Schule des Rades

Dago Vlasits

Zur Orientierung in der globalen Kultur

Vom Mythos zum Logos

Das mittelalterliche Weltbild beschrieb ein Uni-versum im eigentlichen Wortsinn, alle Naturreiche waren darin auf das Eine, auf Gott ausgerichtet. Dieser aber, das Zentrum religiösen und philosophischen Denkens, kann kein Gegenstand des wissenschaftlichen Denkens sein, er ist weder verifizierbar noch falsifizierbar. So wurde der göttliche Sinn verdrängt und vergessen, und durch das messende Auge der Naturwissenschaft verloren Mensch und Erde die zentrale Stellung im Kosmos. Sie fanden sich wieder als Teil eines unbedeutenden Sonnensystems einer unbedeutenden Galaxie in einem entlegenen Winkel eines schier unermesslichen All, das keinen ausgezeichneten Ort kennt.

Doch die Physik dieses Jahrhunderts hat dem Menschen wieder stillschweigend in einer anderen Weise die Mitte des Universums zugewiesen. Auf der Skala von den atomaren bis zu den galaktischen Größen, welche sich über rund 40 Zehnerpotenzen erstreckt, nimmt der menschliche Körper die Mittelstellung ein. Und wenn der Mensch auch nicht mehr mit gutem Gewissen als Herr und Krone der Schöpfung bezeichnet werden kann, so ist er doch das komplexeste Lebewesen das wir kennen. Sein Ort aber, die Erde, welche dreidimensional betrachtet kaum mehr als ein Staubkorn in den galaktischen Weiten bildet, ist vierdimensional gesehen das Zentrum der Wirklichkeit. Denn Wirklichkeit ist, wie uns die Relativitätstheorie lehrt, immer lokal, ist also das, was sich im Bezugssystem eines Beobachters auf Grundlage der Lichtgeschwindigkeit im Hier und Jetzt dem Bewußtsein einbildet.

Was ist also diese Erde, ohne welche der Mensch überhaupt nicht denkbar ist? Astronomisch ein kleiner Planet, relativistisch die lokale Wirklichkeit, wird sie mythisch als die Große Mutter besungen. Ihrem Schoß sind wir Menschen und alle mit uns lebenden Wesen entsprungen. Sie gebiert ohne Unterlaß und ihr Leib ist zugleich der Ort eines großen Werks, des Werks des Menschen, welcher der irdischen Evolution entstammt. Denn die Erde ist nicht nur Halt und bergender Grund der ihr entsprungenen Wesen, nicht nur vertrauenspendende Mutter durch die Beständigkeit ihrer Rhythmen. Sie ist auch der Ort des Aufstiegs, von welchem ihre Kinder wie Strahlen dem Licht des Himmels entgegenstreben.

Läßt sich eine solche mythische Sicht, die ja immer mehr ein Glauben als ein Wissen ist, auch kritisch verstehen? Dem Mythos geht es um den Sinn des Menschen, und als solcher peilt der Mythos eine größere Wahrheit an, als durch das rationale Zergliedern der Fakten erreicht werden kann und will. Doch das Trübe des Mythos birgt auch Gefahren, er kann die abstrusesten Blüten treiben und zu unkritisch hingenommenen Dogmen erstarren.

Den Menschen aus diesen Zwängen des Mythos zur klaren Schau des schöpferischen Logos zu befreien, das hatten sich die vorsokratischen Philosophen zu Aufgabe gemacht. Der europäische Geist ist noch immer von dieser Intention getragen, und die moderne Naturwissenschaft ist ein Kind dieser ionischen Aufklärung. Zwar atmet in der modernen Wissenschaft nicht mehr der schöpferische Logos, sondern sie hat sich zu Logik und Empirismus verengt. Trotzdem lassen sich durch eine bloße Entscheidung die Fakten der Naturwissenschaft zu einem lebendigen, ganzheitlichen Bild zusammenfassen und — ohne in den Mythos zurückzufallen — der Logos in seinem Werk erkennen. Macht man diesen entscheidenden Schritt, dann muß das Zählen und Messen der Naturwissenschaft fortan nicht mehr als Mittel der Entzauberung der Welt erachtet werden, sondern in Zahl und Maß wird das Werkzeug des Demiurgen, des Weltenschöpfers erkannt. Ebenso bedient sich der Mensch, von der aufsteigenden Kraft der Evolution getragen, der Zahl und des Maßes und verwandelt zusehends das Antlitz der Erde. Als solcher gleicht er dem schöpferischen Logos, ist dessen Freund und Mitarbeiter am Werk der Erde und erlebt seine Kreativität als Teilhabe an der göttlichen Schöpferkraft.

Tatsächlich wird das Göttliche, welches durch das reduktionistische Vorgehen der modernen Naturwissenschaft scheinbar seiner Wohnung in der Natur beraubt wurde, am Horizont des wissenschaftlichen Denkens wieder zu einer kraftvollen Ahnung. Nicht mehr dort, wo das Denken die Linien des majestätischen Baus der Schöpfung nachfährt — welche noch dem mittelalterlichen Menschen genug an Beweis für Gottes Existenz war — sondern dort, wo das Denken endet und scheitert, wo es zu den letzten Ursachen vorstößt, die keiner weiteren Analyse mehr zugänglich zu sein scheinen.

In der Logik und Mathematik konnte Gödel mit seinem Unvollständigkeits-Theorem beweisen, daß kein rationales System seine eigenen Voraussetzungen begründen kann. Was auch immer das Denken artikuliert, es gründet sich auf ein Nichts, schwebt letztlich über einer bodenlosen Tiefe oder Leere. Genauso ist die Physik unseres Jahrhunderts in dreifacher Hinsicht an eine ebensolche Grenze gelangt. Makrokosmisch ist es die Singularität des Urknalls, der Punkt vor der Expansion der Raumzeit, den die relativistische Physik nicht mehr begreifen kann. Mikrokosmisch ist es die Spontaneität des Wirkungsquants, das frei ist in seiner Möglichkeit, sich aus dem Vakuum zu aktualisieren oder dies bleiben zu lassen. Gesetzmäßigen Zwangslauf gibt es nur bei der Betrachtung vieler Quanten, wobei aber diese Gesetzmäßigkeit bloß statistischer Natur ist. Das einzelne Quantum der Wirkung ist in seinem Sein oder Nicht-Sein keiner Ursache untertan, es ist Ursache seiner selbst. Und im mittleren Bereich der alltäglichen Größenordnung, dem Mesokosmos, begegnet uns eine solche Freiheit im Bilde der Bifurkation. Die aus dem Chaos sich selbst organisierenden Wesen der Biosphäre sind nur zum Teil determiniert. Ihre Entwicklung verläuft über Bifurkationen, Gabelungspunkte, an denen ein System frei zwischen Alternativen wählen kann und neue, unvoraussehbare Formen und Verhaltensweisen hervorbringt.

Entscheidend ist hier nun das Verhältnis des Menschen zu diesem Unerkennbaren, auf welches die Begriffe Singularität, Vakuum und Chaos deuten. Er kann es bloß als Grenze der Erkenntnis akzeptieren und sich wieder der Tagesordnung der erkennbaren Dinge zuwenden, oder es wird ihm zur existentiellen Erfahrung des Urgrundes von Selbst und All, die schöpferische Mitte jedes Wesens.

Die wahre Ur-Macht, die alles erschafft, erhält, verwandelt und vernichtet, ist letztlich durch keinen Begriff zu fassen. Über sie zu reden, bedeutet schon, ihr nicht gerecht zu werden. Und doch muß auf diese unbegreifliche Urkraft gedeutet werden, damit alles Begreifliche und alle konkreten Kräfte des physischen Daseins, die ja der Urmacht entstammen, in unserem Bewußtsein nicht die Beziehung zu ihrer Wurzel verlieren. So muß denn das ganze All aus dem Nichts, die Fülle aus der Leere, der Kosmos aus dem Chaos begriffen werden.

Dago Vlasits
Zur Orientierung in der globalen Kultur · 2000
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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