Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

26. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1937

Bücherschau · Sementowski-Kurilo, Alexis Carrel

Ich freue mich, die Bücherschau für das Jahr 1937 mit der Empfehlung zweier wirklich außerordentlich lehrreicher Bücher beginnen zu können: es sind dies Nikolaus Sementowski-Kurilo Der Heilige Kreis, Europa und das unsichtbare Rußland (Frankfurt am Main, Societäts-Verlag), und Alexis Carrel Der Mensch, das unbekannte Wesen (deutsche Ausgabe, Stuttgart 1936, Deutsche Verlags-Anstalt).

Sementowski-Kurilos Rußland-Buch gibt von manchem kein ganz richtiges Bild. So entsprechen Orthodoxie, Zarismus und Bolschewismus sicher auch tiefen und ewigen Wesenszügen des Russen; sie sind nicht nur Ausdrücke von Fremdherrschaft und Pseudogeschichte, als welche sie der Verfasser sieht. Nichtsdestoweniger kommt dieses Rußland-Buch der wesentlichen Wahrheit näher als irgendein mir bekanntes früheres, bei welchem Urteil ich die größten und tiefsinnigsten nicht ausnehme: denn zum erstenmal erscheint das Wichtigste, die Grundfragestellung, durchaus richtig. Der Russe lebt heute noch wesentlich in einem prähistorischen Zustand; die Unform (Besobrasie = Nicht-Bild: man vergleiche darüber meine Betrachtungen im Kapitel Divina Commedia der Südamerikanische Meditationen) ist sein bisher einziger echter Ausdruck. Alle Gestaltungen, zu denen er bisher, und charakteristischerweise ausnahmslos von außen her und durch Fremde, zusammengefaßt worden ist, stellen Früh- oder Mißgeburten dar. Sie alle haben Zwangsjacken bedeutet für das eigentlich russische Wesen, woraus sich allein der beispiellose Fremden- und Kultur- und Religions- und Staatshaß mit allen seinen pathologischen Ausdrucksformen erklärt, der bisher allemal hervorgebrochen ist, wo sich Rußlands Tiefenkräfte überhaupt äußern konnten.

Die Dinge lägen nun aber, nach Sementowski-Kurilo, nicht so, als käme im Bolschewismus die wahre Russennatur rein zum Ausdruck: für ihn liegen die Zwangsbekehrungen zur byzantinischen Kirche, das Mongolenjoch, die petrinische Reform und der Leninismus auf einer Ebene des Artfremden. Rußlands eigentliche und eigene Geschichte würde erst beginnen, wenn alle Formen, die Pseudomorphosen bedeuten, eingeschmolzen worden sind. Und gerade weil der bolschewistische Druck der furchtbarste ist, den das Russentum jemals erlebt hat, werde angesichts der ungeheuren Leidensfähigkeit der russischen Seele, die nur auf dem Wege der Leidverklärung ihre Vollendung finden könne, die Zeit bald reif werden für den Erlöser, so wie ihn der Russe versteht: als den Erwecker der eigensten Tiefen, welcher durch Wort und Tat auf einmal dem Form gibt und damit ins Leben ruft, was seit Jahrtausenden unbewußt der Weckung harrte. Rußland sei in allen Hinsichten von Europa unterschieden. Auch die byzantinische Form hätte ihm nichts von dem bedeutet, was die lateinische dem Germanen- und Keltentum bedeutet hat. Irgend einmal würde ganz Neues — aber zugleich auf einmal allen Einleuchtendes — aus der russischen Seele heraus geboren werden.

Alles Einzelne, zumal die tiefen Gedanken über Tolstoi, Dostojewski und Alexander I., der ja, wie man heute weiß, tatsächlich noch gegen 30 Jahre nach seinem offiziellen Tode als unerkannter mönchischer Einsiedler gelebt hat, lese man im Buche selber nach. Uns interessiert hier vor allem die zum erstenmal wirklich einleuchtend herausgestellte Möglichkeit, daß ein Volk Jahrtausende entlang eine ihm wesensfremde Geschichte leben könne. Denn diese Möglichkeit besteht wirklich, und wieder und wieder ist sie verwirklicht worden. Nur ist der Sinn dessen ein wenig anders, als Sementowski-Kurilo ihn versteht, und ein ganz anderes vor allem als der, welcher bei uns seitens derer unterstellt wird, die an ein metaphysisches Volkstum glauben und an Artgemäßheit als geistiges Ideal. Tatsächlich liegen die Dinge so, daß die Geschichte auf der Ebene der Geistesschöpfung und nicht der Natur ihren ideellen Ort hat. Nur weil dem also ist, ist Fremdherrschaft in dem Verstand, wie sie Sementowski für das ganze bisherige Rußland als bestimmend nachweist, überhaupt möglich. Solche Fremdherrschaft bedeutet grundsätzlich das einzig Sinngemäße, wo immer es sich um rein metaphysischen Geist handelt, also im Fall der reinen Religion und Metaphysik; denn hier erweist sich das aller Sinnverwirklichung unvermeidlich anhaftende Zufällig-Tellurische bedeutungslos. Sobald aber geistbestimmtes Leben in Frage steht, fordert das Korrelationsgesetz von Sinn und Ausdruck — sintemalen alle Schichten im Menschen den gleichen Grad der Wirklichkeit haben —, daß die Geistform dem Erd-Material gemäß wäre. Insofern und insofern allein gilt Dostojewskis Satz: Sein Volkstum ist für jeden der ihm gemäße Weg zu Gott. Rußland hat nun wirklich bis zum heutigen Tage außer sich gelebt: daher sein Unheimliches, in jedem Ausbruch Schauerliches. So werden auch die bestveranlagten Kinder böse oder krank, wenn ihre Umgebung sie an normalem Ausleben ihrer Anlagen hindert. So wird Rußland wirklich einmal, wenn es zur letzten Echtheit erwacht und damit seine wahre Mission antritt, die meisten Vergangenheitsformen zu verleugnen haben.

Gleiches gilt aber von keinem europäischen Volk, insofern es von anderen europäischen Völkern Formen übernahm, denn in der Tiefenschicht, wo der Russe vom Europäer wesensverschieden ist, erscheinen alle Europäer wesensgleich. Geistig und kulturell gibt es im selben Sinne nur Europa und kein Deutschtum, Franzosentum und Britentum, wie Rußland von jeher eine Einheit war. Darum wird der europäische Gedanke zwangsläufig in dem Augenblicke über dem nationalen als Dominante triumphieren, wo das echte Russentum geboren wird. Heute liegen alle Fronten unklar. Alle Werbekraft des Bolschewismus beruht auf seiner Universalität: als Europäer sind nämlich alle tiefen Bewohner unserer Halbinsel auch Universalisten, und so werden weite Europäerkreise immerdar, aller Vernunft und aller Empirie zum Trotz, wieder und wieder das Universelle, wie es sich auch auspräge, dem Partikulären vorziehen. Doch die europäische Universalität postuliert andererseits artikulierten Partikularismus als Gegenpol im Körper seiner Intimität, was von der russischen nicht gilt: insofern wird die Spannung Bolschewismus-Nationalsozialismus auch dann, wenn Europa sich erneut seiner Einheit bewußt wird, für das Verhältnis Europa-Rußland symbolisch bleiben.

Das zweitgenannte Buch empfehle ich im gleichen Zusammenhang, weil hier ein großer Arzt mit jener besonderen Gemeinverständlichkeit, deren nur der Meister fähig ist, im einzelnen zeigt, inwiefern die Mechanisierung, deren Extremausdruck Sowjetrußland verkörpert, deren typischen jedoch Amerika, den Menschen biologisch zugrunde richten muß. In meinem Amerika-Buch behandelte ich USA, und Sowjetrußland durchaus als feindliche Brüder: Carrel (der übrigens gebürtiger Franzose ist und sein Buch zuerst in französischer Sprache verfaßt hat!) stellt direkt unter Beweis, daß dies der Fall ist und inwiefern Rußlands Schicksal mutatis mutandis auch den Amerikanisierten droht. Dieses Schicksal ist furchtbar. Nicht nur Entseelung, allgemeine Entartung und schließlich Aussterben stellt Carrel als unvermeidliches Ergebnis der Amerikanisierung dar, sofern diese noch lange andauert und fortschreitet. Die Infektionskrankheiten bekämpfen wir immer erfolgreicher: um so erschreckender nehmen die Entartungskrankheiten zu. Immer mehr verkennt die fortschrittliche Welt, daß der Mensch wesentlich kein Muskel-, sondern ein Nervenwesen ist, dessen gesundes Seelenleben in bezug auf alle Gesundheit mehr bedeutet als Ertüchtigtheit. Im Staate New York sei heute jeder zweiundzwanzigste Mensch Psychopath, und je mehr Sport getrieben wird als Ersatz normaler körperlicher Arbeit, desto unaufhaltsamer schreite die Entartung fort. Schlechthin alles spreche dafür, daß der Mensch für die vernunftgemäße Organisation des Lebens, welches Wissenschaft und Technik theoretisch und praktisch möglich machen, als Organismus noch nicht reif ist. — Was anderes steht in der Einführung zum Buch vom persönlichen Leben? Carrels Mediziner-Überschau bedeutet einen einzigen dokumentarischen Nachweis der Richtigkeit meiner in meinem letzten Buche niedergelegten Grundideen. Gott sei Dank ist Carrels Buch in Amerika, England und Frankreich ein Bestseller: gerade im heutigen Deutschland wünschte ich es in schlechthin jedermanns Händen, denn bei der Weichheit und mangelnden Widerstandskraft der deutschen Psyche kann Amerikanisierung bei uns noch viel, viel verhängnisvollere Folgen zeitigen als unter harten Angelsachsen, zähen Romanen und dank einer einzigartigen Physiologie jedes Leid ungeschädigt aushaltenden Russen.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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