Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

2. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1921

Bücherschau · Waldemar Bonsels

Von Waldemar Bonsels kannte ich früher nur die Indienfahrt, ein ungemein stimmungsvolles Buch, dessen Erfolg wohlverdient ist. Da begegnete es mir, daß zwei Knaben auf die Wirkung seiner Bücher hin der Schule entliefen und, zu kurzer Zwiesprache bei mir eingekehrt, sich als vollständig aus ihrer Bahn geworfen erwiesen. Sie dünkten sich erhaben über alles, was sie auf übliche Weise lernen könnten, und sahen nicht nur ihren, sondern aller Weg zu höherem Menschentum in einem geistig ausgedeuteten Landstreichertum; mein Einwurf, daß Bonsels persönliches Wanderleben einen spezifischen Weg zum Ziel bedeuten dürfte, unter der unerläßlichen Voraussetzung eines jenen Knaben eingestandenermaßen fehlenden Talents, wurde glattweg abgelehnt. Da versuchte ich denn festzustellen, worauf diese gewiß unbeabsichtigte Wirkung Bonsels beruhen mochte — denn durch die Tatsache, daß er öfters als Vagabund geschrieben hat, schien sie mir nicht erklärt — und griff, in Ermangelung der mir z. Z. unzugänglichen Menschenwege, zu Eros und die Evangelien (Frankfurt a. M. 1921, Rütten &, Loening). Diese Lektüre erwies sich mir nun als überaus lehrreich. Bonsels beispiellose Popularität beruht vor allem darauf, daß er tiefe Probleme, die als solche jeden angehen, auf ein ungewöhnlich niederes Niveau hin (wohlbemerkt: nicht von einem solchen her!) zu behandeln weiß (Gleiches gelingt auf anderem Gebiete Johannes Müller, dessen eigentlicher Kreis in beinahe tragischem Gegensatz zur Bedeutung des Zentrums steht, denn Müller ist eine unzweifelhaft geniale religiöse Natur, der nur die Fähigkeit abgeht, ihr Bestes geistig befriedigend zum Ausdruck zu bringen); daher er denn von den eigentlich Geistigen viel weniger gewürdigt wird, als von der Masse. Mit dieser seiner Eigenart hängt nun seine ungünstige Wirkung, wie im Falle der beiden Knaben, nahe zusammen. Bonsels läßt schicksalsschwere Probleme mühelos anklingen, und zwar mühelos in dem Sinn, daß der Leser den Eindruck gewinnt, man brauche sich nur leben zu lassen — was seinen äußeren Ausdruck im Rahmen des Landstreichertums findet — um aller Tiefen teilhaftig zu werden. Bonsels ist extremer Passivist; metaphysisch ein Vertreter des quietistischen Gnadebegriffs; als Künstler ein femininer Träumer. Alles dieses sagt nicht das Mindeste gegen ihn, es ist schön, daß es für Stunden der Rast solch reizvollen Gesellschafter gibt. Doch wehe denen, welche Bonsels, wie er sich in diesem Werke darstellt (persönlich soll er seither in eine ganz andere, predigerhafte Phase eingetreten sein), zum Vorbild nehmen. Ohne innere Anstrengung kommt, mit Ausnahme seltener Künstlernaturen, welche anderseits an der Ausgestaltung ihres Werks das nötige Training finden, keiner innerlich fort. Wer sich bloß leben läßt, gelangt höchstens zur Vollkommenheit der Kuh, nicht der des Menschen; alles höhere Menschentum erhebt sich auf der Grundlage beherrschter Natur. — Dann aber wurde mir an Bonsels noch Folgendes klar: die Wirkung eines Menschen beruht ganz und gar auf seinem persönlichen Niveau. Ist das des Ausdrucks zu niedrig, dann sei der Künstler noch so tief und fein — er wird niemanden erheben, als welches dem, der ein hohes Selbst unverständlich vertritt, unwillkürlich gelingt. Wobei die weitere Frage zu erwägen bleibt, ob ein ganz hohes Niveau unmittelbar die Sprache eines niederen reden kann…

Je mehr Europa ins Chaos sinkt, desto wichtiger wird das Studium der chinesischen Weisheit, desto besser wird diese verstanden werden. Deshalb möchte ich auch an dieser Stelle jedem, der sie noch nicht kennt, die bei Diederichs erschienenen Übersetzungen Richard Wilhelms der chinesischen Meister ans Herz legen; je tiefer er sich in diese versenkt, desto mehr wird er gewinnen. Indessen, wie ich im vorhergehenden Heft dieser Mitteilungen anläßlich der Werke Ernst Cassirers schrieb, nur von moderner Basis aus wird das alte jeweilig verständlich. Deshalb sollte sich keiner die Schriften von Chinesen entgehen lassen, die unmittelbar für uns bestimmt sind. Und deren beste verdanken wir Ku Hung-ming. Von diesem ist jüngst eine Vox clamantis betitelte Sammlung während des Kriegs geschriebener Aufsätze erschienen (Leipzig 1921, Verlag der Neue Geist, Preis 7 Mark 50), welche vielen, denen die alten Meister zu schwer wären, das Verständnis für Chinas Vorbildlichkeit eröffnen dürfte. Wie beherzigenswert ist da z. B. die folgende Satz, folge (S. 24):

