Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

22. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1933

Gleichschaltung und Zusammenklang

Ich weiß, daß viele derer, welche dem Kreis der Schule der Weisheit zugehören, eine Stellungnahme meinerseits zu den großen Ereignissen, die sich ab Januar 1933 in Deutschland abspielen, und vielleicht auch Orientierung erwarten. Einiges will ich sagen. Jedoch nicht viel: es gibt Zeiten so schneller Wandlung und Verwandlung, daß Zusammenschau unmöglich und Rückschau dem Mit-Leben abträglich ist.

Als Peter der Große seine plötzliche radikale Reform des russischen Lebens durchgeführt hatte, pflegte er zu sagen: Wer sich des Alten erinnert, dessen Auge muß raus! An den ganz großen Wendepunkten des geschichtlichen Lebens fallen so endgültige Entscheidungen, daß jede weitere Diskussion darüber, ob es auf andere Weise nicht besser gekommen wäre, so wie jede Hoffnung auf Restauration von Früherem als sinnlos erledigt erscheint. Und nicht nur dies: dann ist auch jedes Verurteilen und Bekämpfen des Neuen von früher gültigen Voraussetzungen aus sinnwidrig geworden, denn letztere bestehen nicht mehr. Individuen offenbaren solche Mutation nur im Fall von Bekehrung oder Begnadung, denn die Natur-Anlagen als solche sind unveränderlich. Bei Völkern kann sie durch Machtverschiebung erfolgen, denn den Anlagen im Einzelmenschen entsprechen im Volkskörper die verschiedenen Typen, die ihn zusammensetzen; deren spezifisches Gewicht kann von außen her verändert werden. Geschieht solches nun entgegen dem natürlichen Kräftegleichgewicht, dann ist die Veränderung nicht dauerhaft. So war das Weimarer Deutschland von Hause aus todgeweiht, weil in ihm die schwächsten und unpolitischsten Typen des deutschen Volks das äußere Übergewicht erlangt hatten. Dank der nationalsozialistischen Revolution nun ist eine unbedingt Wirklichkeits- und Sinn-gemäße Kräfteverschiebung erfolgt. Man braucht bloß die jetzt vorherrschenden Typen äußerlich zu betrachten: sie sind kraftvoll, vital, idealistisch und zukunftsfreudig. Sie sind im übrigen typisch für die ganze Jugend, die für eine bessere Zukunft zählt. Deswegen ist es in erster Linie nicht von Wichtigkeit, ob die heute herrschenden Anschauungen und Tendenzen nun restlos zu bejahen seien oder nicht: ob der lebendige Geschichtsprozeß sich zum guten oder schlechten Ende fortentwickelt, hängt letztinstanzlich von den Menschentypen ab, welche am Ruder sind, nicht von den herrschenden Vorstellungen. Denn taugen die Menschen etwas, so lernen sie an der Erfahrung, wogegen die besten Ideen, von minderwertigen Menschen vertreten, nur Unheil stiften.

Mehr ist heute kaum zu sagen. Die Revolution ist so unwahrscheinlich schnell verlaufen, daß noch keine Neuerung sich an der Erfahrung hat bewähren können. Und dieser Werdeprozeß wird noch lange, sehr lange anhalten. Desto länger, je schneller und leichter alles am Anfang ging. Die erste Stoßkraft war so ungeheuer stark, daß entsprechende Gegenbewegungen von außen her nicht ausbleiben werden, und von dem Ergebnis der Auseinandersetzung mit diesen wird der Enderfolg im Sinn der Macht nicht allein, sondern auch in dem des Endzustandes abhängen. Dann aber sind ganz gewaltige Neuerungen, die bis zur Annullierung von seit Jahrhunderten Bestehendem gehen, in Angriff genommen worden. Es bleibt aber immer nur das, was der Natur der Dinge entspricht. Im Vortrag: Politik und Weisheit der Schöpferischen Erkenntnis habe ich vier Grundsätze aufgestellt, welche für jede Politik gelten, die erfolgreich bleiben will. Deren einer ist der, daß nur der Zustand für die Dauer haltbar ist, ganz einerlei, wie die Machtverhältnisse liegen, welcher dem Willen des Volkes Rechnung trägt. Noch vermag niemand zu sagen, was an den bisherigen Materialisationen der nationalsozialistischen Bewegung wesentlich deutsch ist und was nicht. Das ewig Deutsche allein wird sich, zumal aller Nachdruck wie nie vorher auf dem Begriff des Artgemäßen ruht, für die Dauer bewähren.

Was soll der Einzelne nun tun? — Ich schreibe nicht als Politiker, auch nicht als Deutscher, sondern als ein Mensch, dem das tiefst-Innerliche und damit Geistig-Seelische das letztlich Wesentliche ist. Dann aber schreibe ich vorzüglich für die, welche die heutige Lage in irgendeinem Sinn einen Konflikt erleben läßt, also ausdrücklich nicht für die, welche vollkommen überzeugt in der Bewegung stehen, und auch nicht für die Jungen unter fünfundzwanzig. Letztere sind in den neuen Zeitgeist hineingeboren worden, sie gehören ihm unbewußt-selbstverständlich an, und insofern bedeutet es ein Mißverständnis, wenn sie überhaupt an Konflikten leiden: denn von ihrem Standpunkt ist das Dritte Reich einfach die Welt der Jungen; sie sollte es jedenfalls sein. — Ich schreibe sonach ausschließlich für solche, denen ihre Stellung in dieser Zeit ein Problem ist. Da lautet denn meine Antwort auf die Frage, was der Einzelne tun soll, wie folgt: Er soll sich unter allen Umständen dem Ungeheuren innerlich hingeben, das er miterlebt. Er soll sich der Erfahrung rückhaltlos öffnen, an der historischen Wende so tief und innig als möglich teilzunehmen trachten. Bei so großen Schicksalen ist keiner jemals im Recht, welcher einfach ablehnt. Hier handelt es sich nicht um Prinzipien, Theorien und Programme, sondern um einen Mutationsprozeß im Volkskörper; und der allein, welcher diesen, so oder anders, mitgemacht hat, zählt für die Zukunft1. Jeder andere ist Emigrant, ob er im übrigen körperlich auswandere oder nicht. Wohin diese Mutation hinüberleitet, vermag ich noch gar nicht zu übersehen. Ich weiß nur, daß Gewaltiges im Gange ist. Am Ostersonnabend 1933, also noch ganz zu Anfang der Umwälzung, schrieb ich einer argentinischen Freundin das Folgende (abgedruckt in La Nacion, Buenos Aires, vom 12. Mai 1933, die Übersetzung ins Deutsche ist nicht von mir):

Ich habe sechs Revolutionen miterlebt (zwei russische, zwei deutsche, eine chinesische und eine spanische) und bin mehr oder weniger Fachmann auf diesem Gebiet. Nun, was jetzt in Deutschland geschieht, ist unzweifelhaft das Ungeheuerste, was ich erlebt habe. In keiner, aber auch in keiner Weise handelt es sich um Restauration in irgend einem Sinn, den man diesem Worte gibt, erst recht nicht um Reaktion: es handelt sich um Futurismus, um einen gewaltigen Entbindungsprozeß. Und das, was da geboren wird, ist ein vollständig Neues. Im Prinzip habe ich es in meinem Buch Die neuentstehende Welt vorausbestimmt. Es war klar, daß Deutschland nach einer beispiellosen Unterdrückung und einer moralischen Knebelung ohnegleichen tapferer und stolzer denn je wiederauferstehen würde. Aber die Jugend, die diese Revolution gemacht hat, weiß nichts von der Vorkriegszeit. Sie glaubt an keins der Ideale der Vergangenheit; sie ist antimonarchistisch, sozialistisch, vor allem Feind aller politischen Parteien und aller Klassenkämpfe; sie ist nicht imperialistisch. Sie ersehnt ein neues Deutschland, in welchem jeder leben könnte. Die Inbrunst dieser Revolutionäre ist nicht politisch, sie ist religiös. Insofern kann man sagen, daß der Geist der Reformation und der Religionskriege neu erstanden ist. Aber es besteht auch Parallelismus mit dem Islam: daher das unerhörte Prestige und die unerhörte Macht Adolf Hitlers, die unvergleichlich größer sind als die aller Tyrannen der Geschichte. Sie fußen nicht auf materieller Kraft und Gewalt, sondern auf blindem Glauben. So wie der Islam die Verschiedenheit in der Nationalität beseitigt hat, so kann man sagen, daß es in Deutschland keine sozialen Klassen mehr gibt. In dieser Hinsicht verwirklicht Hitler das ferne Ideal der Bolschewisten.
Andererseits aber ist Hitlers Mission mit derjenigen Gandhis verwandt. Gandhi will sein Vaterland emanzipieren, ihm die menschliche Würde zurückgeben. Seit 1918 haben die Deutschen sich als Parias gefühlt gegenüber den anderen Völkern. Hitler gibt ihnen die Achtung vor sich selbst und den Glauben an sich selber wieder. Daher die leidenschaftliche Inbrunst, welche er einflößt und die so vollständig über den Rahmen der Politik hinausweist.

Das war nur ein erster Eindruck; heute würde ich einiges anders sagen. Aber nicht darauf kommt es in diesem Stadium an: es gilt einzig, sich der Größe der Ereignisse überhaupt bewußt zu werden und so an ihnen teilzuhaben.

Wer das getan hat, der wird keinesfalls stören wollen. Er wird gern mit solcher Kritik zurückhalten, welche zur Zeit nichts Gutes wirken kann. Was aber soll er nun tun? Er soll, indem er sich einerseits rückhaltlos dem Erlebnis des nationalen Schicksals hingibt, andererseits mehr denn je sich selber treu bleiben. Denn wo die Tiefen aufgewühlt sind, da zählen einzig die Tiefen; wo Großes geschieht, da können nur echte Menschen Gutes wirken. Damit ist denn die Frage, welche die Überschrift dieser Betrachtungen stellt, bereits beantwortet. Gleichschaltung ist eine rein äußere Angelegenheit und kann nur eine solche sein. Sie mag nützlich sein oder nicht; tiefere Probleme liegen hier nicht vor. Die Gleichschaltung in Deutschland hat, soviel ich sehe, drei Grundmotive. Das eine ist das eines herrschenden Kriegszustands. Jede Armee ist ein Gleichgeschaltetes. Deutschlands ungeheure Not kann nur durch schärfstes Zusammenfassen besiegt werden. Das zweite entspricht der unbezweifelbaren Notwendigkeit, schädlich gewordenen Partikularismus zu überwinden. Das dritte nun liegt im deutschen Volkscharakter. Es scheint, daß das Militaristische, auf Befehlen und Gehorchen Aufgebaute, welches die meisten Völker so gar nicht verstehen — am wenigsten die wesentlich nordischen, die als solche extrem individualistisch sind —, den Deutschen tief im Blute liegt. Ist dem tatsächlich so, nun, dann wird es grundsätzlich dabei auch bleiben. Dann handelt es sich um eine wesentliche Nationaleigentümlichkeit, mit welcher man rechnen muß, wie mit jeder Naturtatsache.

Aber in diesem Problem äußerer Zweckmäßigkeit und Sinngemäßheit erschöpft sich auch das ganze Problem der Gleichschaltung, soweit solche Positives bedeuten soll. Eine Gleichschaltung des Innerlichen gibt es nicht und kann und darf es deshalb nicht geben. Innerliche Gleichschaltung kommt metaphysischem Selbstmord gleich. Daraus nun folgt: Wer sich innerlich gleichschaltet, wer gar zu diesem Zwecke innerlich umfällt, zählt keinesfalls bei Deutschlands besserer Zukunft mit. Der (heute leider weitverbreitete) Glaube ist völlig irrig und abwegig, als arbeiteten nur Gleichdenkende zusammen. Alles lebendige Leben ist Gegensatzführung, und jeder Nicht-Nationalsozialist, welcher bei aller Loyalität, die seine Zugehörigkeit zum deutschen Volkskörper als selbstverständliche Forderung erscheinen läßt, seiner Überzeugung treu bleibt und damit seine Umgebung zwingt, sich ernstlich mit ihm auseinanderzusetzen, ist für Deutschlands Zukunft wertvoller als Millionen Umgestellter — von Umgefallenen zu schweigen.

