Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

6. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1923

Psychoanalyse und Selbstvervollkommnung · Erstens

Was geht uns, die wir einzig nach Selbstvervollkommnung streben, die Psychoanalyse an, zumal nicht allein durch das Beispiel aller geistigen und seelischen Helfer früherer Zeiten, sondern neuerdings auch durch die zweite Schule von Nancy (vgl. Baudouin, Suggestion und Autosuggestion, deutsche Ausgabe, Dresden, Sibyllen-Verlag) erwiesen ist, daß Besserung und Heilung vom Geist her auch ohne genaue Kenntnis der seelischen Untergründe gelingt? — Die Psychoanalyse geht uns insoweit an, als Wissen unter allen Umständen besser als Nicht-Wissen, und ein Höherbau, wie wir ihn anstreben, nur im Fall genauer Kenntnis seiner Grundlagen ungefährdet aufzuführen ist. Sie geht uns im höchsten Grade deshalb an, weil die moderne Seele typischerweise krank ist. Es gibt im heutigen Europa vielleicht nicht einen für dessen Zukunft bedeutsamen Menschen, den nicht durch Analyse grundsätzlich heilbare Verbildungen im Fortschreiten behinderten oder doch zeitweilig behindert haben.

Unter diesen Umständen steht einzig das Problem in Frage, wie sich die Psychoanalyse zur Selbstvervollkommnung verhält. Grundsätzlich und in abstracto ist es leicht zu lösen: nicht anders als wie die Analyse zur Synthese; auf den besonderen Fall hin paradoxer und insofern wirksamer ausgedrückt: wie die zergliedernde Wissenschaft zur Magie und Zauberei. Die bestimmte Antwort aber ergibt sich für den Kenner der Tatbestände völlig eindeutig aus der folgenden kurzen Gedankenkette. Die Psychoanalyse reduziert das gesamte unterbewußte Seelenleben auf Triebhaftes; dies kann sie tun, weil Triebhaftes, das exakt-naturwissenschaftliche Synonym dafür, was wir hier Eros heißen, das Verwirklichungsmittel alles Lebens, auch des geist- und seelenhaftesten, darstellt. Aber das Leben selbst ist wesentlich, Logos, Sinn; schon in der Gerichtetheit jedes bestimmten Triebes als solchen kommt dies zum Ausdruck1. Deshalb führt Reduktion der Bewußtseinsinhalte auf deren Urmaterial, so völlig einwandfrei die Operation gelinge und so notwendig sie in allen Fällen sei, wo pathologische Stauungen und Fixierungen vorliegen, an sich nie zur Erfassung des Kerns der Persönlichkeit; Heilerfolge, die eine andere Auffassung nahelegen, bedeuten, richtig verstanden, niemals anderes als, dies, daß das Lösen krampfhafter Spannungen, die Befreiung eingeklemmter Affekte, die Reduktion von Komplexen jenen freilegt, so daß er sich nun erst seinem wahren Sinn entsprechend ausdrücken kann. Dennoch ist Auflösung des Seelengefüges eine notwendige Vorstufe aller Zusammenfassung auf höherer Ebene (wie denn auch alle Religionen die Katharsis der Erleuchtung vorangehen lassen), weil sie allein das Bewußtsein in den Besitz der Urkräfte der Tiefe setzt, die unter allen Umständen den Lebensaufbau besorgen. Diese Urkräfte erscheinen jenem in Form von Sinnbildern. Wer deren Erscheinung als letzte Instanz ansieht, verschreibt sich freilich dem Tier, denn das Triebhafte an sich trägt rein animalischen Charakter. Wer sie indes als Verwirklichungsmittel des Lebens richtig erkennt, die nichts Selbständiges sind und dem Logos (wenn auch nicht von vornherein dem bewußten) unbedingt unterstehen, dem werden gerade sie zum Heil. Dies meint C. G. Jung, wenn er, einigermaßen dunkel, lehrt, dem Urtümlichen wohne seinerseits eine prospektive Strebung inne; dies weiß alle priesterliche Überlieferung von jeher: überall verwendet sie Ursymbole als Mittel geistlichen Fortschritts. Nun: mit diesen wenigen Feststellungen wäre die Brücke von der Psychoanalyse zum Streben der Schule der Weisheit bereits geschlagen. Jene bestimmt den seelischen Tatbestand, von dessen Anerkennung und richtiger Behandlung jeder Höherbau selbstverständlich ausgehen muß. Aber als solcher gehört er zum bloßen Weltalphabet; nicht darauf kommt es vom Standpunkt des Lebens an, was dieses ist, sondern was vermittels seiner gesagt wird. Ist Psychoanalyse für moderne Europäer typischerweise geboten, so liegt dies, von hier aus betrachtet, einzig daran, daß diese den wahren Charakter ihrer Seelen typischerweise verkennen und deshalb nicht das sagen können, was sie eigentlich wollen und meinen. Aber dieses Sagen, das vom Standpunkt des Lebens einzig Wesentliche, ist an sich völlig unabhängig vom eigenen Charakter der Buchstaben. Was immer die Triebe und mythischen Bilder ursprünglich bedeuten mögen: sie können im Fortschreiten, als solche unverändert, zu Ausdrucksmitteln von Sinneszusammenhängen werden, die nie früher ins Erdenleben eingriffen.

Doch wie kann dies geschehen? Der Weg des wahren Fortschritts (vgl. Schöpferische Erkenntnis, S. 401 ff.) läßt sich vom hier errichteten Aussichtspunkte aus sehr deutlich machen — allerdings vielleicht nur dem, welcher selbst einmal analysiert ward und daher mit den zu verwendenden Worten und Begriffen ohne weiteres konkrete Vorstellungen verknüpft. Das Urkennzeichen aller rein psychischen Gestaltung ist deren Wandelbarkeit, welche so weit geht, daß die Sätze der Identität und des Widerspruchs auf ihrem Gebiet nicht gelten2. Dies weiß jeder von seinen Träumen sowie den Mythen und Märchen her. Gleiches gilt aber auch von aller geistigen Gestaltung, welche historisch eingriff, somit durchaus der anerkannten Wirklichkeit angehört. Ein Beispiel für viele. Dionysos, das zusammenfassende göttliche Symbol für die triebhaften Mächte des Eros, galt den Griechen als ein unbedingt Schönes, und dementsprechend schön war ihre dionysische Wirklichkeit. Als aber die christliche Weltansicht die heidnische ablöste, da verwandelte sich derselbe Dionysos zum Teufel, zu einem ebenso Häßlichen, wie Dionysos schön gewesen war; als solcher wurde er wieder und wieder faktisch erlebt. Durch die absolute Autorität der mittelalterlichen Kirche immerhin in einer gewissen Ohnmacht niedergehalten, über die er in der katholischen Welt auch nie hinausgewachsen ist, wurde er, dank Luther, welcher jene Autorität zerbrach, im germanischen Norden zeitweilig übermächtig. Mit der Aufklärung verfiel sein Bild der Verdrängung, während die ihm zugrunde liegende massive Wirklichkeit sich seither immer furchtbarer in Taten manifestierte: man gedenke der Französischen Revolution, der Greuel des Weltkrieges; auch die Tyrannei des Erwerbs- und Machttriebs beruht auf ihr. Seit einigen Jahrzehnten nun findet im Bewußtsein der geistigen Vorhut Europas ein Wiedererwachen des Teufels, aber auch zugleich dessen Rückverwandlung in Dionysos statt. Diese verläuft unaufhaltsam, seitdem jene am radikal bösen Charakter des Bösen zu zweifeln begonnen hat und seine Realität doch wieder anerkennt. — Wer seine eigene Geschichte analysiert, erlebt rechteigentlich die hier skizzierte Geschichte des Teufels. In zusammenschauendem Rückblick erlebt er da, wie sich in seiner Seele die verschiedensten Gestalten ablösen, welche gleichwohl alle, so sehr sie sich im Charakter widerstreiten, aus gleicher Wurzel stammen. Sucht er nun aber die Ursache der Verwandlung zu verstehen, so erkennt er, daß diese im Sinn lag, der dem entsprechenden Seelenurmaterial jeweilig eingebildet wurde. Dionysos ward tatsächlich zum Teufel, als man sein Wesen anders aufzufassen begann… Nun, wenn dem also ist, wenn unbewußte oder unwillkürliche Sinngebung solche Wunder vollbringt, dann muß Gleiches bewußter erst recht gelingen. Es gelingt auch von jeher. Wer hätte nicht von Kindern gehört, die deshalb schlecht wurden, weil ihr Triebhaftes als Schlechtigkeit gebrandmarkt wurde? Wer nicht von Sündern, Verbrechern, denen das schlichte Wort eines Erleuchteten die Reinheit der Seele wiedergab? Was sich so leicht als Böses darstellt, ist von Hause aus nur Kraft; der in diese hineingelegte Sinn ist es, der sie als schaffend oder zerstörend erscheinen läßt. Hier begreifen wir denn die Möglichkeit der Selbstvervollkommnung überhaupt, hier zugleich die des ganz bestimmten Fortschritts, den die Schule der Weisheit herbeizuführen strebt. Diese lehrt Selbst-Verwirklichung, d. h. Zentrierung des Bewußtseins in einer tieferen Wesensschicht als der des empirischen Ich, welches dadurch zum bloßen Ausdrucksmittel wird. Nun, gerade dieser bereitet eine Psychoanalyse, welche die Geschichte der Seele rekonstruiert und alle kausalen Zusammenhänge genau im einzelnen feststellt, wie nichts anderes den Weg. Sie bedeutet, dem Sinne nach, das genaue Äquivalent der buddhistischen Enthaftungstechnik. Indem nämlich ein Mensch sämtliche bestimmten Gestaltungen seines Wesens als historisch geworden und wandelbar erkennt, ja dies bis zu dem Grad, daß eine selbe Urkraft sich als Gott und Teufel manifestieren konnte, wird ihm notwendig klar, daß er mit jenen nicht identisch ist. Identisch kann er einzig mit dem geistigen Urgrund sein, der sie, freilich aus Triebmaterial, aus sich heraus erschuf. Auf diese Weise wird ihm sein Selbst, im Gegensatz zum Ich, ganz greifbar deutlich. Und kaum ist dies geschehen, so beginnt, auf dem Wege der üblichen Wandlung, ein jenes getreu zum Ausdruck bringendes Ich heranzuwachsen. Wobei denn gar bald zwei uralte Mysterien ihre Bestätigung und richtige Deutung zugleich erfahren: das des Opfers und das der Wiedergeburt. Freilich soll man sein Ich opfern. Aber damit bringt man gar nicht sein Selbst zum Opfer — daher dessen Beseligendes: man erlebt vielmehr naturnotwendig eine Wiedergeburt aus dem Geist.

1Vgl. hierzu die sehr interessante Studie Trieb und Instinkt von Hans von Hattingberg in der Zeitschrift für angewandte Psychologie Bd. XVII, Heft 4/6, 1920.
2Genauer ausgeführt steht dieser Gedankengang in meiner Einleitung zum Buch Das Okkulte (Darmstadt 1923).
Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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