Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

14. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1927

Bücherschau · Carl Welkisch

Da ich nicht nur einen Beitrag Carl Welkisch’ in den diesjährigen Leuchter aufgenommen, sondern auch das meinige dazu getan habe, damit sein Buch Vergeistigung im Verlage Reichl erscheint, so ist es angemessen, daß ich mich in dieser Bücherschau an erster Stelle mit Welkisch befasse. Viele haben mir natürlich dringend abgeraten, einen Aufsatz dieses Mannes aufzunehmen und erst recht, für ihn öffentlich einzutreten. Aber erstens ist Furcht vor der öffentlichen Meinung das Dümmste was es gibt — dieses gewiß störrische Maultier bedarf vielmehr rücksichtsloser Lenkung. Zweitens und vor allem besteht nicht erst die oberste, sondern schon die unterste Stufe nicht nur der Weisheit, nein der bloßen Wissenschaftlichkeit in der Fähigkeit absoluter Unbefangenheit und Hingabefähigkeit jedem Phänomen gegenüber. Wer einen Hellseher nicht ebenso vorurteilslos betrachten und studieren kann, wie ein Brompräparat, der, nicht der Naturheiler, ist in meinen Augen ein Charlatan, weil des geistigen Ernstes ermangelnd.

Ich kam auf Welkisch dadurch, daß Reichl mir sein Manuskript zur Einsichtnahme zuschickte. Kaum las ich die ersten Seiten, da wußte ich: so echt war keiner seit Swedenborg, der über geistige Welten schrieb. Bald darauf besuchte mich der Verfasser. Er tat es noch manches Mal. Inzwischen haben wir viel korrespondiert. Der Eindruck, den mir das Manuskript gab, ward durchaus bestätigt. Welkisch ist ein unbedingt wahrhaftiger, lauterer und echter Mensch. Also hat der Ausdruck seines Erlebens auf genau dieselbe Aufnahme seitens anderer Anspruch, wie der irgendeines anderen echten Menschen, heiße er im übrigen Hindenburg, Rudolf Otto oder Thomas Mann.

Ganz übersehen kann ich seinen Fall natürlich nicht, da ich nicht die gleichen Fähigkeiten habe wie er und mein Bewußtseinszentrum nicht dort liegt, wie bei ihm. Als Mensch wirkt er wesentlich harmlos. Er ist ein lieber Mensch, ohne starke Persönlichkeit, ohne Geiststrahlung der Art, wie sie bedeutende Menschen im üblichen Sinne kennzeichnet. Sein Gesicht ist ausdruckslos, über seinen Augen liegt ein Schleier — er ist rein in sich gekehrt. Seiner Seele merkt man zweierlei sehr deutlich an: erstens das enge und beschränkte Milieu, in dem sie aufwuchs, zweitens die Formung durch christliche Einflüsse der Art, wie sie in schlesischen Pietistenkreisen von jeher vorherrschen. Es besteht für mich persönlich kein Zweifel, daß Welkisch’ buchstäbliches Christentum insofern auch kollektiv-psychologische Gründe hat. Er ist insofern ein mittelalterlicher Mensch — in diesem zuletzt war typischerweise die traditionelle christliche Bilderwelt durchaus bestimmend lebendig. Hier sollte Jung mit seiner Erfahrung und seinem Urteil eingreifen: es steht ja historisch fest, daß kaum ein visionärer Geist, sofern er nicht originaler Religionsstifter war, seinen Kinderglauben nicht in seinem persönlichen Erleben im wesentlichen bestätigt fand. Dies deute ich mir nun so: erstens ist die geistige Welt rein sinnhaft — das Material zum Ausdruck bieten im allgemeinen die vorhandenen Bilder des Unbewußten. Dann gilt in den geistigen Welten allgemein, was wir hinieden als Phänomen des en-rapport-Seins von der Hypnose her kennen. Da hat jeder recht eigentlich seine persönliche Welt, oder aber er gehört in eine besondere Sphäre hinein. Und die mag es durchaus objektiv geben. Wahrscheinlich gibt es eine reale Christus-, eine Buddha-, eine Krishna-Sphäre usf. Wer in sie gehört, kann nur sie als wahr erleben, während er alle anderen entweder gar nicht, oder aber in Verzerrung sieht. — Ferner ist Welkisch auch sonst als Typus kleiner Mann. Seine sämtlichen unwillkürlichen Ideale stammen aus der Gesinnung von Kleinbürgerkreisen. Dies sind Gesundheit, Glück, Seligkeit, harmonische Einordnung. Für den Mut zum Risiko der Führernatur, der unter Umständen nicht nur physisch den Tod wählt, sondern auch die ewige Seligkeit in die Schanze schlägt, für die Tragödie als Wert fehlt ihm ursprüngliches Verständnis. Endlich hat ihm Huters Einfluß in seinem Heilerberuf (bis auf weiteres wenigstens) die geistige Form gegeben. Durchgeistigung des Körpers ist ihm Ziel; insofern er alles Übel in der Harnsäure sieht und meint, der Mensch müsse sich zum Fruchtesser zurückentwickeln, ist er nur ein medizinischer Sektierer. Und seine Theorien hat er, soweit er nicht persönlich schöpferisch ist, so gut wie alle von Huter übernommen (über die werde ich am Schluß dieses Abschnittes einiges sagen). Dieses mußte ich vorausschicken, damit kein Zweifel darüber bleibt, daß ich den Fall Welkisch nach allen Richtungen hin ernst bedacht habe. Das Wunderbare ist nun, daß dieser durchaus nicht im üblichen Sinn bedeutende Mann tatsächlich Erlebnisse hat, wie ich sie von keinem anderen Lebenden kenne. Daß er, medizinisch beurteilt, zweifelsohne vollkommen normal ist. Daß ich seine metaphysischen Einsichten, wo sie mein Kompetenzbereich streifen, als richtig anerkennen muß und erst recht seine psychologischen. Daß sein Fern-Erleben geistiger Persönlichkeiten, lebendiger wie toter, soweit meine Erfahrung in Betracht kommt, Erlebnis des Wirklichen und Wahren ist. Und daß er möglicherweise auch wirklich aus der Entfernung heilt. Meine persönlichen Experimente in dieser Hinsicht sind ergebnislos geblieben. Aber da Welkisch in Breslau, Agathestr. 17, ein Institut hat, in dem er auch einen Doktor der Medizin beschäftigt, so muß er wohl Erfolge aufweisen. Eine diesbezügliche Enquete, die mühelos durchzuführen sein und der sich Welkisch, so wie ich ihn kenne, gewiß nicht widersetzen dürfte, würde seine Erfolge aller Wahrscheinlichkeit nach erweisen.

Mich persönlich interessiert der Heiler Welkisch natürlich am wenigsten. Mich interessiert der Erlebende und sein Erleben Bedenkende. Denn auch darin steht Welkisch unter den ihm ähnlichen meines Wissens heute einzig da; er ist im übrigen ein klarer, kluger, nüchterner, kritischer Kopf. Und er ist trotz seiner Wahrheits-Gewißheit jederzeit fähig, zuzulernen. So hat er sich meine vielen Einwände und Vorstellungen wieder und wieder auf geradezu vorbildliche Weise zunutze gemacht. Der Erlebende Welkisch ist ein Medium ganz besonderer Art. Zwar lehnt er persönlich diese Bezeichnung ab — durch ihn sprächen keine fremden Geister, er sei einzig das Sprachrohr seines eigenen ewigen Geists —naturwissenschaftlich beurteilt ist jeder Medium, der das letzte durch ihn hindurch Wirkende nicht persönlich in der Erscheinung verkörpert, sondern durch den dieses Letzte wie durch ein Sprachrohr spricht. Ich kann hier natürlich zu Welkisch’ Theorie vom persönlichen Geiste keine Stellung nehmen. Vielleicht ist sie richtig; einmal hoffe ich’s zu wissen. Gewiß ist jedoch, daß Welkisch als Mensch wirkliche Einflüsse (was immer sie bedeuten mögen) erlebt, die unter allen Umständen der höchsten Beachtung würdig sind. Ich will hier nicht referieren. Man lese durchaus sein Buch, sowie den Leuchter-Beitrag Erde und geistige Welt. Dann studiere man das gleichfalls durch Reichl erhältliche Buch seines Mitarbeiters Hermann Haupt Die strahlende Lebenskraft und ihre Gesetze, weil es nichts anderes ist als eine exakte Beschreibung dessen, was Welkisch als Heiler tut und erlebt und was er sich dabei denkt. Aber zur Anregung will ich schon jetzt — denn noch bin ich zu keiner völligen Klarheit über den Fall gelangt — das Folgende sagen: ich bin überzeugt, daß Welkisch’ Bewußtsein tatsächlich in geistige Regionen reicht, welche den meisten verschlossen sind. Er gehört meiner Ansicht nach insofern wirklich zu denen, welche, bei Lebzeiten von der Mehrheit verlacht, nach ihrem Tode als Außerordentliches Erlebende und Wissende gefeiert werden. Dies gilt ja nicht nur von in allen Hinsichten, ganz abgesehen von ihrem okkulten Erleben, überragend großen Geistern, wie Jesus und Buddha, sondern auch von solchen, mit denen Welkisch sich vergleichen darf, wie Swedenborg, William Blake und Blumhardt. Und es ist auch unwissenschaftlich, bei der Beurteilung der ganz Großen davon abzusehen, daß sie gleiches oder ähnliches von sich behaupteten, wie es Welkisch tut. Ihre Fortwirkung bezieht sich nun einmal auch — die Tatsache steht fest — auf ihr Heilen und okkultes Erleben. Und da liegen die Dinge wohl so. Jedes Sein und Können hat nicht nur individuelle, sondern auch generelle Wurzeln. Es kann Menschen des gleichen Typus verschiedensten Kalibers geben. Wer der Art nach ein Jesus ist, braucht ihm nicht im entferntesten als Qualität zu gleichen1. Auch im Himmel, wie auf Erden, gibt es große und kleine Leute. Nun scheint manchmal aus Welkisch’ Schriften herauszuklingen, als rechne er selbst sich zu den ganz Großen. Tatsächlich ist er ein bescheidener und demütiger Mensch. Seine Ichbetonung rührt daher, daß aller Geist, wie ich in Jesus der Magier gezeigt habe, ganz wesentlich persönlich ist, weswegen es rein technisch unmöglich ist für jeden, der sein Bewußtseinszentrum in seinem persönlichen Kern hat, nicht ich-betont zu erscheinen. Gerade über diese Frage habe ich mit Welkisch, den ich vor taktischen Fehlern zu bewahren suchte, viel korrespondiert. Da schrieb er mir, wahrscheinlich allerdings mitbeeinflußt durch Menschen als Sinnbilder, u. a. einmal das Folgende, was ich für richtig halte:

Wo immer der Geist in besonders hohem Grad in Seele und Grobstofflichkeit durchgedrungen ist, tritt der Mensch mit Notwendigkeit ich-betont auf. Das kann ja nicht anders sein, denn reiner Geist ist immer persönlich. Je geistiger eine Wirkung, um so persönlicher ist sie. Die eigentlich geistige Wirkung eines Menschen ist nie ein unpersönliches Wort, sondern allemal die hinter dem Worte stehende Persönlichkeitsstrahlung. Es ist kein Zufall, daß die geistigste Wirkung der Welt, die Wirkung Jesu Christi, die reinpersönlichste war, daß Christus wie niemand zuvor sein Ich herausstellte. Der letzte Sinn seines Wirkens war, wie es der Sinn jedes Menschenlebens ist, eine persönliche Liebe. Darum konnte sich der hier erstmalig vollendet offenbarte Sinn nicht anders äußern als in dem: kommt zu Mir.

Zum Schluß noch ein Wort über Carl Huter, Welkisch’s Lehrer. Seine Schriften sind alles eher als erfreulich. Sie machen einen chaotischen, ungebildeten Eindruck und ich wundere mich nicht, daß er denen, die ihn nur oberflächlich kannten oder schlecht verstanden, als Charlatan galt oder gilt. Aber außergewöhnliche Fähigkeiten passen in die Harmonie des Erden-Organismus, wie er heute ist, nur ausnahmsweise hinein. Die Regel ist hier: je außergewöhnlichere Geistesgaben vorliegen, desto unvollkommener die Vereinheitlichung. Hier verweise ich wieder einmal auf das bisher beste Buch der Theorie über dieses Verhältnis, Geleys De l’inconscient au conscient (Paris, Alcan). Tatsächlich enthält Huters Werk wirklich Intuitionen allergenialster Art und es wäre wohl der Mühe wert, daß einer, der ihn verstand und über sein Gebiet persönlich Bescheid weiß, in einer Neuausgabe oder vielmehr Neuverarbeitung den Weizen aus der übermächtigen Masse der Spreu herausläse. Huters Theorie der besonderen Geisteskraft ist grundsätzlich wohl richtig. Ebenso richtig ist gewiß seine Lehre von der Sympathie als realer geistiger Gravitationskraft. Das Verhältnis von Natur und Geist sah er im großen und ganzen sicher so wie es ist. Ausgezeichnet ist seine Unterscheidung zwischen Naturell und Temperament, zwischen magnetischen und elektrischen Persönlichkeiten.

Wer in sich als Kreis geschlossen ist, wird schwer bemerkt, ist er es aber einmal, dann bildet er ein dauerndes Gravitationsfeld; wogegen der Elektrische mit gleicher Naturnotwendigkeit mit jeder Wirkung entsprechende Gegenwirkung beschwört; bei diesem ist die Feindschaft, nicht die Liebe, der Gradmesser seiner positiven Kraft. Ja, Huter sollte neubearbeitet werden. Er ist dessen mehr wert als die romantischen Naturphilosophen wie Carus, Troxler usw., welche Kampmann und Diederichs neu herausgeben. Die enthalten nichts, was wir heute nicht ebensogut wissen und besser fassen können. Ihr Können war überdies ein einseitiges. Sie sind im ganzen kleine Vorläufer von Klages, die nun der epimetheische Geist mit viel Aufwand neu herausstellt, weil Klages heute eine im übrigen sehr berechtigte Vogue erlebt. Zum Schluß denn ein Wort mehr über diesen. Mich persönlich ärgert es, daß er und ich jetzt dauernd in Gegensatz zueinander gestellt werden. Gewiß sieht Klages nur einen Teil der Wahrheit. Leugnet er das, was er nicht sieht und nicht versteht, so beweist er insofern Beschränktheit. Aber es ist von Klages nicht zu verlangen, daß er alles sehe und dem, was er selbst nicht ist, gerecht werde: er ist alles eher als ein überlegener Mensch. Und entsprechend dem Gesetz der Gravitation, das Huter so klar bestimmt hat, sind seine Jünger in ihrer Mehrzahl einseitig Verkrampfte. Aber was gehen uns die Nachteile der anderen an? Unter seinen Fehlern leidet jeder selbst genug. Das Positive allein sollen wir beachten. Und es ist Klages unbestreitbares Verdienst, so vollkommen blind er für die eigentlich geistige Wirklichkeit ist, das Gebiet der erdbedingten Psyche an vielen Stellen heller als irgendein Früherer beleuchtet zu haben. Hier erscheint er als würdiger Ergänzer Jungs.

1Hierzu vergleiche man das sehr interessante Buch Jesus und seine Wunder im Lichte der kommenden Naturwissenschaft (durch Reichl zu beziehen) von Dr. med. Wilhelm Beyer, der dem Welkisch-Kreise angehört.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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