Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

12. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1926

Bücherschau · José Ortega y Gasset, Miguel de Unamuno

Auf meiner Spanienfahrt hatte ich reichliche Gelegenheit, mit den führenden spanischen Philosophen José Ortega y Gasset und Miguel de Unamuno (mit letzterem, der aus Spanien verbannt ist, in Biarritz) Fühlung zu nehmen. Des letzteren Werke kannte ich vorher schon zum Teil, die des erstgenannten las ich erst dann. Und möchte nun, für mich abschließend, das Folgende sagen. Beide verdienen ihren europäischen Ruf, aber in ganz verschiedenen Hinsichten und von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus (wie denn nichts Falscheres über Unamuno und Ortega in ihrem Verhältnis zueinander geschrieben werden konnte, als was sich Ernst Robert Curtius in der Europäischen Revue geleistet hat). Ortega ist ein eminenter Repräsentant des europäischen Zeitgeists und insofern zweierlei: erstens Europäisierer Spaniens, das an sich selbst alles eher als europäisch ist, zweitens ein wertvolles Glied der neu-europäischen Einheitsfront. Er ist ein feiner, verstehender, vermittlerischer Geist. Ausnehmend sympathisch und selten edel als Mensch, insofern der wertvollsten einer, die mir je unter Geistigen begegnet, ist er doch wesentlich nicht unbedingt (im Sinne Georges), und deshalb wirken seine Ideen nicht originell, auch wo sie es sind. Und sie sind es oft in hohem Grade. Niemand hat Treffenderes als er über den Sinn der modernsten Kunst geschrieben (man lese seine Destimanisacion del arte). Zur Philosophie der Geschichte hat er sehr wertvolle Beiträge geliefert. Manches Spenglerische hat er (auch er! unter vielen!) vor Spengler richtiger als dieser gesehen — seine Bestimmung des Unterschiedes von mittelländischem und nordischem Menschen ist die treffsicherste mir bekannte. Aber das, abstrakt betrachtet, vielleicht Bahnbrechende gibt sich zu diskret, um aufzufallen. Ortegas Geist hat viel Verwandtschaft mit dem so einfallsreichen von Scheler. Diesem ist er geistig kaum unterlegen, als Mensch hoch überlegen. Aber er ist eben keine starke, selbstsichere Persönlichkeit. Und im Extremfall führt dieser Umstand ihn zu direkten Irrtümern. So spricht aus seinen Essays Kosmopolitismus und Reform der Intelligenz, in denen er dem Geist für die Zukunft eine geringere Rolle zuspricht, als er sie bisher spielte, ein so ungeheuerliches Verkennen der wahren Verhältnisse, daß man sich immer wieder sagen muß, um an seiner Einsicht nicht irre zu werden, daß Ortega, als Spanier, den Weltkrieg nicht erlebt hat, und folglich die fortan herrschenden jungen Kräfte nicht kennt, und daß er einer der zwei Nationen angehört, deren unerschüttertes geistig-seelisches Gleichgewicht dem möglichen Eintritt neuer Motive in das Weltgeschehen aus psychologischen Gründen schwerverstehend gegenübersteht. Doch sobald mehr vermittelndes Verstehen als ursprüngliche Sinngebung in Frage steht, ist Ortega — wie gesagt — einer der besten unter den heute Lebenden. Und gerade den Nichtspaniern kann die Bekanntschaft mit ihm besonders viel bedeuten, weil er von seinem exzentrischen Standort aus mitunter besonders erleuchtende Schlaglichter auf Europa wirft.

Ist nun Ortega in erster Linie guter Europäer, so ist Unamuno nicht allein nur-Spanier, sondern eigentlich sogar nur-Baske. Er ist einseitig, eng, spezifisch durch und durch. Aber er ist unzweifelhaft ein großer Mann, soweit ich urteilen kann, bei weitem der größte Spanier seit Goya. Er wird fortleben als einer der größten seines Landes. Denn aus ihm reden recht eigentlich die Eingeweide Spaniens und insofern jedes Menschen. Jeder der Töne, die er anschlägt oder singt, ist tief, stark und zeitlos bedeutsam. Er gehört zu den wenigen Unbedingten der Geistesgeschichte, was um so mehr bedeutet, als Unamuno unglaublich viel weiß, und gelehrt ist, wie nur wenige Moderne. Wie alle Menschen seiner Art, ist Unamuno monoman und könne geradezu maniakal enden, wenn das Schicksal ihm noch lange die äußere Tragödie auferlegt, und erst recht, wenn er je dazu gelangte (was Gott verhüte), eine politische Rolle zu spielen. Er ist nicht nur kindlich, sondern vielfach kindisch unüberlegen, in seiner Wesensart baskischer Bauer durch und durch. Aber welche Kraft und welche Tiefe! In spanischer Umdeutung ist er den größten Russen vergleichbar. Jeder Ton, der von ihm ausgeht — und neuerdings sind es wirklich hauptsächlich Töne im buchstäblichen Sinn, religiös-metaphysische Dichtungen von ungeheurer Wucht — klingt aus dem Innersten des Menschenlebens, ja der Erde. Seiner Töne sind freilich wenige. Aber gerade sie sind in dieser Zeit von höchster Bedeutsamkeit. In einem Zeitalter der Relativierung, der Nivellierung, der Rationalisierung, des Chauffeurwerdens kann eine große und tiefe Einseitigkeit, die nur vom Tragischen, vom Unbedingten, vom Irrationalen, vom Glauben, vom Blut weiß, davon jedoch aus der Vollmacht vollbewußt gewordener Wirklichkeit kündet, als Gegensatz unbeschreiblich fruchtbar wirken. Und der Gegensatz gehört in dieser polargeordneten Welt zum Satz organisch hinzu1.

1Ausführlich behandelt die Ergebnisse meiner Spanienreise mein Aufsatz Spanien und Europa im Septemberheft 1926 der Europäischen Revue. — Unamunos Schriften sind deutsch in trefflicher Übertragung im Verlag Meyer & Jessen in München erschienen.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME