Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

2. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1921

Bücherschau · Wilhelm Müller-Walbaum — Welt als Schuld…

Unter den vielen Vorzügen des Alterwerdens ist nicht als letzter der zu nennen, daß einem Jugendwerke fortschreitend interessanter werden. Nachdem einem die eigene Erfüllung den Sinn für das eigene Vorläufige erschließt, erwacht allgemeines Verständnis für die Bedeutung des Unfertigen, so daß es immer besser gelingt, Unzulängliches nicht als Tatsache, sondern als mögliches Versprechen zu beurteilen. Als Tatsache betrachtet, ist der Jugendzustand, allen neuesten Vorurteilen zum Trotz, geistig vollkommen uninteressant; großes Eigenes gibt die Jugend im allgemeinen nie; wenn der deutsche Imperialismus so allgemeiner Abneigung begegnete, so liegt dies vornehmlich daran, daß ein jugendliches und jugendbestimmtes Volk — anders ausgedrückt, ein Volk des Werdens — nichts seinsmäßig Fertiges zu bieten hat. Aber wer Versprechen im Geist möglicher Erfüllung zu lesen lernt, dem sagen Jugendwerke desto mehr, weil Versprechen unter allen Umständen größer sind als jede nur denkbare Erfüllung. Hierauf beruht die immer wiederkehrende Überschätzung des ersten Buchs, hierauf die nieversiegende Anregungskraft bedeutender Jugendwerke. — In einer Zeit des Zusammenbruchs wird naturgemäß besondere Hoffnung auf die Jugend gesetzt. Bisher kam mir nichts wirklich Vielversprechendes in die Hände: was jene an Erheblichem leistet, stammt größtenteils von Frühreifen, und unter diesen ebendeshalb von Juden her, diesen einzigen alten unter den Deutschen. Unter solchen ist ein Zwanzigjähriger zuweilen buchstäblich fertig. So meine ich, daß Weininger rechtzeitig gestorben ist, so sehr seine zwei Bücher formell den Charakter von Jugendwerken tragen, denn nichts von dem, was er ausspricht, verspricht eine mögliche Weiterentwickelung in der gleichen Inkarnation.

Nun ist mir aber ein Jugendwerk zugestellt worden, das mir wirklich etwas zu versprechen scheint: es ist Wilhelm Müller-Walbaums Welt als Schuld und Gleichnis, Gedanken zu einem System universeller Entsprechungen (Wien und Leipzig, 1920, Wilhelm Braumüller). Ihm eignen sämtliche Fehler einer Erstlingsarbeit. Müller-Walbaum hat alles, was ihn irgendwie beschäftigt, in diesem Werke zusammengehäuft, der Stoff ist undurchdrungen, die äußere Abhängigkeit groß. Als solche kommt im höchsten Grade die von Weininger in Frage. Es wimmelt von schiefen Urteilen, zumal über die Frau (hier hat er an Weiningers Schlechtestem angeknüpft) und die Wesensarten der verschiedenen Völker, aber anderseits enthält es wahre Tiefblicke auf religiösem und ethischem Gebiet. Ob viel eigenste Gedanken vorliegen, ist schwer festzustellen. Aber verstanden hat Müller-Walbaum viele wichtige Probleme und deren Lösungen erstaunlich tief, und Verstehen ist unter allen Umständen ein Originelles, denn dieses kann niemals von außen kommen. Nun bleibt abzuwarten, ob es dem Verfasser in der Folgezeit gelingen wird, seine Gedankenmassen mit seinem Wesenszentrum in unmittelbare Beziehung zu setzen und sich einen Stil zu schaffen, an dem es in diesem Erstlingswerk noch fehlt. Arbeitet er nur sinngemäß an sich, so müßte es ihm glücken, denn die Begabung ist da. Indessen aber möchte ich die Lektüre seines Präludiums allen denen warm empfehlen, die selbst nicht weiter sind als er: denen werden manche Probleme gerade im Anschluß an Müller-Walbaums Unfertiges lebendig werden, sie werden durch ihn Geister wie Weininger, Kierkegaard und Swedenborg tiefer verstehen lernen. Im übrigen aber könnten manche durch ihn dazu angeregt werden, sich persönlich mit dem Problem der symbolischen Bedeutung der Erscheinung zu befassen. Hier sind Müller-Walbaums, über Weininger übrigens kaum hinausführende Gedanken nicht gerade befriedigend. Rudolf Kassner, Oswald Spengler, Leo Matthias und manche andere haben tiefer über gleiches nachgedacht. Allein das Problem ist überaus wichtig und folgenschwer. Zweifelsohne trägt jede lebendige Gestaltung über ihre Tatsächlichkeit hinaus Bedeutungscharakter, wie ich dies zumal in meinen Vorträgen Sinn und Ausdruck in Kunst und Leben und Die Symbolik der Geschichte gezeigt habe. Deshalb noch eine Anregung für solche, welche die gleiche Frage bewegt: mögen sie sich doch mit Rudolf Steiner in persönliche Verbindung setzen. Ich wüßte nicht, daß dessen Geisteswissenschaft sich ausdrücklich der Untersuchung von Entsprechungen widmet, allein sie könnte es tun, und bezieht sich Steiners Hellsehen auf irgendeine Wirklichkeit, dann könnten die Spekulationen einsamer Denker durch Verbindung mit jenem eine Beobachtungs- und Erfahrungsgrundlage erhalten, die ihnen sehr zu statten käme.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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