Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

2. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1921

Eine Ansprache an die radikale Jugend

Im September vergangenen Jahres hatte mich die Freideutsche Jugend zu ihrer Woche nach Hofgeismar eingeladen. Ich sagte meine Teilnahme zu, nicht weil mir die Richtung der Freideutschen besonders kongenial gewesen wäre, sondern weil mir alle äußeren Richtungen gleichgültig sind und es mir wahrscheinlich schien, daß sich gerade unter den Freideutschen mit ihrer radikalen Gesinnung, aber ihrem im ganzen unbestimmten Programm Menschen finden würden, die auf die Dauer über das Parteimenschentum dieser Zeiten hinaus zu Verkörperern eines neuen Geistes heranwachsen könnten. Radikal zu sein ist ja das Vorrecht der Jugend; wer unter Zwanzigjährigen zumal in solchen Zeiten nicht radikal in irgend einem Sinn, sondern gar stur ist, von dem erwarte ich wenig. Ob meine Erwartung bezüglich der Freideutschen berechtigt war, vermag ich nicht zu sagen. Die Woche verlief grundsätzlich in dem Geist, den ich als völlig unfruchtbar ablehne: es wurde endlos gestritten und debattiert, Programme und andere Äußerlichkeiten erfüllten der Meisten Bewußtsein ganz, und da sie sich einmal auf das Feld parlamentarischer Taktik begeben hatten, so wurden die Wesentliches Wollenden von den reinen Parteimenschen, deren gewiegteste die Kommunisten waren, andauernd besiegt. Äußerlich betrachtet haben diese ohne Zweifel das Feld bis zum Schluß behauptet. An diesen Debatten nahm ich überhaupt nicht teil, ich hörte mir dieselben nur an. Bloß einmal griff ich mittelbar ein, indem ich den folgenden Gesichtspunkt aufstellte: entweder die Jugendbewegung stellt nur eine Baumschule für die alten Parteien dar, dann hat sie keinen selbständigen Sinn und keinerlei Ursache, sich als Zukunftsträgerin zu fühlen; als solchen Geistes Kinder können die jungen eben nur als die jüngsten, unerfahrensten und bedeutungslosesten Glieder des alten Parteigetriebes gelten. Oder sie verkörpert wirkliche Zukunft, das neue Menschentum jenseits des heutigen Parteiwesens. Dann muß sie sich aber auch bewußt zur Zukunft allein bekennen und die Verquickung mit dem, was sie selbst als zum Tode verurteilt empfindet, lassen. Dieser Gedanke scheint einigen theoretisch eingeleuchtet zu haben, praktisch beeinflußt hat er in Hofgeismar niemand. Noch heute wird leider die öde Polemik von damals schriftlich fortgesetzt. Aber ich habe doch den Eindruck, daß meine außerhalb der Tagesordnung sich bewegende Tätigkeit, welche, abgesehen von persönlichen Unterredungen, in drei Ansprachen bestand, auf welche keine Diskussion erfolgte, für einige förderlich geworden ist. Ich versuchte da, an den jeweiligen Tagesthemen anknüpfend, einen anderen Gesichtspunkt und eine andere Strebensrichtung, als die das offizielle Programm beherrschenden, aufzuzeigen, auf die bezogen das Wollen der Jugend einen tieferen Sinn erhalten könnte. Selbstverständlich ging ich dabei von der Hofgeismar beherrschenden allgemeinen Gesinnung aus; ich redete also, mehr oder weniger, in der Sprache des Radikalismus, denn in jeder läßt sich das Wesentliche sagen. Aber ich meinte ein anderes, Tieferes. Von diesen drei improvisierten Ansprachen ist mir die letzte allein im Stenogramm zugänglich geworden. Ich bringe sie im Folgenden ohne Abänderung, in der Erwartung, daß die Art der Fragestellung, gerade in ihrer Skizzenhaftigkeit, auch Älteren Förderung gewähren wird.

Der gestern Abend nach der Tanzvorführung ganz spontan hervorbrechende Wille zum gemeinsamen Singen, die unabsichtliche und doch so vollkommen malerische Gruppierung der Sänger und Zuhörer auf dem Marktplatz beim Mondenschein, die alten prachtvollen Landsknechtslieder haben einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Hier wurde mir vollends klar, welche innere Einheit Sie darstellen. An der Oberfläche ist sie in diesen Tagen wenig hervorgetreten: Sie haben grimmig untereinander gekämpft; erlebnismäßig besteht sie durchaus. Und gleichzeitig wurde mir, der ich Rußland gut kenne, vollends deutlich, wie absolut verschieden jene Welt, zu der Sie krampfhaft ein Verhältnis zu finden suchten, von der Ihrigen ist. Hier wurde neulich, anläßlich des Vortrages über Tolstoi, bemerkt, daß Sie das, was Tolstoi lehrte und lebte, irgendwie nicht mitmachen können. Die Hauptursache dieses Verhältnisses scheint mir in folgendem zu liegen: die bei uns bestehende Einstellung auf die Ganzheit des Lebens fehlt in Rußland. Tolstoi ist, trotz all seiner Kirchenfeindlichkeit, nur zu verstehen als griechischer Mönch, im starren Rahmen der griechisch-katholischen Kirche, dem gewisse Dinge von vornherein endgültig feststehen; er war kein in unserem Sinne Suchender. Daher seine Einseitigkeit. Und wenn Sie schon zu Tolstoi, diesem wahrhaft Großen, kein inneres Verhältnis finden, wie sollte es Ihnen gegenüber den heute Rußland beherrschenden radikalen Fanatikern gelingen? Mit dem Geist eines Lenin haben Sie nichts gemein. Deshalb wirkten die Kommunisten, die als Parteivertreter hier weilten, unter den Freideutschen als Fremdkörper.
Wie reimt sich dies nun mit dem zusammen, daß die Ideale, welche die Kommunisten zu vertreten vorgeben, abstrakt und des praktischen Programms entkleidet verstanden, von uns allen mehr oder weniger als Menschheitsideale anerkannt werden? Es reimt sich so zusammen, daß nicht jene deren echte Vertreter sind. Sie können es nicht sein, eben weil sie zu einseitig sind. Der Weg der Bolschewisten führt nicht aufwärts, sondern abwärts, der Zerstörung zu. Gleichviel was sie vertreten: sie stellen nicht die lebendigen Typen dar, welche die neue Welt aufzubauen vermögen. Solche können und werden aus dem einseitigen russischen Geiste nicht geboren werden.
Betrachten Sie den Typus der Kommunisten, wie Sie ihn vor sich hatten, genau, und suchen Sie von ihm aus dann deren russische Urbilder zu verstehen. Sie entsprechen durchaus den fanatisch Gläubigen der orthodoxen Kirche. Im besten Falle sind es Asketen-Naturen, durch jahrelange Verbannung, Verfolgung, Gefängnis und Folter bis zu eisiger Härte gestählt. Dementsprechend haben sie für die Fülle des Lebens überhaupt keinen Sinn. Auch für das Leiden anderer können sie keinen Sinn haben; das persönliche Wohl der Massen ist ihnen vollkommen gleichgültig. Die Kommunisten bilden in Wahrheit eine neue Aristokratie, die für das Lebendige im Volk noch viel weniger Verständnis hat als die früher herrschende. Diese Aristokratie ist in ihrer Art außerordentlich fähig, gewiß, zumal taktisch scheint sie mir den meisten übrigen Gruppen überlegen. Nur schade, daß sie sich gerade das Ziel gesteckt hat, das sie zu erreichen am wenigsten berufen ist: ein schöneres, volleres Leben herbeizuführen. Dies ist so einseitigen Typen naturnotwendig versagt. Wohl sagt ihre Lehre: Wir müssen die alte Welt zerstören, dann wird das Paradies kommen, und kürzlich erst kam mir ein ABC des Kommunismus in die Hände, in welchem mit außerordentlichem Geschick bewiesen wird, daß die jetzigen Zustände logisch hinführen müssen zu einer besseren Welt. Diese Auffassung birgt aber einen entscheidenden Irrtum: dieser beruht darauf, daß die Mittel, die ein Mensch anwendet, seine Seele notwendig deren Geist entsprechend verändern. So edel und hoch ein gestecktes Ziel immer sei: was immer Jesuiten behaupten mögen — ein schlechtes Mittel macht den Menschen schlecht. So beruht der moralische Tiefstand des heutigen Europa ganz darauf, daß seine Söhne sechs Jahre lang das Kriegshandwerk betrieben und in einer Atmosphäre gelebt haben, in welcher das Schlechte als selbstverständlich berechtigt galt. So macht das bolschewistische System seine Beamten im günstigsten Fall zu Menschen, wie die spanischen Inquisitoren welche waren. Der Terror öffnet nicht die Pforten des Paradieses, das bolschewistische Dogma macht seine Bekenner nicht zu Engeln — im Gegenteil: es werden, auf dem Weg seiner Behauptung, solche Haßmengen in die Welt gesät, daß mir beim Gedanken an die Ernte angst und bange wird. Zunächst muß eine furchtbare Reaktion erfolgen. Hier handelt es sich um eine Dialektik der Geschichte, welche viel tiefer liegt, als die gewöhnlich so bezeichnete. Sie gilt es vor allem zu verstehen.