Es gibt drei Stadien oder Grade von Anarchie. Ihr erster Grad ist es, wenn in einem Lande kein wirklich fähiger, guter König ist. Der zweite Grad ist es, wenn das Volk in einem Lande offen oder stillschweigend an die königliche Gewalt nicht glaubt. Der dritte und schlimmste Grad ist erreicht, wenn das Volk in einem Lande nicht nur an eine königliche Herrschergewalt nicht glaubt, sondern nicht einmal an Königlichkeit — in der Tat, wenn es unfähig wird, Königlichkeit oder menschlichen Wert im Manne überhaupt zu erkennen. Es scheint mir, daß Europa und Amerika sich diesem letzten und schlimmsten Stadium der Anarchie rasch nähern.

Man sehe von der monarchistischen Einkleidung dieses Gedankens ab: — tatsächlich ist unser Grundgebrechen dies, daß wir im Westen soweit heruntergekommen sind, daß wir den echten Führer nicht mehr zu erkennen wissen. Hier liegt der springende Punkt, nicht darin, daß entsprechende Persönlichkeiten tatsächlich fehlten. — Ku Hung-mings Bedeutung kann überhaupt nur von Europa her gewürdigt werden, genau wie die Rabindranath Tagores1. Beide Geister sind Vermittler zwischen dem alten Osten und dem neuen Westen. Beider Antlitz ist vornehmlich diesem zugekehrt. Ku Hung-ming ist, als Vertreter seines Volks, nichts Bedeutendes; alle hochstehenden Chinesen erheben gegen ihn berechtigte Einwände; uns indessen gibt er viel, gerade weil er nicht reiner Chinese ist und in vielem durch seine europäische Bildung auch innerlich beeinflußt erscheint. Tagore nun stellt zweifelsohne einen der höchsten Ausdrücke indischen Geistes aller Zeiten dar; wenn er daheim mehr angefeindet wird, als in Europa, so liegt das daran, daß er weder mit dem Reaktionärtum eines Gandhi, noch dem Indien verleugnenden Progressismus modernisierter Hindus sympathisiert, sondern vielmehr eine neue Synthese anstrebt von altindischer Weisheit und moderner Bildung. Trotzdem ist auch er mehr noch für den Westen als den Osten bedeutungsvoll. Wir können nur tiefer werden, wenn wir in den modernen Apparat uralte Menschheitsweisheit hineingießen; diese spricht nun durch seinen begnadeten Dichtermund unmittelbar verständlich zu uns. Mehr noch: in ihm haben wir ein Vorbild möglicher Vollendung vor uns, wie es seit manchem Jahrhundert kein größeres gab. Er zeigt uns leibhaftig, was grundsätzlich unser aller Ziel ist. Mir kommen jedesmal Tränen des Dankgefühls in die Augen, wenn ich daran denke, daß dieser hehre Greis, der am liebsten als Sanyassi dem Weltgetriebe entwiche, statt dessen die gellenden Großstädte Europas und Amerikas bereist. Er könnte kein größeres Opfer bringen. Aber er hat recht in seiner Überzeugung, daß er es bringen muß. In den buddhistischen Legenden wird wieder und wieder erzählt, daß das Volk, wenn der Buddha irgendwo seinen Wohnsitz aufschlug, in dem Gedanken zusammenströmte: gar selten erscheint ein Vollendeter in dieser Welt. Wer so viel erreicht hat, wie Tagore, hat ungeheure Pflichten. Nur den ganz Stumpfen unter denen, die ihm begegnet sind, ist nicht aufgegangen, daß Tagore ein Niveau verkörpert, das alle, von denen wir wissen, hundertfältig überragt; nur ganz wenige haben sich durch seinen bloßen Anblick nicht gehoben und angespornt gefühlt. Mit 50 Jahren, wo ich ihn das erstemal sah, war er noch nicht annähernd so weit, als heute mit 60; welche Hoffnung, welcher Antrieb für uns alle… Die Tagore-Woche in Darmstadt habe ich deshalb im Rahmen der Schule der Weisheit veranstaltet, damit möglichst viele in richtiger Stimmung dieses große Sinnbild, das jeden angeht, auf sich wirken lassen könnten. Es ist vollkommen gleichgültig, wie einer im besonderen zu Tagores Lehre steht. Tagore gegenüber erwacht von selbst jene einzig fortschrittsfördernde Ehrfurcht, die den meisten Europäern, zumal den jungen, die sich gar so weit glauben, gänzlich fehlt.

1Dessen tiefstes philosophisch-religiöses Werk, Sãdhana (Der Weg zur Vollendung), ist soeben endlich in deutscher Übersetzung im Verlag Kurt Wolff in München erschienen. Niemand lasse dieses Werk ungelesen.
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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