Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Die Vorherrschaft der Frau

Geschlechtsleben

Im ersten Teile dieses Buches sahen wir, daß die Urkräfte und -prozesse der Natur nur durch starke geistige Kräfte beherrscht und in andere als ihre ursprünglichen Bahnen geleitet werden können. Unvermeidlich verändert die Umwelt den Menschen; jeder Kontinent, ja jede besondere Landschaft erzeugt eine spezifische Abart. Aber geistgeborene Regeln vermögen den Natureinflüssen entgegenzuwirken, das Gleichgewicht zu halten und sie manchmal sogar zu überwinden. Daher die Erhaltung des Erbtypus auf fremdem Boden, wie am auffallendsten an dem Inder und Juden ersichtlich. Nun ist die gewaltigste aller Naturkräfte im Geschlecht verkörpert. Sehr wenige Frauen, welche Kinder gebaren, beherrscht nicht zeitweilig wenigstens, der Allmächtige-Gott-Komplex. Sehr natürlicherweise: die Existenz des Schöpfergottes mag bezweifelt werden; existiert Er jedoch und erschuf Er die Welt der biblischen Überlieferung gemäß, dann tat Er nichts eigentlich Wunderbares: die Weltschöpfung aus dem Nichts reflektiert nur im ganz Großen, was jeder Mensch jeden Augenblick leistet; dieser denkt etwas — sofort steht es da in der Welt der geistigen Bilder. Umgekehrt ist die Erzeugung eines Kindes nach althergebrachter Methode ein schlechterdings mirakulöser Vorgang. Und ist das Wunder zugleich Vehikel höchster irdischer Lust, so erhält die objektiv vorhandene Kraft alle nur mögliche Beschleunigung und Steigerung vom Subjekt her. Daher hat kein Zeitalter tiefen inneren Erlebens in der Liebe je ein Natürliches gesehen — entweder galt sie als heilig, oder aber als sündhaft. Daher wurde von je von allen Trieben der des Eros zuerst durch geistige Vorschriften geregelt. Von Anbeginn an hat der Mensch eben instinktiv gewußt, daß keine Lebensordnung aufrechtzuerhalten ist, wenn die ungeheure im Sexus verkörperte Kraft ihn unterwirft, und mit sich fortreißt. Deshalb fügte er sie von Anbeginn an seiner religiösen Ordnung ein. Und er tat recht daran. Jedesmal wo Religion — im weitesten Sinn der Verknüpfung des Natürlichen mit dem Spirituellen als seines Urgrunds ihre Macht verlor, führte dies zu einer Hypertrophie des Geschlechtslebens, die eine Sprengung nicht nur der spirituellen, sondern auch der natürlichen Ordnung bedingte; wo das, was wir Laster zu heißen pflegen, vorherrschend wird, entartet die Rasse unabwendbar oder sie stirbt aus. Solche Sprengung kommt im Leben der Tiere nicht vor, sogar beim der Natur noch eng verbundenen primitiven Menschen nicht. Bei ihnen, die mehr oder weniger ohne Ich-Bewußtsein sind, wird die Naturharmonie von innen her erhalten; der freie Wille spielt keine oder kaum eine Rolle. Doch beim geistbewußten, mit freiem Willen begabten Mann oder Weib gleicht die Geschlechtskraft tatsächlich einem Sprengstoff. Fehlt hier Bindung vom Geiste her, so folgt auf Entzündung nur zu leicht Verwüstung.

Das Geschlecht ist eine wesentlich geheimnisvolle Kraft. Dies wird eben heute deutlicher als je zuvor dadurch erwiesen, daß es Geist, Herz und Seele der Menschheit mehr beschäftigt als je vorher, trotz aller wissenschaftlichen Erklärungen, die es seines Geheimnisses entkleiden möchten. Die Jungen und Mädchen behaupten, alles zum Sexus Gehörende sei vollkommen einfach und selbstverständlich und mühelos erklärbar — doch im Grunde ihres Herzens denken sie sehr anders; die einzigen mir bekannten Ausnahmen stellen die Übersättigten dar: ein übermüdetes Tier denkt überhaupt nicht nach. Die Behauptung sogenannter fortschrittlicher Schriftsteller, die neue Generation sei nicht vom Sexus besessen, ist barer Unsinn: befassen sie sich gedanklich weniger damit, so tun sie’s desto mehr in ihren Handlungen. Und das Ergebnis ihres Verhaltens bestätigt einmal mehr die alte Vorstellung, daß das Geschlechtliche ein Sakrales ist im Sinn des lateinischen Wortes sacer, das einerseits heilig und andererseits verrucht bedeutet. Die Freitäter — wie man diesen Typus mit einem analog zu Freidenker geprägten Ausdruck nennen darf — weisen immer Zeichen rückschrittlicher Entwicklung auf, von der wir später mehr zu sagen haben werden.

Das Gesagte sollte genügen, um klarzumachen, daß jede Erklärung erotischer Beziehung, die nicht von der Voraussetzung eines Urmysteriums ausgeht, unwissenschaftlich und sinnwidrig ist, und daß sie demzufolge auf jeden, der an ihr Genüge findet, unheilvoll zurückwirken muß, denn geistige Bilder gerinnen unweigerlich zu Wirklichkeiten. Betrachten wir jenes Urmysterium ein wenig näher, wobei wir uns zunächst auf das natürliche Verhältnis zwischen Mann und Weib beschränken wollen, ohne Rücksicht auf moralische Vorurteile, seien diese im übrigen richtig oder falsch. Wo immer in der Natur eine Teilung in Geschlechter stattgefunden hat, gelangt ein organischer Typus nie in einem Geschlecht erschöpfend zum Ausdruck, sondern nur in der Synthese beider. So stellen nur Mann und Frau zusammen, vom Standpunkt der Natur aus gesehen, den Menschen dar. Daß diese Behauptung für die physische Fortpflanzung zutrifft, liegt auf der Hand. Gleiches gilt aber auch im Rahmen des individuellen Einzellebens. Der Mann bedarf der Frau nicht allein geschlechtlich, sondern auch psychologisch und geistig; und ebenso bedarf die Frau des Mannes. Moderne Schriftsteller behaupten manchmal auf Grund ihrer Erfahrungen mit emanzipierten Frauen, daß die Frau der Gesellschaft des Mannes viel weniger bedürfe als umgekehrt. Inwieweit dies richtig ist, werden wir später sehen. Im Zusammenhang unserer augenblicklichen Betrachtungen jedoch beruht diese Ansicht auf einem Mißverständnis. Die Frau scheint des Mannes geschlechtlich weniger zu bedürfen als umgekehrt, einfach weil ihr die Rolle des Wartens zufällt. Wartet sie jedoch vergeblich, so ist ihre Enttäuschung weit tiefer als die des Mannes, der ein bestimmtes Ziel nicht erreicht, denn seine aktive Rolle gewährt ihm neue Möglichkeiten, sobald er nach solchen ausschaut. Psychologisch nun aber bedarf die Frau des Mannes zu ihrer vollen Entwicklung weit mehr noch als umgekehrt, weil ihre Lebensmodalität reaktiv, das heißt antwortend ist. Hunderttausende emanzipierter Frauen mögen wähnen, sie seien vollauf befriedigt, auch wenn kein Mann in ihrem Leben die Hauptrolle spielt. Doch trotz meiner recht umfangreichen Erfahrung ist mir noch keine begegnet, die als Mensch nicht jeder ihr ebenbürtigen Geschlechtsgenossin unterlegen war, die sich in Korrelation zum richtigen Mann entwickelt hatte. Selbst amerikanische Klubdamen — jene Wesen, auf die hin das romanische Wort formidable recht eigentlich erfunden zu sein scheint — werden mir zugestehen, daß der alte Hagestolz ein inferiorer oder defekter Typus ist. Doch das gleiche gilt in ganz hervorragender Weise von der alten Jungfer, und sei diese noch so vorgeschritten in Wort und Tat. Beiden hat eben das Komplement gefehlt, das sie zur Vollendung gebracht hätte, indem es Kräfte wachrief, die sich spontan nicht manifestieren können. Die Idee des geschlechtslosen Menschen schlechthin, welche moderne Männer und Frauen so gern verherrlichen, ist recht und gut. Freilich enthält die menschliche Natur ein geschlechtsloses Element, das ein möglichst hohes Niveau erreichen könnte und sollte; und ich gebe sogar zu, daß es gut ist, nach Jahrtausenden der Überbetonung des Unterschiedes der Geschlechter, wenn der Nachdruck eine Weile mit gleicher Einseitigkeit auf das beiden Gemeinsame gelegt und das entwickelt wird, was Erbbesitz und Vorrecht des Menschen sein sollte. Hier handelt es sich nicht um die Emanzipation der Frau, sondern vielmehr um die Entfaltung dessen in allen Menschen beiderlei Geschlechts, was zum Genus homo sapiens Linné überhaupt gehört. Allein die Männlichkeit oder Weiblichkeit eines Menschen bedeutet ein Tieferes als sein Menschentum im allgemeinen — in der Richtung dessen, was Goethe die Mütter hieß; und mit seinem irdischen Wesen allein haben wir es hier zu tun. Alle schöpferischen Kräfte sind nämlich entweder männlich oder weiblich, und ich sah noch keinen Mann und keine Frau, die nicht tiefinnerlich gewußt hätte, daß Schöpfertum vom Erdstandpunkt zugleich das Höchste und Tiefste ist. Nicht umsonst galten alle Götter in erster Linie als Schöpfer.

Der Mann als solcher ist freilich nie vollkommen, so wenig wie die Frau als solche. Dies aber ist die Grundtatsache des Lebens, welche einfach hinzunehmen ist. Und jeder überlegene Mann, wie jede überlegene Frau hat sie auch freudig bejaht, statt sich seiner oder ihrer Selbstgenügsamkeit zu rühmen. Kein Teil des Universums ist ja wirklich selbst genügend; alle hängen voneinander ab. Das moderne Denken überbetont sogar diese Abhängigkeit und Verpflichtung des Einzelnen gegenüber seinen Mitmenschen oder der Gruppe, wo diese Betonung individuelles Wachstum tatsächlich hemmt. Warum sie also in dem einen und einzigen Fall verneinen und verleugnen, in dem Unvollständigkeit, bejaht und richtig eingestellt, Glück, Wachstum, Steigerung und Inspiration bedingt, und wo die Verleugnung zur Unfruchtbarkeit führt? Es gibt nur ein nicht rein Negatives, das durch Überbetonung des Menschen an sich zu erreichen ist: ein dritter, den geschlechtslosen Arbeiterinnen unter den Ameisen und Bienen entsprechenden Menschentyp. Unter diesen Umständen ist das Problem der Höchstentwicklung von Mann und Frau nur dahin zu lösen, daß beide das optimale gegenseitige Gleichgewichtsverhältnis erreichen — nicht im Sinn isolierter Entwicklung eines jeden. Nur eine Ausnahme zu dieser Regel gibt es, die nicht reine Minderwertigkeit darstellte: ich meine den echten Asketen. Aber bei ihm liegen die Dinge in Wahrheit so, daß die Polarität des Lebens auf eine andere Ebene transponiert erscheint. Psychologisch ist der Asket allemal ein invertierter Liebender. Und hat er keine Gemeinschaft mit dem anderen Geschlecht (von der Homosexualität darf ich hier absehen; sie bedeutet nur einen Fall anormaler Bi-Polarität), so hat er um so mehr Gemeinschaft mit dem, was er sein höheres Selbst oder Gott nennt, was psychologisch auf das gleiche herauskommt. Es ist überaus bezeichnend, daß alle Mystiker sich erotischer Bilder bedient haben.

Grundtatsache ist sonach, daß vom Standpunkt der Natur erst Mann und Frau zusammen den Menschen ausmachen. Sei die besondere Stellung eines Mannes oder einer Frau wie sie wolle — er oder sie gehört virtuell, als einer von zwei Brennpunkten, einem elliptischen Kraftfeld an, und keiner gelangt je zur Vollendung, wenn diese Wahrheit nicht Tatsache wird. Hiermit will ich nicht sagen, daß jeder heiraten oder ein Verhältnis haben sollte, sondern daß der Gegenpol in der jeweils richtigen Weise besetzt sein muß. Dank der Psychoanalyse wissen wir, daß der Mensch letztlich ein psychologisches, und nicht ein materielles Wesen ist, weshalb die Grundtatsachen, von denen und durch die er lebt, nicht materielle Dinge, sondern Sinnbilder sind; hieraus erklärt sich, warum grundsätzlich nahezu alles Vater oder Mutter oder Gatten vertreten kann, sei es Kunst oder Politik oder Wissenschaft, selbst der Schoßhund oder das Briefmarkensammeln. Doch nur im Fall außerordentlicher und wesentlich spiritueller Persönlichkeiten bedeutet der Ersatz nicht ein Substitut im nachteiligen Sinn. Einer heiligen Theresa war Gott zweifelsohne der wahre Gatte, und kein lebender Mann hätte ihr das sein können. Gleichsinnig liegt der wahre Gegenpol der meisten Künstler und Philosophen in ihrer Bilder- und Ideenwelt; darum sind sie meist der Ehe abgeneigt und leben ihre sexuellen und erotischen Impulse in Liaisons aus, die in ihrem Fall selten mehr bedeuten als Anregungen für ihr Werk. Aber in mindestens 999 von 1000 Fällen ist nur das Mann-Weib-Verhältnis im normalen Sinn wahrer Ausdruck der polaren Situation.

Hier nun erscheint die primäre Gleichheit beider Pole als Urphänomen. Es ist ebenso lächerlich, von der Überlegenheit des Mannes oder der Frau wie von der Überlegenheit des positiven oder negativen Pols in der Elektrizität zu reden. Nie ward ein besseres Sinnbild der wahren Situation erfunden als das des Aristophanes, welches Platons Symposion uns erhielt: daß nämlich Mann und Weib ursprünglich ein einziges Wesen bildeten, auseinandergerissen wurden und sich nun ewig nach Wiedervereinigung sehnen. Dies erklärt, warum jeder Mensch, so lang es Menschen gibt, das Gefühl hatte, daß ihm von Ewigkeit her ein und nur ein bestimmter Mensch als Gatte vorherbestimmt war, gleichviel ob er ihm je begegnete oder nicht. Dem ist nicht wirklich so, denn die Seele ist ein überaus Vielfältiges und Verschränktes, dessen Zentrum an vielen Stellen liegen kann, von denen jede der potentielle Brennpunkt, eines besonderen und ausschließlichen Kraftfeldes ist. Wohl aber ist es so vom Standpunkt jedes bestimmten Bewußtseinszentrums sowohl, wie des vollintegrierten individuellen Ganzen. Hier finden wir den Urgrund dessen, daß die monogame Ehe immerdar die ideale Form eines Mann-Weib-Verhältnisses war und sein wird. Ich habe diese Frage im einleitenden Aufsatz meines Ehebuchs erschöpfend behandelt und mag mich nicht wiederholen. Soviel aber sei doch noch einmal gesagt: der überwältigenden Mehrheit ist die monogame Ehe der Idealausdruck eines Mann-Weib-Verhältnisses, weil hier allein die Tatsache, daß Mann und Frau ohne einander unvollständig sind und einem bi-polaren elliptischen Kraftfeld angehören, ihren sowohl vollkommensten wie adäquatesten Ausdruck in allgemein-gültiger und -anwendbarer Form findet. Der Ausdruck ist deshalb der vollkommenste und adäquateste, weil er seinem Wesen nach Dauer impliziert und alle Ebenen umfaßt, auf denen der Mensch normalerweise lebt, und weil er sich nicht nur als intersexuelle Spannung in ihrem rein individualistischen Aspekte ausprägt, sondern auch den Erfordernissen der Rasse und ihrer Erhaltung Rechnung trägt. Er umfaßt geeintes Werden und Vergehen, alles Wechselspiel von Freiheit und Zwang, bejahtes zweisames Schicksal, gemeinsame Freude, geteiltes Leid. Endlich ist allein die monogame Ehe Ausdruck nicht nur der natürlichen, sondern auch der moralischen und spirituellen Ordnung. Sie hat nie tatsächlich vorgeherrscht, weil nur sehr wenige Männer und Frauen einer idealen Beziehung fähig sind; entweder sie finden ihren wahren Gatten nicht, oder sie bedürfen mehrerer polarer Verhältnisse, oder sie sind der Integrierung zu individueller Ganzheit unfähig, oder endlich es fehlt ihnen das Verständnis und das moralische Rückgrat, deren es zur Perpetuierung eines so labilen und gebrechlichen Gebildes wie des intimen Verhältnisses zwischen zwei Menschen bedarf. Andererseits wird die Verwirklichung des monogamen Ideals immer schwieriger, je mehr die Differenzierung zunimmt und damit die Bedeutung des Einzigkeitselements, welches wesentlich einsam ist und deshalb unfähig, in irgendeiner Gemeinschaftsform, die auf dem, was alle Menschen miteinander gemein haben, beruht, ein Ideal zu sehen. Deswegen kann — genau wie es vom russischen Zarismus hieß, er sei une autocratie tempérée par l’assassinat — von der Ehe gesagt werden, daß sie von je eine durch etwas anderes gemilderte Monogamie war; dieses andere bedeutete bald voreheliche Freiheit, bald Ehebruch, bald leichte Scheidungsmöglichkeit oder eine Auffassung der Ehe, wonach sie weniger bedeutete als eine liaison, oder unter irgendeinem Namen offiziell anerkannte Polygamie oder Polyandrie. Daß aber die ideale Lösung des Problems in der dauernden Vereinigung eines Mannes und einer Frau, die einander völlig ergänzen, liegt, wird dadurch allein bewiesen, daß gerade jede differenzierte Seele dies und kein anderes Ideal im tiefsten Herzen trägt. Denn Ideale bedeuten nie Illusionen — sie sind die projizierten Bilder innerster subjektiver Wirklichkeiten.

Mann und Frau stehen also in wesentlicher Wechselbeziehung. Dies bedeutet, daß ihre Einheit eines der Urphänomene der Natur ist. Es bedeutet aber noch mehr: es bedeutet, daß jede Änderung eines Pols notwendig eine entsprechende Änderung des anderen nach sich zieht. Das Ideal ist, daß Mann und Frau absolut gleich seien. Womit ich nicht nur sagen will, daß sie als Menschen gleichberechtigt sein sollen (das versteht sich von selbst), sondern daß beide ihre denkbar vollste und reichste Entfaltung erreichen sollen. Dank ihrer vorherbestehenden Korrelation setzt dies wiederum das richtige Verhältnis zwischen einer richtig entwickelten Mannheit und einer entsprechenden Weibheit voraus. Aber in Wahrheit sind sie höchst selten gleich. Hier manifestiert sich denn der Mysteriumscharakter des Geschlechts am eindrucksvollsten. Ist die Gleichheit zugunsten eines Poles zerstört, dann verdirbt der andere unvermeidlich aus inneren, nicht äußeren Gründen. Herrscht der Mann in übertriebenem Maß, so verliert die Frau an Qualität und Wert, und sei sie noch so glücklich; gleiches gilt vom entgegengesetzten Gleichgewichtszustand. Die psychische Korrelation der Geschlechter ist eben ein ebenso Primäres wie die physische. Die öffentliche Meinung erkennt dies wenigstens insoweit an, als es sich in der weiblichen Anpassungsfähigkeit und Mimikry ausdrückt; die echte Frau weiß jedesmal instinktiv, wie sie den Mann am besten anzieht. Doch die öffentliche Meinung verkennt dessen wahren Sinn. Es handelt sich in Wahrheit gar nicht um Anpassung: eine Frau ist selbstverständlich up to date; als könnte es nicht anders sein, erweist sie sich einer Gelegenheit oder Notlage gewachsen. Das bloße Vorhandensein eines geeigneten männlichen Pols genügt, um diese Fähigkeiten in ihr zu wecken. Und es braucht sich nicht einmal um persönliche Begegnung zu handeln: von Haus aus weiß sie, durch Inspiration des kollektiven Unbewußten. Ihr sogenanntes Anpassungsvermögen bedeutet in Wahrheit die antizipierte Verwirklichung des ewig bestehenden Korrelationsverhältnisses zwischen den Geschlechtern — oder dessen Wiederherstellung, falls es durch eine Veränderung des einen Pols gestört wurde. So war die Frau es, die nach dem Weltkrieg in Lebensmodus und Tracht zuerst das aus jenem erfolgte neue Verhältnis zwischen den Geschlechtern zum Ausdruck brachte. Der Mann scheint unabhängiger, weil es seine Rolle im Leben ist, freie Initiative zu verkörpern; er stellt das Prinzip der Variation und damit der Unbeständigkeit und des Willens zum Risiko dar. Außerdem prädominiert im Manne virtuell der Geist, weshalb das, was er sein Werk heißt, einen tieferen Ausdruck seines Wesens darstellen kann als sein Verhältnis zu Frau und Kindern. Doch seine größere Unabhängigkeit ist praktisch in den meisten Fällen nur Schein. Denn wird er einmal eingefangen und gebunden, dann ist er gefesselter als je eine Frau es war und sein wird; gerade infolge seiner größeren Unabhängigkeit ist er gegen den Einfluß des anderen Geschlechts, wenn er sich ihm überhaupt aussetzt, weniger gewappnet. Die christlichen und buddhistischen Asketen, welche ihren Jüngern jeden weiblichen Umgang verboten, waren keine Toren.1 Es ist schwer (wenigstens heutzutage), eine verheiratete Frau von einem Mädchen zu unterscheiden; la jeune fille typique war immer reines Kunstprodukt. Der verheiratete Mann hingegen ist immer zu erkennen. Er ist psychisch so hilflos, falls er überhaupt gebunden ist, daß er sich in Korrelation zu der ihn beeinflussenden Frau de facto mehr ändert, als je eine Frau durch den Mann verändert ward. Denn es ist notorisch, daß eine Witwe oder eine Frau, die ihren Gatten verläßt, unverzüglich in ihren ursprünglichen Typus zurückschlägt. Wer diese größere Beeinflußbarkeit des Mannes bezweifelt, bedenke, daß die Frau ursprünglich zur Abhängigkeit bestimmt ist und der Mann nicht, weswegen seine Abhängigkeit psychologisch viel mehr bedeutet als die ihre.

Soviel über die individuelle Seite der Frage. Aber es gibt verschiedene Gleichgewichtszustände zwischen den Geschlechtern, die als generelle Erscheinungen beurteilt werden müssen. Der Gesamtaufbau einer Kultur kann so sein, daß entweder der Mann vorherrscht oder die Frau. Beides ist gleich naturgemäß. Worauf es vom Standpunkt der Natur ankommt, ist die Korrelation an sich; und der gleiche Korrelationszustand kann offenbar in unendlich vielen polaren Verhältnissen zum Ausdruck kommen. Beispiele hierfür finden wir im ganzen Tierreich. Beim Menschen werden die möglichen normalen Extremfälle durch das absolute Patriarchat, wo der Mann Tyrann und die Frau Sklavin ist, und das absolute Matriarchat, wo das Umgekehrte gilt, verkörpert zwischen diesen zwei Extremen gibt es alle nur möglichen Schattierungen und Übergänge. Das reine Patriarchat geht heute in der ganzen zivilisierten Welt infolge des Zusammenwirkens der Frauenemanzipationsbewegung und der wissenschaftlichen Aufklärung seinem historischen Ende entgegen. Aber es gibt ein Land, in dem sein Gegenbild, das absolute Matriarchat unaufhaltsam zu siegen scheint: die Vereinigten Staaten Nordamerikas.

1Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, hier eine reizende Geschichte wiederzugeben, welche die tiefe Menschlichkeit der Inder zeigt; eine Geschichte aus ihren Heiligen Büchern. Dort wird gesagt, daß der Brahmacharya mit Frauen nie etwas zu schaffen haben darf, es sei wenn, wird hinzugefügt, daß die Frau sich selbst anbietet, denn in diesem Fall wäre Ablehnung unhöflich. Dies ist jedenfalls die Meinung des Rishi Vamadeva.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
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