Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schule der Weisheit

Hermann Keyserling

Amerika

Der Aufgang einer neuen Welt

Das Original dieses Werkes ist englisch geschrieben und für Amerikaner bestimmt. Allezeit war mir beim Schreiben die besondere Mentalität dieser Leserschaft gegenwärtig; nie ging ich von deutschen Voraussetzungen aus; dementsprechend erwies sich sogar der ursprüngliche Titel America set free als unübersetzbar. Was soll unter diesen Umständen eine deutsche oder überhaupt eine nicht-amerikanische Ausgabe? Die Antwort ergibt sich daraus, daß wir heute im gleichen Verstand in der nordamerikanischen Geschichtsperiode leben, wie es einmal eine ägyptische, hellenische, römische, germanische, französische und englische gab.

Stutttgart · 1930

Hermann Keyserling

Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit

Dieses Buch, welches ganz anderer Art ist, als alle meine früheren, entstand auf eigentümliche Weise. Ich hatte überhaupt nicht an Derartiges gedacht. Da bat mich gesprächsweise ein Mitarbeiter des „XX. Jahrhundert“, eine wirklich klare Grenzziehung zwischen Religion und Psychologie vorzunehmen, denn solche fehle bisher und es walteten vielerlei verderbliche Mißverständnisse. Daraufhin schrieb ich die erbetene Betrachtung gleichen Titels, welche der Leser in diesem Bande wiederfindet. Da ich mich sehr kurz fassen mußte, bestrebte ich mich, nur „Quintessenzielles“ zu geben. Dann aber war ich dennoch besorgt: würde dermaßen Verdichtetes verstanden werden? — Zu meinem Erstaunen fand diese Arbeit, die ich für eine meiner schwerstzugänglichen hielt, ein weiteres verstehendes Echo, als irgendeine frühere. Das nun beglückte mich, denn meiner Natur liegt jetzt, nachdem ich mein sechzigstes Lebensjahr überschritten habe, viel mehr, Quintessenzielles als breit Ausgeführtes zu geben.

Diederichs — Jena · 1941

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

Meine verschiedenen Werke stehen in keinem methodischen und systematischen, sondern in lebendigem Zusammenhang. Je nach Zustand und Stimmung ist zu dieser oder jener Zeit dieses oder jenes Problem in den Mittelpunkt meines Interesses gerückt, habe ich mich diesem oder jenem besonders verwandt und gewachsen gefühlt. Und dieser Wechsel und Wandel ist nicht in einsinniger Reihe erfolgt, sondern — soweit sich hier überhaupt eine Regel aufstellen läßt — in Zyklen und Perioden, bei jeder von welchen der gegebene Zustand von innen heraus bestimmte Grenzen setzte. Weitere Grenzen hat von Mal zu Mal mein Künstlertum abgesteckt: bis heute hat mir Formensinn verboten, irgendein Problem in einem einzigen Werke zu erschöpfen, weil dies dessen Rahmen gesprengt hätte; und so wird es wohl bis zum Ende meiner Tage bleiben.

Deutsche Verlagsanstalt · 1936

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Das Beglückende des Alt-Werdens besteht in der fortschreitenden Verlebendigung der Erinnerung. Der junge Mensch erinnert gar nichts im Verstande dessen, wie es das Alter kennt und meint; er wird von undifferenzierten und oft auch dunklen dumpfen Trieben unaufhaltsam in die Zukunft vorwärts gedrängt. Der Reife geht ganz und gar in der tätigen Gegenwart auf; er schaut weder zurück noch weit voraus, und ist seine Gegenwart erfüllt wie keine frühere noch spätere, so ist sein Horizont nach beiden Richtungen hin beschränkt.

Verlag Hans Bühler Junior · 1944

Hermann Keyserling

Das Ehe-Buch

Eine neue Sinngebung im Zusammenklang der Stimmen führender Zeitgenossen

Das Buch der Ehe will helfen. Allen denen, die in den Ehestand treten wollen. Allen denen, welche persönlich an dessen Problematik leiden. Allen denen, die objektiv erkannt haben, welch furchtbar ernste Krisis die Ehe heute durchlebt, und daß die ganze bessere Zukunft der Menschheit an deren glücklicher Überwindung hängt. Denn darüber besteht kein Zweifel: da kein Problem jeden Menschen ohne Ausnahme näher angeht als die Beziehung, die über den körperlichen und seelischen Charakter jedes ursprünglich entschied und dank der Stetigkeit und Intimität ihres Einflusses bei jedem Verehelichen weiter mitentscheidet, so bedeutet Verwahrlosung der Ehe Verwahrlosung überhaupt und Besserung und Vervollkommnung des Ehezustandes Fortschritt überhaupt. So wendet sich denn das Ehe-Buch buchstäblich an Alle.

Niels Kampmann, Heidelberg · 1925

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

Der Weg zur Vollendung

Die programmatische Schrift „Was uns not tut, was ich will“ zeigt den Unterschied der Schule der Weisheit zu den gleichzeitigen Bewegungen der Anthroposophie oder Gurdjieffs. Die Schule entstand nicht in der Nachfolge einer esoterischen Überlieferung, sondern aus der klar erkannten Notwendigkeit des historischen Augenblicks: es gelte die Kriterien all dessen, was Geist und Seele Heil geboten hat, das aber durch vorläufige wissenschaftliche Kritik zersetzt wurde, auf bewußter Ebene wiederzuentdecken, um eine „Neuverknüpfung von Geist und Seele“ zu erreichen; den Menschen im Rahmen des Alls zu verstehen, seiner gesamten Gegebenheiten; also eine Kritik der Religionen, der Mythen, der Ethik, in reformatorischer, nicht revolutionärer Intention.

Verlag der Palme · 1981 (1920-1946)

Hermann Keyserling

Das Gefüge der Welt

Versuch einer kritischen Philosophie

Als künstlerische Tat ist Keyserlings Werk nach jeder Richtung hin anzusprechen. Dem Philosophen ist ein Wurf ersten Ranges gelungen; auf den Flügeln des phantasievollen Schaffens hat er sich über die Kluft zwischen Denken und Anschauung, zwischen kosmischer und physischer Rhythmik hinweggeschwungen, und indem er das Kunstwerk als vermittelndes Glied gleichsam intuitiv erkannte, hat er selbst ein Kunstwerk geschaffen. In jugendlicher Begeisterung hat er den Formalismus der mathematischen Gesetze in einem selbständigen und lebensvollen Inhalt zu erfüllen und des göttlichen Platon Ideenwelt mit der begrenzten Sphäre des physikalischen Geschehens in harmonische Übereinstimmung zu bringen versucht. Das ist alles ein künstlerisches Tun. Künstlerisch ist im letzten Grunde auch die Umdeutung der mathematischen Verhältnisse auf psychische Vorgänge mit Hilfe einer projektiven Geometrie. Denn nur ein aus unmittelbarer innerer Anschauung hervorgewachsener Gestaltungssinn vermag Zusammenhänge zwischen Form und Inhalt auf diesem Gebiete zu schaffen. Und künstlerisch vor allem wirkt die fast leidenschaftlich belebte Darstellung in der Keyserling die schwierigsten philosophischen Probleme behandelt. Es geht ein Zug von großer Jugendfrische durch diese ganze Darstellung; der Verfasser hat den Glauben an sich selbst und an die umwälzende Bedeutung seiner kritischen Tat; er fühlt sich innerlich selbständig, fast selbstherrlich gegenüber den in Angriff genommenen Problemen. Dies verleiht ihm die schöne Unbefangenheit, zugleich aber auch die Kraft im Ausdrucke, die allein eine literarische Darstellung zum Kunstwerk stempelt.
Beilage zur Münchner Allgemeinen Zeitung.

Bruckmann München · 1906

Hermann Keyserling

Das Okkulte

Von der richtigen Einstellung zum Okkulten

Der Begriff des Okkulten beweist durch seinen bloßen Wortlaut, daß er, vom Standpunkt der Sache her betrachtet, eine vorläufige Fassung darstellt: Dunkles und Geheimes betrifft er insofern allein, als es sich, bei den fraglichen Erscheinungen, um unsicher oder undeutlich Festgestelltes, Unaufgeklärtes, Unverstandenes oder absichtlich Geheimgehaltenes handelt. Zum Wesen der okkulten Phänomene kann ihr Okkultes in keinem Fall gehören; es gibt sie entweder, oder es gibt sie nicht.

Otto Reichl Verlag · 1923

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

Vorliegendes Tagebuch bitte ich zu lesen wie einen Roman. Wenngleich es sich zum großen Teil aus Elementen aufbaut, welche die äußeren Anregungen einer Weltreise in mir entstehen ließen und viel objektive Darstellungen und abstrakte Betrachtungen enthält, welche selbständig für sich bestehen können, so stellt es als Ganzes doch eine von innen heraus erschaffene, innerlich zusammenhängende Dichtung dar, und nur wer es als solche auffaßt, wird seinen eigentlichen Sinn verstehen. Über diesen will ich nichts vorausbemerken.

München · 1919

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Alle Völker sind natürlich scheußlich. Der Mensch an sich ist ein recht fragwürdiges Wesen; nur in seltenen Ausnahmefällen erfüllt ein Exemplar seiner Gattung die Anforderungen, die jeder instinktiv an jeden anderen stellt. Tritt er gar als Kollektivität in die Erscheinung, so muß das Unerfreuliche direkt proportional der Zahl über das Erfreuliche das Übergewicht gewinnen. Das eigene Unangenehme hat freilich beinahe jeder besonders gern. Wie die Natur das Mangelhafte lieber fortvererbt als das Vorzügliche, so haben nur die wenigsten kein Faible just für das, was andere an ihnen verdrießt; vom Geruch bis zu den nationalen Vorurteilen. Desto intoleranter empfinden die meisten gegenüber Fremden. Je näher und dauernder sie sich mit anderen Nationen berühren, desto mehr fällt deren Unangenehmes ihnen auf; daher das Urphänomen der Fremdenfeindschaft. Nur von zwei typischen Ausnahmen zu dieser Regel weiß ich. Deren erste betrifft die echten Herrenvölker im Urteil derer, die nicht persönlich von ihnen beherrscht werden; deren zweite die von Natur aus höflichen. Aber diese Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Zum Wesen beider gehört, daß sie Distanz einhalten; so lernt man sie nur oberflächlich kennen.

Heidelberg · 1928

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Der Nachwelt erscheinen Zeitgenossen, soweit sie am allgemeinen Leben teilhaben, allemal als eines Geistes Kinder. Wie groß die jeweiligen Unterschiede und Gegensätze immer seien: sie gehören als komplementäre Teilausdrücke einer höheren Einheit zueinander. Was nun die Nachwelt immer wieder erkennt, sollte die Gegenwart nachgerade vorwegnehmen können. So leite ich dieses Buch denn mit dem Anspruch ein, daß sein Inhalt, soweit er wahr und wertvoll ist, mehr bedeutet als den Niederschlag meines persönlichen Denkens: er ist der Teilausdruck einer überpersönlichen Geistesbewegung.

Otto Reichl Verlag · 1926

Hermann Keyserling

Margarete Friedrich Rohrer Verlag — Innsbruck · 1948

Hermann Keyserling

Kritik des Denkens

Die erkenntniskritischen Grundlagen der Sinnesphilosophie

Die „Kritik des Denkens“ ist der fertige Teil eines geplanten größeren Werkes, das als „Kritik des Menschen“ außerdem noch eine „Kritik der Geschichte“ und eine „Kritik der Sehnsucht“ umfassen sollte. Auch insofern ist die „Kritik des Denkens“ unvollständig, als das im ursprünglichen Plan vorgesehene vierte Kapitel „Das Ideal der Künstlichkeit“ vom Verfasser in das „Buch vom Ursprung“ übernommen wurde.

Deutsche Verlagsanstalt · 1948

Hermann Keyserling

Mensch und Erde

Der Leuchter · Achtes Buch

Das Dasein jeder wesenhaften, d. h. nicht bloß vom Verstande her und für ihn bestehenden, sondern den Menschen innerlichst angehenden Problematik setzt das Bestehen eines lebendigen Konflikts voraus. Logische Problematik gab es zuerst unter Menschen für die Griechen, weil ihnen zuerst der Widerstreit zwischen Denken und Sein bewußt ward. Das ethische Problem ward als Problem den Juden zuerst bewußt, auf Grund des unlösbaren Konflikts zwischen den unbedingten Geboten ihres geglaubten Gottes und ihrer nachweislichen Unfähigkeit, sie zu erfüllen. So ist das religiöse Problem als Problem wohl deutsche Entdeckung, weil der Deutsche zunächst denkt, nicht ist, und daher keine selbstverständliche Gotteskindschaft kennt.

Otto Reichl Verlag · 1927

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Wenn ich in einem Satz zusammenfassen soll, worin meine Lehre sich meiner Ansicht nach von der anderer moderner Philosophen unterscheidet, so muß dieser lauten: sie geht von der lebendigen Seele im Unterschied vom abstrakten Menschen aus; alle Fragen stellt sie von ihr her um. Der „abstrakte Mensch“ war die Erfindung des 18. Jahrhunderts. Sie hatte, als Arbeitshypothese, ihre Vorzüge wie jede andere, denn es ist nicht möglich, ganz Falsches zu ersinnen. Der abstrakte Mensch bezeichnet, mathematisch ausgedrückt, das Integral der menschlichen Intellektseite. Die ist wesentlich unpersönlich; für sie gibt es nur Allgemeines, nichts Besonderes. Und soweit vom Intellekt her oder auf ihn hin gedacht und gelebt wird, hat sich die Voraussetzung seiner als letzter Wirklichkeit bewährt. Dafür sind die theoretischen und praktischen Errungenschaften des Fortschrittszeitalters ein einziger Beweis.

Otto Reichl Verlag · 1926

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Das Menschenleben, von der Geburtsstunde bis zum Tod, und im Fall der geistig Schaffenden über diesen hinaus, gleicht einer Tondichtung. Neue Melodien, neue Themen klingen ein fallartig in gemessenen Abständen an, ein Tempo folgt unvoraussehbar auf das andere; und doch stellt das Ganze eine unverkennbare zeitliche Einheit dar. Die Grundtonart gibt aller möglichen Transponierung einen einigen ideellen Ursprungsort, der Grundmotive sind wenige, deren Zusammenhang, Abwandlung und Folge gehorcht einem Bildungsgesetz. Und war dieses machtvoll genug gegenüber dem Stoff, so kann die Schöpfung als vollendet gelten. Im Leben gelingt solch vollendete Schöpfung beinahe nie, weil es hierzu des seltensten Könnens bedarf: supremer Lebenskunst.

Otto Reichl Verlag · 1920

Hermann Keyserling

Politik, Wirtschaft, Weisheit

Wie komme ich, ein Metaphysiker, dazu, über Wirtschaft zu reden? – Nun, Wirtschaft ist zunächst genau ebenso interessant oder uninteressant vom geistigen Standpunkt, wie jede andere Betätigung; jede ohne Ausnahm kann Ausdruck des Tiefsten sein, jede ohne Ausnahme nur für die menschliche Flachheit Beweise aufhäufen. Auch die Wirtschaft ist letztlich nichts Selbstgegründetes, Sichselbstgenügendes, sondern nur ein Mittel unter anderen, um Geistigem zur Verkörperung zu verhelfen.

Otto Reichl Verlag · 1922

Hermann Keyserling

Prolegomena zur Naturphilosophie

Der Sache nach ist die Absicht dieses Buches die folgende: es soll die Grenzen des Gebietes bestimmen, dem kritische Wissenschaft gewachsen ist; es soll den Sinn dieser Grenzen feststellen und dessen, was jenseits derselben liegt. Es ist ein höchster Standpunkt möglich, der den erkennenden Menschen im Zusammenhang der Naturerscheinungen begreift, dessen Aussicht umfassender ist als die aller Standpunkte, die sonst aufgestellt und eingenommen werden können, und der doch nicht schlechter begründet ist als derjenige des großen Kant. Aber von dieser Höhe erweist es sich zugleich mit vollendeter Deutlichkeit, daß der Gesichtskreis der Wissenschaft begrenzt ist. Das, was kritische Philosophie oft genug unternommen hat: die ganze Wirklichkeit begreiflich zu machen, das kann sie nicht zu Ende führen. Sie vermag jedoch Sinn und Grund ihrer Beschränktheit deutlich zu machen, und damit weist sie den Weg über die Grenzen hinaus.

J. F. Lehmann’s Verlag · 1910

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

Band I · Ursprünge und Entfaltungen
Wie das „Reisetagebuch eines Philosophen“ herauskam, ereiferte sich ein alter Freund darüber, daß dieses Buch eine recht eigentlich unmoralische Kreuzung von Religion, Philosophie, Geographie, Völkerkunde, Weltmanntum und privater Indiskretion sei: ich fürchte, jener seither Verstorbene würde die „Reise durch die Zeit“ noch sehr viel unmoralischer finden. Denn hier erscheint in jedem einzelnen Kapitel, um einen jeweils verschiedenen persönlichen Mittelpunkt oder um ein jeweils verschiedenes Problem gruppiert, im Rahmen persönlicher Lebenserinnerung und auf das Ziel der Verdeutlichung der Möglichkeit eines Lebens auf allen Ebenen rein aus dem Geist und auf diesen hin ausgerichtet, Bekenntnis und Beichte im Sinne Augustins, aber auch Rousseaus, Intimstes und Kosmisches, Privatestes und universell Bedeutsames, Historisches und Künftiges, Zeitbedingtes und Ewiges, Abstraktes und Konkretes zusammengeschaut, das Ganze farbig durchsetzt mit Schilderungen einmaliger Zustände und Zuständlichkeiten — Schilderungen, die mir deren endgültiges Zerstörtwerden im Lauf des zweiten Weltkriegs nahelegte.

Band II · Ursprünge und Entfaltungen
War der erste Band mehr der Umwelt der Jugendzeit und der geistigen Problematik gewidmet, so zeigt der Titel dieses Bandes „Abenteuer der Seele“, daß es sich hier um ganz andere Bereiche handelt. Er enthält einzigartige Auseinandersetzungen mit der russischen Seele im Tolstoi-Kapitel, mit dem Problem des Bösen in dem über R. von Ungern-Sternberg; darauf folgen das für Keyserling persönlich besonders aktuelle Problem des Puritanertums mit all seinen Vorzügen und Nachteilen, das Tragische im Sinnbild Unamunos und die tiefe Bedeutung des Humors bei Bernard Shaw. Das Kapitel über die Schule der Weisheit wird für alle Leser, die nur vom Hörensagen wissen, was diese im Leben Keyserling’s bedeutete, besonders aufschlußreich sein, während das große Kapitel über C. G. Jung eine grundlegende Auseinandersetzung Keyserlings mit der Psychologie enthält. Das Problem der Besitzenden und Besitzlosen, das in unserer Zeit zum Aktuellsten gehört, war für Keyserling selber, als er es schrieb, eine Art Offenbarung, da er vor der Niederschrift den Wert des Besitzens nie realisiert hatte. Den Abschluß bildet das Kapitel über Victoria Ocampo, welches die persönliche Seite seines ihn von der Erde her ergreifenden Erlebnisses in Südamerika schildert, aus dem die „Südamerikanischen Meditationen“ entstanden, die viele für sein tiefstes und reichstes Werk halten.

Band III · Wandel der Reiche
Vorliegender Band geht neue eigene Wege. Es enthält die Auseinandersetzung mit Zeitproblemen sozial-politischer Art, die bereits in früheren Werken gestreift wurden. Hier hat der Autor es sich aber zum Ziel gesetzt diese eingehend von seinem persönlichen Standpunkt aus, wie es in einem Erinnerungsbuch möglich ist, lebendig herauszustellen. Es sind grundlegende Beleuchtungen von Problemen, die ihn sein ganzes Leben, aber vorwiegend in den letzten Jahren beschäftigt haben, ob es sich um Gedanken über Europa, um solche der Mann-Weib-Beziehung, des Individuums in dieser Zeit der vorherrschenden Massen oder um das Problem des Bösen handelt.

