Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Das Tierideal

Behaviorismus

Was ist nun das Wesen des Behaviorism? Daß der Mensch ein Tier ist wie jedes andere. Daß geistige Initiative und freier Wille so gut wie gar keine Rolle in seiner Struktur und seinem Verhalten spielen. Daß alle menschliche Betätigung unter dem Allgemeinbegriff konkreter Gewohnheit zu subsumieren ist — es gibt kein Jenseits der Gewohnheit im Sinn einer möglichen metaphysischen oder sonstigen geistigen Wirklichkeit. Und daß Gewohnheit vollständig von außen her und durch äußere Einflüsse zu erklären, zu bestimmen, zu beherrschen und zu wandeln ist.

Das Interessanteste an einer Theorie liegt kaum je in ihrer inneren Wahrheit — die meisten Theorien sind bedauerlich einseitig oder kurzsichtig —, sondern in ihrer psychologischen Bedeutung. In diesem Verstand sind die interessantesten Aspekte des Behaviorism die bloße Möglichkeit seines Vorhandenseins und seine Repräsentativität. Daß es so etwas wie den Behaviorism überhaupt geben konnte und daß er so erfolgreich ist, daß eigentlich alle repräsentativen Amerikaner Behavioristen sind, beweist, daß die Amerikaner sich selbst wirklich als Tiere auffassen; sie finden nichts in sich selbst, das eine andere Theorie forderte. Und was ich hier behaupte, ist keine vorschnelle Verallgemeinerung: alle wichtigen Tatsachen des amerikanischen Lebens beweisen es.

Während meines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten mußte ich einmal wegen einiger beunruhigender, möglicherweise auf Überarbeitung zurückzuführender Symptome, einem Arzt konsultieren. Er sagte mir:

Sie brauchen Ihre geistige Arbeit nicht aufzugeben; machen Sie ruhig so weiter. Ihr Gehirn ist daran gewöhnt. Meins ist so gut wie das Ihre, nur hat es nie die Gewohnheit des Denkens angenommen.

Das klingt ziemlich grob. Doch wollte man in der üblichen Ausdrucksweise des Durchschnittsamerikaners, der in Schlagzeilen und -worten denkt, das wiedergeben, was John Dewey über Erziehungsfragen, über die Ausbildung richtiger Gewohnheiten, über die hinaus auch er keine metaphysische Wirklichkeit anerkennt, zu sagen weiß — seine letzte Voraussetzung ist die Gesellschaft —, so bezweifle ich, ob einem Sätze einfallen würden, welche die ganze Situation, wie sie ist, gleich kurz und treffend zusammenfaßten. Es besteht kein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Menschen und irgendeinem Tier. Zum Teil deshalb wirkt die Demokratie als die Lehre, daß alle Menschen ursprünglich gleich seien, auf Amerikaner so überzeugend. Der Mensch hat keine einzigartige Seele, denn zweifelsohne fehlt solche dem Tier; alle Unterschiede hängen von der Umgebung ab, zu der die Erziehung mitgehört. Die letzte Instanz ist das Gemeinwesen, die höchsten Werte sind die sozialen Werte. Meine Leser mögen beachten, daß das Amerikanertum hier wieder einmal mit dem Bolschewismus konvergiert. Daß der Bolschewismus ausgesprochen materialistisch ist und der Behaviorism nicht, ändert nichts am Wesen der Sache.

