Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

13. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1927

Bücherschau · Medizinische Belehrung

Es hat sich so gemacht, daß ich in letzter Zeit besonders viel mit Ärzten und medizinischer Literatur mich zu befassen Gelegenheit hatte. Deshalb sei an erster Stelle der diesmaligen Bücherschau über meine diesbezüglichen Erfahrungen berichtet.

Die weitaus interessanteste betrifft Hans Much. Das ist eine ganz große Begabung. Erreicht sie nur einigermaßen ihre volle Reife — gleich so vielen Hochbegabten ist Much innerlich weit jünger, als er Jahre zählt — so zweifle ich nicht daran, daß ihre Leistung Epoche machen wird. Denn Muchs Grundanlage ermöglicht ihm ein unmittelbares Verhältnis nicht allein, sondern ein schöpferisch umbildendes Verhalten zu dem im Menschen, was bisher jenseits möglicher Heilkunst zu liegen schien: der Grundkonstitution. Wie der Psychoanalytiker die Seele auf ihre Grundtriebe zurückführt und von diesen her unter Umständen auf das Höhere heilend einwirkt, im selben Sinn ist Much zunächst Physioanalytiker: er versteht die jeweilige Konstitution aus den Grundpolaritäten der gegebenen Lebenszellen heraus. Auf diese sucht er alsdann, wo es nottut, mit entsprechenden Mitteln einzuwirken, wobei es ihm im günstigsten Fall gelingt, die Gesamtkonstitution umzustimmen, ungünstiges Fatum dergestalt durch freien Eingriff in besseres verwandelnd. Ich persönlich nun werde, je tiefer ich in das medizinische Problem eindringe, desto überzeugter, daß von den Elementen der Physis und nicht denen der Psyche her, wie die heutige Mode will, an jene Grundkonstitution am nächsten heranzukommen ist. Physischer und psychischer Zustand korrespondieren sich unter allen Umständen. Deshalb ist das Elementare unter allen Umständen auch physisch objektiviert. Im Übrigen hat das Physische den Vorzug, rein objektiv feststell- und behandelbar zu sein, während der Erfolg psychischer Behandlung mit dem Charisma des betreffenden Arztes steht und fällt. Was von Muchs Versuchen und Ergebnissen schon veröffentlicht ist, findet der Leser in seinen medizinischen Arbeiten, von denen die gemeinverständlichsten in der Sammlung Moderne Biologie des Verlags Kurt Kabitzsch erschienen sind, niedergelegt; unter diesen empfehle ich besonders die ganz ausgezeichneten Aphorismen über das Heilproblem. Aber Much ist mehr als Entdecker und Erfinder. Er gehört zweifelsohne zu den begnadeten Heilern. Ihm eignet die Ur-Einstellung des Arztes. Deshalb sagt ihm, sehr bezeichnender Weise, die antike Heilkunde grundsätzlich mehr zu, als die moderne (man lese seine höchst lehrreiche Monographie Hippokrates der Große, Stuttgart 1926, Hippokrates-Verlag); deshalb hat er so großes Verständnis für die Homöopathie, die in der Tat besser als die Allopathie auf die Grundpolaritäten des Zellenlebens eingestellt erscheint. Ich nannte früher Groddeck einen großen Arzt: wie verhalten er und Much sich zueinander? Groddeck ist vor allem einmalige charismatische Persönlichkeit; er ist mehr noch Naturarzt als die meisten, die diesen Namen führen; er heilt, in chemischem Bilde ausgedrückt, vor allem als Katalysator: dadurch, daß er überhaupt da ist, verläuft die Krankheit gegebenenfalls anders, als sie sonst verliefe. Ebendeshalb glaubt Groddeck so wenig an das, was sich objektivieren und tun läßt; auch seine Psychoanalyse nimmt er kaum ganz ernst. — Aber sein Können ist insofern auch nicht über seinen persönlichen Aktionsradius hinaus übertragbar. Ja wer je seine Lehre wörtlich nähme, möchte Unheil erleiden oder stiften. Demgegenüber ist alles, was Much kann, weitester Übertragung fähig. Es ist kaum überhaupt persönlich gebunden. Und es entspricht dem Geist der Freiheit, der Initiative, nicht dem des Geschehen-Lassens. Deshalb kann objektiver Fortschritt nur von Geistern Muchscher Einstellung kommen.

Hans Much ist nun, wie jedermann weiß, keineswegs nur Arzt. Er ist weithin anerkannt als einer der besten Kenner und Versteher der Gotik sowohl als der islamischen Kunst. Sein Akbar (Einhorn-Verlag) ist ein vielgelesener historischer und philosophischer Roman. Und auch als reiner Dichter hat er vielerlei geschrieben. Er ist eben eine selten reich ausgeschlagene Persönlichkeit. Nichtsdestoweniger liegt seine mögliche Vollendung zweifelsohne nicht in der Differentiation, sondern der Integration, der Zusammenfassung aller Vielfalt von einer noch zu schaffenden strikt persönlichen Einheit her. Diese Einheit aus sich heraus zu gestalten, halte ich für Muchs eigentliche Zukunftsaufgabe. Nur wenn ihm dieses gelingt, wird er seine ganzen Möglichkeiten erfüllt haben. Vielseitig zu sein ist für den vielseitig Begabten keine Kunst, die Zusammenfassung ist da die eigentlich schwere Aufgabe. Noch übersehe ich den Fall Much nicht ganz klar. Aber wenn mein Gefühl mich nicht trügt, so wird all sein Leben dermaleinst seine Krönung in einer Persönlichkeitsgestaltung finden, in der er in tieferem Verstande nur mehr Arzt wäre, so wie ein Akbar nichts als Kaiser war. Als Arzt, als Heilender, im weitesten sowohl als tiefsten Sinne im Kosmos richtig eingestellt, wird er dann all seine reichen Gaben als gehorsame Klaviatur dafür benutzen, was er allein als einheitlich-Einziges spielen kann.