Meistens urteilt man wohl: dieser da ist Träger eines Ideals, also muß er zur Herrschaft kommen. Tatsächlich ist aber die Menschheit eine so innige Einheit, daß, was einer anfängt, in der Regel von anderen vollendet werden muß. Die radikalen Elemente bilden gewissermaßen den Sauerteig. Aber nie ist aus Sauerteig Brot gebacken worden. Um gutes Brot zu backen, dazu bedarf es vor allem eines reinen und guten Mehls. Die Menschen, welche eine Welt zu zerstören berufen scheinen, sind niemals die, welche sie wieder aufbauen können. Daß sie Verjährtes zerstören, ist häufig gut; man wird die historische Aufgabe der radikalen Kreise schwer hoch genug einschätzen. Mit Blitzlicht zeigen sie in ihren Invektiven und den Unterlagen ihrer Reformprogramme, allen übrigen, was schlecht ist oder zu wünschen übrigläßt. Durch ihre erfolgreichen Angriffe reißen sie die anderen aus der gewohnten Lebensroutine heraus; die Gewissen erwachen, die Trägheit wird überwunden. Wenn es nur Evolution gäbe, so würde das Bewußtsein der meisten Menschen gar nicht verändert werden; sie würden sich der veränderten psychischen und veränderungsbedürftigen materiellen Lage nie bewußt werden. Nur dank den Radikalen gelangen erneuernde Ideenmassen in das ganze Volk. Aber mit dieser Anregungs- und teilweisen Umsturzarbeit ist ihre historische Aufgabe erschöpft.
Schon heute kann man sagen, daß man vor der Reaktion eigentlich gar keine Angst zu haben braucht. Mögen die rechtsstehenden Parteien schließlich siegen — was insofern wahrscheinlich ist, als radikale Programme erst dann verwirklichungsreif erscheinen, wenn konservative Naturen aus Selbsterhaltung für sie eintreten —: es sind so viele Ideen der radikalen Linken von ihnen aufgenommen, jene haben so allgemein von den Menschen Besitz ergriffen — (wenn es ihnen auch nicht zum Bewußtsein gekommen ist) — außerdem ist die Macht der Arbeiterklasse so groß geworden, daß die Verwirklichung der neuen Ideale im Rahmen des Möglichen außer Frage steht. Die einzigen, die diesen Prozeß ernstlich aufhalten, sind eben die extremen Radikalen, die in den Augen der Massen leider noch immer als berufen gelten, ihn zu Ende zu führen. Sie, nicht die Konservativen, sind heute die Träger, nicht nur die Vorboten der Reaktion. In letzterer Hinsicht liegt der wahre Sachverhalt auf der Hand. Alle klar Urteilenden sehen es schon: auf dem Wege der Moskauer Zwingherrschaft ist eine bessere Welt nicht zu begründen. Rußlands Zustand ist über alle Begriffe entsetzlich. Moskaus Experiment bedeutet, tief verstanden, ein Sühnopfer für die Menschheit, denn dank ihm erkennt diese: so kann man es nicht machen. Aber die Moskauer sind reaktionär in einem viel tieferen, ganz unmittelbarem Sinn: wofür hat denn die Menschheit seit der Renaissance und Aufklärung unentwegt gestritten? Für Freiheit, für die Befreiung des Gedankens, der Seele, des Individuums. Gerade diese Freiheit wird von Moskau auf den Tod bekämpft. Dies liegt eben daran, daß die einseitigen Fanatikertypen, die den Kommunismus vertreten, nicht berufen sind, die neuen Menschheitsideale durchzuführen. Sie vermögen es nur mit den Mitteln überwundener Stadien zu tun; sie konnten deshalb nur Zerstörer des alten und Bahnbrecher des Neuen sein. Überall, wo neue Ideen schon tiefer eingedrungen sind — und dies gilt heute schon für ganz Europa, mit Ausnahme Frankreichs — ist ipso facto die positive Rolle der Radikalen ausgespielt.
Zweifelsohne waren die unteren Klassen bis vor kurzem die Träger der Menschheitsideale; überall und zu aller Zeit sind es die, denen es schlecht geht, die daher persönliche Ursache haben, Neues anzustreben. Als solche werden sie aber jene nicht verwirklichen. Dies liegt erstens daran, daß es den untern Klassen heute gar nicht vorzugsweise schlecht geht, so wenig, daß der bekämpfte Materialismus der Bourgeoisie unter dem Proletariat seine machtvollsten Vertreter hat — man denke nur an die Deutschland zugrunde richtenden rücksichtslosen Lohnsteigerungsforderungen — vor allem aber an dem, daß jenes tiefste Erfassen dessen, was die Zeit bewegt, die Grundbedingung jeder Erneuerung, meistens gerade von seiten derer geschieht, denen es früher wohl am besten erging, die aber ganz plötzlich gestürzt wurden und nun subjektiv viel übler daran sind, als die anderen, welche eines guten Lebens nie gewohnt waren. Unter diesen, nicht unter jenen, finden sich schon heute solche, welche vom neuen Geiste tief ergriffen scheinen. Dergestalt geht das, was zunächst das Monopol einer Klasse zu sein schien, allmählich auf andere über.
Im frühesten Stadium beweisen jedesmal die Elemente des stärksten Ressentiment die größte Stoßkraft; deren Bedeutendste verfügen oft — heute sehen wir es an den Bolschewistenführern — über eine schier teuflische Intelligenz, eine beinahe übermenschliche Willenskraft. Wenn die neuen Ideen aber ihren Weg gegangen, wenn sie in weiteste Kreise eingedrungen sind, dann geht die Führung unaufhaltsam auf solche über, die zwar grundsätzlich die gleichen Ideale bekennen, wie die Zerstörer, aber nicht die gleiche Psyche haben, nicht vom Ressentiment ihrer Vorgänger besessen sind. Denn es kommt immer und wesentlich auf das Sein eines Menschen an, wo es sich um Verwirklichung von Idealen handelt.
Kinder des Tages, nicht der Nacht werden es sein, welche allein zur Verwirklichung der Ideale geeignet und berufen sind. Was haßgeboren begann, wird in Liebe und Klarheit vollendet werden. Deshalb, noch einmal, ist es völlig ausgeschlossen, daß das Heil von den einseitigen Typen kommen wird, denen fast alle radikalen Führer angehören. Diese haben die Aufgabe, die Welt auf den Weg zu bringen. Sobald es ans Aufbauen geht, müssen andere Typen sie ablösen. Denn die Menschheit ist nun einmal eine organische Einheit. Jeder einzelne hat eine bestimmte, von seiner Anlage vorgezeichnete Aufgabe. Erstrebt er anderes oder mehr, so führt dies nimmer zu gutem Ende. Weil ich dieses weiß, deshalb vermag ich persönlich Parteien so wenig ernst zu nehmen. Sie bedeuten gewissermaßen die Klaviatur, auf welcher der Menschengeist seine Melodien spielt. Wie in einem Orchester die verschiedenen Instrumente nacheinander einsetzen, bis es schließlich zum Unisono kommt, so wird es auch im Verlauf dieser Weltkrise sein, wenn irgendein Kosmos aus dem heutigen Chaos hervorgehen soll.