Die Konvergenz soweit sie uns hier angeht, geht natürlich in erster Linie darauf zurück, daß das moderne Rußland sowohl als Neu-Amerika auf der neuen Basis der geologischen Periode des Menschen ganz neu angefangen haben. Doch gerade hier, wo der Geist naturgemäß auf das Negative des Zusammenhangs eingestellt ist, tut es gut, die positive Seite des Problems zu betrachten. Zweierlei nämlich läßt sich nicht bezweifeln. Erstens, daß die tierische Natur des Menschen tatsächlich durch von außen an sie herantretende Einflüsse am besten zu vervollkommnen ist; auf die Dauer lösen angemessene Reize unvermeidlich entsprechende Reaktionen aus. Zweitens, daß es sehr viel leichter ist, befriedigende Resultate zu erzielen, wenn man von der Natur ausgeht und nicht vom Geist. Der Geist ist wesentlich frei; er handelt aus freiem Willen oder er handelt gar nicht. Dementsprechend ist geistgeborener Fortschritt nur dann erzielbar, wenn die Freiheit des Geistes in hohem Maß entwickelt ist und wenn die geistigen und moralischen Kräfte eines Menschen stark genug sind, um ihn zum klaren Verständnis der Wichtigkeit des fraglichen Ziels und zur Überwindung der Trägheit der animalischen Natur zu befähigen. Dies ist der Grund, weshalb das Niveau menschlichen Daseins vor dem wissenschaftlichen Zeitalter nie allgemein gehoben ward. Erst die Wissenschaft ermöglichte es, die äußeren Umstände so zu regulieren, daß der Reaktionsmechanismus in der gewünschten Richtung in Gang kam. Vor dem wissenschaftlichen Zeitalter gelang es nur seltenen, mit außerordentlichen geistigen und moralischen Gaben ausgestatteten einzelnen, über ihren ursprünglichen Zustand hoch hinauszuwachsen; es ist eitel Betrug, zu behaupten, daß Yogaübungen z. B. je andere als solche weit gefördert haben, die wahrscheinlich auch ohne systematisches Training die gewünschten Ergebnisse erzielt hätten. Andererseits verdankten die oberen Gesellschaftsschichten in der Vergangenheit ihr typischerweise höheres Seinsniveau ausnahmslos dem Umstand, daß eine günstigere Umwelt in jedem ihrer Mitglieder von frühester Kindheit an die für den Typus charakteristischen Reaktionen hervorrief und züchtete; die Züchtung aller Aristokraten ist sonach von je nach behavioristischen Grundsätzen erfolgt. Die Idee eines höheren Standes als solche verlangt ja, daß das höhere Niveau des einzelnen von außerordentlichen individuellen Gaben unabhängig sei. Demgemäß wurden in der Vergangenheit nur die oberen Stände nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten erzogen. Grundsätzlich ist also nichts Neues an den Ideen, die der modernen Massenerziehung zugrunde liegen. Die besondere Massenerziehung jedoch, die in den Vereinigten Staaten und Rußland gehandhabt wird, enthält wirklich Neues. Dieses besteht darin, daß der Mensch bewußt als Tier behandelt wird. Von der Idee der angemessenen Umgebung ist alles ausgeschlossen, was zum Begriff der Tradition gehört, und in der Zeit vorwissenschaftlicher Erziehung bildete die Tradition die Hauptsache der ganzen Umwelt. Voraussetzung ist, daß der Mensch ursprünglich nichts ist als ein Tier; wozu er sich entwickelt, sei durchaus ein Erfolg natürlicher Anregung in dem Verstand, in dem der Frosch im Laboratorium auf spezifische elektrische Reize, unvermeidlich in spezifischer Weise reagiert. Erziehen heiße, wünschenswerte Gewohnheiten dem Menschen einbilden und unerwünschte abbauen, genau wie chemische Verbindungen synthetisiert und aufgelöst werden können.

Einem Menschen, in dem alte Tradition lebendig ist, erscheint diese Art, den erstrebten Menschentypus durch mechanische Kniffe hervorzubringen, absurd, wie es denn in der Tat ein nahezu unverschämter Wahn wäre zu glauben, sein Typus sei dergestalt zu schaffen. Doch bei Typen ohne kulturelle Vergangenheit liegen die Dinge anders. Bei einem Frühstück beim preußischen Kultusminister traf ich einmal seinen russischen Kollegen, den Genossen Lunatscharsky, und fragte ihn, wie die Bolschewisten es wohl fertig brächten, eine so erstaunliche Zahl hochbegabter Männer für ihre Propagandatätigkeit im Osten zusammenzubringen. Seine Antwort war überaus lehrreich. Er sagte:

Es ist ja keine Rede von exzeptionell befähigten Männern. Irgendwie scheint die Ausbildung im Geist des Marxismus sogar Dummköpfe im Osten intelligent zu machen.

Um ganz sicher zu sein, daß ich ihn richtig verstanden hatte, fragte ich Lunatscharsky, ob er mir darin beistimme, daß der Marxismus die Geistesgaben von Europäern durchaus nicht steigere; dies gab er freudig zu. Da wußte ich, wie die Dinge lagen. Das rein animalische Ideal des Marxismus regt notwendig alle Geisteskräfte an, die primitiven Orientalen überhaupt zur Verfügung stehen, genau so, wie jede Mutter klug wird, wenn ihres Kindes Leben Gefahr droht. Jenen armen Teufeln in ihrem traditionellen halbverhungerten Zustand, die überdies von jeher an Bedrückung und Ausbeutung gewohnt sind, kann mögliche wirtschaftliche Befreiung kaum weniger bedeuten wie den Frühchristen das ewige Heil. Die frohe Botschaft der Bolschewisten scheint zu verkünden, daß materielle Werte aus nichts geschaffen werden können. Und da dieses Evangelium ihnen vom Marxismus in einer dermaßen einfachen Form verkündet wird, daß selbst der größte Einfaltspinsel sie begreifen kann, so muß seine belebende Wirkung ungeheuer sein. — Noch ein weiteres russischen Zuständen entnommenes Beispiel. Vor der Revolution war Rußland auf wissenschaftlichem Gebiet zweifellos rückständig, trotz vieler Einzelgelehrter von hohem Rang. Heute spielt Rußland trotz seiner Armut, und der Unmöglichkeit, die Laboratorien angemessen auszustatten, auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaften und angewandten Wissenschaft eine führende Rolle, und dieses mal handelt es sich augenscheinlich um nationale Leistung. Wie ist das möglich? Der Grund ist wiederum der, daß die von Traditionen unbeschwerte rein wissenschaftliche Einstellung neue Energien frei macht. — In Amerika liegen die Verhältnisse grundsätzlich ebenso. Auch hier handelt es sich darum, daß eine ganze Nation ihr historisches Leben auf der neuen Daseinsebene des geologischen Zeitalters des Menschen beginnt. Auch hier treffen Primitivität und wissenschaftliches und technisches Können zusammen. Dies ist das völlig Neue, Unerhörte.

Doch schreiten wir fort in unserer Betrachtung der positiven Seite dieser Entwicklung. In der Vergangenheit, sagten wir, wurden die oberen Stände überall — wenn auch unbewußt — von behavioristischen Voraussetzungen her erzogen. Das allgemeine Seinsniveau kann so allein gehoben werden, daß geeignete Reize lange genug innerhalb der richtigen Umgebung auf eine Mehrheit einwirken. Und eben dies erstrebt die neuartige Erziehung, die in den Vereinigten Staaten und Rußland am meisten in die Erscheinung tritt. Verstehen wir jetzt, warum gerade John Dewey als pädagogischer Berater in China, der Türkei, Rußland und Mexiko ebensoviel Anklang findet wie in Amerika, während er in Europa nichts bedeutet? Zweifels ohne sind die höheren geistigen Werte noch immer in der traditionellen Kultur verkörpert; in der neuen Erziehung sind überhaupt noch keine geistigen Werte unmittelbar am Werk; nur soziale werden als solche anerkannt; und es ist, noch einmal, logisch, daß dem so sei, denn vom Standpunkt des Tieres aus gesehen, gibt es keine metaphysische Wirklichkeit. Doch die Dinge liegen hier sogar vom Standpunkt des metaphysisch Bewußten für Amerika günstiger, als manche wahrhaben möchten. Wir wissen heute, daß die meisten schlechten Gewohnheiten im weitesten behavioristischen Verstande auf schädliche äußere Einflüsse zurückgehen; wir wissen ferner, daß die meisten Komplexe im psychoanalytischen Sinn, die sich im späteren Leben äußern, in der Jugend durch richtige Erziehung am Entstehen zu verhindern sind. Wir wissen endlich, daß eine ungeheure Menge der Wünsche und Handlungen, die der Mensch für das Ergebnis rein inneren Müssens hält, in Wahrheit das Ergebnis einer Kombination durch soziale Zustände geschaffener Gelegenheiten und Zwänge sind. Daher sollte jede Gelegenheit, das Leben von außen her und durch wissenschaftliche Methoden zu beeinflussen, ergriffen werden. Hieraus erhellt denn wieder, warum zur Zeit die jungen Länder wie Amerika und Rußland die Führer sein müssen: die Länder, in denen traditionelle Kultur noch lebendig ist, können den Menschen nicht nur als Tier sehen; dafür wissen sie zuviel von seiner geistigen Natur. Sie sind darum nicht etwa erledigt — fern davon; ihre Rolle kann in Zukunft sogar noch wichtiger sein als sie je war. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß beim Werk der Neueinstellung der Tier-Natur die jungen Völker die geborenen Führer sind.

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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