Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

36. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1946

Einladungsbrief an die vorgesehenen Tagungsredner zur Eröffnungstagung der neuerstehenden Schule der Weisheit in Innsbruck

Im Jahre 1919 stellte ich in einer seither in Schöpferische Erkenntnis aufgenommenen Programmschrift, die ursprünglich den Titel Was uns not tut führte, als das Wurzelproblem dieser bisher größten weil weltumspannenden Krise in der Geschichte der Menschwerdung und damit den Einbruchs des Geistes in die vorgeistige Welt, die Neuverknüpfung von Seele und Geist, hin. In meinem 1934 bisher nur französisch, italienisch und spanisch erschienenen, in Nazideutschland verbotenen Buch La Révolution Mondiale et la Responsabilité de l’Esprit kennzeichnete ich den Sinn dieser Weltkrise als Revolte der Erdkräfte gegen den Geist, als Aufstand der von Zeus in den Tartaros geschleuderten Titanen gegen das Prinzip des Lichts. Es handelt sich meiner Überzeugung nach um ein ungleich Wichtigeres und Tiefgreifenderes, als um irgend ein politisches oder soziales Programm: es handelt sich um den bisher kritischsten Punkt im Prozeß des Einbruch des Geistes in die Welt des Lebendigen (vergl. das vorletzte Kapitel gleichen Namens meiner Südamerikanische Meditationen). Auf diese Erkenntnis hin gründete ich 1920 in Darmstadt die Schule der Weisheit: sie sollte eindeutig und einsinnig der Wegbereitung eines höheren Stadiums der Menschwerdung dienen. Denn Weisheit bedeutet in erster Instanz rechte Einstellung im Kosmos und die erfordert beim Menschen in erster Instanz Suprematie des Geistesprinzips im vollausgeschlagenen Organismus der Seele. Sie erfordert Supremat des Seins über das Können, des Sinns für geistige Hierarchie gegenüber allen praktischen Problemen. Was aber den Geist betrifft, auf den es ankommt, so handelt es sich wesentlich nicht um vorstehenden und interpretierenden, also funktionalen, sondern um substantiellen Geist, um den Seinskern des Menschen, welcher als solcher, richtig eingestellt und geformt, als kosmische Kraft wirkt. Was substantieller Geist ist, habe ich in meinem Hauptwerk Das Buch vom Ursprungmit aller mir erreichbaren Klarheit bestimmt. Es handelt sich um wesentlich anderes als das, was das 19. Jahrhundert unter Geist verstand; um eben das, was den Menschen aus der Tierwelt herausgehoben hat, in welche er, in Reaktion auf die Verwechslung des substanziellen Geistes mit dem Verstand, der nur eine Sonderfähigkeit des Menschen-Tiers ist und auf einen grotesk-naiven Fortschrittsglauben überall auf Erden in irgend einer Form zurückzusinken begriffen ist.

Hier handelt es sich also überhaupt nicht um die private Philosophie von Keyserling, sondern um das Wurzelproblem der ganzen Menschheit, denn überall kriselt es im gleichen Sinn. Eben darum haben volle 25 Jahre die Menschen verschiedenster Art, Richtung, Nationalität und Weltanschauung mit mir zusammengearbeitet. Bis daß die Schule der Weisheit im Lauf der Kriegshandlungen in Darmstadt zerstört wurde. Abgesehen davon, was ich in Darmstadt oder von dort aus persönlich leistete, war Darmstadt ein Vierteljahrhundert lang der Radiator des besten aufstrebenden Menschengeistes.

