Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

24. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1935

Bücherschau · Alja Rachmanowa, Franz Schauwecker

Sicher bedeuten im Zusammenhang des Menschenlebens auch nur einigermaßen menschenwürdige Gesamtzustände nicht die Regel, sondern seltenste Ausnahmen. Das wird einem schmerzhaft klar, gerade wenn man noch kurz zurückliegende wohlgeordnete Vergangenheit der Gegenwart gegenüberhält. Eben deshalb besteht so wenig Aussicht, daß es in absehbarer Zeit erheblich besser würde.

Seit der letztveröffentlichten Bücherschau hat sich Frankreich mit Sowjetrußland mehr oder weniger alliiert, womit alle dessen Greueltaten indirekt sanktioniert werden. Berdjajew erzählte mir während meines letzten Pariser Aufenthaltes, das Los der Emigranten werde von Monat zu Monat hoffnungsloser, denn die öffentliche Meinung sähe in deren Not immer weniger etwas, was sie überhaupt angeht. Das böse Beispiel wirkt eben immer weniger abschreckend: es macht, im Gegenteil, immer mehr Menschen bewußt, wie das Menschen-Tier eigentlich ist, und erfreut lebt sich dieses immer unbefangener aus. Darüber besteht kein Zweifel: fortschreitend mit der Zeit werden immer schlimmere Greuel möglich und zuletzt zu Selbstverständlichkeiten.

Nichtsdestoweniger: aller geistige Fortschritt nicht allein — die simple Rettung vor der schauerlichsten moralischen und seelischen Barbarei steht und fällt damit, daß die, welche noch Aufnahmefähig sind für fremdes Leid und die noch moralische Hemmungen kennen, sich in das Leid versenken, es innigst meditieren und damit, dank dem dadurch eingeleiteten psychochemischen Prozeß, zu einer Überwindung seiner im Guten gelangen — die Ausführung dessen, was ich hier meine, wird man in den Kapiteln Leiden und Gemüt des Buchs vom persönlichen Leben finden. In diesem Sinne empfahl ich in Heft 20 dieser Mitteilungen, S. 10, Erich Dwingers Zwischen Weiß und Rot, die russische Tragödie 1919-1920 (Jena 1930, Eugen Diederichs) zu lesen, und in Heft 22, S. 37 ff. André Malraux’ La Condition humaine und Iwan Schmeljows Bericht eines ehemaligen Menschen. In diesem Sinne vor allem möchte ich auch Burckhardts und Rahns Darstellungen gelesen wissen. Heute kann ich nun noch auf einige Werke hinweisen, welche, richtig gelesen, gleicher Vergegenwärtigung des Menschen-Leides dienen können. Deren erstes sind die beiden ersten Bände der Tagebücher der Rachmanowa (Verlag Anton Pustet, Salzburg). Alja Rachmanowa ist keine große Schriftstellerin, im Sinne abendländischen Könnens verstanden, aber ihr eignet die angeborene Erzählergabe, welche so überraschend viele Russen kennzeichnet; und im höchsten Grade besitzt sie die wunderbare, in Europa einzig dastehende Natürlichkeit der Russin, welche das Leben ganz so sieht und annimmt, wie es ist, ohne sich und anderen das Geringste vorzumachen. Deswegen wirkt es so erschütternd, wenn und wie sie im ersten Bande den langsamen, aber unaufhaltbaren Übergang von der für die Oberschichten so schönen Zarenwelt in die bolschewistische Hölle schildert, und wie die meisten Menschen ganz natürlich und selbstverständlich immer schlechter werden oder aber die Hoffnung auf Besseres ebenso physiologisch-selbstverständlich langsam und unaufhaltsam verlieren. Demgegenüber verdeutlicht der zweite Band wunderbar eindrucksvoll den Wertzuwachs für das persönliche Leben des Wenigen, das einem bleibt. Die darin geschilderte Geschichte ihrer Liebe ist an sich eigentlich nichts als indiskret. Aber diese erscheint hier wie die Indiskretion des Sonnenstrahls, welcher durch festgefügte Wolkengebilde bricht.

Das zweite Buch, auf das ich in diesem Zusammenhang noch hinweisen möchte, ist Franz Schauweckers Große Sage (Wikinger erobern die Welt) [Berlin 1934, Frundsberg-Verlag]. Ich empfehle es trotz seiner wissenschaftlichen Unexaktheit und seines sehr geringen literarischen Werts, weil hier eines gelungen ist: eine sehr anschauliche Evokation dessen, was vor tausend Jahren den Bolschewiken und dem Bolschewismus entsprach, nur in blind-aktivistischer Form, wie diese eben den damaligen Nordgermanen gemäß war. Daß die Wikinger Helden waren, darüber besteht kein Zweifel; ebensowenig an ihrer außerordentlichen nicht allein vitalen, sondern auch geistigen Veranlagung. In wenigen Generationen erwuchsen aus wüsten Seeräubern — allerdings dank Aufkreuzung mit bestem geraubtem Frauenblut — gewaltige Staatengründer. Man lese z. B. in Kasimir Edschmids Südreich (Frankfurt a. Main 1934, Rütten und Loening) nach, wie es drei Normannenbrüder ohne Macht, Gefolgschaft und Geld waren, die in einer Generation nur dank ihrer persönlichen Befähigung das Reich schufen, das sich dann in Friedrich dem Zweiten von Hohenstaufen vollendete. Man gedenke dessen (worauf ich übrigens schon hinwies), daß die Normannen in ihren Südreichen in beinahe ebenso kurzer Zeit den Gedanken, der dem römischen Recht zugrunde lag, tiefer rezipierten als irgendein früheres oder späteres Volk, und daß Englands Größe ganz und gar darauf beruht, daß dort und dort allein sich normannischer Geist als Dominante erhalten hat, als aristotelische Form für die Materie des allgemein-britischen Bluts. Doch wenn irgendwo, dann ist hier Gutes aus Bösem entstanden. Blutrünstigere, grausamere, hinterlistigere Helden als die Wikinger hat es wohl nie gegeben: Schauwecker spricht (S. 14) von der für sie charakteristischen

einzigartigen Mischung heroischen und völlig nüchternen kaltberechnenden Geistes. Kein Wikinger fuhr in alle Fernen, um irgendein durchdachtes System durchzuführen. Sie fuhren allesamt los, weil es sie zwang und trieb. Es war kein Landmangel, keine wirtschaftliche Not, kein Abseitsstehen aus der Ausgeschlossenheit einer strengen Erbfolge bäuerlichen Besitzes. Bestimmend war allein die überströmende Kraft des germanischen Menschen. Diese Kraft war von einer ungeheuren Maßlosigkeit. (S. 13) Aber weil sie unerschöpflich war, konnten sie sich verspritzen, diesen Überfluß ihrer selbst begehen. Die Kraft begeht kein Verbrechen und unterliegt keiner Sünde. Für die Kraft gibt es weder Buße noch Reue. Die Kraft rechtfertigt sich durch sich selbst. Die Kraft erhält ihre Bestätigung durch das Werk. Hier gilt nur das Wort: es ist so. Jegliche Beurteilung des Intellekts oder Gefühls versagt hier. (S. 11/12)

Die Wikinger waren ohne Idee, ohne Ideal, ohne moralische oder geistige Zielsetzung. Wenn sie sich ein Ziel vorstellten, dann war es der Tod an sich. So sinnloses Heldentum finden wir bei keiner Mongolenhorde, schon gar nicht beim Islam. Die Wikinger verkörperten eine rein raubtierhafte Macht. Was schön an ihnen war, war schön im Sinn des Tigers und des Wolfes.

Nun waren sie insofern schön. Insofern stellen sie das Gegenbild dar zur bolschewistischen Häßlichkeit. Und doch ist es der gleiche Geist der Un- und Antimenschlichkeit, welcher beide beseelt. Alle Zeitgenossen beurteilten die Wikinger denn auch nicht anders, als die noch nicht moralisch verseuchten unter den Heutigen die Bolschewisten beurteilen. Erst heutigen Menschen ist es vorbehalten gewesen, Grauenhaftes gut zu heißen.

Die Welle radikal bösen Geistes, welche die Welt zu dieser unseligen Zeit überschwemmt, wird sich natürlich verlaufen oder abebben. Und tut sie es nicht, so wird sie abgedämmt werden. Vielleicht wird auch das Meer, aus dem sie ausbrach, ausgetrocknet werden. Beim heutigen Zustand wird es in Rußland nicht bleiben. Die, welche das neue gute Gewissen zum Bösen positiv beurteilen und daran gar Zukunftshoffnungen knüpfen, verkennen und vergessen, daß der Einbruch des Geistes seit dem Mittelalter, welches die Wikinger zähmte, noch weiter vorgeschritten ist, und daß es heute ein sehr reales Menschheitsgewissen gibt, von dem aus sich eine Frage stellt, welche viel ernster zu nehmen ist als seinerzeit die der einzig wahren Religion: ob eine gegebene Entwicklungsrichtung oder Machtentfaltung Menschheitstragbar ist oder nicht. Mit dem Worte Menschheitsgewissen ist allzuoft greulichster Unfug getrieben worden. Eine von empirischen Wesen legitim vertretene moralische Richterinstanz, welche alle Völker anzuerkennen hätten, gibt es schon aus dem einen Grunde nicht, daß die Wahrheit der Eingangsworte des Spektrums Europas alle Völker sind natürlich scheußlich durch alle Tatsachen nie erwiesener erschien als gerade heut. Was dem vielmißbrauchten Worte Menschheitsgewissen real zugrunde liegt, ist die irrationale, aber eben darum durch kein Argument aus der Welt zu schaffende Tatsache, daß die Kollektivpsyche des Menschengeschlechtes heute bestimmten Daseinsformen die Existenzberechtigung abstreitet. An sich tut es dies aus reiner Antipathie als des Ausdrucks empfundener Inkompatibilität des Allgemeinzustandes mit bestimmten Sonderformen heraus, so daß sich die Frage von Gut und Böse zunächst nicht stellt, ja überhaupt nicht zu stellen braucht, damit die Ablehnung moralisch wirksam würde. Doch da der heutige Kollektivzustand auf der ganzen Erde gesinnungsmäßig letztlich von christlichen Werten bestimmt wird — in Japan, China, Indien, Arabien usw. weit mehr als zur Zeit bei uns! — und alle materielle Macht letzthin auf moralischer Werbekraft fußt, so steht der Verherrlicher des Bösen einer Übermacht gegenüber, welche ihn totsicher auf die Dauer erdrücken muß. Immerhin kann es furchtbare, ganze Völker umfassende Zwischenzustände geben, und von selbst geschieht auf der Ebene der Geschichte nichts. Deswegen dürfen die Geistbewußten unter den heute Lebenden unter gar keinen Umständen moralische Vogel-Strauß-Politik treiben. Sie sollen die Schriften, welche Böses verherrlichen, nicht nur lesen, sondern meditieren und sich recht deutlich vor Augen führen, wie den Geschlagenen und Geraubten zumut gewesen sein mag, und wie sich die Tatsachen der modernsten Geschichte zu den Idealen verhalten, die seit Jahrtausenden von allen Tiefen und Wesentlichen anerkannt worden sind. So empfehle ich Schauweckers Buch um dessentwillen, was der Verfasser nicht mit ihm gemeint hat.

Denn siegt das Sinnlose, ob auch nach tierischem Maßstab höchst Bewundernswerte, auch nur für kurze Zeit, dann wird unaufhaltsam Todeswille die betreffenden Völker überfallen, — welch letztere Erwägung die letzte Hoffnung auf einen positiven Ausgang geistwidrigen Geschehens ad absurdum führt. Auch die Wikinger wollten zutiefst sterben; nur deswegen sind sie als Volk nicht übriggeblieben. Und mag sich einer dank Kraft und Mut gegenüber einer Überzahl anderer behaupten: gegen den eigenen Todeswillen gibt es gar kein Mittel. Einer der besten Gedankengänge bei Julius Evola, dessen neuestes Buch der nächste Abschnitt dieser Bücherschau behandeln wird, betrifft den Nachweis, daß Völker immer nur dann, dann aber unabänderlich, aussterben, wenn sie ihren Geist aufgeben. Ich selbst habe seit 1920 bei vielen Gelegenheiten auf den tiefen aus dem Gefühl der Sinnlosigkeit des Daseins geborenen Todeswillen unserer Zeit hingewiesen, welcher die tiefste Ursache sei alles, auch des scheinbar zufälligsten Versagens. Vielleicht liest der eine oder andere gerade heute wieder nach, was in Schöpferische Erkenntnis (s. Register) darüber ausgeführt steht. Doch angesichts des immer grausiger und massiver Bösen der Welt-Moira möchte ich heute das Beste zu lesen empfehlen, was über den Todeswillen des unbefangensten aller Völker, der alten Griechen, geschrieben worden ist: das Kapitel zur Gesamtbilanz des griechischen Lebens in Jacob Burckhardts Kulturgeschichte Griechenlands (fünfter Abschnitt). Nach Anlage wie Weltanschauung räumten die Hellenen dem unabänderlich Bösen im Leben einen ungeheuren Raum ein — ich sage dem unabänderlich Bösen, denn für sie gab es keinen Weg, wie für die Buddhisten und Christen, das Leiden zu überwinden. Burckhardt erklärt diese besondere Empfänglichkeit für das Böse so (S. 386 der im Paul-Aretz-Verlag Berlin erschienenen gekürzten Ausgabe):

Man hat es vor allem zu tun mit einem Volke, welches in höchstem Grade seine Leiden empfinden und derselben bewußt werden mußte. Im vollkommensten Gegensatz zu der aprioristischen Resignation großer asiatischer Völkergruppen und zu allem beschaulichen Quietismus bietet der Grieche dem Schicksal lauter verwundbare Seiten dar, und dasselbe kann ihn täglich und stündlich nicht nur leiblich, sondern auch seelisch verletzen. Völker leben in ihren Anfängen und oft noch bis in ziemlich hohe Kulturen hinein rassenmäßig; der Grieche aber war früher ein individueller Mensch geworden als die übrigen und trug nun hiervon den Ruhm und das Unheil in unvermeidlicher Mischung.

Daher folgerte denn das Volksempfinden, daß das Leben wesentlich ein Übel sei. Und so spielte bei ihnen Selbstmord eine dem Erwachen des denkenden Bewußtseins proportionale immer größere Rolle, so daß man abschließend sagen kann: die Griechen selbst haben sich schließlich aus der Welt geschafft. Für die tiefen heidnischen Hellenen war das Leben zuletzt wirklich ohne Sinn; nur die Oberflächlichen oder niedrig Gesinnten blieben ihm innerlich treu. Was auf diesem Boden die Heilsbotschaft Christi bedeutet haben muß, und warum der Apostel Paulus deshalb im hellenischen Kulturkreis seine größten Triumphe feierte, brauche ich kaum zu begründen; das Grundsätzliche des Zusammenhangs liegt auf der Hand. Unsere Welt, die sich zweifelsohne entchristlicht, kann nun gar leicht das Gegenbild für die sich verchristlichende Antike liefern. Dann aber wird keinerlei Eugenik das schicksalsmäßige Ende der sie bewohnenden Menschheit aufhalten.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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