Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Die amerikanische Landschaft

Geist der Erde

Das ist alles richtig. Andererseits aber liegt auf der Hand, daß Amerika eben jetzt die erste große Krisis seiner Geschichte durchmacht, und daß das Hauptmerkmal dieser Krisis darin besteht, daß sie die Grundlagen des Puritanismus untergräbt. Ohne jeden Zweifel kämpft dieser heute um sein Dasein als herrschende Macht, und höchstwahrscheinlich wird er unterliegen. Was bedeutet das? — Die Beantwortung dieser Frage führt uns zu unserer These zurück, daß in Amerika der Geist der Erde im Gegensatz zu dem des Menschen dominiere. Gelangt jetzt unter dem Banner der Revolution der modernen Jugend ein neuer Amerikanertyp zur Vorherrschaft, so bedeutet dies nichts anderes, als daß der gleiche Vorgang, der vor Jahrtausenden in Indien stattfand, als die drawidische Seele im Hindu auf Kosten der arischen siegte, sich nun auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten wiederereignet. Im nächsten Kapitel werden wir uns mit der allgemeinen Verjüngung als erster Folge des betrachteten Vorganges ausführlich beschäftigen. Um jedoch meinen Lesern sofort und gewissermaßen erschütternd zum Bewußtsein zu bringen, welch gewaltige Veränderung sich vor ihren Augen vollzieht, möchte ich zunächst einen Abschnitt aus dem Vortrag, den der große Schweizer Psychologe Dr. C. G. Jung auf der Tagung 1927 der Schule der Weisheit hielt, noch einmal zitieren, obgleich ich’s schon im Spektrum Europas tat; im allgemeinen Zusammenhang des Problems, inwieweit die Psyche erdbedingt ist, behandelte er das der sich jetzt im amerikanischen Typus vollziehenden Wandlung:1

Zunächst fiel mir der bei den Amerikanern große Einfluß des Negers auf, ein psychologischer Einfluß natürlich, ohne Blutmischung. Die emotionale Äußerung des Amerikaners, in erster Linie sein Lachen, können Sie am besten in den Society Gossip Beilagen der amerikanischen Blätter studieren; jenes unnachahmliche Roosevelt-Lachen finden Sie in der Urform beim amerikanischen Neger. Der eigentümliche Gang mit relativ losen Gelenken, oder die schwingende Hüfte, die man bei Amerikanerinnen so häufig beobachtet, stammt vom Neger. Die amerikanische Musik bezog ihre Hauptinspiration vom Neger; der Tanz ist Negertanz. Die Äußerungen des religiösen Gefühls, die revial meetings, die holy rollers und sonstige Abnormitäten sind stark unter dem Einfluß des Negers — und die berühmte amerikanische Naivität in ihrer charmanten Form sowohl wie in ihrer mehr unangenehmen Erscheinungsweise kann leicht mit der Kindlichkeit des Negers verglichen werden. Das durchschnittlich ungemein lebhafte Temperament, das sich nicht nur bei Baseball games zeigt, sondern ganz besonders in einer ungewöhnlichen sprachlichen Ausdruckslust, wovon der unaufhörliche und uferlose Strom von Geschwätz in den amerikanischen Zeitungen das sprechendste Beispiel ist, ist kaum von den germanischen Vorfahren herzuleiten, sondern gleicht vielmehr dem chattering des Negerdorfes. Der fast absolute Mangel an Intimität und die alles verschlingende massenhafte Gesellschaftlichkeit erinnert an primitives Leben in offenen Hütten mit völliger Identität aller Stammesgenossen. Es schien mir, als ob in allen amerikanischen Häusern alle Türen immer offen stünden, wie auch in den amerikanischen country-towns keine Gartenzäune zu finden sind. Alles scheint Straße zu sein … In der amerikanischen Heldenphantasie spielt der indianische Charakter eine Hauptrolle. Die amerikanische Sportauffassung ist weit jenseits der europäischen Gemütlichkeit. Nur noch die indianischen Initiationen können mit der Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit eines rigorosen amerikanischen Trainings wetteifern. Die Gesamtleistung des amerikanischen Sportes ist deshalb bewundernswert. In allem, was der Amerikaner will, kommt der Indianer zum Vorschein; in der außerordentlichen Konzentration auf ein gewisses Ziel, in der Zähigkeit der Verfolgung, im unentwegten Ertragen größter Schwierigkeiten kommen alle legendären Tugenden des Indianers zur vollen Geltung … Ich habe bei meinen amerikanischen Patienten gefunden, daß ihre Heldenfigur auch den indianischen religiösen Aspekt besitzt. Die wichtigste Gestalt der indianischen Religionsformen ist der Shaman, der Doktor und Geisterbeschwörer. Die erste, auch für Europa wichtig gewordene amerikanische Erfindung auf diesem Gebiete war der Spiritismus, die zweite die Christian Science und sonstige Formen von Mental Healing. Die Christian Science ist ein Beschwörungsritual, die Krankheitsdämonen werden abgeleugnet, der widerspenstige Körper wird mit entsprechenden Formeln besungen und die einem hohen Kulturniveau entsprechende christliche Religion wird zur Zauberheilung benutzt. Die Armut des geistigen Inhalts ist erschreckend, aber die Christian Science ist lebendig, sie besitzt eine durchaus bodenständige Kraft und wirkt diejenigen Wunder, die man in den offiziellen Kirchen vergebens suchen würde. So bietet uns der Amerikaner ein seltsames Bild: ein Europäer mit Negermanieren und indianischer Seele. Er teilt das Schicksal aller Usurpatoren fremder Erde: gewisse australische Primitive behaupten, man könne keinen fremden Boden erobern, denn im fremden Boden leben Ahnengeister, und so würden die Neugeborenen fremde Ahnengeister inkarnieren. Darin steckt eine große psychologische Wahrheit. Das fremde Land assimiliert den Eroberer. Aber unähnlich den lateinischen Eroberern in Zentral- und Südamerika haben die Nordamerikaner mit strengstem Puritanismus das europäische Niveau gehalten, aber sie konnten es nicht hindern, daß die Seelen ihrer indianischen Feinde die ihrigen wurden. Die jungfräuliche Erde hat es überall an sich, daß wenigstens das Unbewußte des Eroberers zur Stufe des autochthonen Bewohners hinuntersinkt.

Der Einfluß des Negers läßt sich selbstverständlich nicht auf den Geist des amerikanischen Kontinents zurückführen. Die Hauptursache liegt, wie bereits früher ausgeführt, in dem Umstand, daß der schwarze Eingeborene Amerikas vom Standpunkt von Mutter Erde bis heute der echtere Amerikaner war als der weiße. Doch die letztere, äußerst wichtige Erkenntnis können wir jetzt vertiefen. Ist der Typus des amerikanischen Negers wirklich ein eingeborener? Freilich ist er das. Nie gab es in Afrika etwas dem amerikanischen Neger Vergleichbares, und nichts Ähnliches finden wir in Westindien und Südamerika. Der Negertanz, der Jazz, jene Lieder, die jede amerikanische Zuhörerschaft hinreißen, sind Wesensäußerungen des emanzipierten Negers — dessen, was der Schwarze seit dem Bürgerkrieg auf amerikanischem Boden geworden ist. So ist er ebenso authentischer Amerikaner im Gegensatz zu seinen Vorfahren, wie dies, mutatis mutandis, irgendein Sproß alter Pionierfamilien des Mittelwestens von sich behaupten darf. Und da just dem schwarzen Amerikaner bodenständige, der amerikanischen Erde entsprechende Gefühle und Empfindungen eignen, welche der Weiße noch nicht entwickelt hat, so ergänzt er diesen. Hierin liegt der Hauptgrund dessen, daß alle Ausdrücke des amerikanischen Gefühlslebens vom Neger herzustammen zu scheinen: in Wahrheit sind sie amerikanischen Ursprungs. Da aber die Seele des Weißen in dieser Hinsicht noch nicht über das Stadium der Rezeptivität und Nachahmung hinausgewachsen ist, muß sie sich nach der Weise des Schwarzen ausdrücken, um überhaupt ihr eigenes Leben auszuleben. —

Es ist vielleicht angebracht, an dieser Stelle soviel über das kitzliche Negerproblem zu sagen, wie der Zusammenhang gestattet. Der Farbige ist ein ebenso echter Amerikaner wie sein weißer Bruder. Die amerikanische Verfassung duldet keinerlei Verfolgung ihrer Bürger, und dank der außerordentlich konservativen Veranlagung der Amerikaner besteht wenig Aussicht, daß die Verfassung bald, wenn je, geändert wird. Möglicherweise wird auf ziemlich lange Zeit hinaus die Lynchjustiz bis zu einem gewissen Grade als Sicherheitsventil weiterfunktionieren. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß sich eine konsequente negerfeindliche Politik je als durchführbar erweisen wird. Die soziale Frage ist schon gelöst, soweit unter den gegebenen Umständen eine Lösung überhaupt möglich ist. Im Süden jedenfalls besteht ein stillschweigend anerkanntes Kastensystem, und Weiseres wäre schwer zu erfinden gewesen. Vor dem Gesetz besteht Gleichberechtigung, aber Weiße und Schwarze leben gesondert. Ein derartiger Zustand läßt sich immer durchführen; nicht nur leben die verschiedenen Tiergattungen nahe beieinander, ohne sich zu vermischen, gleiches gilt auch von den verschiedenen Menschenrassen in den meisten Ländern gemischter Bevölkerung; so in Indien. Aber die amerikanische Verfassung sorgt dafür, daß die Überlegenheit der einen Kaste nicht zur Unterdrückung der anderen führt. So brauchen sich die Neger nicht gedemütigt zu fühlen, sie können einen eigenen Rassestolz als Amerikaner entwickeln. Sie werden vielleicht sogar eine eigene Kultur aufbauen, und diese Kultur wird vielleicht sogar von der nicht-amerikanischen Welt als Amerikas echteste Kultur beurteilt werden. Es hat eben nur die Seele unmittelbare Anziehungskraft, nicht der Intellekt, noch technisches Ergebnis, denn nur die Seele ist der Mensch. Wenn Amerika nichts anderes aufzuweisen hätte als technische Erfindungen, könnte von einem dauernden Einfluß Amerikas auf die Welt, keine Rede sein; die Buchdruckerpresse und das Pulver wurden in Deutschland erfunden doch deshalb ist die Welt nicht deutsch geworden. Technische Erfindungen sind seelenlos, jeder mag sie sich aneignen; sie gehören dem letztlich, der ihnen eine Seele gibt. So liegt durchaus nichts Paradoxales in meiner Erwartung, daß Amerikas kulturelle Höchstleistungen möglicherweise seinen schwarzen Söhnen zu danken sein werden, desto weniger, als das Vorurteil des Weißen jeden, in dessen Adern nur ein Tropfen Negerblut rinnt, zu den Schwarzen zählt. Würden nur die tatsächlich Schwarzen als Neger betrachtet und behandelt, dann bestände die Überlegenheit des Weißen auf allen Gebieten auf Jahrhunderte hinaus mit Gewißheit fort. Aber die Negerkaste schließt einen ungeheuren Prozentsatz tatsächlicher Weißer ein. Unter diesen Umständen ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, daß die ersten Original-Genies der neuen Welt zu den Schwarzen gehören werden; man vergesse nicht, daß die Großväter von Puschkin, Rußlands größtem Dichter, und von Alexandre Dumas Farbige waren. Und nicht allein von kulturellen, sondern auch vom biologischen Standpunkt geurteilt, hat der schwarze Eingeborene der Vereinigten Staaten große Zukunftsaussichten.

Der weiße Amerikaner von heute macht selten den Eindruck echter Vitalität. Manchmal ist dies auf Entartung zurückzuführen: die Pioniere und sonstigen ersten Einwanderergeschlechter hatten oft dermaßen schwer zu arbeiten, daß ihre Nachkommen es entgelten müssen. Zum Teil ist es vielleicht auch durch die Sonderart der Erde zu erklären, in dem Sinne zwar, daß diesem Kontinent ein verhältnismäßig unvitaler Menschentypus entspricht; in diesem Zusammenhang sind die Indianer den hier gemeinten Weißen nahe verwandt. Aber der Hauptgrund ist sicherlich derselbe, aus dem sich die amerikanische Seelenlosigkeit erklärt, und den wir bereits ausführlich betrachteten. Soweit wir die Geschichte zurückverfolgen können, waren die Städte, biologisch beurteilt, Stätten des Ausgebens, nicht des Verdienens und Sparens. Gewiß hat die industrielle Zivilisation neue Bedingungen geschaffen; aber diese Zivilisation wird sich erst dann konsolidieren, wenn ein neuer Gleichgewichtszustand erreicht worden ist zwischen dem Menschen als Sohn der Erde und dem Menschen als Ausbeuter der Erde. Am gegenwärtigen Wendepunkt besteht die Gefahr, daß der gesamte nordamerikanische Kontinent — mit Ausnahme von ein paar Bergketten — so etwas wie eine einzige Stadt werde, und zwar eine vampyrhafte Stadt. Schon heute ist nicht ohne weiteres festzustellen, wo New York aufhört und Boston beginnt; da jeder moderne Stadtentwurf und Städtebau von der Voraussetzung ausgeht, daß jedermann ein Auto besitzt, dehnen sich die Vororte endlos aus. Chicago umfaßt schon heute ein Stadtgebiet, das vor dreißig Jahren ein ansehnliches Königreich ausgemacht hätte. Infolge der Standardisierung des amerikanischen Lebens ist es viel leichter und billiger, in der Stadt zu wohnen als auf dem Lande, um so mehr als — oder wenn — der Landbau sich nicht rentiert; auch ist es nicht wahrscheinlich, daß sich bald ein traditionsgebundener Bauerntyp entwickeln wird; denn die einzige Lösung des landwirtschaftlichen Problems, die das Landwirtschaftsministerium in Washington vorzusehen scheint, ist die Schaffung eines exzeptionell intelligenten und wissenschaftlich gebildeten Farmertyps — und die ganze Geschichte beweist, daß bewegliche Intelligenzen niemals in der Anpassung an die immer langsamen Prozesse der Natur ihr Dauerglück fanden. Alle diese Umstände kooperieren bei der Erschaffung einer allgemeinen Städter-Psychologie. Die Vorliebe für Massenansammlungen und die erstaunliche Gefügigkeit, mit der alle Amerikaner den Anregungen der Reklameagenten folgen, vollenden das Bild. Ja, das Gebiet der Vereinigten Staaten wird sich vielleicht wirklich einmal zu einer einzigen Stadt zusammenschließen und dann wird es natürlich dermaleinst eine einzige Ruine darstellen. Mehrere Wochen weilte ich 1928 an jenem wirklich wundervollen Ort der amerikanischen Wüste, die den Namen Palm Springs führt. Kaum ein paar hundert Leute wohnen dauernd dort, aber ich zählte nicht weniger als 63 Real Estate Agents. Eines strahlenden Morgens bestieg ich einen Berg. Von dessen Gipfel aus gewahrte ich, daß die ganze Wüste bereits planiert und aufgeteilt war, mit Straßennamen und allem Drum und Dran. Und dann kam mir mit Entsetzen zum Bewußtsein, daß die ganze kalifornische Wüste bald zu einer einzigen Stadt werden, und daß diese Stadt vielleicht gar bald mit dem sich unaufhaltsam ausdehnenden Chicago zusammenfließen könnte … Das Problem ist unzweifelhaft ernst. Entwickelt sich der weiße Amerikaner in der gegenwärtig eingeschlagenen Richtung allzuweit fort, dann mag aus Amerika am Ende der schwarze Kontinent der Zukunft werden. Wir wissen heute, daß vom paläolithischen Zeitalter ab mindestens drei große Kulturen in Afrika geblüht haben, deren ursprüngliche Träger nicht schwarz waren. In jener Frühzeit scheinen die Neger eine ähnliche Rolle gespielt zu haben, wie heute die Gorillas. Aber die herrschenden Rassen verloren zuletzt ihre Vitalität; sie lebten der Mutter Erde zu fern. So behielt der Neger, obgleich er der niedere Typus war, das letzte Wort.

1Der Vortrag ist als Teil des VIII. Jahrbuchs der Schule der Weisheit, Der Leuchter (1927, Otto Reichl Verlag) gedruckt worden. Ich identifiziere mich, notabene, nicht mit allen Anschauungen Jungs, glaube jedoch, daß sie sehr viel Wahres enthalten.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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