Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

7. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1924

Bücherschau · August Vetter · Kritik des Gefühls

Anläßlich Jungs schrieb ich in einem früheren Hefte dieser Mitteilungen, die Tiefenpsychologie schüfe die eigentlichen Grundlagen jeder möglichen Zukunftsphilosophie. Was aus Kants Voraussetzungen heraus zu begreifen war, ist grundsätzlich begriffen; gleiches gilt von den Prämissen und der Methodik der aufs Gegenständliche gerichteten Naturwissenschaft. So münden wir schon aus dem einen negativen Grunde in ein vorwiegend psychologisches Zeitalter ein, weil heute auf psychologischem Gebiete allein als solche einerseits erkannte, andererseits noch ungelöste Probleme liegen. Wir werden also nicht deshalb psychologisch, weil die früheren Einstellungen falsch gewesen wären, sondern weil sie im großen Ganzen gegeben haben, was sie geben konnten, und nun neue Aufgaben fällig sind — welche zwangsläufig ihrerseits später einmal in den Hintergrund des Selbstverständlichen zurückrücken werden. — Heute liegt nun der meines Wissens erste ernstzunehmende Versuch vor, aus den Erfahrungen der Psychoanalyse heraus einen Schritt weiter ins Gebiet der reinen Philosophie zu tun: es ist dies August Vetters Kritik des Gefühls (Verlag Kampmann & Schnabel, Prien am Chiemsee). Vetter will ausdrücklich für das Gefühl dasselbe leisten, wie Kant für die Vernunft, und es kann kaum bestritten werden, daß er die Frage richtig gestellt hat. Wie Kant in der Möglichkeit des Irrtums den Angelpunkt zum Problem möglichen Wissens fand, so Vetter in der Möglichkeit der Schuld den Angel zu dem möglicher Selbstbefreiung. Dementsprechend schreibt er S. 22:

Die Gefühlskritik muß zu einem unbefangenen erotischen Selbstbekenntnis werden, um ihr Ziel, die grundsätzliche Möglichkeit einer Auflösung aller persönlichen Schuldkomplexe und triebhaften Wertefälschungen zu erreichen; — genau wie die Vernunftkritik zu einer unvoreingenommenen logischen Selbsterkenntnis gelangen mußte, um eine prinzipielle Möglichkeit zur Auflösung aller sachlichen Irrtümer und gedanklichen Trugschlüsse zu entdecken.

Leider ist die Ausführung dem Ansatz nur teilweise gemäß. Entweder ist Vetter ein zu aphoristischer Geist, um explizite im vorausgesetzten Zusammenhang zu bleiben, oder aber er ist noch zu jung. Auf alle Fälle krankt das Buch an einer nicht geringen Diskrepanz zwischen Sinn und Ausdruck, wozu noch kommt, daß nicht alle der behandelten Teilprobleme dem Verfasser innerlich liegen. So wäre die Kritik der Kunstwerte besser ungeschrieben geblieben. Allein die Fruchtbarkeit von Vetters Grundgedanken und seine wirkliche Kompetenz auf dem Gebiete der Trieb- und Gefühlspsychologie läßt die Schwächen des Buches gern vergessen. Hier liegt zweifellos ein ernster Versuch von Bahnbrechen vor. Deshalb empfehle ich das Buch jedermann zu ernstem Studium.

Doch studiere es jeder ja nur als Anleitung und Wegweiser zum Selberweiterforschen. Ein Stehenbleiben bei Vetters persönlichen Endstationen kommt schon aus einem Grunde grundsätzlich nicht in Frage: daß er, wie für den bisherigen Analytiker kaum vermeidlich, unwillkürlich überall das Ideal im Ausgleich der Überspannungen als solchen sieht. Vom Gesundheitsstandpunkt hat er unzweifelhaft recht damit. Er hat auch recht, wenn er im religiösen und im politischen Zustand, im christlichen, im indischen, im barocken Überspannungen sieht. Er hat nur unrecht, wenn er diese Zustände deshalb als Werteträger verwirft und im klassisch, griechischen Zustand den schlechthin vollkommenen sieht. Das wäre nur dann allenfalls richtig, wenn die Gefühlswerte als die letztlich entscheidenden gelten dürften und Glück (im weitesten Sinn) als Ziel. In Wahrheit darf Glück dem suchenden Menschen nie mehr als ein Mittel sein und das Gefühlsleben nie mehr als die Begleitungsseite der geist- und willensbestimmten Lebensmelodie. In bezug auf Vetters Probleme bestimmter ausgedrückt: Überwindung des Schuldgefühls als solchen ist durchaus kein Ziel — gerade durch das Schuldgefühl schaffende Christentum ist die Menschheit, wenn auch zunächst nur in einer Richtung, viel weiter gekommen, als sie in der Antike war. Die richtige Frage ist, auf welcher Stufe das als solches nie endgültig zu behebende Schuldgefühl zu überwinden sei. Meine Kritik betrifft hier nur einen bestimmten Punkt. Wer jedoch, ihrer eingedenk, das ganze Buch liest, dem wird sich auftun, wie der eine grundsätzliche Fehler zwangsläufig in jedem besonderen Fall eine Verengung des geistigen Horizonts bedingt. Was aber Vetters Grundposition betrifft, so muß ich diese insofern selbstverständlich ablehnen, als er an eine übersinnliche, weil sinngebende Wirklichkeit augenscheinlich nicht glaubt; ihm ist das letzte Instanz, was von meinem Standpunkte nur das Ausdrucksmittel bedeutet. Mir gehören die Triebe als solche nur zum Weltalphabet, vom Wesen her betrachtet, obschon sie freilich auf ihrer Stufe Sinnesverwirklichungen bedeuten. Deshalb halte ich Vetters These, daß Religion und Metaphysik zu überwindende Geistesausdrücke darstellen, für einen reinen Irrtum: das aus empirischem Gesichtswinkel Pathologische mag zugleich der jeweils einzig angemessene, weil einzig mögliche irdische Ausdruck von Überempirischem sein. — Letztendlich beweist auch Vetter, wie leicht analytische Einstellung die weiteren und tieferen Probleme verrückt. Von der Analyse aus ist eben nur Analyse zu treiben; an sich kann sie zu keiner Weltanschauung führen, sie muß sich vielmehr selber im Zusammenhang des geistigen Lebens richtig einstellen.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
© 1998- Schule des Rades
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