Schule des Rades

Dago Vlasits

Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit

Das RAD

Das Rad ist die geometrische Veranschaulichung aller natürlichen Systeme und der Urcode der Semiotik. Als Schlüssel zu den Grundstrukturen der Zahl, des Raumes und der Zeit offenbart es die erkenntniskritischen als auch ontologischen Konstanten, welche die Gesetze von Mikro-, Makro- und Mesokosmos bedingen. In seiner Funktion als

Weltgrammatik zeigt es den gemeinsamen konstitutiven Grund aller religiösen und philosophischen Traditionen und ist somit das eigentliche Erbe der menschlichen Geistesgeschichte. Mit Wurzeln, die bis zu den Steinkreisen prähistorischer Zeiten reichen, ist es im vor-buddhistischen Tibet als Gcug die Religion des Menschen, im Unterschied zu den Religionen der Götter bekannt, und als pythagoräisches Denken befruchtete als immer wieder die europäische Philosophie und Wissenschaft. Für die heutige Wassermannzeit von Arnold Keyserling neu artikuliert, liefert das Rad eine transkulturelle philosophische Sprache, und als Struktur des Gewahrseins ist es angesiedelt an der Nahtstelle zwischen Chaos und Kosmos, dem Ort des schöpferischen Menschen. Ihm wird das Rad zum Werkzeug der Selbstaktualisierung und der Mitarbeit am Werk der Erde.

Ansatz der formalen Entwicklung des Rades sind Null und Eins, die allem Begreifen, und Punkt und Hyperkubus, die aller Anschauung vorausgehen. Aus der Sicht des Rades wird der Mensch verstanden als Wesen zwischen der schöpferischen Leere und der Fülle der Wirklichkeit. Diese beiden als Punkt und Hyperkubus setzend, von denen einer ohne den anderen nicht sein kann, lassen sich dann dazwischenliegenden Dimensionen ableiten, die den eigentlichen Leib des Menschen sichtbar machen. Es ist der Leib, mit welchem der einenden Sinn erfaßt wird, welcher die Leere des Gewahrseins und die Fülle der kosmischen Wirklichkeit durchdringt. Die zwischen Punkt und Hyperkubus liegenden drei weiteren Dimensionen des Menschseins sind zeitlich Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit, räumlich Linie, Fläche und Volumen. In den drei zeitlichen Größen läßt sich die Matrix der Erlebensbereiche Geist, Seele und Körper erkennen, und in den drei räumlichen die Matrix der Bewußtseinsfunktionen empfinden, denken und fühlen. Den Punkt der nullten Dimension aber wollen wir verstehen als das Gewahrsein des gelebten Augenblicks, welcher eben jetzt mein und Dein All ist. Und den Hyperkubus der 4. Dimension begreifen wir als das Kontinuum der wirkenden Kräfte, in welches wir wollend, wählend und entscheidend eingetaucht sind. Diese Kräfte können wir ergreifen oder lassen, sich von ihnen ergreifen lassen, oder sich ihnen verschließen.

Auf diesem Hintergrund kristalliesiert die Gestalt des Mensch in seinen Umrissen als fünffältiges Wesen. Nicht nur seine äußere Gestalt mit Kopf, zwei Armen und zwei Beinen und die Organisation seiner Sinnlichkeit ist fünffältig, ebenso müssen wir beim Menschen zwischen

  1. Gewahrsein
  2. Wachen
  3. Reflexion
  4. Traum und
  5. Tiefschlaf

und bei seinem Gegenüber zwischen

  1. Gott
  2. Mensch
  3. Tier
  4. Pflanze und
  5. Mineral

unterscheiden. Allesamt entsprechen sie den fünf Zahlenarten und ihren 8 möglichen Rechnungswegen in den vier Raum- und vier Zeitdimensionen (siehe unten). Die mystische Rede von der Ogdoas, dem Pleroma der Acht, welche die Gnostiker als die göttliche Weisheit verstanden haben, läßt sich hiermit in ein kritisches Verständnis überführen, und wir erkennen die Acht als den Entfaltungsgrund des Rades.

Dago Vlasits
Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit · 1996
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD