung
  2. begreifen
  3. verstehen
  4. vorstellen
  5. urteilen
  6. besprechen
  7. fragen
  8. erklären und
  9. planen.

Die integrierte Darstellung dieser vielfältigen Zusammenhänge ist aber nicht der Kubus, sondern ein zweidimensionales Bild, das Rad und seine verschiedenen Substrukturen. Denn wiewohl wir in einer vierdimensionalen Wirklichkeit leben, vollzieht sich alle denkerische Vorstellung auf der Fläche, womit die Gesetze der ebenen Geometrie die rationale Basis des Verstehens bilden.

Dago Vlasits
Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit · 1996
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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