Ich sagte, es käme auf den Menschen an, zur positiven Arbeit bedürfe es anderer Naturen, als die einseitigen Radikalen sie besitzen. Zum Aufbauen sind einzig Vollmenschen berufen. Deshalb ist die Zeitaufgabe trotz allem, was hier vertreten wurde, vielmehr eine pädagogische, als eine unmittelbar politische. Viel mehr, als auf den Tageskampf, kommt es darauf an, daß die, welche der neuen Zeit schon innerlich angehören, sich dazu erziehen, deren Geist mit überlegener, sonniger Selbstverständlichkeit zu verkörpern. Welches ist nun der Weg dazu? Die zwei Tendenzen, von denen ich Ihnen sprach, die auf Abbau und Neuaufbau gerichteten, bestehen nicht nur neben- und hintereinander, in verschiedenen Menschenarten verkörpert — sie sind auch in jeder Einzelseele als Möglichkeiten lebendig.
Wenn daher der Neuaufbau nur durch solche Typen erfolgen kann, die innerlich über den Abbau schon hinaus sind, so muß jeder Einzelne trachten, diesen Typus aus sich heraus zu gestalten. Deshalb muß er die höchsten Kulturerrungenschaften der Vergangenheit nicht verleugnen, sondern, von diesen ausgehend, über sie hinaus zu gelangen suchen.
Ich will hier an ein historisches Beispiel anknüpfen: Auf die wunderbare Kultur des 18. Jahrhunderts folgte Rousseau mit seiner Forderung der Rückkehr zur Natur. Dank seinen Ideen, die heute wieder sehr lebendig wirken, hat sich viel geändert, wird sich immer wieder viel ändern, jedesmal, wo die Welt eine neue, der heutigen analoge Krise durchlebt. Als periodisch wiederkehrende Macht ist Rousseau unsterblich. Aber als es nach der Revolutionszeit vor nun 100 Jahren ans Neuaufbauen ging, da knüpfte die Kultur doch wieder am Wertvollsten unter dem Alten an. Nicht Rousseau, sondern Goethe ist das Symbol des positiven Fortschritts. Die russischen Revolutionäre nun verstehen es noch weniger als seinerzeit die französischen, von der höchsten Kulturgrundlage aus, auf der wir bisher standen, weiterzubauen. Gewiß wird in Sowjet-Rußland Kulturpolitik getrieben; es leitet dieselbe Lunatscharsky, ein, wie man sagt, genial veranlagter Mensch. Allein sein Programm ist dermaßen millenial, es setzt von den Menschen so viel voraus, daß es tatsächlich nicht nach oben, sondern nach unten zu nivelliert. Lunatscharskys Grundfehler ist aber der, daß er zwangsmäßig eine spezifisch proletarische Klassenkultur einzuführen strebt. Gewiß kann man das tun, jeder Typus läßt sich als solcher weiter ausbilden. Aber daß auf diese Weise ein Fortschritt erzielt werden könnte, das ist nicht wahr; wer das glaubt, verkennt die unabänderlichen Organisationsgesetze der Menschenseele. Der verkennt, wie Vieles in einer Seele schon vorbereitet sein muß, wenn sich ein Mensch höher hinauf entwickeln soll, als sein letzthöchster Zustand zum Ausdruck brachte. Selbst die Höchstkultivierten unter uns sind in ihrer Mehrzahl noch lange nicht reif für die höchsten Ideale, die sie bekennen. Die Proletarier indessen, zumal die russischen, sind ihrer Natur nach noch dermaßen unvorbereitet, daß wenn sie Schrittmacher würden, dies die Kultur um Jahrhunderte zurückwerfen müßte. Dies klingt grausam, aber es ist nicht anders. Der Proletkult kann nur zur Barbarisierung führen.
Dieser Prozeß wird, wo er eingeleitet wurde, seinen Gang gehen. Rückgängig zu machen ist in der Geschichte nicht viel. Wenn wir nun aber für die bessere Zukunft arbeiten wollen, dann müssen wir zunächst und vor allen Dingen begreifen, daß nicht die unsere Führer sein können, welche versuchen, mit radikalen Programmen auf naturhafte Seelen einzuwirken, sondern solche, die schon die kommende höhere Kultur in sich verkörpern; welche also, vom früheren Höchstgrade ausgehend, weiter gelangt sind, als man früher war. Sie müssen das Problem viel tiefer erfassen, als die Russen es tun. Ein Beispiel: Viele glauben, aus dem Geist der neuen Zeit heraus, die Universitäten durch Volkshochschulen ersetzen zu müssen. Nun, ich bin selbst in meinen jungen Jahren Sturm gelaufen gegen die heutige Universität. Aber nicht, weil sie den Massen nicht genügend bot, sondern weil mir ein höheres Qualitätsniveau vorschwebte. Wir dürfen doch nicht hinabsteigen von der bisher erreichten Stufe, wir müssen eine höhere erklimmen. Wenn die Welt mechanisiert worden ist, so ist es nicht unsere Aufgabe, sie zu dem chaotisch-naturhaften Zustand zurückzuführen, sondern wir müssen sie geistig und seelisch tiefer durchdringen.
Dieser, kein anderer, wird meiner festen Überzeugung nach der Weg von morgen sein. In jenem klassenlosen Staate, den die junge Generation schon heute verkörpert1, wird genau die gleiche Hierarchie zwischen Führern und Geführten entstehen, wie sie immer bestanden hat. Nur werden in ihm hoffentlich bessere, berufenere Führer bestimmen, von höherer Qualifikation. Und für mich persönlich ist vollkommen gewiß, daß zu diesen Führern nicht einer von denen gehören wird, welche ihr Hauptziel im Abbau sehen. Nur die kommen für die Zukunft in Frage, welche schon jetzt erkennen, daß sie für den Aufbau bestimmt sind und deshalb zunächst mit aller Kraft an sich selbst zu arbeiten haben. Sie müssen daran schaffen, ihrer Ideale innerlich wert zu werden. In ernster, überaus mühsamer Arbeit an sich selbst sehe ich ihre eigentliche Aufgabe. Nur in solcher Arbeit sehe ich eine der zukunftsfrohen Jugend würdige Aufgabe.
Kümmern Sie sich um die Parteifragen der Gegenwart, so unterscheiden Sie sich in nichts von der alten, sich aufreibenden Generation. Sie wollen doch gerade über die Gegensätze dieser Zeit hinaus. Sie wollen doch den klassenlosen Staat, den neuen Menschen, die Endsynthese. Die ganze Dialektik zwischen Rechts und Links ist, von einem wesentlichen Standpunkt aus beobachtet, nicht ernst zu nehmen. Gewiß mag es für manchen einzelnen notwendig sein, sich zeitweilig mit ihr auseinanderzusetzen, um sich selbst klar zu werden. Aber Wesentliches wird dadurch für die Zukunft nicht erreicht. Sie sind alle noch jung. Sie werden heute diesen, morgen jenen Standpunkt haben. Die Klärung von Heute wird zur Unklarheit von Morgen werden. Und schließlich sind Sie ja auch im Augenblick keine Macht. Ob Sie heute dieses oder jenes Programm vertreten, wird die Welt nicht ändern. Was diese aber sehr verändern kann, das wäre der ausgesprochene Entschluß der neuen Generation, den Neuaufbau und ihn allein zu wollen, das wäre deren klare und willensstarke Erkenntnis, daß sie sich nicht einzustellen hat auf die Verwirklichung irgendeines einseitigen Programms, sondern daß sie als eine Generation freierer Menschen in intensivster Weise an sich selbst zu arbeiten hat, um von der höchst erreichten Kulturhöhe von gestern zu noch höherer hinaufzusteigen.
Und nun will ich Ihnen auch sagen, unter welchen Gesichtspunkten ich zu Ihnen gekommen bin. Ich arbeite, soweit ich praktische, zumal politische Ziele verfolge, mit allen Parteien zusammen. Bald ist es die eine, bald die andere, welche irgendwelche Töne in mir zum Anklingen bringt, bald spiele ich auf diesem, bald auf jenem Instrument. Ihrer Einladung bin ich gefolgt, im Hinblick auf den sehr weit gespannten Rahmen ihrer Bewegung und die Unmöglichkeit, sie mit einem festen Programm zur Deckung zu bringen. Dadurch, daß Sie allein, soweit ich sehe, eine innere, keine äußere Plattform haben, können Sie den Mutterschoß der Gruppe abgeben, welche übermorgen zur Führerschaft berufen sein wird. Mein persönliches Interesse gilt ganz diesen Führern von Morgen. Was Sie heute tun, interessiert mich wenig. Ihre Bewegung als solche geht mich gar nichts an. Mich interessiert, wer Sie nach 20 Jahren sein werden. Zunächst kommt wahrscheinlich eine Reaktionsperiode, die für die Ideale, denen die Zukunft gehört, verderblich werden kann. Verwerten Sie nun richtig Ihre jugendliche Elastizität, dann können Sie berufen werden, durch Ihr höher gebildetes Sein zu bewirken, was den Parteiführern von Heute notwendig mißlingen muß: eine wirklich bessere Welt aufzubauen.
Dies ist die Einstellung, aus der heraus ich zu Ihnen gekommen bin. Ich habe mich um das äußere Programm der Tagung nicht gekümmert, an Ihren Diskussionen nicht teilgenommen, weil mich alle diese äußere Programmatik und Dialektik im letzten Grunde weder angeht noch auch interessiert. Was ich Ihnen geben kann, hätte ich nimmer zu geben vermocht, wenn ich mich auf Ihre offizielle Plattform gestellt hätte. Ich bin gekommen, Sie davon zu überzeugen, daß es der angestrengtesten Arbeit jedes Einzelnen an sich selbst bedarf, damit wir nicht im Chaos versinken, sondern eine neue bessere Welt begründen.
Und hier darf ich Ihnen wohl, zum Schluß, von dem reden, worin ich überhaupt meine praktische Lebensaufgabe sehe. Sie haben vielleicht von meiner Schule der Weisheit in Darmstadt gehört. Diese ist eigentlich gar keine Schule, sondern ein Einflußzentrum, ein geographisch festgelegter ideeller Mittelpunkt, in dem Menschen, die aus meinem Schaffen den Eindruck gewonnen haben, daß ich ihnen zur Selbstverwirklichung förderlich sein kann, sich zusammenfinden können, um sich im persönlichen Verkehr mit mir und untereinander zu befruchten und zu steigern. Dort will ich versuchen, in persönlicher Lehrtätigkeit, durch persönlichen Einfluß eben den Menschentypus heranzubilden, von dem ich Ihnen als dem eigentlichen Zukunftsträger sprach: den Typus, der, von der höchsten alten Kultur ausgehend, die höchsten Ideale der neuen Zeit in sich zur lebendigen Verkörperung bringt. Ihm, ihm allein gehört die Führerschaft von Morgen.
Diese Führerschaft wird der heutigen Führerschaft von Parteimenschen genau entgegengesetzt sein. Ich glaube nicht, daß vom Standpunkt des heutigen geistigen Menschen Führerschaft im Sinne von Gefolgschaft überhaupt noch berechtigt ist. Keine Seele darf mehr vergewaltigt werden. Gewiß wird es auch in Zukunft Führernaturen geben, und daneben eine überzahl solcher, die es nicht sind. Aber jeder einzelne Mensch soll zu seiner Freiheit geführt werden. Jeder soll seinen Weg gehen lernen, sein eigener Führer werden. Im Menschheitsorganismus hat jeder Einzelne seinen Platz, sofern er sein Wesen nur tief genug ergreift. Meine Aufgabe wird es, soweit meine Kräfte reichen, sein, dem Einzelnen zu helfen, daß er auf seine Art den Weg zu sich selbst und insofern zu einer vertieften und verstärkten Wirksamkeit beim Aufbau der neuen Welt finde.
1In einer früheren Ansprache hatte ich der Jugend klarzumachen versucht, daß der Gegensatz zwischen Bourgeois und Proletariern viel mehr eine Glaubens als eine Tatsache ist, genau wie der früher die Geschichte beherrschende zwischen Christen und Ungläubigen. Dekretierte die Jugend, deren Bewegungen ja Elemente der verschiedensten Klassen vereinen, daß sie über den Klassengegensatz hinaus ist, pflegte und festigte sie diese Überzeugung, bis daß sie zu tatbestimmendem Glaubenssatze würde, dann wäre der diese Zeit bestimmende Gegensatz innerhalb der nächsten Generation schon überwunden.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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