Nächst Much verdanke ich die meiste medizinische Belehrung, die mir jüngst zuteil wurde, dem Buch eines bescheidenen Praktikers, Dr. Walter Cimbal, betitelt Der Weg zum inneren Frieden (Altona 1923, Hammer & Lesser Verlag). Dieses möchte ich jedem empfehlen, der in schlichter Form und doch von überlegener Warte her über den Weg des Normalmenschen zu sich selbst inmitten der Schwierigkeiten der Nachkriegs-Welt beraten sein will. Da stehen, abgesehen von sehr guten Winken über den Wert der Psychoanalyse, ganz ausgezeichnete Sachen über das eigentliche Problem der modernen Jugend, den schicksalsmäßigen Rhythmus des Trieblebens im Lauf der Generationen, den Sinn der Heilswirkung der Selbstlosigkeit und last not least das religiöse Problem, wie es sich vom Standpunkt des vorurteilsfreien Heilers stellt. Cimbal beweist eine für den, dessen Grundeinstellung die des praktischen Arztes ist, höchst seltene Fähigkeit: die allgemeine Problematik in der richtigen Perspektive zu sehen und sich so auszudrücken, daß sie auch so erscheint. Sie ist bei Ärzten äußerst selten, weil der Arzt berufsgemäß den Einzelnen heilen will, weil er gewohnheitsgemäß das Wort im Geist des Sprech- und Krankenzimmers verwendet, weshalb seine professionelle Einstellung und sein professioneller Stil dem, was zur Lösung grundsätzlicher Probleme und zur Übertragung ins Weite nottut, typischerweise nicht Rechnung tragen. Denn sein Interesse ist von Berufs wegen Privatinteresse, und das Wesen des Privaten ist eben dies, daß es als solches niemand außer den Beteiligten angeht noch angehen darf. Wer aus der Einstellung des praktischen Arztes heraus schreibt, schreibt deshalb typischerweise schlecht (man denke an C. L. Schleich!), es sei denn, sein Schreiben bedeute eine objektivierte Behandlung, so wie eine als geistig-literarische Leistung schlechte Predigt doch eine gute objektivierte private Seelsorge sein kann. Damit gelange ich denn zu einem weiteren Buch, das ich unlängst las: ich kenne ein auch als geistigliterarische Leistung geglücktes Beispiel solch objektivierter Behandlung: das ist Hans Prinzhorns Gespräch über die Psychoanalyse (Niels Kampmann Verlag, Celle). Hier wird die Atmosphäre des Sprechzimmers evoziert und dem Leser als Privatmenschen nahegebracht, inwiefern ihm persönlich eine Analyse nützen oder schaden könnte. So verstanden, kann das Buch dem, der irgendwie ein analytischer Fall ist, sich analysieren lassen sollte, sich aber noch nicht dazu entschließen kann, oder aber dem, der mit dem Analysieren nie anfangen oder aber Schluß machen sollte, zum richtigen Entschluß verhelfen, gerade weil es sich ganz an den Privatmenschen wendet und weil sein Grundsätzliches nur gleichsam ein Gerüst von Zeilen darstellt, zwischen denen gelesen werden muß. Wegen dieses seines allzu intimen Charakters wird das Buch vielen gewiß unsympathisch sein. Aber das hängt eben mit seiner Grundfragestellung zusammen. — Aber demselben Prinzhorn verdanken wir gleichzeitig ein Buch von grundsätzlichem Interesse: das ist das von ihm bearbeitete und bei Friedrich Cohen in Bonn herausgegebene posthume Werk Bewußtsein als Verhängnis Alfred Seidels, eines seelisch Kranken, den seine Krankheit schließlich in den Tod trieb. Für den Nicht-Arzt und nicht privat an Seidel Interessierten liegt das Hauptinteresse in Prinzhorns wirklich vorzüglicher Einführung und in den theoretischen Ausführungen Seidels nur insofern, als sie jene illustrieren. Denn an sich war Seidel kein genügend bedeutender Mensch, daß es sich lohnte, seinen Nachlaß herauszugeben. Aber so gesehen, wie Prinzhorn seinen Fall einstellt, wird Seidel zu einem überaus lehrreichen Sinnbild dessen, der die höhere Bewußtheit, welche den neuen bestimmenden Menschheitszustand kennzeichnet, für sich nicht verträgt. Wer das nicht tut, ist historisch erledigt; er kämpft einen Verzweiflungskampf, nicht anders wie seinerzeit die Rothaut gegen das Bleichgesicht. Eine Menschheitsproblematik verkörpert seine Problematik deshalb nicht mehr. Alle Zukunft gehört starken, sicheren, am Leben nicht leidenden, sondern dieses bildenden, nicht pathischen, sondern ethischen, nicht für Privates, sondern nur für weiteste Zielsetzungen interessierten Naturen.

Aber in der Gegenwart gibt es noch sehr, sehr viele, die sich grundsätzlich im Falle Seidels befinden. Und da war es wichtig, daß dieser Allgemeinzustand einmal im Sinnbild extrem pathologischer Spezifizierung herausgestellt wurde: dessen Meditation kann viele davor bewahren, gleich Seidel zu scheitern. Denn ja auch alle Zukunftsträger müssen durch ein entsprechendes pathologisches Zwischenstadium hindurch, so wie denn Nietzsche, der Kranke, die Zeit einer neuen höheren Gesundheit einführte. — Bei der Lektüre Seidel-Prinzhorns wurde mir abschließend klar, daß die psychoanalytische Phase der westlichen Menschheit, allgemein gesprochen, schon hinter ihr liegt. Diese war weit mehr zuständlich, als im Sinn geistiger Notwendigkeit bedingt. Diesen Gedankengang kann ich hier nicht näher ausführen. Abgesehen von meinen eigenen, völlig umgearbeiteten psychoanalytischen Aufsätzen, welche jetzt Wiedergeburt enthält, verweise ich in diesem Zusammenhang auf ein Buch, das jeder lesen sollte, dem Psychoanalyse je ein praktisches Problem war. Edgar Michaelis kleine Schrift Die Menschheitsproblematik der Freudschen Psychoanalyse, Urbild und Maske (Leipzig 1925, J. A. Barth). Hier wird die Psychoanalyse als Objektivation aus einer persönlichen Analyse Sigmund Freuds deduziert. Selten las ich so Durchdringendes und Überzeugendes zugleich. Und obgleich Freuds Lehre dadurch einen erheblichen Teil ihres Sachlichkeitscharakters verliert, erscheint Freuds Persönlichkeit so desto größer. Freud war ursprünglich ein höchstgesinnter Idealist. Er hat sein Bestes und Höchstes, auf Grund schwerer Erlebnisse, verdrängt…

Natürlich erhalte ich, seit Erscheinen des Ehe-Buchs, von Monat zu Monat mein vollgerüttelt Maß die sexuelle Frage betreffender Schriften. Unter diesen möchte ich zwei nennen. Die Tres ensayos sobre la vida sexual des spanischen Arztes Marañón (Verlag Biblioteca Nueva, Madrid 1926) und Die vollkommene Ehe des früheren Direktors der Harlemer Frauenklinik Dr. Th. H. van de Velde. Das erstgenannte Werk, das bald auch in deutscher Ausgabe (bei Niels Kampmann) erscheinen Soll, ist unmittelbar erfrischend in seinem commonsense. Das spanische Volk ist ja noch durchaus normal, noch normaler in geschlechtlicher Hinsicht als die übrigen Mittelmeervölker. So gelangt der Spanier leichter zu normaler Perspektive, als jeder andere. Die drei Kapitel von Marañóns Buch heißen: Geschlecht, Arbeit und Sport, Mutterschaft und Feminismus und Geschlechtliche Erziehung und geschlechtliche Differenzierung. Alle drei sind voll richtiger Beobachtungen und Gedanken. Aber am aufklärendsten dünkt mich das erste, in dem gezeigt wird, daß die Arbeit des Mannes, biologisch beurteilt, recht eigentlich ein Ausleben einer bestimmten Seite des Geschlechtslebens bedeutet. Das Arbeiten als Sorge für die Kinder bedeutet beim Mann biologisch dasselbe, wie das Austragen und Gebären derselben für das Weib. Deswegen entartet der Nichtarbeiter. Deshalb erwartet die Frau vom Mann mit Recht, daß er sie der materiellen Sorgen enthebe. Deswegen schädigt Geldheirat den Mann und beinahe nie die Frau. Arbeits-Ersatz nun ist nach Marañón der Sport. Eben weil er biologisch Notwendiges ersetzt, seien typischerweise alle, die nicht zum Arbeiten gezwungen wären, Sportsleute. Aber der Sport ist doch nie mehr als Ersatz, denn er ist nicht schöpferisch, und nur schöpferische Arbeit erfüllt ihren biologischen Sinn. Auf S. 47 schreibt Marañón insofern, der Sportsmann verhalte sich zum Arbeitenden, wie die Kurtisane zur Mutter. — Die vollkommene Ehe nun ist ein richtiges Buch der Erziehung zur Liebe in dem Sinne, wie ich ihn auf S. 40 des Ehe-Buchs (I. und II. Auflage) gefordert habe. Van de Velde schreibt mit vollkommenster Offenheit und Deutlichkeit. Doch er tut es in solchem Geist der Reinheit, daß seine Lektüre nur den von sich aus Unreinen verletzen kann. Und was über diese Frage überhaupt in sachlich allgemeiner Form gesagt werden kann, ist hier wohl gesagt. Insofern wüßte ich kein lehrreicheres und bildenderes Buch.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME