Schule des Rades

Dago Vlasits

Das stumme Wissen

Raum-Zeit-Erleben

Die Informationsgesellschaft ist der Schatten der Kommunikationsgesellschaft und die Katastrophe, vor welcher Kritiker der schönen, neuen Cyberwelt warnen. Paul Virilio etwa sieht den Verlust von Nähe und somit Vereinsamung und fehlende Kommunikation in einer Welt, in welcher Information mit Lichtgeschwindigkeit vom fernsten Winkel der Erde im Nu empfangen wird. Die elektronische Vernetzung läßt die Distanzen auf der Erdoberfläche zu Nichts schrumpfen, und in dieser Schrumpfung des realen Umraums erkennt Virilio eine Umweltkatastrophe sondergleichen — die Ökologen, welche auf die räuberische Vernichtung der Ressourcen durch die menschlichen Technologien hinweisen, hätten diesen Raubbau noch gar nicht registriert. Den dreidimensionalen Raum mit seiner Tiefe und Schwere, seinen Variationen der Distanzen und Perspektiven, der Raum, in welchem der Mensch als körperliches Wesen sein Leben als Aufbruch, Reise und Ankunft erlebt, als Gegenüber und Begegnung und als Dauer des echten Erlebnisses, sieht Virilio bedroht.

Tatsächlich können Fragen nach dem Sinn, der Bedeutung oder der Aufgabe des Menschen nur in einem Raum gestellt und beantwortet werden, der ein solches Zeiterleben ermöglicht. In der Echtzeit der elektronischen Medien gibt es diese Zeiterfahrung nicht, die Zeit scheint zu einem Punkt geschrumpft, wie auch der nun nicht mehr benötigte Raum. Das Nahe und Reale wird durch das Virtuelle und Ferne verdrängt, und wiewohl der Mensch mit der ganzen Welt vernetzt ist und Unmengen an Informationen empfängt, ist er mit seinem lebendigen Umraum nicht in Verbindung, nicht in Kommunikation und Kommunion.

Es scheint so, dass die Übertragung von Daten mit Lichtgeschwindigkeit den Planeten weniger zu einem Dorf als zu einem Zimmer, ja zu einem Sitzplatz schrumpfen läßt. Daher ist die Angst nicht völlig unberechtigt, dass am Ende der elektronischen Entwicklung nicht dörfliche Intimität und Nähe stehen, wie der Begriff des globalen Dorfes vermuten und hoffen läßt, sondern die Vereinsamung im eigenen Kästchen. Wie ein Behinderter lebt der Mensch in Virilios Zukunftsvision bewegungslos in der bloßen Virtualität der Information, bestückt mit Cyber-Prothesen, die nicht nur die ganze Körperoberfläche als Datenanzug umhüllen, sondern in Zukunft auch das Körperinnere invadieren werden, als die Mikromaschinen der Nanotechnologie, über welche der Stoffwechsel und Bewußtseinszustände gesteuert werden können. Gewiß wird so mancher bei solch beklemmenden Prophezeiungen über das menschheitliche Schicksal unweigerlich an das technologisch hochentwickelte, insektenhafte Volk der Borg aus dem SciFi-Märchen Star Treck erinnert, die halb Mensch und halb Maschine sind.

Ich glaube nicht, dass sich dieses Szenario jemals verwirklichen wird, es ist eher der Stoff, aus dem man eben Science-Fiction produziert. Wenn aber Virilios Vision eine richtige Beschreibung dessen wäre, was aus elektronischer Vernetzung zwangsläufig folgt, müßte man mit aller Kraft dieser Vernetzung Einhalt gebieten. Im nächsten Moment aber schon erscheint uns ein solches Ansinnen naiv, wie Maschinenstürmerei und ein Anrennen gegen die unausweichliche Realität. Denn die elektronische Revolution kommt wie ein Naturereignis über uns, sie ist unausweichlich wie der sich vollziehende globale Klimawandel. Beide sind so kontrollierbar wie Naturereignisse und so unkontrollierbar wie etwas vom Menschen Verursachtes.

