Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Moralismus

Bejahung der Tragik

Schreiten wir nun zur letzten Synthese. Sie wird uns am besten gelingen, wenn wir die Frage so stellen, wie sie mir in vielen amerikanischen Städten gestellt wurde, nämlich, ob freiere moralische Anschauungen reichere Seelen erzeugen würden. Nach allem bisher Gesagten muß klar sein, daß eine reiche Seele und ein überlegener Mensch unmöglich eng-moralischer Gesinnung sein kann. Was den Überlegenen an erster Stelle kennzeichnet, ist, daß der Nachdruck in ihm auf seinem schöpferischen Geist und demzufolge auf dem Prinzip des Ja, nicht dem des Nein liegt; Moral als solche aber ist immer Ausdruck des letzteren. Ferner kann jede reiche Seele nicht umhin, zu fühlen, daß jegliche Form und Ordnung, die einen vollkommenen Ausdruck des Selbst verbietet, ihrer eigenen Wahrheit widerspricht. Nun gibt es eine Mehrheit überlegener Menschen und reicher Seelen heute ebensowenig wie in irgendeinem früheren Zeitalter. Wohl aber hat eine allgemeine Hebung des Niveaus auf der Ebene des Verstehens stattgefunden. Was jedem überlegenen Menschen selbstverständlich bewußt war, ist heute zu objektivem Wissen geworden, das jeder normal begabte Mensch verstehen kann. Infolgedessen kann von einer Rückkehr zur traditionellen Moral keine Rede sein.

Ebenso unmöglich ist es jedoch, daß der gegenwärtige Zustand offenbarer Unmoral, der nur als Übergangsstadium normal ist, von Dauer sei. Über das vorhin über dieses Problem Ausgeführte hinaus können wir jetzt sagen: wenn Überlegenheit darin besteht, die Dinge in ihrem richtigen gegenseitigen Verhältnis zu sehen und sie von innen her so zu beherrschen, daß ein harmonischer Allgemeinzustand sich ergibt, dann steht der Flapper unbedingt unter jeder Frau, welche ehrlich an die Wahrheit der alten Ordnung glaubt. Warum? Weil diese die Bedürfnisse der Seele und ihrer Höherentwicklung für wichtiger hielt als Fleischesbefriedigung. Meines Wissens gab es auf Erden noch keine seelisch so arme und dürftige Generation wie die jüngste amerikanische. Da sie keine Triebhemmungen kennt, kann sich ein Seelenleben einfach nicht entfalten. Und da die behavioristische Einstellung zu einer Allgemeinauffassung des Lebens führt, derzufolge der Mensch ein Tier unter anderen sei, wird das Physische als entscheidend betrachtet. So beurteilen feinsinnige Frauen zum erstenmal in der Geschichte den Wert der Liebe nach ihrer Wirkung auf die Gesundheit. Alle diese Nachteile werden noch gesteigert durch die gerade vor sich gehende Verjüngung der Rasse und die Idealisierung der Jugend, die, wie wir sahen, aus physiologischen Gründen außerstande ist, ihr volles Leben auszuleben. Eben deshalb wurden ihr in allen reifen Kulturzuständen heilsame Konventionen auferlegt, die ihre Höherentwicklung förderten. Nun ist der wichtigste Teil des Menschen seine Seele, als Ausdruck der Gesamtheit der Gefühlssphäre verstanden. Ist diese Sphäre unterentwickelt, so ist eine freie Moral schlechterdings kontraindiziert, denn eine primitive Seele braucht strenge Disziplin. Hiermit, wären wir denn dem Probleme auf den Grund gekommen. Es handelt sich in erster Linie nicht darum, welche Auffassung der Moral die beste sei, sondern ob der konkrete Zustand eines Menschen diesen befähigt, ein Leben der höchsten Wahrheit gemäß zu leben. Kindern muß man allerlei Gründe für gutes Benehmen angeben, welche wissenschaftlicher Kritik nicht standhalten. Ebenso handelt es sich bei Erwachsenen nicht darum, welche Form und Ordnung theoretisch die beste sei, sondern ob eine gegebene Person imstande ist, sie tatsächlich zu verkörpern oder ihr nachzuleben. Nun beweisen alle Tatsachen, daß die überwältigende Mehrheit der modernen amerikanischen Jugend auf eine freiere Einstellung absolut nicht vorbereitet ist. Die meisten sind umgekehrte Puritaner. Und da der Mensch in erster Linie ein psychisches Wesen ist, so ist eine Unterentwicklung der Seele viel schädlicher als eine Unterdrückung körperlichen Verlangens; denn letzteres führt immer irgendwie zu kompensatorischer Seelenentwicklung, während ein rein physisches Leben an sich völlig befriedigend ist und zu einer fortschreitenden Animalisierung des Menschen führt, wenn es als einzig wertvoll gilt.

So steht es in Wahrheit um jene gesunden Jungen und Mädchen, von denen Judge Lindsay so entzückt ist. Körperlich mögen sie gesund sein; wahrscheinlich sind sie es. Ich will sogar soweit gehen, zuzugestehen, daß diese Jungen mit einer besseren Körperlichkeit gesegnet sind als seit Jahrhunderten, mit Ausnahme wilder Stämme, irgendein Geschlecht. Allein ihre Seele ist oft nahezu untermenschlich. Und doch sympathisiere ich durchaus mit der neuen amerikanischen Jugend. Es ist in der Ordnung, daß eine zur Überwindung des Puritanismus berufene Generation zunächst auf gleicher Ebene ins andere Extrem verfalle. Und jedenfalls kann in Zeiten sterbenden Glaubens und Durchschnitt immer stärker erwachenden Intellekts nur freies Experimentieren zu Ideen führen, die den Tatsachen wirklich entsprechen. In diesem Zusammenhang gelten meine Sympathien ganz besonders denen, die von ihren Experimenten Schaden erleiden: hier handelt es sich recht eigentlich um Verluste in der Schlacht. Im Fall des moralischen Problems, wie jedes anderen dieser Zeit, ist das Grundübel, daß die intellektuelle Erkenntnis sich allen anderen Funktionen der Seele weit voraus entwickelt hat. Auch hier ist Neuverknüpfung von Geist und Seele das Grundproblem. Vollendung ist nur durch organisches Wachstum erreichbar. Andererseits kann nur echtes Verstehen dem Prozeß die rechte Richtung geben und diesen beschleunigen. Hier stoßen wir denn noch einmal, genau wie am Ende unserer Behandlung des Problems der Demokratie, auf die Erkenntnis, daß Amerikas ganze kulturelle Zukunft mit einer Vertiefung des individuellen Selbstbewußtseins steht und fällt, und zwar gerade wegen der erstaunlichen Entwicklung seines sozialen Bewußtseins. Denn auf der Ebene, auf der die Probleme von Gut und Böse liegen, ist von sozialem Fortschritt schlechthin nichts zu erwarten. Es gibt keinen Generalnenner für das Gesetz der Persönlichkeit und das der Gesellschaft.1 Die Form und Ordnung dieser gilt ausschließlich für eine als letzte Instanz betrachtete Menge von Menschen, genau wie die Form und Ordnung der Einzelseele allein für ihre Ganzheit gilt, was immer deren besondere Impulse und Funktionen zwecks ihres vollständigen Sonderausdrucks verlangen mögen. Während aber diese Impulse und Funktionen wirklich einer niederen Ebene angehören im Vergleich zur Ganzheit der Seele, weshalb ihre Sonderwünsche vom Standpunkt des ganzen Menschen unberücksichtigt bleiben dürfen, gilt gleiches nicht vom Individuum in bezug auf die Gemeinschaft. Des Individuums letzte Instanz ist seine individuelle Einzigkeit. Ihr gegenüber steht die Gemeinschaft im gleichen Verhältnis wie die Einzelimpulse — nur auf anderer Ebene und in anderer Richtung. Das ist, die Gemeinschaft als solche besitzt keine Seele und ist keine Seele. Sie wird durch das, was in Wahrheit untermenschlich ist, zusammengehalten. Daher das niedrige Niveau jeder Kollektivität im Vergleich zu jedem einzelnen intelligenten Menschen. Da nun die Gemeinschaft immerhin aus Einzelseelen besteht, trägt sie naturgemäß bis zu einem gewissen Grad dem Individuellen ihrer Mitglieder Rechnung. Immer jedoch zieht sie die Grenze dort, wo die Interessen des Einzelnen mit denen der Gemeinschaft kollidieren. Darum hat sie einen echten Neuerer und Reformer niemals gelten lassen; darum hat sie von je die Sonderart des überlegenen Menschen abgelehnt. Sie kann die Einzelseele nicht als letzte Instanz anerkennen. Da nun jede Einzelseele wesentlich einzig und die Größe einer Seele ihrem Mangel an Normalität proportional ist; da es andererseits ein Gemeinschaftsleben, das sich selbst letzte Instanz ist, geben muß, ergibt sich daraus unvermeidlich ein unlösbarer tragischer Konflikt. Hier liegt die einzig mögliche Lösung darin, durch Bejahung der Tragik eine neue Daseinsebene zu schaffen, auf der die Probleme niederer nicht mehr lebenswichtig erscheinen. Nur auf ihr lassen sich die widerstreitenden Interessen des Einzelnen und der Gruppe überhaupt harmonisieren. Auf der von den Amerikanern bisher erwählten Ebene der Unterindividualisierung kann es nie gelingen. Der gegenwärtige Zustand der Vereinigten Staaten beweist dies abschließend. Das soziale Bewußtsein ist dort stärker differenziert als irgend sonst auf Erden. Das Individuum dagegen erscheint in einem bei zivilisierten Völkern nie dagewesenen Maße unterentwickelt. Und da alle geistigen Werte vom Individuum geschaffen werden, und nur von ihm zu schaffen sind, so kann selbst das vollendetste, in Menschen höchster sozialer Moral verkörperte soziale System das Nichtvorhandensein vollentwickelter Individualitäten niemals kompensieren.

1Ich möchte hier nebenbei bemerken, daß ich schon mit 26 Jahren diese Wahrheit in meinem Buch Unsterblichkeit ausgesprochen und bewiesen habe.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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