Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

12. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1926

Bücherschau · Tolstoi · Flucht und Tod

Ein Buch, das jeder lesen sollte, weil es wie nur ganz wenige zu fruchtbarer Selbstprüfung anregt, ist Tolstois Flucht und Tod (herausgegeben von seiner Tochter, Frankfurt a. M., Rütten & Loening). Am besten hieße es nämlich: Schuld und Sühne der Schwäche, und wer von uns sündigt nicht gelegentlich durch solche, im festen Glauben, damit Tugend zu üben? Tolstoi war einer der repräsentativen Sünder der Menschheit, insofern er, mit Gaben hochbegnadet, einerseits eine Mission zu haben meinte, andererseits an diese nicht genügend glaubte, um sich durchzusetzen. Er nahm immer wieder Rücksichten im Einzelnen, weil er dies für christlich hielt, widerlegte diese aber auch immer wieder im Großen, und die mögliche grandiose Linie seines Lebens wurde damit zu einer einzigen Inkonsequenz. Sein Ende war nicht erhaben, sondern einfach schmählich. Wie kläglich wirken seine Klagen, wie klein seine Anschuldigungen, ob sie nun andere oder sich betreffen. Viele, zumal in Deutschland, sehen in seiner bloßen Aufrichtigkeit natürlich Größe; es sind dieselben, welche Unruh um seiner Nike-Enthüllungen willen groß finden. Das sind jene übersachlichen Deutschen, die kompensatorisch jeden Tierschrei tief finden und alle Haltung für Mache halten, weil sie so weit noch nicht sind, sich ein wirklich selbstbestimmtes Leben (im metaphysischen Sinne) auch nur vorstellen zu können; sie kennen innere Haltung nur in Form äußerlichen Drills, wie denn die gleichen Deutschen nur dann äußerlich gerade gehen können, wenn sie tun, als hätten sie einen Zollstock heruntergeschluckt. Aber mit diesen Deutschen ist überhaupt nicht ernst zu reden, denn sie sind seelische Barbaren im schlimmsten Sinn des Worts. Tolstois Ende ist kläglich, nichts weiter. Und wenn hier irgend jemand Mitgefühl verdient, dann ist es die Frau.

Gewiß war diese nicht vollkommen. Und daß sie und er auf die Dauer auseinanderwachsen mußten, war sicher Schicksal. Aber wo er ein großer Geist war, zumal ein ganz großer Psychologe. warum schuf er nicht rechtzeitig Distanz? Warum setzte er für sich die Perioden der Retraite nicht durch, derer er schon lange vor den ersten Ehekrisen bedurfte, und beugte damit pathologischer Entwicklung vor? Seiner Frau spätere Hysterie hat Tolstoi ganz und gar auf seinem Gewissen. Tolstois Flucht und Tod ist die paradigmatische Anklageschrift gegen falsche Rücksichtnahme auf Grund von Feigheit. Es gibt in Wahrheit keinen schlimmeren Verbrecher der Intimität als den allzu Rücksichtsvollen. Was dem tiefsten Streben zuwider ist, darf man nie tun. Da solche Lüge eine Sünde wider den Heiligen Geist im eigenen Inneren bedeutet, so rächt sich jeder allzu Rücksichtsvolle zwangsläufig dafür am anderen Teil durch desto grausamere oder perfidere Fehlhandlungen; dieser Satz gilt ausnahmslos. Andererseits will kein anderer, zumal kein liebender Anderer, solche Sünde. Deshalb gibt es keine Frau, die auf die Dauer nicht innerlich dankbar wäre dafür, wenn ein Mann seine Treue sich selbst gegenüber wahrte. Zunächst gibt es freilich Krisen. Aber wenn eine Frau erkennt, daß der Mann, der ihr wehtut, unter Überwindung der eigenen Schwäche, der ja nichts näher liegt, als auf einen Nahestehenden jede Rücksicht zu nehmen, die beiden Teilen peinliche Eindrücke erspart, seine letzte Selbstverwirklichung betreibt, dann ist sie stolz auf ihn, dann ist sie ihm auf die Dauer dankbar, selbst wenn sie ihn haßt, denn sein Beispiel hilft ihr ihrerseits zu Gleichem; während sie ihn im Gegenfall verachtet. Buddhas verlassene Frau trug jenem ganz gewiß nichts nach; gleiches gilt von jedem analogen Falle. Denn nur dem Minderwertigen ist Leiden als solches letzte Urteilsinstanz.

