Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

6. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1923

Bücherschau · Leo Frobenius

Die Psychoanalyse bedingt indirekt recht eigentlich eine Wiedergeburt aus dem Geist der Mythenwelt, denn diese erweist sich als im Unbewußten heute nicht minder lebendig, wie sie’s zu Urzeiten war; ja sie erwacht in Europa eben jetzt zu lebendigerem Leben, als solches sie je seither beseelt hat, weil der Untergang des Abendlandes das Urtümliche an die Oberfläche zurückbeschwört. Deshalb ist eben jetzt der psychologische Moment, sich mit Urkulturen zu befassen; das Zusammenwirken von psychoanalytischer Forschung und tatsächlicher Primitivierung schafft eine nie dagewesene, wohl auch nie wiederkehrende Verständnismöglichkeit. Urkultur ist nun nirgends mehr in so grandioser Übersichtlichkeit vorhanden wie in Afrika. Mir liegt gerade Das unbekannte Afrika von Leo Frobenius vor (München, C. H. Beck) — ein schon seiner wunderbaren Illustrationen und Tafeln wegen so selten schönes Werk, daß jeder, welchem der Grundpreis von Mark 50.- nicht zuviel ist, es zur Verschönerung seines Wohnzimmers kaufen und jeder noch reiche Deutsche es mindestens einer öffentlichen Bibliothek zum Nutzen aller stiften sollte. Wer dieses liest, der muß verstehen lernen, warum die vorgeschichtliche Zeit die einzigen Geistesschöpfungen hervorgebracht hat, die an Gewaltigkeit mit größten Naturschöpfungen den Vergleich vertragen: In dem Teil der Seele allein, der dem nur halbwegs Kultivierten und Domestizierten unbewußt geworden ist, wirken die eigentlichen Urkräfte des Lebens, und dieser Teil macht im Urzustand die psychische Lebensganzheit aus. Er aber bleibt sich wesentlich gleich durch alle Völker, Rassen und Zeiten hindurch. Wenn es vorkommt, daß ein irrer europäisierter Neger in Form hellenischer Mythen deliriert (C. G. Jung), dann ist erst recht nicht verwunderlich, wenn zu den schönsten aller Völker und Zeiten zählende Heldensagen aus jener Epoche just des schwarzen Erdteils stammen, der nicht von Negern, sondern Kulturvölkern bestimmt werde. Diese sammelt derselbe Leo Frobenius in der bei Diederichs in Jena erscheinenden Sammlung Atlantis (bisher 6 Bände erschienen), und es versäume keiner, dem solches möglich ist, sich zur inneren Rettung vor der sich zu Tode rasselnden modernen Mechanei (Frobenius) gerade in diese Mythen und Märchen zu versenken, weil das Fremdeste dem Geist in seiner Eigenart oft leichter einleuchtet, als das Verwandteste. Doch auf die Einzelheiten kann ich hier nicht eingehen. Wer sich für die Untergründe seiner Seele interessiert, der kann, noch einmal, nichts Gescheiteres tun, als im Zusammenhang mit seinem psychoanalytischen Streben auch auf die Urkulturen sein Augenmerk richten, und dazu gibt es keinen berufeneren Führer wie Frobenius. Auf dessen Grundgedanken ging ich schon im 5. Hefte dieser Mitteilungen (anläßlich seines Paideuma, C. H. Beck) ausführlich ein; was er seither veröffentlicht hat, führt über jene nicht hinaus. Aber des Verfassers speziellere Afrikastudien verleihen ihnen einen konkreten Körper, den jeder anschauen muß, der selbst nicht in Afrika war und Frobenius doch ganz verstehen will. Dieser ist nämlich ein so ausgesprochen intuitiver Geist, daß ihm begrifflich klare Fassung selten gelingt, daß er einen Gedankengang nur ausnahmsweise so weit ausführt, wie zum Verständnis wünschenswert erschiene und nur zu oft dort abbricht, wo er erst anfangen sollte. In der systematisch beschreibenden Darstellung, zumal der kartographischen allein ist Frobenius erschöpfend. Ihm genügt eben geistig der intuitive Überblick. Dieser nun überträgt sich vom Verfasser zum Leser durch das Bild, im eigentlichen wie im übertragenen Sinn. Wer die Bilder des Unbekannten Afrika betrachtet, dazu manche kurze Schilderungen liest, dem leuchtet auf einmal ein, was Frobenius mit seinen kulturmorphologischen Perspektiven eigentlich meint. Denn gegen das konkret erschaute Gerüst des afrikanischen Kontinents betrachtet, der wie kein anderer den Gestirn-Charakter der Erde, mithin ihr Kosmisches ins Bewußtsein ruft, wirkt das pflanzenartige Phänomen Kultur in ihrem organischen Aufblühen und Verwelken quantitativ wie qualitativ unmittelbar als das, was sie tatsächlich ist: ein Nichts der Masse nach, dem Wesen nach hingegen ein von der toten Natur so Grundverschiedenes, daß die bloße Anschauung in jedem Empfänglichen den Glauben an eine übersinnlich-geistige Wirklichkeit als Hintergrund aller Lebenserscheinung unmittelbar beschwört. Ebendeshalb sind die großen Religionen des triebunbeschwerten Geistes, Judentum, Christentum und Islam in der Wüste entstanden. Frobenius’ Ausführungen betreffen nun zwar in ihrer Mehrheit nur Äußerliches und Technisches: dennoch wecken sie, wie die vielleicht keines zweiten Forschers, im Leser Geistig-Seelisches, weil Frobenius persönlich, im Gegensatz zu Spengler (der Gegensatz besteht trotz ihres in seiner Neidlosigkeit selten schönen Mitarbeiterschaftsverhältnisses) sein Wesenszentrum im Metaphysischen hat. Hier komme ich denn auf Frobenius’ Bedeutendstes, seine Persönlichkeit zu sprechen; ich komme schon jetzt darauf, und dies zwar gern, obgleich seine geistig wichtigsten Werke vielleicht noch ausstehen, weil Frobenius dieses Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag und zugleich das fünfundzwanzigste Jubiläum seiner Kulturkreislehre feiert.

Seit den fernen Tagen meiner Weltreise habe ich mit der einzigen Ausnahme des mongolischen Condottiere Baron Roman Ungern-Sternberg, auf den ich in der Schöpferischen Erkenntnis hinwies (und von dem das Werk Ossendowskis Beasts, Men and Gods ein sehr plastisches Bild geben soll), keines anderen Wesensart so tief zu ergründen Lust verspürt. Warum? Weil in Frobenius zwei Typen zugleich lebendig sind, deren jeder allein zu den größten Seltenheiten zählt: der des Abenteurers vom Schlage spanischer Conquistadores und der des die Welt als ein geistiges Ganzes diesseits aller Begriffe unmittelbar erlebenden intuitiven Vorzeitmenschen. Sein Gelehrten, und Forschertum bedeuten jenen gegenüber bloßes Können. Nur weil Frobenius dem erstgenannten Typus angehört, hat er unter den Schwarzen Hunderte von zuverlässigen Mitarbeitern finden können, die ihm noch heute trotz Zeit und Raum die Treue halten; solches gelingt nämlich ausschließlich Eroberernaturen, was immer deren Ziel. Und nur weil die Seele des mythenbildenden Zeitalters der seinen kongenial ist, hat er sich mit den noch lebenden Trägern des Urtümlichen so gut verstanden, daß diese sich ihm ganz eröffnet haben, hat er anderseits das, was diese meinen, so sinngemäß wiedergeben können, daß C. G. Jung sein (mir leider unbekannt gebliebenes) Zeitalter des Sonnengottes vorzugsweise zitiert, wo die Seele des Mythus überhaupt durchdrungen werden soll. Diese seltene Synthese, die Frobenius’ Persönlichkeit bedeutet, stellt denn die Grundlage jener Fähigkeit des Zusammenschauens dar, nach der er später einmal meiner festen Überzeugung nach als einer der ganz großen Erneuerer des Geschichtsdenkens gelten wird, das hinfort nicht mehr in Jahrhunderten, sondern zum mindesten in Jahrtausenden denken muß. Sie ermöglicht ihrerseits eine unmittelbare Zukunftsschau, von der ich hier nur so viel verlauten lassen will, daß Frobenius im 21. Jahrhundert das eigentlich deutsche in Europa kommen sieht. — Wer Frobenius Erkenntnisse kennenlernen will, der lese seine Werke oder besuche ihn selbst oder seinen Mitarbeiterstab in München im Forschungsinstitut für Kulturmorphologie des Nymphenburger Schlosses. Was ich geschrieben habe, verfolgte vor allem den Zweck, den Leser und Besucher so einzustellen, daß er Frobenius von vornherein richtig sieht. Nur die wenigsten bemerken ja anderes, als sie zu sehen erwarten. Nur noch soviel: da Frobenius’ Persönlichkeit sein weitaus Bedeutendstes ist, weshalb sie viel mehr Tiefe und Einsicht verkörpert, als er selbst gedanklich zum Ausdruck bringen kann, da er überhaupt nur äußerlich und zufällig gleichsam Gelehrter und Schriftsteller ist, so wollte ich bei denen, die ihn als Reisenden beobachtet oder sonst mit ihm zusammengearbeitet haben, anregen, daß sie recht viel von ihm und über ihn schriftlich niederlegen möchten. Es ist nicht unmöglich, daß solche Dokumente der Nachwelt einmal wichtiger erscheinen werden, als seine eigenen Werke.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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