Schule des Rades

Dago Vlasits

Das stumme Wissen

Stummes Wissen

Jede Erkenntnis, ob das Begreifen eines Details oder das Verstehen des letzten Sinnes, geht einher mit einem Akt der Exformation. Der Reduktionismus des Wissenschaftlers ist Exformation, aber auch die Rückführung der phänomenalen Differenzen auf den Einen Urgrund durch den Mystiker, bzw. das Verringern und stoppen der Assoziationen in der Meditation. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen dem Heureka! des Forschers und dem Samadhi des Mystikers, doch quantitativ betrachtet führen beide eine Exformation durch, wodurch sie den gesuchten Sinn — einer Sache oder des menschlichen Daseins — finden. Wenn also Exformation die Erkenntnis des Sinnes — zumindest — mitbewirkt, was ist dann ihr Wesen? Entscheidend ist wohl die Einsicht, dass Exformation nicht wahllos ist, sondern bestimmten Mustern folgt.

Mit dem Begriff der Exformation ist zwar ein wesentliches Moment des Erkenntnisaktes getroffen, aber eben bloß der Vorgang des Verringerns von Information, jedoch nicht die Maßstäbe, nach welchem die Auswahl von Vernichtung und Hervorhebung von Information geschieht. Dies bringt uns zum Begriff des stummen Wissens (engl. tacit knowledge) welcher 1960 von dem ungarisch-englischen Philosophen Michael Polany geprägt wurde. Dieser Begriff weist auf ein Wissen hin, dessen sich der Mensch bedient, wenn er die unbewußt bleibenden komplizierten Vorgänge der Mustererkennung und Durchführung von zusammenhängende Bewegungsabläufe wie etwa Radfahren verwirklicht. Vom amerikanischen Philosophen Daniel Dennet wiederum gibt es den Begriff der impliziten Information, welche einfach als jene Information definiert wird, die für das Aufnehmen von expliziter Information immer schon vorausgesetzt ist. Bringt man wieder den Begriff der Exformation ins Spiel, so wäre demnach das stumme Wissen (oder die implizite Information) genau das, was bei jeder Informationsaufnahme die Exformation lenkt und leitet, was also das Muster vorgibt, nach welchem die Exformation, die Reduktion von Information durchgeführt wird.

Wenn also Informationsaufnahme Erkenntnis und Verstehen bedeutet, dieser Prozeß aber immer von einem impliziten, unbewußten Wissen gesteuert wird, dann ist dieses Wissen hinter dem Wissen der eigentliche Generator jeglichen Wissens, das wir überhaupt gewinnen können. Alles was durch Exformation aus dem Meer der Information gewonnen wird, durchläuft einen Auswahlprozeß, der von einem Wissen beeinflußt wird, welches vor jedem Erkenntnisakt immer schon vorhanden ist.

Jedoch kann alles Mögliche als stummes Wissen wirken und mein Wahrnehmen und Verstehen leiten. Alles was ich erlernt habe, und sich irgendwie und irgendwann bewährt hat, kann zu einem beharrenden Muster werden, welches meine Gestaltwahrnehmungen und mein Handeln steuern kann. Dabei kann ich manche dieser Muster bewußt abrufen und mir dann gerade ihre unbewußte Wirkweise zunutze machen, etwa Auto zu fahren, doch gleichzeitig mit dem Nachbarn sprechen. Genauso können aber auch Muster wirksam werden, ohne dass ich ihre steuernde Funktion bewußt initiiere, wenn ich etwa in einer lebensgefährlichen Situation blitzschnell, ohne zu denken die richtige Bewegungsabfolge vollziehe. Die Eigenmächtigkeit der gestalt- und verhaltenerzeugenden Muster kann aber auch weniger segensreiche Wirkungen zeitigen, als ein Erfahrungswissen welches Verhaltensweisen erzeugt, die mich in einem leidvollen Zustand festhalten, wenn ich etwa schon als kleines Kind gelernt haben, dass Vertrauen in andere Menschen immer Schmerz und Enttäuschung zur Folge hat.

Polanys Begriff des stummen Wissens hat sich in der Kognitionsforschung nicht durchgesetzt, doch das Gebiet welches dieser Begriff abdeckt, gewann großes Interesse in der Forschung über künstliche Intelligenz. Denn um menschliche Erkenntnis- und Handlungsweisen durch Computer und Roboter nachzuahmen, muß das stumme Wissen sprachlich formuliert und als Programm geschrieben werden. Allerdings ist das stumme Wissen nicht nur für KI-Forscher von immenser Bedeutung, sondern für jeden Menschen, der sich selbst besser verstehen möchte. Denn es ist immer ein stummes Wissen, das unser Erkennen und Handeln leitet und uns unter Umständen zu Robotern und pawlowschen Hunden macht. Solche unerfreuliche Programme oder Skripts zu durchschauen, um mehr oder weniger frei von ihnen zu werden, bzw. neue, bessere zu schaffen, hat sich die Psychoanalyse und alle späteren Therapieformen zur Aufgabe gemacht.

Aber unterhalb dieses stummen Wissens, welches das Individuum im Laufe der Sozialisation erlernt und im weitesten Sinne als Konditionierung bezeichnet werden kann, gibt es ein stummes Wissen einer viel elementareren Art, welches nämlich die Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt in intersubjektiver, bei allen Menschen in gleicher Weise bedingt. Es sind die Strukturen von Raum und Zeit und als deren Ursprung die Strukturen der Zahl. Die Darstellung ihres systemischen Zusammenhang ist das Rad.

Wenn wir hier das Rad als das eigentliche stumme Wissen begreifen, so ist es der Urkontext der Information, welcher den syntaktischen, semantischen und pragmatischen Kontext umfaßt und übersteigt. Für diesen Aspekt der Information haben wir den Begriff der Divinatorik gewählt. Divination bedeutet Wahr- und Voraussagung, doch als Divinatorik wollen wir jenen Prozeß verstehen, in welchem die Information und ihr Sinn überhaupt erst erschaffen werden. Es ist der göttliche, der ganzheitliche Sinn. Die erschaffene Information und ihr Sinn erscheint dann in der Wirklichkeit unter seinem syntaktischen, semantischen und pragmatischen Aspekt. Der divinatorische Aspekt umfaßt aber die Kreation von Information, ihre Emergenz, als auch ihre ursprüngliche Sinngebung. Syntaktisch wird diese Information und ihre Sinn in der Wirklichkeit zu einer Menge von Daten, semantisch zum abstrakten Netzwerk eines relativen Bedeutungskontextes, und pragmatisch zum energetisch-materiellen Netzwerk von tatsächlichen Wirkungen. Der Mensch als in­for­ma­tions­ver­ar­bei­ten­der Organismus erscheint durch diese drei Aspekte vollständig erfaßt. Doch den Menschen verlangt es auch nach einem Sinn für sein scheinbar zufälliges Leben. Dieser ist nur in der divinatorischen, kreativen Dimension der Information zugänglich.

Erreicht der Mensch die divinatorische Ebene der Information, erkennt er nicht nur den Neuigkeitswert, die Bestätigung einer Semantik und die pragmatische Wirkung einer Information, sondern auch den umfassenden Sinn, durch welchen jede Information und letztlich der ganze Mensch selbst in einer verborgenen, dauernd neu entstehenden göttlichen Harmonie eingebunden sind. Im Gewahrsein dieser Dimension kann der Mensch angesichts einer offenen Zukunft frei den Sinn seines Lebens erschaffen und empfangen.

Wie kann uns das Rad dabei ein nützliches Werkzeug sein? Als ein Werkzeug der Exformation hilft es uns, die vielfältigen Informationen unserer persönlichen Lebenswelt zu organisieren und zu integrieren. Informationen betreffen entweder meine Person, den Besitz und die Gestaltungen, den Werdegang, die Wurzeln, die Meisterung, die Arbeit, die Gemeinschaft, den Tod, die Aufgabe, den Beruf, das Werk oder die Heilung. Was mir als Information geschieht und widerfährt, bzw. alle Information, die ich handelnd erzeuge, muß ich in eines dieser zwölf Felder integrieren, welche im Rad als der Tierkreis erscheinen. Das Anerkennen dieser Struktur als die Urformation des menschlichen Wesens erfordert aber auch, dass eben in allen diesen zwölf raumzeitlichen Feldern Informationen empfangen werden müssen. Will ich ein ganzer Mensch sein, darf ich mich keinem von ihnen verschließen.

Das philosophische Verständnis der Astrologie, wie es sich aus der Logik des Rades ergibt, ist somit eine Hauptdisziplin des Raddenkens, da es die gesamte Lebensgestaltung in einem 84 jährigen Lebenskreis umfaßt. Doch der Tierkreis ist bereits die komplexeste Systemik, durch welche die menschliche Lebenswirklichkeit dargestellt ist. Die Komponenten der Felder betrachtend, zeigt sich in der Radkonstruktion, dass jedes der zwölf durch eine Bewußtseinsfunktion und einen Bewußtseinsbereich konstituiert ist. Es sind die vier Funktionen des Empfindens, Denkens, Fühlens und Wollens, und die drei Bewußtseinsbereiche des Körpers, der Seele und des Geistes. Erstere haben gemäß dem Rad ihre formale und ontologische Grundlage in vier verschiedenen Raumdimensionen, Zahlenarten und Rechenwegen, Körper, Seele und Geist in drei verschiedenen Zeitdimensionen, denen ebenfalls unterschiedliche Zahlenarten und Rechenwege zugeordnet sind. Die zwölf Felder analysierend erkennen wir also, dass alles, was in unserem Bewußtsein aufscheint, Informationen sind, die als Sinnesdaten, Gedanken, Emotionen und Entscheidungen auftreten, welche zu einem körperlichen, seelischen oder geistigen Zusammenhang gehören.

Dago Vlasits
Das stumme Wissen · 1998
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD