Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

13. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1927

Der Peterspfennig der Literatur

Diesen Aufsatz drucke ich im Weg zur Vollendung, obgleich er schon vielfach im In- und Ausland erschien und ich ihn überdies in die besondere Autobiographie aufgenommen habe, die ich als Einleitung für die amerikanische Ausgabe der Neuentstehenden Welt geschrieben, aus den folgenden Erwägungen heraus noch einmal ab. Erstens, weil er verschiedener Ergänzungen bedurfte, die ich jetzt eingefügt habe. Vor allem aber, weil seine Fragestellung und Zielsetzung ein gutes Sinnbild dessen ist, was Weisheit überhaupt bedeutet. Sie bedeutet nie anderes als richtige Einstellung im kosmischen Zusammenhang, dank der auch das Äußerlichste zum Ausdrucksmittel von Innerlichstem wird. Insofern ist, in der heutigen Weltlage, der Prototyp des Unweisen der weltfeindliche Idealist, sofern er seine Grenzen nicht erkennt und in bezug auf die Welt eine Rolle spielen will. Der Mensch ist nun einmal Herr der Natur geworden. Das wird nie mehr rückgängig zu machen sein, und zwar Gott sei Dank. Deshalb bedeutet es heute, was immer früher der Fall war, unmittelbar geistfeindliche Haltung, die mögliche materielle Auswirkung und Fundierung des Geistigen abzulehnen. Denn dadurch spielt man es zwangsläufig den Ungeistigen in die Hände. Der einzelne Romantiker und Träumer halte es persönlich und privatim, wie er will — sobald er seine Gesinnung in der Welt betätigt, schafft er Unheil. Sonst habe ich noch vorauszubemerken, daß unter bekannten Persönlichkeiten bisher Frau Förster-Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Richard Strauss, Romain Rolland, Siegfried Wagner und Oscar A. H. Schmitz meiner Initiative zugestimmt haben. Die praktische Verwirklichung müssen natürlich Praktiker in die Hand nehmen und dazu die Mithilfe der bestehenden großen Geistesorganisationen gewinnen. Mir persönlich ist es ganz gleich, in welcher Form meine Idee schließlich verwirklicht wird; das wird von den vorhandenen realen Möglichkeiten abhängen. (Möglicherweise stellt die vom Prinzen Rohan gegründete Union Intellectuelle die Keimzelle dessen dar, was einmal zur Geisteskirche werden könnte.) Ja, mir persönlich ist es überhaupt gleichgültig, ob meine Anregung einschlägt oder nicht. Mir kam es nur auf das Weisheitssinnbild an. Setze ich mich also für den Peterspfennig ein, so tue ich es ganz uninteressiertermaßen. Um so mehr mögen die, die an der Verwirklichung der Idee ein persönliches Interesse finden, sich auch für sie einsetzen. Solche mögen grundsätzlich nichts von der Initiative Anderer erwarten. Von selbst geht nichts in dieser Welt. Und es müssen sich nicht nur einige, sondern möglichst alle, denen die Idee einleuchtet, für sie einsetzen, da es zu ihrer Verwirklichung eines legislatorischen Akts bedarf und es zu diesem nur kommen wird, wenn eine ihr günstige öffentliche Meinung besteht.

Als ich, im September 1926, Gelegenheit hatte, mehrere Tage in Weimar zu verbringen und mit den Hütern des dortigen Geisteserbes Rücksprache zu nehmen, kamen mir einige Gedanken, die mir von praktischer Bedeutung scheinen. Sie seien hiermit der Öffentlichkeit mitgeteilt.

Nach heutigem deutschen Recht wird literarisches Erbe dreißig Jahre nach dem Tode des Autors frei, d. h. es steht fortan zur freien Verfügung derer, die es ausbeuten wollen. Daß die Schutzfrist von dreißig Jahren zu kurz ist und daß ich hoffe, daß sie demnächst auf fünfzig Jahre, wie in den meisten anderen Ländern, verlängert werden wird, sei nur nebenbei bemerkt: solange ererbtes Eigentum überhaupt als berechtigt gilt, ist zum mindesten billig, daß noch die Enkel der Schöpfer geistiger Werte deren Nutznießung haben, und es steht erfahrungsgemäß fest, daß bei einer Schutzfrist von nur dreißig Jahren schon die Kinder in einer großen Zahl von Fällen enterbt werden. Doch dieses, wie gesagt, nur nebenbei. Ich finde es verfehlt, daß geistiges Erbe überhaupt je ganz frei wird, denn gerade dadurch wird die Absicht vereitelt, es der Menschheit vollkommen sinngemäß nutzbar zu machen.

So wie die Welt einmal geworden ist, hat die zuerst nur amerikanische Auffassung, daß Wohlstand Normalzustand ist (bzw. sein soll) und Reichtum der sinngemäße Exponent jedes Wertes ist, historisch gesiegt. Und dieser Tatbestand ist aus fünf Gründen rein positiv zu bewerten: erstens, weil es in der heutigen Welt tatsächlich leicht ist, jede Qualität zur Reichtumsquelle zu machen. (Hier gedenke man bloß der einen Tatsache, daß Deutschland trotz Niederlage und ungeheuerlichster Verschuldung unaufhaltsam wieder aufsteigt: ein geringes, schnell arbeitendes Kapital bedeutet heute mehr als das größte, das sich nicht oder langsamer umsetzt. So ist Kapital heute mehr Resultat als Ursprung, ähnlich wie Gott für Hegel Resultat und nicht erste Ursache war.) Zweitens, weil enge Verhältnisse nachweislich verengen und verbilden. Drittens, weil die psychologischen Nachteile des Reichwerdens erfahrungsgemäß schwinden, wo Reichtum zur selbstverständlichen Lebensbasis geworden ist. Viertens, weil auch Geistiges auf Erden nur mit materiellen Mitteln fruchtbar zu machen ist. Fünftens aber und vor allem, weil es Sache des souveränen Geistes ist, den Tatsachen diesen oder jenen Sinn zu geben. Die alte Auffassung, daß der Geistige arm sein müsse oder daß man aus Idealem keinen materiellen Nutzen ziehen dürfe, war ihrerseits nur eine besondere Sinngebung des souveränen Menschen, die mit dessen Glauben steht und fällt, weswegen die diesbezüglichen Einwände von Idealisten nur insofern sie Ausdruck des Willens sind, daß es beim Alten bleiben müsse, ernst zu nehmen sind. Gleiches gilt vom Einwand, daß nur minderwertige Geistesarbeit in materiellem Sinne Kurs haben könne. Natürlich geht der ursprüngliche Geschmack der persönlich Minderwertigen auf Schlechtes, und diese werden immer in der Mehrzahl sein. Aber da die Welt ausschließlich von Vorurteilen regiert wird und in Wahrheit immer nur ganz wenige bestimmen, so genügt es, das Vorurteil einzuführen, daß alles Gute das Recht auf materielle Bewertung habe, damit sich gar bald das Erforderliche von selbst realisiere. Zunächst wird dies gleichsam durch Prämiierung von Einzelnen oder seitens Einzelner geschehen, allmählich wird es allgemeine Sitte werden. So nahm in Deutschland Johannes Müller als erster für geistliche Vorträge Eintrittsgeld und schuf sich dadurch eine Existenz. Heute steht Gleiches jedem, welcher reden kann, frei. — Wohlstand darf insofern schon heute, historisch gesehen, als Normalzustand gelten und materieller Reichtum als sinngemäßer Ausdruck jedes Wertes. Liegen die Dinge, dank dem Weltkriege, im heutigen Europa vielfach anders, so ist andererseits gewiß, daß die Armut trotz aller Kriegsfolgen schon in wenigen Jahrzehnten in einem heute unerhörten Grade überwunden sein wird. Dafür steht schon der Materialismus aller Massen des Erdballs Gewähr. — Wenn dem nun also ist — ist es da nicht unmittelbar sinnwidrig, daß das höchste Geisteserbe der Menschheit nicht eine materielle Macht an sich darstellt?

Ich will am allen geläufigen und einleuchtenden Beispiel Weimars anknüpfen. Das klassische Weimar ist aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit aufgestiegen. Es bedeutet heute schon für Deutschland Ähnliches, was das klassische Athen der Menschheit bedeuten würde, wenn es erhalten wäre, und wird der ganzen Menschheit sehr bald Ähnliches bedeuten. Sicher wird es bald zu den besuchtesten Pilgerstätten der Erde gehören. Nun tut der Staat, soviel ich höre, für Weimar allerhand. Aber der Staat wird immer mehr andere Verpflichtungen haben, die ihn immer ausschließlicher in Anspruch nehmen werden. So wie er sich entwickelt hat, wird er immer mehr zum Ausdruck des sozialistischen Gedankens im Sinn der Massenwohlfahrt werden. Seine Aufgabe wird immer ausschließlicher die sein, zwischen den verschiedenen Mächten des Lebens einen gerechten Ausgleich herzustellen und aufrechtzuerhalten. Also wird er immer weniger für das rein Qualitative sorgen können, d. h. er wird seinem Sinne immer mehr widerstreiten, und ist dies einmal der Fall, dann wird er sich entsprechenden Aufgaben zwangsläufig immer weniger gewachsen erweisen. Daraus ergibt sich denn logisch — in Politik, Wirtschaft, Weisheit habe ich dies ausführlich dargelegt — daß sich das Qualitative, sofern es fortbestehen will, immer mehr unabhängig vom Staat fundieren muß.

Nun liegen die Dinge betreffs Weimar so, daß sich das Goethe-Haus gerade — knapp — erhält, daß aber das Goethe-Erbe — wohl das reichste Geisteserbe der Menschheit — für sich auch nicht annähernd über die Mittel verfügt, um sich so auszuwirken, wie es könnte und sollte. Nur in antiquarischer Hinsicht gelingt es einigermaßen, in der millionenmal wichtigeren prospektiven bisher überhaupt nicht. Unterprospektiv verstehe ich die Förderung des fortlebenden, sich in Kindern und Kindeskindern ad infinitum immer wieder verkörpernden Goetheschen Geists. Viel schlimmer noch steht es mit den anderen Exponenten Weimars, am schlimmsten dem Nietzsche-Archiv, dessen Fortbestehen dank der allzu kurzen Schutzfrist schon in wenigen Jahren unmittelbar gefährdet erscheint. Dabei ist Nietzsche erwiesenermaßen der erste und größte Prophet der neuentstehenden Welt. Ist dieser Tatbestand nun nicht ganz einfach eine Schmach? Das geistige Weimar müßte von sich aus über ein Millionenbudget verfügen. Dann erst könnte das Erbe seiner Großen so fruchtbar werden, wie es, ideell beurteilt, werden kann. Dann erst könnte es fortwachsen, fortzeugen. Nun wird man einwerfen, aber es fehlt eben an dem Geld. Damit gelange ich denn zum eigentlichen praktischen Ziele dieses Aufsatzes: es wird eine Kleinigkeit sein, dieses Millionenbudget für die Zukunft zu beschaffen, sobald nur erkannt ist, was es gilt, erstens, und, wo der Hebel anzusetzen ist.

Was die erste Seite des Problems betrifft, so brauche ich dem bereits Gesagten nur Weniges hinzuzufügen. Die geistigen Werte der Menschheit werden immer mehr auch als Menschheitswerte gelten. Den Geist Weimars zu erhalten, ist, extrem ausgedrückt, vom Menschheitsstandpunkt sehr viel wichtiger noch als die Erhaltung des Deutschen Reichs. Und so werden die Dinge von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr bei allen echten Geisteswerten liegen. Wie ich in Menschen als Sinnbilder ausgeführt habe, gibt es auf geistigem Gebiete nur persönliche und keine sachlichen Werte. Es handelt sich nicht nur bei Christus um dessen strikt persönlichen Geist, sondern ebenso bei jedem geistigen Schöpfer. Folglich muß grundsätzlich in jedem Falle alles daran gesetzt werden, den rein persönlichen Charakter zu erhalten. Dies kann nun offenbar nur so geschehen, daß das jeweilige Geisteserbe — das Goethe-Erbe zum Beispiel — eine ebenso eigenlebige Institution wird, wie es das Christus-Erbe in Gestalt der Kirche war. Nur wenn nicht der Staat, nicht irgendeine fremdartige Macht, nur wenn das jeweilige Geisteserbe selbst sich aus eigenem Recht erhält und verwaltet, besteht die Gewähr, daß der persönliche Geist fortleben wird. Andererseits: daß dieses Ziel auf dem angegebenen Wege wirklich erreichbar ist, erscheint durch das Fortleben der Person Jesu, im Unterschied von allen anderen Geistern, dank der Kirche, so absolut bewiesen, daß kein Wort weiter darüber zu verlieren ist. So darf ich denn ohne Weiteres zum zweiten Punkt übergehen, wo der Hebel anzusetzen ist, damit das Analogon der Kirche jeweils entstehe.

Die Dinge liegen da nun äußerst einfach. Geistiges Eigentum darf nie ganz frei werden, ein bestimmter Prozentsatz dessen, was es einbringt, muß der Allgemeinheit vorbehalten bleiben. Und zwar soll der Gewinn nicht etwa dem Staat anheimfallen, der ihn dann beliebig verwendet — etwa zur Erhaltung von Idioten — sondern einer neu zu schaffenden eigenen, der Kirche analogen Institution, die nur dem Geistigen dient und die dank dem Peterspfennig der Literatur im selben Sinn aus eigenem Recht erhalten und von sich aus wiederum das Geistige sichern würde, wie der echte Peterspfennig die katholische Kirche erhält, die dann von sich aus das Fortbestehen des katholischen Glaubens sichert. Hier werden natürlich sofort die verschiedensten Gegenargumente einsetzen. Auf die möglichen Gegner, welchen alles Institutionelle an sich ein Greuel ist, und welche die bloße Insinuation, daß etwas Kirchenähnliches positiv zu beurteilen und gar neu zu gründen wäre, ablehnen, brauche ich nicht näher einzugehen, denn sie sind nicht ernst zu nehmen. Dauerhaftes läßt sich auf Erden nun einmal so allein schaffen, daß das Fortleben selbständiger Tradition gesichert wird.

