Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Sinn und Ausdruck in Kunst und Leben

Idealismus

Zur Einführung diene eine kurze historische Betrachtung, ganz skizzenhaft, ohne Anspruch auf Genauigkeit, rein sinnbildlich gemeint. Einen Teil des 19. Jahrhunderts hindurch herrschte in Deutschland, im Anschluß an die Klassikerzeit, die sogenannte idealistische Kunstauffassung, welche von Goethes Äußerungen her noch heute jedermann kennt. Dieser Auffassung gemäß war es der bildenden Kunst Beruf, einen ideell-abstrakten Inhalt als solchen darzustellen; der künstlerische Ausdruck sollte demnach einen Inhalt vermitteln, welchen Farben und Formen nicht unmittelbar verkörperten. Diese hatten mehr zu illustrieren, als auszusprechen; dementsprechend galt Allegorie nicht als mißverstandenes Symbol, sondern als Ideal. Nun, dementsprechend wurde damals auch gemalt; man denke an die Brüder Cornelius, die Klassizisten, die Nazarener namentlich als religiöse Maler. Dementsprechend aber wurde damals auch gelebt. Die Lebensauffassung jener Periode entsprach in der Tat vollkommen ihrer Kunstauffassung: das Leben sei nur ein Mittel, so hieß es, um feststehende und als solche anerkannte Ideale zu verwirklichen, sonach einen abstrakten Geistesinhalt mit anderen Ausdrucksmitteln, als denen seiner eigenen Sprache, zur Darstellung zu bringen. Was könnte wohl überzeugender klingen, als daß alle Betätigung in der Erscheinung nur den einen Sinn hat, Ideale zu verwirklichen? — Zum Befremden vieler war aber die Wirkung jenes Idealismus keine gute; sie erwies sich als gleich schlecht auf dem Gebiet der Kunst wie dem des Lebens. Das Leben jener Zeit erscheint uns heute merkwürdig unlebendig, und die Kunst in noch höherem Grade unkünstlerisch. In keinem typischen Ausdruck jenes idealistischen Zeitalters trat die Ganzheit der schöpferischen Kraft zu Tage. Talente gab es unter den Vertretern des damaligen Geistes, wie zu aller Zeit, aber sie brachten nichts zustande, was zeitlos befriedigte. Inwiefern, weshalb nicht? — Nun, insofern und weil sie Idealisten waren. Idealismus als solcher gewährleistet noch keinen geistigen Wert: es kommt drauf an, was er seinerseits zum Ausdruck bringt.

Ihr Idealismus kam der betrachteten Epoche nicht zu gut, weil jener in sich verfehlt war. Den Idealisten in jenem bestimmten historisch verwirklichten Verstande zeichnet nämlich aus, daß der Ausgangspunkt seines Schaffens nicht in seinem Sein, sondern einer herausgestellten Ideenwelt liegt; er denkt, schafft, handelt nicht unmittelbar von innen heraus, sondern mittelbar von einer Fläche der Objektivationen her, auf die er seine Vorstellungen hinausprojiziert. An dieser bricht sich sein eigentliches Leben zunächst nicht anders, wie ein Lichtstrahl an einer vorgehaltenen schiefen Ebene.1 Da mag einer nun so begabt sein, wie er will: Unmittelbarkeit kann er so nicht äußern; er lebt, denkt, handelt aus vorausgesetzten Begriffen und Vorstellungen heraus, deren eigener Logik er dient, wie der Justizbeamte dem Gesetzbuch, die freilich mehr oder weniger lebendig wirken mögen, proportional der Vitalität dessen, welcher sie verwendet, nie jedoch das eigentliche Leben ersetzen. Sein Geistesleben erscheint unter allen Umständen als ein abgeleitetes. Dieses Schicksal blieb auch den größten nicht erspart. Der greise Goethe verfiel ihm desto mehr, je seltener der gewaltige innere Quell, der in ihm lebte, die bedächtig aufgetürmten Gerüste durchbrach; es ward zu Fichtes und Hegels Verhängnis; es brachte sämtliche bildenden Künstler jener Zeit um die Unsterblichkeit. Die Voraussetzung des Idealisten ist also falsch und der Denkfehler ein für das Leben gefährlicheres, als die meisten glauben. Wenige Menschenalter später war die Tatsache, wenn nicht ihre Bedeutung, auch allen klar. Es brach eine Revolte gegen allen Idealismus aus, und als deren Ergebnis siegte auf den Gebieten der Kunst wie des Lebens zuletzt die Auffassung, daß aller Wert in den empirischen Daten des Lebens an sich beschlossen liegen sollte; rein geistige Werte gäbe es nicht. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst verhalf diese Auffassung dem Naturalismus und Impressionismus zur Herrschaft, dem der Dichtung der reinen Beschreibung und Selbstdarstellung, dem der Weltanschauung der Theorie des Sich-Auslebens, dem Immoralismus, dem Egoismus. An ihren Früchten erkannt, erwies diese Auffassung, so starke moralische Bedenken sie erweckte, sich als günstiger, als die vorhergehende. Sie führte zu einer wunderbaren Blüte der Malerei, zur Vollendung der Literaturgattung des Romans, zur Entdeckung der Psychologie als Kunst und Wissenschaft, zu zwar abwegereichen, aber immerhin reichen Lebensschicksalen, zuletzt, sich selbst überwindend, zum Höhepunkt von Nietzsches Philosophie. — Aber ein bewußter Kontakt mit dem Geistigen als solchen fehlte jenem Zeitalter ganz; darin war es noch ärmer, als das idealistische, obgleich dieses sein Licht nur reflektiert zu schauen verstand. Dieser Tatbestand, so unverstanden er blieb, löste nach einiger Zeit ein Gefühl der Leere aus, das, einmal geboren, an Macht und Bedeutung unaufhaltsam zunahm. Auf allen nur möglichen Gebieten wurde immer häufiger auftretenden Einzelnen bewußt, daß das Ausleben der Naturkräfte noch nicht das Leben bedeutet, das sie eigentlich meinten. Aus dieser Ahnung heraus entstand denn die Sehnsucht nach etwas, dessen Begriff dem naturalistischen wie dem idealistischen Zeitalter fehlte und auch fehlen mußte, da es die entsprechende metaphysische Voraussetzung bewußt nicht gab: die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung. Sie fand ihren Ausdruck in der neuen expressionistischen Bewegung, die seither auf allen Gebieten des Lebens und der Kunst unaufhaltsam anschwillt. Unter expressionistischer Bewegung verstehe ich hier nicht deren extreme Auswüchse, auf die sich der Name gewöhnlich bezieht, sondern die allgemeine, dem Impressionismus entgegengesetzte Tendenz, sich nicht in die Natur hinein- oder in dieser auszuleben, sondern sich zu verinnerlichen und alsdann, grundsätzlich unabhängig von allem äußerlich Bedingten, rein von innen heraus zu schaffen und zu leben. Der Expressionismus geht von der Voraussetzung aus, daß es ein Tieferes gibt als die Natur sowohl, wie das, was der Verstand als Ideal begreifen mag. Nun, das Ferment, das er darstellt, hat heute bereits die ganze Welt durchsäuert. Ganz allgemein wird heute anerkannt, einerlei ob verstehend, blindgläubig oder um der Mode willen, daß es im Menschen, jenseits seiner Natur, auch jenseits seiner Ideale, eine tiefste Geisteswirklichkeit gibt, deren Verkörperung in der Erscheinung allein dem letzten Streben des Ausdruckswillens in Kunst und Leben entspräche. So konvergiert die jüngste Zeit, in Gestalt ihrer tiefsten Vertreter, mit den Bestrebungen, die in Europa zuletzt im Mittelalter bestimmten.

1Genau ausgeführt habe ich diesen Gedanken in meiner Studie Erscheinungswelt und Geistesmacht in Philosophie als Kunst.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Sinn und Ausdruck in Kunst und Leben
© 1998- Schule des Rades
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