Denn einzig aus Echtheit, aus Überzeugung und aus dem Mut, sie zu vertreten, kann gerade dauerhafte Wandlung erfolgen. Wer sich auf den Boden der Tatsachen stellte, um den Anschluß nicht zu verpassen, der verwandelt sich keinesfalls der neuen Zeit gemäß, denn der setzt sich dem Einfluß des Neuen gar nicht wirklich aus. Gerade das tut aber der, welcher um seine Überzeugung ringt. So schreitet eine Bewegung von jeher typischerweise vermittelst solcher dem Endsiege zu fort, welche ursprünglich Gegner waren — siehe Saulus/Paulus.

Aber freilich rede ich hiermit keinerlei Opposition das Wort; in Zeiten nationaler Gefahr ist Störung, die nicht zu Positiverem überleitet, als das Gestörte war, Verbrechen. Außerdem: wie soll ein Einzelner ganz sicher sein, daß seine persönliche Meinung das Beste für das Volk verkörpert? Über das Volksgemäße kann allein das Volk entscheiden, und viele gerade der Besten jedes Volks sind wesentlich nicht volkstypisch. So bin ich heute gegen jede Bekämpfung des Nationalsozialismus — so sehr gerade ich bis zur Entscheidung dafür zu wirken versucht habe, daß einiges anders würde, als es geworden ist. Doch indem ich dieses sage, wende ich mich gleichzeitig desto schroffer gegen Umstellung und Umfallen. Man soll schweigen, wo man nichts Förderliches sagen kann; keinesfalls soll man zeitgemäß lügen, wie dieses heute so entsetzlich viele tun. Auch das Schweigen ist ein Positives; in Zeiten allgemeiner Lautheit verkörpert es sogar sehr große Macht. Und wem das Schweigen schwer fällt, — nun, der wächst desto mehr innerlich, je schwerer er es hat. In jedem Fall aber zwingt das Dasein echter anderer Überzeugung diejenigen, die als Nationalsozialisten überzeugt sind, allen lebendigen Kräften Deutschlands Rechnung zu tragen. Denn Deutschlands endgültiger neuer Zustand wird unter allen Umständen dem Gleichgewicht aller Kräfte entsprechen und nicht irgendeine vorausgesetzte Theorie verwirklichen.

Doch es genügt nicht, zu schweigen, wo man in manchem anders denkt: man muß sich gleichzeitig aller Erfahrung öffnen. So allein, so aber allerdings nimmt man genau so intensiv am Geschichtsprozesse teil, wie dies dessen unmittelbare Vorkämpfer tun. Zum Positiven dessen, was der Nationalsozialismus vertritt, wird sich so jeder, welchem es ernst ist, unwillkürlich bekehren; das Vorläufige oder Verbesserungsfähige wird sich aber so am schnellsten in anderes umsetzen. Es ist einer der verhängnisvollsten deutschen Aberglauben, daß es in bezug auf den inneren Menschen notwendig sei, auf das richtige Pferd zu setzen. Wer immer furchtlos und reinen Willens seine Überzeugung zu verwirklichen strebt in sich und außer sich, tut alles, was von ihm als metaphysischem Wesen verlangt werden kann. Im übrigen aber ist es nicht wahr, daß irgendeine politische Form oder irgendein politisches Prinzip an sich absolut höher stände als andere, nunmehr verjährte; solches zu glauben, war gerade der Fehler der fortschrittlichen Demokratie. Es gibt weder absoluten Fortschritt noch absolute Verjährung. Das nicht Aktuelle oder Unmoderne oder zur Zeit zu keiner Wirkung im Großen Berufene kann nichtsdestoweniger einen Ewigkeitswert verkörpern. Was zeitgemäß ist im allerbesten Sinn, mag gleichwohl, aus der Perspektive der Jahrhunderte gesehen, nur Anpassung der Oberfläche oder Durchgangsstadium bedeuten. Der Junge ist nie wesentlich mehr als der Alte, noch ist das Neue als solches notwendig besser als das Frühere. Die größere oder geringere Vitalität gibt überhaupt keinen Maßstab ab für geistigen Wert. Es bedeutet nicht notwendig eine Vorzugsstellung im metaphysischen Sinn, wenn einer im Vordergrund steht. Es ist nicht nötig, allezeit zu reden, ja reden zu dürfen. Unter Umständen ist Schweigen das innerlich Förderndste — ganz abgesehen davon, daß es nicht selten die gewaltigsten Fernwirkungen auslöst. Metaphysisch halten sich Aktivität und Passivität die Waage, sofern sie nur sinngemäß sind in bezug auf die kosmische Situation, welche der Einzelne jeweils verkörpert. Es ist selbstverständlich, daß die Nationalsozialisten das neue Deutschland führen werden: sie haben nicht allein die äußere Macht errungen — sie allein vertreten heute den Willen der überwältigenden Mehrheit der Jüngeren, und darauf kommt es im Massenzeitalter an; sie vertreten wirklich das Volk, so wie es heute ist. Aber Führen allein tut’s freilich nicht, und außer Führen kommt nicht nur Folgen in Frage. Wer da wähnt, daß es ausschließlich auf diese zwei Haltungen und Betätigungen ankommt, der gibt damit neun Zehntel aller Lebenswerte preis. Die Frage von Führer- und Gefolgschaft stellt sich ausschließlich im politischen Zusammenhang; das aber will sagen: in bezug auf die Gana, nicht den Geist. Der Sieg des Nationalsozialismus bedeutet, noch einmal, in erster Linie nicht den Sieg einer bestimmten Weltanschauung — wenngleich die der führenden Schicht eines Volkes immer den Ton angibt —, sondern eine Mutation im Volkskörper, deren Endausgang noch gar nicht abzusehen ist.

Der Wille zur inneren Gleichschaltung bedeutet sonach theoretisch ein Mißverständnis, moralisch aber Schwäche schlimmster Art. Nun aber können wir das Positiv, das dem Negativ entspricht, genau bestimmen. Innere Gleichschaltung ist von niemandem zu fordern, wohl aber Zusammenklang. Was bedeutet das? Es bedeutet das Folgende. Heute wähnen viele, Individualismus und Volksbewußtsein schlössen einander aus. In Wahrheit stören sie einander überhaupt nicht. An sich ist der Mensch einzige Persönlichkeit und Kollektivwesen mit verschiedenen Schichten seiner Natur, die nicht aufeinander übergreifen; verschiedene Normen nicht allein, sondern verschiedene Strebungen bestimmen hier und dort2. Als Volksgenosse nun nimmt jeder am Schicksal seines Volks persönlich teil. Dieses muß er bejahen und auf sich nehmen, wenn er sich vom großen Ganzen nicht abscheiden will. Doch wenn er sich also mit dem kollektiven Teile seines Wesens dem Kollektivum zurechnet, dem er nun einmal angehört, so hat er innerhalb desselben desto mehr die Pflicht zur persönlichen Freiheitsbehauptung. Dieser erforderliche Zusammenhang von Volks- und Einzigkeitsbewußtsein nun ist Zusammenklang im Gegensatz zu Gleichschaltung. Nach Zusammenklang, und nach ihm allein sollen wir streben. Die, welche zur Zeit zu reinen Kollektivmenschen geworden sind, welche nur nachbeten, was ihnen suggeriert wird, sollen innerlich frei werden. Die ausschließlich Einzigkeitsbewußten aber sollen wiederum lernen, daß keiner nur einzig ist. Den Deutschen fehlte bisher das erforderliche Gleichgewicht im Bewußtsein der verschiedenen Sphären, und allzu häufig war der Individualist Atomist3. Einer der vielen positiven Sinne des nationalen Erwachens ist eben der, daß die Kollektivsphäre ins Bewußtsein hineinwächst. Der Erfolg dessen aber darf gerade nicht der sein, daß das Nationalbewußtsein fortan das Individualbewußtsein erstickte, sondern daß beide — endlich — harmonisch zusammenklingen. Die Losung also laute für alle: zugleich dem Volke und sich selbst vollkommen treu sein.

Soll ich zum Schluß einiges über mich selber sagen? Vielleicht ist es in Anbetracht der vielen Mißverständnisse, welche die Nationalsozialisten teils von den Reaktionären, teils — und vor allem! — von meinen jüdischen Widersachern (Mareuse, Bernhard, Grossmann, Tucholsky, Emil Ludwig; mit letzterem werde ich nicht selten zusammengenannt, wo ich gegen diesen doch 1928 in Amerika öffentlich Stellung nahm, weshalb die amerikanische Presse seither meine Bücher boykottiert!) übernommen haben, angebracht, auf unleugbare geschichtliche Tatbestände hinzuweisen. Zunächst drucke ich einen Aufsatz vom 26. November 1918, betitelt Sozialismus als allgemeine Lebensbasis, in extenso ab, der jetzt auf S. 81 von Politik, Wirtschaft, Weisheit steht.

Es ist eines der tragischen Mißverständnisse dieser Zeit, daß der Sozialismus noch immer als Parteifrage verstanden und behandelt wird, und dies von Anhängern sowohl als Gegnern. In Wahrheit wurzelt sein Gedanke tief unter allen Parteien; er weist über alle mögliche Parteibildung hinaus. Sein Ideengehalt umgrenzt eine neue Lebensbasis, oberhalb derer erst von Parteiprogrammen die Rede sein kann.
Die sozialistische Weltanschauung, wie seinerzeit die christliche, ist die Verkörperung einer ganz allgemeinen Tendenz; diese Tendenz ist ihr Wesentliches, und ihr gehört die Zukunft. Ich wüßte von keinem lebendigen modernen Geist, der nicht im tiefsten Verstande Sozialist wäre. Ich wüßte von keiner lebendigen Idee, die heute nicht dem linken Lager entstammte. Ich wüßte von keinem starken Zeitimpuls, der nicht letzthin dem sozialistischen Ideale zustrebte. Aber die besonderen Vorstellungen, in denen sich die allgemeine Tendenz verkörpert, sind verschieden von Gesinnung zu Gesinnung, von Zeit zu Zeit. Der orthodoxe Marxismus wird noch von vielen weiterbekannt, aber ebensowenig wie die Augsburg’sche Konfession bezeichnet er den notwendigen äußeren Ausdruck der lebendigen Idee, die aller Gestaltung innerer Seinsgrund ist. Man kann Sozialist sein und im übrigen konservativ, liberal oder radikal4, buchstabengläubig oder konfessionslos, historisch denkend oder Rationalist, des Erbbesitzes Freund oder sein Gegner. Wie im Altertum eine Verwandlung der Gesamteinstellung dem Leben gegenüber die heidnische Menschheit zur christlichen umschuf, während alles Besondere noch lange beim alten blieb und sich so allmählich veränderte, daß die Gewohnheiten, Begriffe und Vorstellungen der heutigen Menschen mit denjenigen der antiken vielfach übereinstimmen, sind heute alle lebendigen Menschen Sozialisten, insofern eine bestimmte Bekehrung in sozialpolitischer und -ökonomischer Hinsicht in ihnen Platz gegriffen hat, während die Mehrzahl sich noch sträubt und wohl für immer sträuben wird, sich zu einem der heute gültigen sozialdemokratischen Programme zu bekennen
Dieser Umstand bedingt notwendig einen Kampf, nicht aber den Kampf, der heute besonders erbittert tobt: es gilt nicht mehr den Streit für oder wider den Sozialismus, denn dieser hat in den Geistern schon vollständig gesiegt, sondern lediglich den um die Vorherrschaft dieser oder jener Richtung auf gemeinsamer allgemeinsozialistischer Basis. Dieses einzusehen, erscheint mir als die wichtigste prinzipielle Aufgabe des Augenblicks.
Bevor dies nämlich geschieht, bleibt der Kampf der Richtungen notwendig unfruchtbar, oder aber er führt ins Verderben. Wollen nur die Proletarier mit ihrem Klassenprogramm als Sozialisten gelten, erblicken sie ihr Hauptziel dauernd in der Entthronung der Bourgeoisie, so bekämpfen sie letzten Endes die Kultur, denn ohne jeweilige (freilich nicht notwendig politisch rückversicherte) Oberschichten, die von einer traditionellen Vorzugsstellung ausgehen können, wird höhere Bildung so bald nicht gedeihen. Bekämpfen die Konservativen und traditionell Gebildeten den Sozialismus als solchen, weil sie ihn gleichfalls einseitig als erstrebte Diktatur des Proletariats verstehen, so stellen sie sich in Gegensatz zum Geist der neuen Zeit, müssen, als Minorität, früh oder spät unterliegen und führen so durch eigenes Verschulden jene gefürchtete Diktatur herbei, die Europas Kultur begrübe. Aber wie, wenn wir alle uns nun offen zum Geist der neuen Zeit, dessen Grundcharakter die sozialistische Tendenz ist, bekennten? Damit wäre eine gemeinsame Basis auch für die Vorstellung geschaffen, der aus falscher Fragestellung entsprossene Gegensatz hörte von selber auf, der bisher unfruchtbare oder unheilschwangere Kampf schlüge ins Fruchtbare, ins Aussichtsreiche um. In Wahrheit gilt ja Feindschaft den traditionellen Bildungsträgern genau nur insoweit, als sie sich zur neuen Ära in Gegensatz stellen; selbst die überzeugtesten Sozialdemokraten, sofern sie Vernunft besitzen, wollen nicht wirklich, daß es keine Reichen, keine traditionell Gebildeten, keine Edelleute gäbe, sondern nur, daß diese die neue Lebensbasis anerkennten und von ihr aus wirkten. Konservative und Radikale, Reiche und Arme, Gebildete und Ungebildete wird es immer geben, denn so will es die Natur der Dinge, und mögen sie subjektiv noch so feindlich einander gegenüberstehen — objektiv ergänzen sie einander, sooft ein einheitlicher Gesamtzustand besteht.
Dieser Gesamtzustand, der heute fehlt, wäre mit einem Schlage geschaffen, wenn alle fortschrittlichen Parteien sich ihrer gemeinsamen neuen Basis bewußt würden und diese offen bekennten; in der Politik bedeutet ein Schlagwort, eine glückliche Fassung mehr als die bedeutendste, aber unerfaßte praktische Leistung. Wir alle sind Sozialisten. Die Folge solcher Erklärung wäre die, daß es eine besondere sozialistische Partei bald nicht mehr geben könnte und folglich auch keine in Verteidigungsstellung gedrängte Bourgeoisie, keine bedrohte Erb- und Gesinnungsaristokratie. Die bisher sich gegenseitig nach dem Leben trachtenden Gegner würden sich wettstreitend zusammenfinden auf einer neuen Grundlage, die im übrigen schon besteht und nur des Bewußtgewordenseins ermangelt. Eben jetzt haben sich alle fortschrittsfreundlichen bürgerlichen Parteien, in Gegensatzstellung zur Sozialdemokratie, fest zusammengeschlossen. Ihr Programm ist gleichwohl ein wesentlich sozialistisches. Zweifelsohne wäre es günstiger gewesen, wenn die Verhältnisse erlaubt hätten, den veralteten Gegensatz Sozialismus-Bourgeoisie vor den Wahlen zur Nationalversammlung aus der Welt zu schaffen, denn so droht auch innerhalb dieser viel unfruchtbarer Streit.

Ist es nicht so, daß ich zu den ersten gehöre, welche die Fortentwicklung Deutschlands voraussahen? Gewiß habe ich nicht die heutige Stoßtruppbewegung vorausgesehen, aber ich bin mehr denn je heute überzeugt, daß das Endbild meiner Skizze in hohem Grade gleichen wird. Und nun lese man die Einleitung von Politik, Wirtschaft, Weisheit, die ich 1921 schrieb, und deren erster Teil bis 1909 zurückreicht; wer dies tut, dem müßten über manches Mißverständnis die Augen aufgehen. Deutschlands wahre politische Mission im selben Band, geschrieben 1918, scheint mir gleichfalls in allen großen Zügen das Positive dessen zu umreißen, was heute wird. Die kleinen Aufsätze, die als Anhang folgen, sind wiederum ein einziger Aufruf zur Volksgemeinschaft und zur nationalen Wiedergeburt. Erinnert man sich aber ferner der zahllosen Reden, die ich von 1920 bis zumal 1926 über Deutschlands Zukunft gehalten habe, der Darmstädter Tagung 1922 Spannung und Rhythmus, die ein einziges hohes Lied des Heroismus war und die erwies, daß gerade schöpferische Einseitigkeit den kürzesten Weg darstellt zu der Universalität, die ich persönlich vertrete, der Tagung 1923 Weltanschauung und Lebensgestaltung5, wo die neue Arbeiterära, unter restloser Erledigung von Marxismus und Bolschewismus, geistig begründet wurde; gedenkt man endlich der Neuentstehenden Welt (1925) in der die heutige nationalistische Welle nicht nur vorausgesagt, sondern gefordert wurde, erinnert man sich alles dessen, dann wird man schwer leugnen können, daß ich (zumal angesichts des Einflusses, den ich damals in Deutschland hatte) mit zu den Begründern des Neuen Deutschland zähle und daß die Schule der Weisheit lange Jahre lang der Hauptbrennpunkt der nationalen Erneuerung war. Daß sich tatsächlich sehr wenige dessen erinnern, liegt an dem Gesetz, das ich in Jesus der Magier theoretisch begründet habe, nämlich daß der fruchtbare Samen auch auf geistigem Gebiete eben der ist, der im Befruchtungsvorgang vergeht.

Unter diesen Umständen empfinde ich die Frage meiner persönlichen Stellung zu dem, was 1933 geworden ist, als mißverständlich. Es ist natürlich manches anders geworden, als ich’s gewollt habe. Doch nicht darauf kommt es für mein Bewußtsein an. Für mich entscheidet, daß ich kaum eine der Reden zu Deutschlands Erneuerung, die ich vor 1933 hielt, heute wieder halten könnte. Dies beweist, wie vieles von dem, was gerade ich anstrebte, schon verwirklicht worden ist, — wenn auch freilich oft anders, als ich’s erwartet hätte. Aber das Materialisationsergebnis geistiger Impulse hängt immer von empirischen Umständen ab und erscheint deshalb immer anders, als Geist es von sich aus wollen könnte.

Nun aber sei schnell noch dem Mißverständnis entgegengetreten, als hätte ich jemals politische Ziele verfolgt. Das habe ich nie getan. Die politische Erneuerung war und ist mir nur die unerläßliche Grundlage im Falle Deutschlands für Erneuerung aus dem Geist. Ich war nie anderes als Reformator vom Geiste her und will nichts anderes sein. Was ich anstrebe, war immer und ist noch immer das letztentscheidende, das wahrhaft kritische Problem dieser Zeit, welches nicht politisch, nicht einmal metapolitisch, sondern ausschließlich geistig ist: das der Neuverknüpfung von Seele und Geist, wie ich es im programmatischen Kapitel der Schöpferischen Erkenntnis geheißen habe. Von meinem Standpunkt ist die deutsche Revolution ein Sonderausdruck der heutigen Weltrevolution, deren erster Akt eine Revolte der langunterdrückten und -verdrängten Erdkräfte (so wie ich diese in den Südamerikanische Meditationen bestimmt habe) darstellt; sonach ein planetarisches Ereignis einerseits und andererseits eine neue Phase im kosmischen Prozeß des Einbruchs des Geists.

1Wie ich dies meine, erhellt am besten vielleicht aus der folgenden Erwägung: Erleben die Juden diese Zeit tief, dann mag die nationalsozialistische Judengesetzgebung in der Geschichte Israels noch einmal als ein Positivum gleichen Ranges fortleben wie der Exodus aus Ägypten und die Babylonische Gefangenschaft. Denn die Tiefe des deutschen Antisemitismus müßte gemäß dem Gesetz der Entsprechung von Aktion und Reaktion zu einer Vertiefung des Nationalbewußtseins der Juden und zu einer Wiedergeburt des Gefühls für ihre tiefste Menschheitsaufgabe führen. Damit könnte ihr bisheriger Minderwertigkeitskomplex erledigt werden.
2Diesen Gedankengang führt die Meditation Die emotionale Ordnung der Südamerikanischen Meditationen genau aus.
3Ich war einer der ersten im deutschen Schrifttum, welcher diesen Zustand gegeißelt hat. Man vergleiche meine Schriften Entwicklungshemmungen vom Jahre 1909 (jetzt in Philosophie als Kunst) und Schopenhauer als Verbilder (1910, jetzt in Menschen als Sinnbilder abgedruckt).
4Viele wollen das heute nicht wahrhaben. Aber es ist so. Denn bei konservativ, radikal, liberal usw. handelt es sich um physiologische Charakteristika. Erobert nun der Nationalsozialismus, welchen heute hauptsächlich Radikale vertretene das ganze Volk, dann werden zwangsläufig und selbstverständlich alle möglichen physiologischen Typen innerhalb des Nationalsozialismus vertreten sein. (Anmerkung vom Oktober 1933.)
5Meine damaligen Vorträge stehen jetzt alle in Wiedergeburt.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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