Das Argument, daß jedes Institut zu einer Sinekure für Minderwertige, zum ausschließlichen Betätigungsfeld verständnisloser Bürokraten und irgendwie zu einem Ausdruck von Bonzenwirtschaft würde, hat allerdings viel geschichtliche Erfahrung für sich. Aber es heißt die menschliche Phantasie doch gar zu gering einschätzen und von der Freiheit gar zu wenig erwarten, wenn man nicht einmal so viel für möglich hält, daß auf Grund der reichen bisherigen Erfahrung eine neue Form gefunden werden könnte, die Neuzuschaffendes, also traditionell vollkommen Unbelastetes vor den üblichen Übeln in hohem Grad bewahrte. Unter allen Umständen wird es sehr viel leichter fallen, Geister zu finden, die als unmittelbare Beamte des literarischen Erbes das Geistige geistgemäß verwalten, denn als Staatsbeamte. Nun zu der Seite des Problems, die die Wirkung des Peterspfennigs der Literatur auf die Verbreitung der Geisteswerte haben würde. Gegen meinen Vorschlag wird selbst-verständlich das übliche Argument mobilisiert werden, daß die von mir vorgeschlagene Prozentabgabe das, was allen zugute kommen soll, verteuern würde, wie denn die meisten Dichter erst nach Ablauf der Schutzfrist ins Volk gedrungen wären. Letzteres Argument entspricht von Hause aus fehlerhaftem Denken. Nicht weil die Schutzfrist abgelaufen, sondern weil die Zeit großen Geistern langsam entgegenreift, werden diese erst später allgemein gelesen. Und dann soll die heilsame, weil verbilligende Konkurrenz der Verleger nach Ablauf der Schutzfrist gar nicht ausgeschaltet werden — es soll nur je der Verleger eine kleine Abgabe zahlen. Und dies würde zu einer nur ganz geringfügigen Verteuerung führen, da ja schon eine ganz geringe Abgabe genügen würde, um die Verwirklichung dessen, was ich hier meine, sicherzustellen. Es liegen ja Jahrhunderte und Jahrtausende vor uns, das Geisteserbe kumuliert sich von Jahr zu Jahr, und überdies steht auf Grund aller historischen Erfahrung mit Sicherheit zu erwarten, daß, wenn einmal die erforderliche Institution besteht, ihr sehr bald auch erhebliche Stiftungen zufallen werden, die über die schweren Anfänge hinweghelfen, womit denn auch das weitere Argument, die durch den Peterspfennig erzielbaren Summen seien zu gering, widerlegt wäre. Im Gegenteil, sie werden früher oder später so sehr groß sein, daß gerade die Kirche der Literatur von sich aus eine rechtzeitige Verbilligung der Geisteswerte, ohne Schaden für die uns mittelbaren Interessenten, in die Wege leiten könnte. Doch jetzt zum letztentscheidenden Einwand der antimateriellen Geistigen. Die, welche damit kommen: wenn das Geistige sich nicht auch ohne Stützung halten könne, dann sei es nicht schade darum, sind bestenfalls leichtfertige Kinder: nichts geht von selbst auf dieser Welt; ohne Predigt der Evangelien, also sinn- und sachgemäße Reklame, wäre das Christentum niemals zur Macht geworden, denn die Mehrzahl der Menschen war immer stumpf und dumm und wird es ewig sein. Ebenso wirken große Geister ins Weite nur insofern, daß Berufene ihren Wert der Masse angepriesen haben, die dann auch von dem gefördert wird, was sie nur halb versteht. Im selben Sinne wären die meisten großen Geister verhungert, wenn nicht ein paar einsichtige Mäzenaten sie unterstützt hätten, und nicht viel anders liegen die Dinge noch heute. Ja sie liegen sehr viel ernster als früher. Das Chauffeur-Zeitalter wird dem nicht unmittelbar seinen Zwecksetzungen Dienstbaren weniger hold sein, als es irgendein Zeitalter dem Outsider gegenüber war; und zwar weniger wegen des bestimmenden Charakters der Massen, als wegen der herrschenden Vorstellung, daß jeder sich einspannen und in Reih und Glied mit allen arbeiten müsse, und der Gesichertheit des Lebens aller, welche also arbeiten. Denn gerade so arbeiten kann der geistig Schöpferische nicht; er muß Muße haben. Daß der Geistige überhaupt verdienen solle, ist in bezug auf seinen Typus eine ebenso unwürdige Vorstellung, wie daß der normale Berufsmensch betteln dürfe. Von Mäzenaten, so oder anders, unterstützt zu werden, ist vielmehr die einzig würdige Art zu leben für den geistig Schöpferischen. Überhaupt gab es nie eine menschenunwürdigere Auffassung, als daß jeder unbedingt sein ganzes Leben entlang verdienen müsse: die ganze Rechtfertigung dieses Arbeits-Zeitalters liegt vielmehr darin, daß in absehbarer Zeit so viel Vermögen — kollektives sowohl als privates — angesammelt sein wird, daß die Frage der Sorge um den nackten Lebensunterhalt sich nicht mehr in der bisherigen Form stellen und jeder von einer höheren Lebensbasis ausgehen wird. Wir Heutigen sollen also nicht etwa kommenden Drohnen vorarbeiten, sondern nachdem das Arbeitsethos als Basis dem Unbewußten einmal eingebildet ist, wird die Arbeit ohne ihre heutige Idealisierung zur automatischen Seite des Lebens gehören, so wie das Herz automatisch arbeitet, und das Bewußtsein wird sich ausschließlich mit Höherem befassen. Unter allen Umständen aber muß der geistige Schöpfer vom persönlich-Verdienen unabhängig gemacht werden. So allein kann er der Händler-Einstellung entgehen, die ihm innerlich schadet. Nun, eine neue höhere, weil objektivierte Art des Mäzenatentums zu begründen — gerade das würde der progressive Sinn der Literaturkirche sein. Ich begann mit der Forderung, die heiligen Stätten des Geists zu sichern. Dies tat ich hauptsächlich, weil dies taktisch den besten Weg bedeutet, der Zukunft zu dienen. Die Meisten glauben nun einmal allein an vergangene Größen. Meinen tue ich in erster Linie natürlich die Sicherung der jeweils Lebenden. Die Sicherung in produktiven Grenzen zu halten, wird eben Sache des betreffenden Instituts sein. Dieses gilt es zunächst zu schaffen. Dieser Grundfrage gegenüber sind alle technischen Schwierigkeiten Kleinigkeiten. Zunächst muß der Fonds für das Geistige da sein. Wird er einmal falsch verwendet, nun, so kann man im schlimmsten Falle Revolution machen. Aber daß bei solcher etwas herauskommt, hängt wiederum davon ab, daß die Literaturkirche mit ihrem Schatz präexistiert. So bedürfte es denn nur eines kleinen, ganz kleinen und harmlosen gesetzgeberischen Akts, um für die Dauer sehr Großes und unendlich Wichtiges zu erreichen; in meinen Augen Wichtigeres, als es alle bisherigen Errungenschaften der Nachkriegsneuzeit sind. Und dieser Akt könnte sich ohne Weiteres auch auf längst Verstorbene beziehen. Ich sehe nicht ein, warum die Verleger frei gewordener Autoren von einem bestimmten Termin ab nicht ebenso selbstverständlich bestimmte neue Abgaben leisten sollen, wie jeder von uns ohne Weiteres von heute auf morgen neu beschlossene Steuern zahlt.

Doch nun erst gelange ich zu dem, was für mich die Hauptsache ist. Der Peterspfennig der Literatur darf unter keinen Umständen einem Wohltätigkeitszwecke dienen. Die Wohltätigkeit ist Sache des Staates. Der wird bald nur dem größten Glück der größten Zahl zu dienen haben. Demgegenüber sollte das Nicht-Staatliche, angesichts derunaufhaltsam übermächtig werdenden Chauffeurwelt, desto ausschließlicher das Qualitative pflegen. Daß das Erbe großer Geister dazu dienen sollte, Esel zu fördern, ist unmittelbar sinnwidrig. Bei der neu zu schaffenden Institution muß es sich um ein extrem qualitativ, d. h. aristokratisch und hierarchisch Eingestelltes handeln, denn vor dem Geist gibt es nur mehr und weniger, nie und nirgends Gleichheit. So müßte das zu schaffende Analogon der Kirche von Hause aus so organisiert werden, daß nur das Höchstwertige gefördert würde. Im Falle Lebender wird dies gewiß nie fehlerfrei gelingen, wenn es auch sicher, falls die richtigen Männer in den entsprechenden Senat gewählt und, notabene, ebenso unabhängig wie Richter gestellt würden, leichter gelingen dürfte, als Analoges auf irgendeinem Gebiete gelingt. Aber völlig fehlerfrei wird es im Falle Toter gelingen, und darauf kommt es zunächst an, um, so wie die Welt nun einmal ist, das Erforderliche überhaupt zu begründen. Es gilt den Geist der Großen im ähnlichen Sinne zu perpetuieren, wie die Kirche den Geist Christi und der Heiligen perpetuiert. Nun, um die betreffenden Geister herauszufinden, bedarf es nur eines Ähnlichen, wie es die Prozesse sind, welche die Kirche im Falle einer fraglichen Heiligsprechung vornimmt. Bis das Geisteserbe eines Geistesschöpfers frei wird, wird es sich in den allermeisten Fällen schon entscheiden lassen, ob er zu den Heiligen des Geistes gehört oder nicht. Ist es der Fall, dann muß sein Geist für alle Ewigkeit besonders dotiert werden.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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