Die Destination mag noch offen, die Weichen noch nicht gestellt sein, doch der Zug der technologischen Entwicklung ist längst abgefahren, denn Millionen von Menschen sehen in der Vernetzung einen segensreichen Prozeß und treiben ihn voran, stellen doch seine Auswirkungen eine Erleichterung auf vielen Gebieten und ein Faszinosum für den menschlichen Geist dar. Mit eventuellen Vorzügen der Vernetzung halten sich Kritiker der schönen neuen Cyberwelt allerdings nicht lange auf, sie sind ihnen eher illusionäre Allgemeinplätze, auf denen sich naive Fortschrittsgläubigkeit tummelt, welche die realen Gefahren übersieht. Man wird jedoch dem globalen Trend der Vernetzung nicht gerecht, wenn man ihn nur als einen ungewollten Unfall kollektiver Selbstversklavung deutet, als blinden Marsch von Lemmingen in Richtung eines Abgrunds der Entmenschlichung. Tatsächlich erzeugt die Vernetzung eine virtuelle Einheit des Planeten, schafft eine Noosphäre, ein gemeinsames Gedächtnis der Menschheit, mit der Möglichkeit globalen Friedens und gerechter Versorgung. Diese Möglichkeiten sind die eigentliche Legitimation für Globalisierung und Vernetzung.

Wenn man also nicht meint, die Zukunft schon zu kennen, kann man weder die positiven noch die negativen Möglichkeiten der globalen Vernetzung leugnen, und nach aller Analyse und Kritik stellt sich einfach die Frage, wie die positiven verwirklicht und die negativen vermieden oder minimiert werden können. Dabei ist eine bestimmte Art von Frieden und gerechter Versorgung, die auch im Horrorszenario Virilios möglich ist, keine erfolgreiche Lösung, nämlich der Friede der reibungslos funktionierenden großen Maschine. Einen solchen toten Frieden des zu einem Knotenpunkt des Netzes, zum Teil der Maschine degenerierte Menschen strebt niemand absichtlich an. Auch Virilio zeiht nicht böse Mächte dieser Absicht, Kurzsichtigkeit und Blindheit lassen die Menschheit selbstverschuldet in ihr Unglück rennen.

So ist es also nicht sosehr das Vorhandensein einer falschen Absicht, die Grund zur Sorge gibt, als vielmehr das Fehlen einer komplementären Intention und Bemühung, die Bemühung um die Vergegenwärtigung und Einstimmung auf den existentiellen Realraum des Menschen. Ein Kontrapunkt ist zu setzen, das was Virilio durch die Vernetzung schwinden sieht, muß bewußt angestrebt werden. Dies bedeutet, dass der elektronischen Verbindung nicht aller Platz eingeräumt werden darf, vielmehr dass zu selben Teilen der Realraum, in welchem das Körperwesen Mensch sich befindet, bewußt erspürt, verstanden, erfüllt und geschaffen, ja gefeiert werden muß.

Was ist der Raum des lebendigen Menschen, worauf sollen wir uns also besinnen? Der Raum, in welchem nach Ansicht Virilios durch die elektronische Technologie Zentrum, Peripherie und dazwischenliegende Dimensionen zusammenzubrechen drohen, und der durch die Lichtgeschwindigkeit als Übertragungsgeschwindigkeit gänzlich verdrängt wird, ist der dreidimensionale Raum. Das eigentlich Menschliche, das Virilio in diesem Raum angesiedelt und durch die elektronische Revolution bedroht sieht, ist aber nicht bloß durch die Dreidimensionalität bedingt, sondern vor allem durch eine nullte Zeitdimension und eine vierte Raumdimension. Ihre Wirklichkeit und philosophische Relevanz beziehen diese zwei weiteren Dimensionen weder aus logisch-formalen Folgerungen, noch aus physikalischen Fakten, sondern aus der subjektiven Erfahrung.

  • Die nullte Dimension ist die Leere des Gewahrseins, in ihm erscheinen alle Bewußtseinsinhalte, es ist unser eigentliches Subjekt. Diesem wird in der vierten Dimension der sich entfaltenden Wirklichkeit die Erfahrung der Fügung zugänglich, als die Erfahrung des akausalen, synchronistischen Sinnzusammenhangs. Von den subjektiven Dimensionen null und vier ausgehend, ist es nun möglich und notwendig, die drei euklidischen Dimensionen ebenfalls vom Ort des Subjekts aus zu definieren. Die drei formal gleichförmigen Dimensionen x, y, z werden dann subjektiv zu unten/oben, hinten/vorne, links/rechts. Damit ist aber nicht bloß eine subjektiv gefärbte Bezeichnung für x, y und z ausgedrückt. Vielmehr sind oben/unten, hinten/vorn und links/rechts als jene Dimensionen zu begreifen, in welchen wir die elementarsten Organisationsweisen des Wesens Mensch orten können. Weniger streng systematisch entwickelnd, als intuitiv vorwegnehmend sei kurz angedeutet, was uns die drei Raumdimensionen in dieser Sichtweise bedeuten:
  • Die Dimension links/rechts entspricht dann der Zweiheit von linker und rechter Gehirnhemisphäre, der Zweiheit von digitaler und analoger Auffassung, die den Menschen auszeichnet. Die Unterscheidung von links und rechts ist somit der Ansatz der Funktion des Unterscheidens überhaupt, der Unterscheidung von Datum und Nicht-Datum bzw. Differenz. Es ist Grundlage der Unterscheidung des faktisch Empfundenen von imaginaler Verzerrung oder aber auch imaginaler Ergänzung.
  • Die Dimension vorne/hinten wiederum ist das paradigmatische Muster für die Funktion des Folgerns, des adäquaten Hintereinandersetzens voneinander abhängiger Objekte, also die Funktion des logischen Verknüpfens und kausalen Verbindens.
  • Und die Dimension oben/unten, welche für das menschliche Subjekt konkret in der Körperachse durch die Richtung der Schwerkraft festgelegt ist, ist das fundamentale Muster für die Erfahrung von Kräften. Alle Beweggründe, Sehnsüchte, Triebe, Mängel, aus denen sich eine Kraftentfaltung als Streben nach Erfüllung, Sättigung, Gleichgewicht und Vollendung ergibt, hat in der Erfahrung der Schwerkraft ihr Urbild.

So besehen ist der dreidimensionale Raum jener Raum, der die auf den Erdmittelpunkt weisende Körperachse als Zentrum hat, über die wir uns in der Kraft verwurzelt wissen, Stufen ihrer Intensität unterscheidend. Zweidimensional grenzt er unmittelbar an den natürlichen Datenanzug Haut an. Äußerster Rand und Peripherie ist der kreisrunde Horizont der Himmelsrichtungen, in deren Feldern sich das All ausbreitet. Eindimensional loten Getast, Geruch, Geschmack, Gesicht und Gehör seine Tiefe aus, wie über Kanäle kommen uns über diese Fünf dauernd Reihen neuer Informationen zu.

Dieser Raum muß verwandelt werden in einen Ort der Begegnung und Berührung mit dem Mitmenschen als auch mit dem Numinosen, um die Kreativität der Liebe und des Sinnes zu erfahren. Dies kann aber nur geschehen, wenn sich der Mensch dem Nulldimensionalen und dem Vierdimensionalen öffnet, denn es gibt keine Subjekte im dreidimensionalen Raum, nur mehr oder weniger komplexe Objekte, und es gibt in ihm keinen umfassenden Sinn, höchstens kausale, logische und zweckmäßige Verknüpfungen verschiedener Fragmente.

Der dreidimensionale Zeitlauf und die dreidimensionale Ausdehnung werden zum Zwangslauf und zur Mechanik, in welchen sich der Mensch verliert, wenn er seine Körpermitte (4. Dim) und das Gewahrsein des Augenblicks (0. Dim) nicht kennt. Wir geben Virilio recht, wir müssen des dreidimensionalen Raums unseres Körpers bewußtbleiben, doch die drei Raumdimensionen oben/unten, vorne/hinten, links/rechts weisen auf die Mitte des Körpers, sie ist der Ursprung der drei Raumausdehnungen, aus ihr hebt alle Ausdehnung und Bewegung an. Diese vierte Dimension wird nur dem lebendigen, handelnden Subjekt zugänglich, wird zur Erfahrung der Kraft der Fügung, die alles Zersplitterte und Separierte zum einen Sinn fügt.

D i m e n s i o n s k r e i s

Ebenso gilt es, die Wirklichkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anzuerkennen. Doch obendrein weisen diese drei Zeiten auf eine Zeit vor der Zeit, den Augenblick des Gewahrseinssubjekts, welches sich als Zeuge und Ursprung der erscheinenden Zeiten erkennt. Diese nullte Dimension ist das Gewahrsein der Leere, die Erfahrung des Seins als Erleuchtung.

Offenbar sind Erlebnisse der Erleuchtung und Fügung nicht gerade das, was unser Alltagsbewußtsein auszeichnen. Dies kann auch nicht anders sein, denn unser Alltagsbewußtsein ist mit Erfahrungen der dreidimensionalen Raumzeit identifiziert. Das Geschehen in dieser dreidimensionalen Raumzeit kann als Bewegen von mehr oder weniger schweren Objekten im dreidimensionalen Raum gesehen werden, wie es in der klassischen Mechanik der Fall ist. Hier herrscht eine strenge Auffassung von Kausalität, bei welcher etwa kleine Ursachen auch nur kleine Wirkungen haben können, und ursachlose, spontane Wirkungen überhaupt nicht denkbar sind.

Alles Geschehen kann aber auch als Austausch von Information gesehen werden, wobei das Wirkungsmaß der Information nicht von der Menge der beteiligten Massen und Energien abhängt, die beim Informationsaustausch beteiligt sind. Die fünf Dimensionen der Raumzeit

0. Gewahrsein (Sein)
1. links/rechts (Größe)
2. vorne/hinten (Zusammenhang)
3. oben/unten (Kraft)
4. Körpermitte (Fügung)

haben dann ihre Entsprechung in 5 Dimensionen der Information,

0. Sinn
1. Syntax
2. Semantik
3. Pragmatik
4. Synchronizität

Im synchronistischen Erleben und Handeln zeigen sich etwa die Informationen von zwei scheinbar unzusammenhängenden Ereignissen, solche von unterschiedlicher Syntax, Semantik und Pragmatik dennoch als vom gleichen Sinn. Die Aufmerksamkeit auf den vierten Aspekt der Information gerichtet, zeigen sich sogar die Zufälligkeiten des individuellen Lebens eingebunden in eine verborgene Sinnharmonie, als ein lebendiger, webender Zusammenhang, der über den der kausalen Determiniertheit hinausgeht. Zugleich wird bei unserem informationstheoretischen Ansatz neben den drei konventionellen Aspekten — eben der Syntax, der Semantik und der Pragmatik — noch eine 0. Dimension des reinen Sinnes angenommen. Er entstammt den Ziffern des Dezimalsystems, welche nicht sosehr bloße Abstraktion und bloße Quantifizierung sind, sondern Chiffren des ersten und höchsten Sinnes. Aller Sinn in aller möglichen Syntax, Semantik und Pragmatik ist dieser Sinn, ebenso aller Sinn in den synchronistischen Erfahrungen und Handlungen. Die zehn Chiffren, die diesen Sinn konstellieren, sind die überbewußt wirkenden Urgestalten aller Wahrnehmung und Erkenntnis. Und die Wahl, welche jeder Handlung vorausgeht, ist — bewußt oder unbewußt — immer die Wahl einer Zahl, als die Wahl eines angepeilten Sinnes. Es bedeutet zugleich eine Reduktion, eine Exformation der vielen potentiellen Information zu wenig aktualer Information, letztlich ein Schaffen von Wirklichkeit aus der Möglichkeit. (Den Aspekt des reinen Sinnes und den der Synchronizität werden wir weiter unten im Begriff der divinatorischen Information zusammenfassen.)

Diesen Umfang des Begriffs Information, in welcher Weise die Form jeglicher Information immer mit der Urinformation der Strukturen von Raum und Zeit verknüpft ist, und inwieweit eine informationstheoretische Konzeption der Wirklichkeit die Erfahrung des subjektiven Lebenssinnes erleichtert, wollen wir im folgenden entwickeln und erörtern.

Dago Vlasits
Das stumme Wissen · 1998
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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