Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Das Wort und das Mantra

Das Wort — Geschenk der Evolution an den Menschen — Geschenk und Fluch.

Sprache — Medium der Erkenntnis und des Irrtums — Werkzeug der Führung und der Verführung.
Gedanken die Kommunikation und Kommunion (Vereinigung der Wesen) vermitteln, kreative, erneuernde Gedanken, die einen Fortschritt im Verständnis des Menschen und seiner Welt bringen, und mechanische, assoziative Gedankenabfälle, die ihn beinahe unaufhörlich bewußt und unbewußt durchfließen, unbeabsichtigt und ungewollt. Gedanken, die keine Klärung hervorrufen, keine freudige Stimmung oder praktische Lösung vermitteln; Wiederholung von bereits Gedachtem, die Energie vergeudet, statt sie zu vermehren.

Wie ist Gedankenruhe, wie Stille zu erreichen, auf das dieses Geschenk der Schöpfung, das Medium, der Mittler im Bewußtsein, aus den Wesenskeimen neue Triebe und Blüten hervorbringen kann?
Die Lehrer aller Kulturen haben sich pädagogisch um Methoden bemüht, um dieses Übel des Menschen, in assoziative Mechanik zu verfallen, in empfangende und kreative Beziehung zum Wort und sich selbst zu verwandeln.
Schweigen ist freilich ein Ausweg aus diesem Dilemma. Aber mit der Absage an das Reden ist noch nichts erreicht.
Vor Jahren begegnete mir ein Mann, so um die vierzig, der eine leitende Stellung bei der UNO innehatte. Er kam gerade aus Mali zurück, wo er mehrere Wochen bei einem Alten verbrachte, um das innere Schweigen zu erlernen. Eine Empfindsamkeit für innere Schwingungen, eine Hellsichtigkeit und andere Begabungen stellten sich alsbald ein.
Swami Satyananda sagte: Wer das innere Schweigen erreicht, dessen Worte schaffen Wirklichkeit.
Wenn Don Juan zu Castaneda Stop the world sagt, heißt das: stop das Denken, deine Vorstellungen der Welt. Aber wie?

In der schriftlichen und mündlichen Überlieferung Indiens finden wir zahlreiche Darstellungen der Kondition des Menschen, seiner Beziehung zum Göttlichen, der Struktur seines Bewußtseins und besonders Methoden aller Art, um die Unwissenheit der Kreatur zu überwinden, und das eigentliche Subjekt, Atman zum Subjekt zu erheben, welches mit Brahman, der Allseele identisch ist.
WER bist du, fragt Ramana Maharshi jenen, der ihn aufsucht, um diesen auf seine einende Substanz zu verweisen, aus dem gleichen Nicht — Stoff wie das Absolute, das Allumfassende: Brahman.

Diese Beziehung des eigentlichen Ich, das wir das Selbst nennen, zum allumfassenden Du hat sich in mein Bewußtsein selbstverständlich eingeschlichen, blieb mir doch die Darstellung von Gott Vater immer entfernt und fremd, und die des Sohnes wie sie uns als Kinder nahegebracht wurde, allzu menschlich, entbehrte der kosmisch numinosen Dimension, die Kinder ersehnen.

Die Struktur des Bewußtseins und die mögliche Einwirkung auf dieses war für die Inder des Stier-Kontinents (Körper-empfinden) so real, das sie in ihren Weisungen auf moralisch — ethische Prinzipien verzichten konnten, was wiederum für uns, Bewohner des Fischebereichs (Geist-fühlen) am Ende der Fischezeit wohltuend erschien.
Yoga ist soviel wie Methodik des Lebensweges. Was uns am indischen pädagogischen Denken anspricht, ist unter anderem auch die Erkenntnis der Vielfalt der menschlichen Temperamente und damit die Selbstverständlichkeit, das jeder eine andere Art der Methodik braucht, um sich zu entfalten. Deshalb neigt Indien auch nicht zum Fundamentalismus.
Gott, oder die Stimme des Ostens, spricht nicht zu Gruppen, sondern zu Einzelwesen. Das heißt nicht, daß diese sich als Freunde nicht zusammenschließen, um am Werk mitzuwirken. In der Freundschaft achten wir die Andersartigkeit des Nächsten und werden gerade davon inspiriert.
Diese Einstellung liegt dem Menschen der Wassermannzeit nahe, in der jedes Individuum seine Beziehung zu Gott finden muß.
So können wir aus der Fundgrube vergangener Erfahrung und Weisheit jenes ergreifen, was uns förderlich ist, und uns von dem zeitlos Gültigen verschiedener Methoden anregen lassen, um sie vielleicht in verwandelter Form anzuwenden. In der Wassermannzeit des Körper-Denkens interessieren uns alle körperlichen Techniken und alle Methoden, die das Denken betreffen.

Der Hatha-Yoga, diese Kunst der Venus, die keine kriegerischen Wurzeln hat, gründet in erster Linie auf der Realitätsfunktion des Empfindens, um als Grundlage alles weiteren ein ganzheitliches Körpergewahrsein herzustellen. Das Bemühen um das Empfinden und Sehen der Körperteile, der Zehen, Fußsohle, Rist, Ferse, Unterschenkel etc. verdrängt bereits die Emotionen und Denkströme. Die verschiedenen ungewohnten Positionen, die volle Aufmerksmkeit erfordern, tragen ebenfalls dazu bei. (Empfinden steht im Rad, dieser Urstruktur, im Quadrat zu denken: Bemühung führt zum ersten Erfolg). In den körperlichen Bewegungen und den Atemübungen wird der Atem rhythmisiert und verlangsamt.
Patanjali (ca. 300 v. Chr.) weist in den Yoga-Sutren darauf hin, das das Verlangsamen des Atems auch den mechanischen Denkstrom verlangsamt. Denken und Atmen sind in enger Beziehung.

Wer im Yoga an eine gewisse Körperganzheit und Atemruhe herangekommen ist, und sich darauf in Gänze einem Etwas zuwenden will, also eine Blume meditiert, eine geometrische Form oder ein Mantra, wird vielleicht trotzdem von aufsteigenden Gedanken gestört. Diese gilt es nun nicht zu verdrängen, sondern als unvoreingenommener Zeuge wie vorbeifahrende Züge zu betrachten, ohne einzugreifen. Dieserart auch staunend zur Kenntnis genommen, werden sie vorerst verschwinden. Solche Kenntnisnahme kann dann zu sinnvoller Überlegung führen.

So manche/r beklagt sich, selbsttätige Gedankenverknüpfungen nicht abstellen und nicht beeinflussen zu können.
Eine der ältesten Methoden hierzu ist das Mantra, das im hinduistischen und buddhistischen Bereich zu einer umfassenden Wissenschaft geführt hat. Da gibt es einerseits die Bij-Mantras, Wurzelmantras, die die verschiedenen Laute und die Wirkung ihrer Schwingungen auf das Bewußtsein und den Körper unterscheiden und ihn mit bestimmten Aspekten des Göttlichen verbinden. Auch mechanische Wiederholung — so wird behauptet — soll wirksam sein. Die ayurvedische Medizin verwendet Mantras in Beziehung zum Energiefeld des Menschen und den Chakras zur Heilung. Ich habe mich nicht mit letzterem befaßt, wurde aber von Ma Yogashakti in die Meditation des OM eingeführt.

Nach dem Erreichen der Körperruhe haben wir uns dem Atemstrom zugewandt, und diesen von außen durch die Nase bis tief in den Unterleib begleitet — und wieder zurück. Dann haben wir die Laute O und M ein- und ausfließen lassen. Aber nicht auf die Laute sollten wir uns konzentrieren, sondern auf die Schwingungen der beiden. Wir rufen also die Laute mental hervor, wie in einem inneren Flüstern und wir lauschen; wir sind schöpferisch und empfangend gleichzeitig.
Diese Schwingungen liegen der Schöpfung zugrunde, besagen die Veden — wie das Yin und das Yang; ihre Einung entspricht dem Wu Chi, in chinesischer Terminolgie — der göttlichen Allkraft.
In den Veden: aus der Urschwingung OM ist die ganze Schöpfung entstanden.
Diese Vorstellung verbindet in uns Motivation und Intention in Ehrfurcht.
Und wenn man zufällig einmal begnadet ist eine ungeteilte Aufmerksamkeit aufzubringen — und dazu gehört außerdem noch eine Portion der Absichtslosigkeit — dann mag sich eine andere Wahrnehmungsebene einschalten, die etwas ungewohntes eröffnet; im Zustand der Unschuld wird es etwas Wunderbares sein.
Die Aufmerksamkeit, die ungeteilte Zuwendung, ist das Medium des Wollens. Mit dieser Meditation kommen wir, wenn die Gedanken versiegen, an die Wurzel der Wortebene. Ich habe es einmal erlebt, und die Schwingungen des O und des M flossen ineinander in ein noch Ursprünglicheres, Unfaßbares.
Während die reine Beobachtung von Gedankenfetzen immer nützlich ist — auch in der Entspannung in der Badewanne kann man mitunter solche Einsicht gewinnen — haben die Schwingungen des Mantra die Kraft, sinnlose, das heißt nicht dem Wesen entwachsene Denk- Fühlkomplexe aufzulösen, um wieder aus der Wurzel der Denkkraft zu schöpfen.