Das ganze Elend von Tolstois Ehe beruht auf seiner Schwäche, seiner Inkonsequenz, seinem Nichtganz Glauben an seine Mission. Seiner Frau Krankheit war die Folge des inneren Zwiespalts, welche die Unvereinbarkeit ihrer Erkenntnis seiner Größe einerseits und andererseits des Gefühls unaufhaltsamer Verachtung in ihrer einfachen Seele schuf. Noch einmal: die ganze große Schuld am Unglück liegt bei ihm allein. Es war seine Pflicht, sie rechtzeitig dahin zu führen, wohin sie, weil sie nicht klug und stark genug war, von selbst nicht finden konnte. Daß er zu gutmütig dazu war, zu rücksichtsvoll, war nichts als Feigheit. So liegen die Dinge in jedem analogen Fall. In jedem trägt der von Hause aus klügere und stärkere Teil die ganze Schuld. Wem dies noch nicht klar sein Sollte, der bedenke noch das Folgende. Jeder Mensch will einem Willen folgen; ob es der eigene oder ein fremder sei, ist demgegenüber sekundär. Wer keinen eigenen aufbringt, beugt sich ebenso naturnotwendig freudig einem anderen, wie der Willensstarke sich selbst allein gehorcht. Darauf allein beruht die Gefolgschaft, die jedem Starken selbstverständlich zuteil wird. Und hierzu tritt ein weiteres: der Mensch genießt auch den Schmerz, wenn ihn ein Stärkerer einem zufügt, denn mit diesem identifiziert er sich unbewußt und empfindet sein Leiden insofern als Askese. Dies geht so weit, daß gerade Härte und Grausamkeit, sofern sie Ausdruck von Stärke ist und aus reinen Motiven erfolgt, unwillkürlich Achtung, ja Verehrung bannt. So war Lenin schon bei Lebzeiten allgemein verehrt, so gilt er heute als Heiliger. So ward kein großer Herrscher trotz seiner Todesurteile geliebt, sondern recht eigentlich wegen ihrer; das erste Empfinden schwächerer, wenn sie von solchen vernehmen, ist nämlich dies: ich hätte die Kraft nicht aufgebracht, das Mitleid zu überwinden. Woraus denn folgt, daß Tolstoi, wenn er seine Frau rechtzeitig, in heiterer Überlegenheit, verlassen hätte, diese vielleicht für die Dauer glücklich gemacht hätte — denn so wäre sie grenzenlos stolz auf ihn geworden, und für ein liebendes Herz ist dies das tiefste Glück.

Aber freilich hätte Tolstoi seine Frau in Selbstsicherheit, seiner erkannten Sendung folgend, verlassen müssen. Es ist heute üblich, im Nachgeben bloßen Stimmungen und Leidenschaften gegenüber Größe zu sehen. Darin liegt nie anderes als verächtliche Haltlosigkeit. Ich mag nicht wiederholen, was ich im Ehe-Buch schon schrieb. Nur so viel sei noch gesagt, Die meisten Künstlertragödien — und Künstler wollen heute ja alle, die Gefühle kennen, sein — sind nichts als Beweise von Unüberlegenheit und Talentmangel. Das Müssen, von dem so viele schreiben, aus dessen Geist so viele handeln und das dann Tausende bewundern, ist kein Höheres als das des Kindes, das seinen Urin nicht halten kann.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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