Verlag der Palme — Innsbruck · 1948 · 1958 · 1963

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Ich will hier kein abgeschlossenes theoretisches Lehrgebäude, sondern lebendige Impulse geben. Ich will kein Bild vor meine Leser hinstellen, sondern sie verwandeln. Zu solchen nämlich, welche die Welt selbständig von höherer Warte aus betrachten, und von einem höheren Niveau aus leben als bisher. Dies setzt voraus, daß mein Wort in ihnen zu Fleisch geworden ist. Eben auf die Einleitung dieses Prozesses ist der ganze besondere Rhythmus der Schöpferischen Erkenntnis berechnet. Aber natürlich ist ihr Ziel, wie gesagt, dann allein zu erreichen, wofern sie richtig gelesen wird.

Otto Reichl Verlag · 1922

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

Je mehr Tage und Jahre verstreichen, seit ich in Südamerika weilte, desto deutlicher wird mir, was jener Erdteil mir bedeutet hat. Es war ein gewissenloser, verräterischer Mensch, welcher zuerst seines Lebens Eindrücke festhielt: ihm fehlte das Gewissen für das Gesetz des Wachstums in der Verwandlung, die unaufhörliches Vergessen verlangt, und er verriet sein Innerlich-Lebendiges an Äußerlich-Totes, das es ohne seinen bösen Willen gar nicht gäbe. Denn die „Tatsachen“ sind nichts für sich Bestehendes; sie sind Kunstprodukte willkürlicher Abstraktion.

Verlag der Palme · 1932

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt

Das ist der Titel eines neuen bedeutsamen Buches des Grafen Hermann Keyserling. Der Verfasser ist Naturforscher, doch gewiß ebensosehr Philosoph, d. h. er beginnt überall als Naturforscher und endet überall als Metaphysiker. Er sucht neue Probleme zu formulieren, neue Gebiete der philosophischen Kritik zu erschließen. Schon das ist persönlich schöpferisch, und so ist auch Methode, Vortrag und Stellungnahme zu den Autoritäten des Autors nicht irgendwie schulmäßig, sondern persönlich lebendig. Das macht sein Werk zu einer wundervollen Lektüre für jeden, der einigermaßen denken gelernt hat, durchaus nicht nur und nicht einmal in erster Linie für „Fachphilosophen“. Und so ist es denn auch nicht allein und nicht vor allem das Resultat, das sein Buch rechtfertigt und wertvoll macht, sondern ebensosehr der Weg, den es geht. Es ist eine Lust und ist fruchtbar, diesem Weg zu folgen, mit diesem Autor unterwegs zu sein … Ich möchte das Werk sehr empfehlen, es ist mir im Leben lieb geworden, denn es ist nicht ein elegantes Spielen mit formalen Künsten, sondern eine aus heißem Bemühen eines ernsten Denkers erwachsene Arbeit, welcher niemand Satz für Satz zuzustimmen braucht, die aber beanspruchen darf, sehr ernst genommen zu werden. Hermann Hesse in der Neuen Zürcher Zeitung.

Otto Reichl Verlag · 1907

Hermann Keyserling

Wiedergeburt

Dieses mein drittes Hauptwerk habe ich Wiedergeburt geheißen, weil Wiedergeburt der Weg alles Neuwerdens auf Erden ist. Was immer geworden ist, muß auch vergehen. Wie das Ewig-Seiende sich einzig so manifestiert, daß es sich im Verfließenden immer neu verkörpert, so kann das Ewig-Wahre nur so in seiner Identität im Zeitstrom erkennbar bleiben, daß es immer erneut in zeitgemäßer Gestaltung neugeboren wird. So stellt das ganze Lebensproblem sich jedem neuen Menschen, und diesem wiederum in jedem neuen Augenblicke, neu. So erfordert jedes Problem von jedem neuen Zustand aus entsprechende Neufassung.

Otto Reichl Verlag · 1927
Hermann Keyserling
Schule der Weisheit
© 1998- Schule des Rades
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