Dank dem Verständnis Österreichs, in Sonderheit des Landes Tirol und der Besatzungsmächte ersteht das, was einstmals Darmstadt sein sollte, in einer von mir immer geplanten und gemeinten Endgestalt jetzt in Innsbruck neu. Offiziell wird die Schule der Weisheit im Mai dieses Jahres durch eine große internationale Tagung eröffnet. Diese wird genau den gleichen Sinn haben wie die Darmstädter Tagungen, die allesamt nichts weniger als Kongresse im üblichen Sinne waren, sondern einheitlich konzipierte polyphone Kunstwerke. In diesem Sinne nannte ich damals meine auf den Darmstädter Tagungen ausgeübte Technik diejenige der Orchestrierung des Geistes. Die Welt ist ein vielstimmiges Ganzes: die verschiedensten Wesen gehören notwendig, einander ergänzend, in sie hinein und hängen trotz aller äußeren Differenzen innerlich zusammen. So ließ ich die Vertreter verschiedenster Geistesrichtungen bei mir reden. Nur allemal im Rahmen eines genau bestimmten Generalthemas, aus dessen Umkreis kein Redner, bei sonst völliger Freiheit individueller Auffassung ausbrechen durfte. Das Gerneralthema der Eröffnungstagung der wiedergeborenen Schule der Weisheit wird nun wieder das Generalthema meiner Gründung vor einem Vierteljahrhundert sein: Die Neuverknüpfung von Seele und Geist. Es gibt keinen wesentlichen Menschen auf Erden, der nicht aus bitterer, persönlicher Erfahrung einsehen könnte, daß hier und nirgend anderswo der Ansatzpunkt zu einer neuen und besseren Welt liegt. Allenthalben sind die alten Seelenformen zersetzt; allenthalben kann nur tiefer erfaßter Geist, der Seele eingebildet und diese umbildend, Gesundung bringen. Auf abstrakte Ansichten kommt es überhaupt nicht an, sondern eben auf eine Seelenformung vom tiefer erfaßten Geist her.

An dieser Eröffnungstagung, welche den Grundton, auf welchem alles spätere Wirken abgestellt sein wird, in vollsttönender, unmißverständlicher Reinheit anschlagen soll, fordere ich Sie nun auf mitzuarbeiten. Das genaue Programm kann ich erst aufstellen, nachdem ich genau weiß, wer kommt. Aber auf das Programm kommt es letztlich wenig an. Was es herauszustellen gilt, ist substantieller, nicht interpretierender Geist. Ist jener da, so ist es relativ gleichgültig, welche Aspekte des Grundproblems behandelt werden. Ich lade Sie als Seienden und Ausstrahlenden, nicht als Könner und Vertreter bestimmter Ansichten ein. Sie sollen Ihr persönliches Sein ausstrahlen. Das weitere wird sich von selbst ergeben.

Dieses schreibe ich, seit Januar 1945 als Folge bittersten Erlebens schwer erkrankt, nun in voller Genesung begriffen, von einem bayrischen Sanatorium aus. Noch habe ich nicht die Kraft jedem einzelnen besonders zu schreiben, wie ich es früher tat. Diesen Brief habe ich persönlich verfaßt, aber versendet wird er von Innsbruck aus werden und viele Einzelheiten, die ich noch gar nicht übersehe, werden meine dortigen Freunde hinzufügen. Diesen wäre auch Ihre Zusage zu senden. Da es mir in traditionellem Geist der Schule der Weisheit auf geistiges Sein allein ankommt und dessen Ausstrahlung zum Zweck der Neuverknüpfung von Geist und Seele, stehe ich grundsätzlich keinem einzelnen Vortragsthema, wenn es nur Seinausstrahlend, nicht bloß interpretierend ist, ablehnend gegenüber. Selbstverständlich muß ich mir, für das Ganze verantwortlich, die letzte Entscheidung vorbehalten. Aber hier wird Verständigung leicht sein, da ich Ihr Sein durchaus bejahe und da ankommt. Ich selber werde in einem Vortragszyklus oder mehreren die Grundtöne fixieren, die anderen sollen sich, auf die Grundproblematik der Tagung abgestimmt, völlig frei entfalten. Das Einzige, was überhaupt nicht in Frage kommt, ist gegenseitige Bekämpfung. In dieser polyphonen Welt ergänzt sich vielmehr alles Positive. Also kommen Sie, kommen Sie! Diesem Brief werden meine Innsbrucker Freunde nähere Erläuterungen praktischer Art beilegen.

Hiermit begrüße ich Sie herzlich im Geist unseres Generalthemas, der Neuverknüpfung von Geist und Seele.

Ihr sehr ergebener
Graf Hermann Keyserling

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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