Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

32. - 33. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1942

Bücherschau · Karl Kerényi & C. G. Jung · Das Göttliche Kind

Bücher, welche alte Mythen wieder lebendig machen, auf neue Weise deuten oder gar neu schaffen wollen, erscheinen in immer größerer Zahl. Was aber alle mir bisher bekannten daran hindert, ihren eigenen proklamierten Zweck zu erfüllen, ist der Umstand, daß bei ihnen allen nolens volens auf der wissenschaftlichen Bestimmung, und handele es sich dabei um noch so richtige Bestimmung des Mythos als Mythos, der Nachdruck ruht. Das gilt sogar von Frobenius, trotz dessen halb dem Mythenzeitalter zugehöriger Mentalität: dieser zerstört zwar nichts durch Deutung, aber seine Gesinnung ist die des Sammlers und wird darum dem Wesen des Mythos nicht gerecht. Hier aber kommt eben auf die Gesinnung alles an, C. G. Jung sagt darüber:

Was immer eine Erklärung oder Deutung einem Mythos antut, das hat man der eigenen Seele getan und daraus entstehen entsprechende Folgen für das allgemeine Wohlbefinden. Der Archetypus ist nämlich ein seelisches Organ, das sich bei jedem findet. Eine schlechte Erklärung bedeutet eine entsprechend schlechte Einstellung zu diesem Organ, wodurch dieses beschädigt wird. Der schließlich Leidtragende ist aber der schlechte Erklärer.

Wie ungeheuer schädigend nun in diesem Sinne schlechte Erklärung wirken kann, erhellt am besten aus der folgenden (meiner Ansicht nach richtigen) Behauptung Karl Kerényis über den wahren Sinn-Zusammenhang zwischen dem Bilde der aufgehenden Sonne und des menschlichen Neugeborenen einer- und dem Bilde des mythologischen (Göttlichen) Kindes andererseits:

auf beide Weisen spricht die Welt selbst über Ursprung, Geburt und Kindheit. Sie spricht eine Symbolsprache: ein Symbol ist die Sonne, ein anderes das menschliche Kind und wieder ein anderes Symbol das Urkind. Sie spricht darüber, was in ihr — der Welt — ist und gilt. Symbol ist nicht Allegorie, ist kein bloßes Anders-Sagen, sondern der Welt selbst dargebotenes Bild. Im Bilde des Urkindes spricht die Welt von ihrer eigenen Kindheit; davon, was Sonnenaufgang ebenso wie die Geburt eines Kindes über die Welt aussagt, von der Welt ausdrückt.

Beide Zitate entstammen dem Buche von Karl Kerényi und C. G. Jung Das Göttliche Kind (Leipzig und Amsterdam 1940, Pantheon Akademische Verlagsanstalt), und diesen schmalen Band möchte ich allen, welchen der Mythos etwas bedeutet oder wieder bedeutet, warm empfehlen, weil er die erste mir bekannte Arbeit darstellt, die trotz allen Verstehens von modernster Basis her, dank der besonderen Einstellung der Verfasser, den Mythos als solchen im Leser zu neuem Leben erweckt. Da nun beide in anderen Büchern sehr anders über ähnliche Gegenstände geschrieben haben, so möchte ich annehmen, daß ein Hauptverdienst am besonders glücklichen Ergebnis dieser Zusammenarbeit dem Thema selbst gebührt. Mir scheint nämlich, daß das Urkind, das Göttliche, das eine und einzige Ursymbol ist, das nicht nur für das Unbewußte, sondern auch das Bewußtsein des heutigen Abendländers noch lebendig ist. Bedeutet das Christkind nicht jedem Tiefererlebenden unter uns von Weihnacht zu Weihnacht mehr? Drängt die Verherrlichung des Jugend-Zustandes — des erlebnismäßig wenigst bedeutsamen von allen, nur zum Einsatz ist er wegen des blinden Drangs der Vitalkräfte, die ihn beherrschen, der geschickteste —, wo so vieles Tiefe für immer verjährt ist, nicht jeden unwillkürlich über diesen hinaus zurück zum Ursprung, von dem die Wiedergeburt ja nur eine Abwandlung bedeutet? Kein Zweifel jedenfalls, daß Kerényi und Jung bei dieser Untersuchung gemütsmäßig auf eine Weise erfaßt erscheinen, wie in keiner ihrer früheren mir bekannten Arbeiten. Aus Kerényi spricht dieses Mal ein echter Dichter. Wie er das Thema des Göttlichen Kindes zweistimmig behandelt, einmal an griechischen, ein andermal an finnischen Mythen, und beide Stimmen mal auseinandergehen, mal kontrapunktisch einander folgen, mal harmonisch zusammenklingen läßt, ist im besten Sinne künstlerisch. Aus Jung aber spricht hier, durch alles Psychologische hindurch, die Sehnsucht eines Alternden nach Wiedergeburt in Zeit und Ewigkeit. Ich kann diesen Band, noch einmal, nicht warm genug empfehlen1.

Diesen Abschnitt beschließe ein Hinweis auf zwei höchst merkwürdige und dabei gelungene dichterische Versuche, auf dem Wege der Durchschauung gegebener Wirklichkeit zum Mythos gewordene Vergangenheit ins Leben zurückzubeschwören. Deren ersten stellt Ernst Wilhelm Eschmanns Griechische Reise (Eugen Diederichs Verlag) dar. Deren seltsam verträumter und andererseits mit bestimmten Teilen seiner Natur den realsten Realitäten sehr kundig zugekehrter Verfasser erlebt darin Alt-Hellas durch Neu-Griechenland hindurch. Und er erlebt es wirklich: die heutige — physische und psychische — Landschaft ist ihm durchsichtig geworden, nicht klar zwar, doch eben so, wie im Traume eines durch anderes und alles durch eines manchmal durchsichtig ist. Indem aber Eschmann in solcher Bewußtseinslage schaut und sinnt, fängt er wieder und wieder Echos der einstigen Mythos-bestimmten Welt auf. So erlebt man, ihm folgend, unmerklich den Übergang vom Mythos zur Geschichte und zugleich den Sturz des Ewigen in von Augenblick zu Augenblick zerrinnende Zeitlichkeit. — Der zweite der hier anzuzeigenden Versuche, Eugen Viettas Romantische Cyrenaika (Verlag Broscheck & Co., Hansestadt Hamburg), ist noch merkwürdiger. Hier handelt es sich um ein literarisches Unikum, welches, zunächst als Kunststück wirkend, sich bald als Kunstwerk hohen Ranges erweist. Vietta schildert seine Erlebnisse auf einer Reise durch die heutige italienische Cyrenaika. Aber in allen scharf erfaßten Gestalten, die ihm begegnen, sieht er nicht nur zugleich ganz bestimmte Figuren der Spätantike und des Frühchristentums in deren damaligem Lebensraum, er stellt sie dermaßen überzeugend dar, ohne daß die Modernität des Anlasses darunter litte, daß auch der Leser des Doppelgesichtes, wie man es heißen könnte, teilhaftig wird. Dank dem er im Raume der Seele und des Geistes Ähnliches erlebt wie der geborene Einäugige, der dank Gewinn des zweiten Auges auf einmal stereoskopisch sehen kann.

1Seither erschien im gleichen Verlag und von den gleichen Autoren auch noch Das Göttliche Mädchen. Gleichfalls hochinteressant, aber mehr geschichtlich als für das gegenwärtige Erleben des Einzelnen bedeutsam.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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