Außer den Bij-Mantras gibt es Mantras, die als Dichtung den Zusammenhang Mensch und All er-innern, die uns in den Sinn des Ganzen einbinden. So das Gayatri-Mantra:

Om Bhúr Búváh Svahá
Tat Sávitur Varényam
Bhargó Devásya Dhimahi
Dhiyó Yonáh Prachódayath

Laßt uns über das OM meditieren (Besinnen wir uns auf das OM), jenen Urlaut Gottes, aus dem die drei Bereiche (Bhur, Bhuvah, Svaha), das Grobe-Irdische, das Feinere-Ätherische, das Feinste-Himmlische, hervorgegangen sind.
Laßt uns das höchste, unbeschreibbare, göttliche Sein (Tat) verehren (Varenyam), die schöpferische, lebensspendende Kraft, die sich auch in der Sonne (Savitur) kundtut.
Laßt uns über das strahlende (Bhargo) Licht (Devasya) Gottes meditieren (Dhimahi), welches alles Dunkel, alle Unwissenheit, alle Untugenden vernichtet.
Oh Gott, wir bitten Dich inständig (Yonah Prachodayath), daß Dein Licht unseren Geist (Dhi) erhellen möge.

Auch dieses Mantra habe ich in Indien kennengelernt, und verwende es, wenn ich mich in ein Problem eingeschlossen fühle. Nach indischer Tradition spielen die Lautschwingungen ebenfalls eine Rolle, was wir Europäer nicht nachvollziehen können. Ich kann mich jedoch in den Sinn vertiefen, der mich wieder öffnet.

Ich habe meinen Yogaschülern gelegentlich geraten, selbst ein Mantra zu finden, das ihrem Bewußtsein — Gewahrsein Kraft, Harmonie und Stabilität verleiht;
Das selbstgewählte Wort ist auch mächtig in der Förderung unserer Menschwerdung. Mein Mantra war für einige Zeit nichts weiter als das Wörtchen WIR. Die Besinnung auf dieses Wir erfaßte alle Wesen der Erde und des All, führte aus der Vereinzelung in die Erinnerung der Eingebundenheit in das Ganze.

Mensch werden ist ein Ziel der Wassermannzeit: Mensch zwischen Himmel und Erde; Mitwirkender am Großen Werk, auch mit kleinen Beiträgen. Hüben und drüben ein ganzer Mensch (Meyrink).

Jede, jeder ist mit einer Berufung, einer Aufgabe geboren. Im Text einer der letzten Feste im Erdheiligtum stand die Weisung, sich als Aufgabe verbal zu bestimmen: Ich bin jene/jener, die/der den Weg zur Freundschaft in der Hilfe geht, in der Gestaltung, im Entdecken, Lehren etc. Ich fordere die unendlichen Mächte auf, mir den nächsten Schritt zu weisen. Dann versuche ich ein Symbol zu schaffen, eine Zahl oder Konfiguration — in indischer Terminolgie ist das ein Yantra — die/das mich in diesem Jahr trägt. Der Mensch der Wassermannzeit wird zwar seine Lehrer finden, muß sich aber auch selbst Lehrer und Schüler sein. Am Ende der Botschaft wird die Anregung gegeben, sein Anliegen in ein Mantra zu verwandeln, es zu singen und zu tanzen.

Es ist manchmal schwer ein Mensch zu sein — aber einer zu werden ist einen Versuch wert.

Wilhelmine Keyserling
Das Wort und das Mantra · 1999
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD