Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

Neuentstehende Welt

Einführung · V. Etappe

Heute — dies schreibe ich 1980; 1927 war es noch weit bis zu diesem Erwachen, die nationalistischen und ideologischen Auseinandersetzungen standen bevor. So war die schönste aller Tagungen gleichzeitig der Ausklang, fortan wurde der Weg zur Vollendung nur noch für Mitglieder gedruckt, und Hermann Keyserling wandte sich selbst als fünfte Epoche seines Lebens dem Kampfe zu: Kulturen, Völker, Religionen haben keinen Wert an sich, sondern sie sind nicht als Kombinationen des Weltalphabets und der Weltgrammatik. Kollektivismus als Anschauung ist für den Europäer immer nur ein recul pour mieux sauter — der planetarische Mensch kann erst dann seine integrierende Rolle auf der Erde einnehmen, wenn die Kämpfe der Nationen und Ideologien vorüber sein werden.

Alle Völker sind natürlich scheußlich — so beginnt das Spektrum Europas. Kulturen und Nationen sind nichts anderes als der Bodensatz der Geschichte, sind Material und Verwirklichung des Einzelnen. Alle Kulturen sind zufällig, als Ergebnis jener Menschen, die gelebt und den Niederschlag ihres Werkes in der Kultur verkörperten. Die Ansprüche von Völkern, als solche menschheitsbedeutsam zu sein — man denke an den Satz Wilhelm II., am deutschen Wesen werde einst die Welt genesen, oder jener der Engländer, sie tragen die Bürde des weißen Mannes, der Franzose sei der Lehrer der Welt, oder der Schweizer verkörpere die Verfassung der Zukunft — sind lächerlich; daher gelte es zuerst einmal diese Lächerlichkeit vor Augen zu führen.

Die Bücher über die Kulturen wurden als Kulturkritiken mißverstanden, und der Autor erlebte jeweils Zustimmung oder Haß, je nachdem er die betreffenden Nationen lobte oder lächerlich machte. Diese Stellungnahmen sind subjektiv, nicht wissenschaftlich gemeint; nur darum war es Hermann Keyserling zu tun, daß der Wertanspruch kollektiver Gebilde als Illusion durchschaut wurde.

Die Zeit seit 1928, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, brachte ein nationales Aufbäumen wie im Faschismus, Nationalsozialismus, den Blut und Boden Ideologien, und es war daher kein Wunder, daß Hermann Keyserling sehr schnell zum Staatsfeind in Deutschland erklärt wurde, daß in der Schweiz eine erbitterte Menge sein Hotel belagerte mit dem Ruf In den Limmat mit dem Keyserling, daß gleichzeitig nicht betroffene Völker sich an der Kritik ihrer Nachbarn weidlich ergötzten. Aber den Sinn dieser Bücher ist ein viel ernsterer. Eine Nation und eine Kultur allein kann nicht mehr Gegenpol des echten Einzelnen sein. Alle Kultur ist Material im Sinne jener Tagung von Gesetz und Freiheit, daß sich der schöpferische Mensch nur mittels gegebenen Materials ausdrücken kann, ähnlich wie Goethe die nationale Literatur als Vorstufe der Weltliteratur verstand; nur auf die ganze Erde bezogen, kann der Mensch seine Einzigkeit entdecken, das Individuum ist Gegenpol des Ganzen. Dies hatten die früheren Religionen gemeint, etwa mit dem katholischen Anspruch, des Ganz-umfassenden, oder des Sanatana Dharma, des ewigen Gesetzes; doch durch die Kritik an der mythischen Form dieses Anspruchs mußte dessen Autorität verblassen, das neue Ganzheitliche ist noch nicht geboren, und die Kämpfe wurden unausweichlich.

Die europäischen Völker wurden immer provinzieller, ihr Missionsanspruch kam mit der Entkolonisierung in der Folge des zweiten Weltkriegs zum Erliegen. Aber inzwischen hatten sich zwei andere gesellschaftliche Gebilde entfaltet, die nicht vertikal, sondern horizontal ausgerichtet waren: die Vereinigten Staaten und die kommunistische Sowjetunion.

Während sich Faschismus und Nationalsozialismus nur atavistisch begreifen ließen, als Rückfall in Vertierung — das Führerprinzip ist eine Verherrlichung der Struktur der Affenhorde, und die Gesellschaftspolitik regredierte auf die kalte Grausamkeit der Reptilebene — handelt es sich bei diesen Gebilden, welche für Hermann Keyserling feindliche Brüder mit großer Ähnlichkeit waren, um etwas gänzlich anderes: um die Protagonisten einer biologischen Wandlung, die den Menschen überhaupt auf evolutionärem (US) oder revolutionären (SU) Wege zum technischen Tier, zum Meister der Zeit verwandeln sollten: wie es den Ritter gegeben hat, so lebte der Mensch der Dreißigerjahre im Zeitalter des Chauffeurs, der inzwischen durch den Computerfachmann abgelöst wurde.

Der Mensch kann sich nur in gewisser Muße entfalten, und diese kann für alle nur durch die Technik erreicht werden. Obwohl mein Vater selbst ein Opfer der Revolution war — sein Besitz in Estland wurde enteignet — stand er in dieser Wandlung positiv gegenüber, weil durch sie allein die wahre Menschlichkeit sich einmal verwirklichen könnte.

Es ist offensichtlich, daß der größte Teil aller Gemeinschaftsbedingtheit nicht eine kulturelle, sondern eine biologische Grundlage hat; die beiden Formen des Aggressionstriebes im Tierreich, Territorialinstinkt und Hackordnung oder Hierarchie, liegen den gegensätzlichen Weltanschauungen Kapitalismus und Sozialismus zugrunde. So muß zuerst einmal der gemeinsame Nenner durchgesetzt werden — durch Überwindung der historischen Kastenordnung in Amerika, durch gleiche Chancen für alle, und durch Vernichtung der Ausnützung eines Menschen durch den anderen in der kommunistischen Ideologie.

Aber beide Ideologien brachten eine größere Gefahr der Entfremdung als die traditionelle europäische mit ihrer Betonung des historisch-kulturellen Wertes; denn wenn hier die kulturellen Pioniere verehrt werden, sind sie in jenen beiden Ideologien nur nach Maßstab ihrer politischen Wirksamkeit, in Amerika als representative men anerkannt. So kehrte sich das positive Urteil des Reisetagebuchs in America set free in ein negatives um: wenn die Suche nach äußeren Gründen nicht in eine Selbstbesinnung umschlägt, in eine Verinnerlichung, so stellen Resultate wie Like-mindedness, The american way of life, normalcy, der Puritanismus, die outer-directedness oder Abrichtung im Sinne von Skinner über gesellschaftliche Anwendung des bedingten Reflexes im gleichen Sinne wie die Gehirnwäsche im kommunistischen Bereich eine größere Bedrohung des Geistes als die traditionellen Verhärtungen.

Inzwischen ist in den US selbst die Gegenbewegung jener Richtung im Human Potential Movement zum Tragen gekommen, und zum Vorkämpfer der neuen Menschlichkeit geworden; die angeprangerten Mißbräuche des technisch-wissenschaftlichen Denkens, der Überbewertung der Erziehung gegen die künstlerische Inspiration werden mehr kritisiert als irgendwo sonst, und große Gruppen suchen bereits, das planetarische Bewußtsein anzupeilen. Die gegensätzliche Entwicklung von Amerika und Rußland war notwendig, damit jener neue Zustand des Menschentiers, die zweite Mutation sich vollzieht, dank welcher der Mensch tatsächlich zum Mitarbeiter an der Evolution erwächst.

Was bleibt aber dem Vertreter des Geistes in einer Zeit, wo die Erdkräfte revoltieren? In La révolution mondiale schrieb Hermann Keyserling, nur die Treue zu sich selbst, ohne Einmischung in den Kampf, könne die echte geistige Rückbindung weiter tragen. Vor allem aber gelte es die Erdkräfte tatsächlich und unideologisch zu verstehen; die meisten Verbrechen sind auf der Welt nicht von Triebtätern, sondern von jenen geschaffen worden, die mit gutem Gewissen — jener einzig sicheren Erfindung des Teufels — Tausende, ja Millionen in den Tod geschickt haben, von der katholischen Inquisition über Cromwell, der spanischen Conquista bis zu den KZs Deutschland, und den Hekatomben Opfern der Kommunistischen Revolutionen.

Der größte Irrtum des Menschen ist es, zu versuchen die Erde aus dem Geist zu erklären und zu rechtfertigen: diese Erkenntnis kam Hermann Keyserling in Südamerika, und fand ihren Niederschlag in den Südamerikanische Meditationen. Der Mensch ist nicht nur ein solcher, sonder gleichzeitig hat er psychisch an allen Naturreichen teil: mit der Delicadeza am Pflanzenreich, mit der Gana am zählebigen Reptil, mit der emotionalen Ordnung am Tierreich; nur wenn alle evolutionären Schichten berücksichtigt sind, wird es möglich, eine natur- und menschengemäße Kultur aufzubauen.

Erst in Südamerika wurde Hermann Keyserling sich seiner eigenen Erde bewußt, erkannte die Oberflächlichkeit seiner bisherigen Bestrebungen. Die echte Menschlichkeit kann nicht geistig von oben oder durch Missionierung aufoktroyiert werden, sie kann nur aus der körperlich-seelischen Welt erwachsen.

Inzwischen war die Feindschaft gegen sein Werk überall so gewachsen, daß die öffentliche Wirkung seit 1936 immer geringer wurde, und mit Rede- und Schreibverbot 1937 aussetzte. So mündete sein Werdegang in die Vertiefung der seelischen Probleme, womit wir zu der sechsten Periode seines Lebens kommen, die ihren Niederschlag im Buch vom persönlichen Leben, den Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit, und in seiner Polarisierung mit den Zeitgenossen in seiner Reise durch die Zeit gefunden hat.

Arnold Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME